Rr. 81.
Erstes Blatt
Dienstag den 5. AM
1892
Gießener Anzeige r
Kenerat-Mnzeiger.
Die Gteßmer P««rrtenötLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
♦iclaur Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Vierteljähriger AVonaementspreiAr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
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Amts- und Anzeigsblatt füv den Areis Gietzen.
Hratisöeikage: Hießener Kamitienötätter.
Amtlichem Theil
Gießen, den I. April 1892.
Betr.: Wie oben.
Alle Hnnoncen-Bureau; brt In. und Hullanbt« nehme» Anzeigen für den „(Siegener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.
An allgemeiner evang. Kirchensteuer werden von den Angehörigen der evang. Kirche pro 1 Mark Steuercavital 1,6 Pfg. erhoben.
Gleichzeitig wird bemerkt, daß die Publikation vorstehender Ueberstchl im Großherzogl. Regierungsblatt vom 1. l. Mts. erfolgt ist und daß von diesem Tage an die Frist zum Vorbringen von Reclamationen läuft, welche gegen die Erhebung der Umlagen überhaupt gerichtet sind.
Gießen, den 4. April 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
j entschieden häufiger. Dafür trat aber während der verflossenen Thätigkeit der Reichsboten die Beschlußunsähigkeit des Hauses oft genug in die Erscheinung und es braucht nicht erst gesagt zu werden, welchen ungünstigen Eindruck die zu manchen Zeiten fast chronische Beschlußunfähigkeit des Reichstages im Lande gemacht hat. Zum guten Theil trug hieran indessen die Verschleppung der Reichstagsgeschäfte über den Zeitraum von beinahe zwei Jahren die Schuld und man darf darum wohl erwarten, daß künftig solche Riesensessionen ver- mieden werden.
— Mit dem Schluß des Reichstages sind in Berlin die beiden Häuser des preußischen Landtages auf dem parlamentarischen Plan zurückgeblieben, hoffentlich trägt die Beseitigung der Concurrcnz des Reichstags das ihrige zur Forderung der Landragsgesch.äfte bei. Denn wenn auch mit bet Zurückziehung des neuen Vdlksschulgesetzes das ursprüngliche Arbeitsprogramm des Landtages wesentlich abgekürzt worden ist, so harrt doch immerhin noch ein bedeutendes Arbeitsmaterial der Erledigung. Da die Osterferien vor der Thüre stehen — für das Abgeordnetenhaus sollen sie am 8. April beginnen so dürfte Ende Mai herankommen, ehe auch der preußische Landtag geschlossen werden kann.
— Die Angelegenheit des Welsenfonds hat nunmehr, soweit es sich um die Mitwirkung des preußischen Abgeordnetenhauses handelt, ihre parlamentarische Erledigung gesunden. Am Freitag wurde von dem Abgeordnetenhause die bezügliche Vorlage in der von der Commission vorgeschlagenen Fassung, mit welcher sich die Regierung schließlich einverstanden erklärt hatte, in dritter Lesung endgiltig nach unerheblicher Debatte angenommen. Hiernach wird also die Aufhebung der Beschlagnahme des Vermögens des Königs Georg von Hannover gesetzlich ausgesprochen und dem Finanz- Minister die Ermächtigung ettheilt, das Weitere zu veranlassen, mit der nicht zu bezweiseliiden Genehmigung des Gesetzes auch seitens des Herrenhauses wird dann die so lange spielende Welfenfondsaffaire zum allseitig befriedigenden Abschluß gebracht sein. Im weiteren Verlaufe der Freitagssitzung berieth das Abgeordnetenhaus die Vorlage über die Aufhebung der Stolgebühren in der evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen in erster Lesung- die Vorlage ging schließlich an eine besondere Commission. Alsdann setzte das Haus die erste Lesung der Secundärbahn-Vorlage fort, wobei zahlreiche Eisenbahnwünsche localer Natur geäußert wurden- die Berathung hierüber nahm das Haus zum Theil auch am Samstag in Anspruch.
Berlin, 2. April. Zur Erinnerung an den jüngst verstorbenen General v. Alvcnsleben verlieh der Kaiser dem 6. Brandenburgischen Infanterie-Regiment Nr. 52 die Bezeichnung „Infanterie-Regiment v. Alvcnsleben".
Eydtkuhue», 2. April. Unter den russisch-jüdischen Familien in den Auswanderungsbaracken grasstrt Scharlach und Diphtheritis in ärgster Weise. Die Baracken wurden geräumt und etwa 80 Familien nach Rußland zurück befördert.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermciftcrcicn Hungen, Langd, Rodherm, »teinheim, Rabertshausen, Inheiden, Trais-Horloff, Utphe.
Unter Bezugnahme aus vorstehende Bekanntmachung be- auftragen wir Sie, die für Ihre Gemeinden in Betracht kommende Bestellung in ortsüblicher Weise verkündigen iu lassen. 0
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betr. Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche.
Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Maul- und Klauenseuche in einem Gehöfte zu Griedel aus- gebrochen ist.
Großh. Kreisamt Friedberg hat Gehöftesperre angeordnet.
Gießen, den 2. April 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend die Erhebung von Umlagen der Stadt Gießen für 1892/93.
Mit Genehmigung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz sollen für 1892/93 von der Stadt Gießen folgende Umlagen erhoben werden:
Bekanntmachung.
Wegen Ausführung von Canalbauarbeiten wird der Personen- und Fuhrverkehr über die Straßenbrücke zwischen Dammstraße und Nordanlage bis auf Weiteres abgesperrt.
Gießen, den 4. April 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung,
betr. den Milzbrand in der Welterau und die Fleischbeschau.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß die nach dem Müzbrandreglement den Thierärzten zugewiesenen, sowie die nach § 8 der Fleischbeschau - Ordnung dem beamteten Thierarzt zukommenden Befugnisse für die Orte Hungen, Langd, Rodheim, Steinheim, Rabertshausen, Inheiden, Trais-Horloff, Utphe dem (tzrotzherzogl. Nreisveterinärarzt Schmidt zu Nidda übertragen worden sind.
Gießen, den 1. April 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________v. Gagern.
Deutsche- Reich.
Berlin, 2. April. Nach bem chs Anz." wurde der Director des Reichsjustizamts, Hanauer, zum Staats- secretär des Reichsjustizamts ernannt.
Berlin, 2. April. Die Nachrufe, welche dem nunmehr endgiltig auseinandergegangenen Reichstage in der Presse gewidmet werden, klingen im Großen und Ganzen recht anerkennend bezüglich der fast zweijährigen Thätigkeit des Reichsparlamentes, soweit natürlich dieselbe nicht lediglich durch die Parteiloupe betrachtet wird. Jedenfalls ist dieses Lob kein unverdientes, denn in qualitativer wie quantitativer Beziehung gehört die am 31. März beendete Reichstagssession in ihrer Gesammtheit mit zu den fruchtbarsten, welche bis jetzt zu verzeichnen waren, freilich muß anderseits auch in Erwägung gezogen werden, daß sie eine ganz ungewöhnliche Zeitdauer aufweist. Als ein speciell erfreulicher Zug der zum Abschlüsse gelangten ersten Sitzungsperiode des jetzigen Reichstages muß es bezeichnet werden, daß die Parteigegensätze im Verlaufe der Debatten nur ver- hältnißmäßig selten in schroffer und unerquicklicher Form auseinander stießen, wenigstens waren in den früheren Sessionen derartige unerfreuliche parteipolitische Auseinandersetzungen
a. auf das gesammte Lommunalsteuercapital
der Orlseinwohner und Forensen . 342 977 ^L40H
b. auf das Steuercapital der evangelischen Gemeindeangehörigen......
c. auf das Steuercapital der katholischen Gemeindeangehörigen......
d. auf das Grundsteuercapital der Parzellen-
besitzet.......... 4 884 „ 64 „
wozu sich der Beitrag auf 1 Mark Rormalsteuercapital berechnet für den Ausschlag a. auf . 26,4 H
n n rt b. „ . 1,710 „
’f n ft c. „ . 1,559 „
" n n d. « 1,341 „
66 wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Erhebung der Umlagen in sechs Zielen, und zwar in den Monaten April, Juni, August, October December 1892 und Februar 1893 erfolgen soll.
17 200 „ - „
1200 „ - „
Feuilleton.
jBculi — da kommen fit!
Lätare — das ist das wahre!
Von E. Laris.
(Schluß.)
Kein Maienzauber erscheint anheimelnder, als der dem Waldboden entweichende frische Frühlingshauch eines schönen Schnepfenabends, als die naßkalten Schleier im Zwielicht der Dämmerung, kein Nachtigallengesang berückender, als jene undefinirbaren Töne, welche wie Geisterwispern über Schneisen und junge Schläge ausklingen. Was solls mit dem Meere der Harmonie, das auf den Schwingen der hehrsten Symphonie die lauschenden Geister bannt — was mit der magischen Wirkung der Tonwellen, welche die chaldäische Weisheit als kosmische Kraft in die ewigen Sphären verlegt hat, gegenüber den an allen Nerven reißenden Lockrufen der Langschnäbel!
m • • / Oak, oak, oak — bswst!"
^^9/ sie ist da! Denn plötzlich klopft es und herein tritt Förster K. aus R.
„Herr Oberförster, ich wollte Ihnen nur melden, daß "die Waldschnepfe angekommen ist, ich habe heute Morgen die erste in 57 gesehen, auch glaube ich, wir bekommen heute einen schönen Schnepfenabend, denn wir hatten Morgenroth."
Der Spaziergänger, der in den ersten Morgenstunden ins Freie tritt, hält nichts auf solche Lichteffecte bei Sonnen, ausgang- er weiß, daß diese Phantasie der Flammengeister
in den nachfolgenden Traufen ersäuft wird. Der Jäger aber freut sich der Wolken im grauen Westen, er hat den Vorausblick des erprobten Wetterkenners und fühlt schon jetzt, da noch allenthalben das neugeborene Licht über die Dinge des weiten Gesichtskreises huscht, das prickelnde Rieseln des Westwetters, das der Abend bringen wird . . . Sagen wir es kurz: es wird „Schnepfenwetter" geben. Die große Zugstraße herauf, die nach Südosten, hin dem Donaulause folgt, kommen die Schaaren der gefiederten Wanderer, wenn das Eis in den Anstauungen kracht und die trüben Bergflächen mit schmutzigem Schaume sich bedecken. Es ist ein einziger großer Hochzeitözug, insbesondere für die Strichvögel, die in den stillen Auen, in den Lichtungen und jungen Schlägen, im Bruch oder am Waldrande rasten, um im Liebesgetändel die Mühseligkeiten der Reise zu vergessen. Ihre Marschroute geht nach den Compaßstrichen der nördlichen Hälfte der Windrose, und von dorther müssen die Winde wehen, soll die Reise von Statten gehen.
Man mag Jäger von Berus sein oder nicht: Der Frühjahrszug ist eine Erscheinung, die jedem denkenden Naturfreund, mag er nun mit dem Feuerrohre bewaffnet sein oder nicht, zu ergreifenden Ahnungen sich gestaltet.
Ich weiß es: mein väterlicher Freund und Lehrherr war von allen diesen Dingen ebenso weit entfernt, wie ich — von dem ersten Langschnabel, den ich heute Abend „herunterbringen" sollte. Jndeß, nur keine sentimentale Philisterei. Zum Selbstbelügen sind wir zu gesund — d. h. mein väterlicher Freund, dem die culinarischen Genüsse des kommenden Abends vorschweben, und meine waidmannswidrige Wenig
keit, die sich vorahnend der Dinge freut, welche ihr der Abendanstand im säuselnden Strichregen, bei all den vielstimmigen Schlummerliedern, welche in die verblassende Dämme- rung ausklingen, bringen wird.
. . . Und der verheißungsvolle Abend war hereinqebrochen mit all seiner märzlichen Herbheit, und auch das vorhergesagte Rieseln mit gelindem Wehen aus Westen hatte sich eingestellt.
„Himmelwärts den Späherbltck gerichtet, Steh ich lauschend voll Erwartung da!" Bunsen.
Es war ein Spähen in die graublaue Himmelsdecke hinaus, ein Spähen von sechs Augen, denn auch Feldmann folgte gewohnheitsgemäß dem gegebenen Beispiele und ließ seine „braunen Lichter" nach den Wipfeln schweifen. Was in solch einem klugen Vorstehhundskopfe wohl vorgehen mag!? Ich muß gestehen, ich war mehr bei dem Ovid'schen
„Morte carent animae, eemperque, priore relicta
Sede, novis domibus vivant, habitantque, receptae“ __
als bei der wunderbaren Balgerei, die von den quarrenden Oak-Tönen bis zu dem neckischen Bswst-Zwicken in allen Ab- stufungen langschnäbliger Liebesduselei nunmehr losging. Aber alles aus dieser Welt läßt sich erlernen. Alsbald hatte ich eine Schnepfe den mir ertheilten Weisungen ent- sprechend auss Korn genommen, ein Schuß knallte und der Gegenstand meines Zieles glitt in demselben Augenblicke wie ein Schatten zwischen den Stämmen herab. Wenige Secunden später lag der erste Langschnabel, vom Feldmann apportirt, in meiner Hand.


