Nr 258 Zweites Blatt. Freitag den 4. November
1892
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WW
Arntlichev Theil.
Bekanntmachung,
die Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge in den Gemeinden des Kreises Gießen betreffend.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschaitslehrer Leit Higer von Alsfeld
1) Samstag den 5. November I. I., Abends 8 Uhr nn Saale des Herrn Wirths Faber zu Watzenborn einen Vortrag „über Bodenkultur und Drainage"
2) Sonntag den 6. November l. I., Nachmittags
3 Uhr zu Weitershain im Saale des Herrn Gast- ; wirths Theiß einen Vortrag „über Schweinezucht und I Mast",
3) Samstag den 12. November l.J., Abends 7 Uhr ■ im Rathhaussaale zu Inheiden einen Vortrag „über Wiesenverbefferung und Drainage"
4) Sonntag den 13. November L I., Nachmittags
3 Uhr zu Lollar in dem Saale des Gasthauses zum ; Schwanen einen Vortrag über das Thema „Wie bringt ' ' der Landwirth in futterarmen Zeiten sein Vieh am i
Besten durch den Winter?" |
abhalten wird.
Zu diesen Vorträgen werden alle Mitglieder des land- ■ wirtschaftlichen Vereins und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch freundlichst eingeladen. ।
Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benachbarten Gemeinden werden ersucht, aus möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken. ,
Gießen, den 13. October 1892.
Der Director des landwirtbschastl.' Bezirksvereins Gießen. * ___________________________Jost.____________________________ !
Bekanntmachung, betr. Abhaltung von landwirthschaftlichen Vorträgen in den Gemeinden des Kreises Gießen.
Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Großh. Landwirlhschaftslehrer Dr. von Peter von Friedberg Sonntag den 6. November, Nachmittags 3 Uhr einen Vortrag über die Ernährung und Pflege des Milchviehes in dem Saale des Herrn Gastwirths Weil III. zu Lang-Göns abhalten wird.
Zu diesem Vortrage werden alle Mitglieder des land- wirthschastlichen Vereins und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benachbarten Gemeinden werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Gießen, den 26. October 1892.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. __________________________Jost.__________________________
Lehrer-Conferenz
des Conferenz - Bezirks Gießen Mittwoch den 9. November, Vormittags 10 Uhr in Gießen,
Lieder: 65, 116, 142, 185,
des Conferenz-Bezirks Grünberg Donnerstag den 10. November, Vorm. 10 Uhr in Grünberg.
Lieder: 9, 31, 89, 190.
Gießen, den 1. November 1892. Büchner, Schulrath.
totales unö provinzielles.
Gießen, 3. November 1892.
— Kaiser Panorama. Eine höchst interessante Serie Ansichten aus Paris, wenn auch nicht, wie Victor Hugo es einst in überschwänglichem Localpatriotismus benannte „das Herz der Welt", so doch sicher noch immer eine der schönsten und interessantesten Städte Europas, ja der ganzen Welt. Dieie Ueberzeugung drängt sich uns auch bei dem Anblick der hier ausgestellten Ansichten auf, die doch nur einige Punkte aus dem Seine-Babel vorführen. Allerdings sind diese Punkte mit Geschmack ausgewählt. Wir wollen nur einiges hervorheben: das Panorama von Paris von der Kirche Notre-Dame aus, das Palais-Royal, das Louvre, die acht Seine-Brücken, die herrlichen Partieen aus dem von dem berühmten Gartenkünstler Fürst Pückler - Muskau angelegten Bois de Boulogne, aus dem Buttes-Chaumont, die Bastille und die Vendome-Säule, der Triumphbogen und die Champs-Elysees. Das ist nur Einiges aus der reichen Fülle des Gebotenen. Eine weitere Empfehlung dürste überflüssig sein.
— Aus dem Zustizdienst. Se. Königl. Hoheit der Groß- berzog haben Allergnädigst geruht: am 29. October den Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Wald Michelbach Ludwig Ebel zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Groß- Umstadt mit Wirkung vom 16. November 1892 an, den Landrichter bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen Emil Lai st zum Landgerichtsrath bei diesem Gericht und den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Bingen Dr. Franz Metzler zum Oberamtsrichter bei diesem Gericht zu ernennen.
— Eine Rückwärtsrevidirung in den Personentarifsatzeu soll die Preußische Staatsbahnverwaltung behuss Erhöhung ihrer Personenverkehrseinnahmen beabsichtigen, und zwar durch weitere Einschränkung der Sonntags- und Saisonkarten, sowie eventuell durch Zuschlagstaxe auf Rücksahrtkarten bei Schnellzügen. — Das wäre das Verkehrteste, was die Eisenbahnverwaltung thun könnte, denn derartige Ver- theuerungen des Verkehrs haben regelmäßig ein Verkehrs- nachlaffen und in Folge dessen eher einen Ausfall als eine Zunahme der Eisenbahneinnahmen zur Folge.
— Welch großen Umfang in Frankfurt a. M. die Apfel- Wein-Industrie angenommen hat, geht aus folgenden in der „Hannov. landw. und sorstw. Zeitung" mitgetheilten Zahlen hervor. Im Herbst 1891 langten 1417 Waggons Kelterobst dort an, welche ein Gewicht von 283 400 Centner hatten und ungefähr 1 600 000 Mark kosteten. Bis zum 20. September d. I. hatten die dortigen Apselweinkeltereien für diesen Herbst schon 1561 Waggons Obst angekauft, und noch immer werden neue Kaufabschlüsse gemacht. Die Preise sind durch verschiedene Einflüsse augenblicklich sehr gedrückt. Einzelne Keltereien haben bereits mit ihrer Thätigkeit begonnen. Da sich der Apselweinverbrauch von Jahr zu Jahr vermehrt, so werden auch stets mehr Arbeiter hierzu herangezogen. Das Versandtgeschäft ist auch im Zunehmen begriffen: im Laufe des Jahres wurden 119 Waggons Apfelwein versandt - davon gingen 79 Waggons nach Deutschland und 40 Waggons nach dem Ausland. Die gegenwärtigen Absatzgebiete für Apfelwein sind besonders: die türkischen Hafeyplätze, ferner Athen, Damaskus, Aden, Kapstadt, Baltimore, Sidney, New-Aork, San-Franzisco, Buenos Ayres, Kalkutta, u. A.; ja selbst nach Peking sind Sendungen gegangen. Es befinden sich in Frankfurt a. M. 5 bedeutendere und 46 kleinere Keltereien. Die dortigen Bewohner verbrauchen den kleinsten Theil des Apfelweins. England, welches diesem Getränk ablehnend gegenüberstand, fängt jetzt an, sich für dasselbe zu interessiren, denn in der Hauptstadt Englands, London, befinden sich zur
Feriilleton.
Ein gefährlich er Gast.
Von Jenny Piorkowska.
(Schluß.)
Dann erinnerte sie sich eines kleinen Umstandes, den sie zuvor kaum beachtet hatte. Wie sie Nachmittags unbemerkt von ihm in das Billardzimmer getreten war, als er gerade mit größtem Interesse in der Zeitung gelesen, und ihre Hand aus seine Schulter gelegt hatte, war er aufs Heftigste erschrocken und hatte ihr ein todteubleiches Gesicht zugekehrt; als sie alsdann nach der Zeitung gegriffen, hatte er ihr dieselbe fast heftig aus der Hand gerissen. Was mochte er wohl gelesen haben?
DaS Sinnen und Grübeln versetzte sie allmählich in eine solche Aufregung, daß sie nicht im Stande war, sich jetzt schlafen zu legen. Sie wollte — sie mußte mit eigenen Augen sehen, was den Geliebten so außer Fassung gebracht hatte.
Im nächsten Augenblicke hatte sie ihr Zimmer verlassen und schlich sich leise nach dem Billardzimmer, wo sie — wie sie wußte — die Zeitung finden würde.
Die Thür desselben war nur angelehnt und erschrocken blieb sie vor derselben stehen, als ein eigenthümliches Geräusch wie das Knattern von Papier aus dem Zimmer zu ihr drang. Doch überlegte sie, daß wohl nur versäumt worden war, das Fenster zu schließen und trat im nächsten Momente geräuschlos ein. Aber heftig zusammensahrend, Dlieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Da in der Ecke vor dem Geldschrank sah sie einen Mann knieen. Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr und mit vor Schrecken starrem Blick ruhte ihr Auge auf der dunklen Gestalt.
Jetzt erhob sich dieselbe und bei dem Hellen Mondschein, der durch das Fenster strömte, erkannte Hilda die Züge des BaronS.
Wie von einer unwiderstehlichen Gewalt gezogen, ging sie langsamen Schrittes auf ihn zu, während er, regungslos wie eine Statue, sie gleich einer überirdischen Erscheinung anstarrte.
„Victor!" stieß sie athemlos hervor und hätte wohl seinen Arm ergriffen, wenn er nicht vor ihr zurückgewichen wäre. „Victor! was — was thun Sie hier?"
Doch wie wenn er sie gar nicht hörte, starrte er sie unausgesetzt mit demselben ungläubigen Blicke an. Dann strich er mit der Hand langsam über das Gesicht, als müßte er gewaltsam suchen, wieder zur Besinnung zu kommen.
„Was ich hier thue, fragen Sie?" entgegnete er endlich mit heiserer Stimme, während er das Gesicht vor ihrem bittenden Blick abwandte. „Gibt Ihnen dieser erbrochene Schrank hier nicht genügend Antwort darauf?"
„Ich ... ich verstehe Sie nicht," stieß Hilda angstvoll hervor, „wenn — Sie mich lieben — "
„Ich Sie lieben?" wiederholte er mit bitterem leidenschaftlichen Spott, der mit dem angstvollen Ausdruck aus seinem sarb'losen zitternden Gesicht in seltsamem Widerspruch stand, „welch ein Jrrihum von Ihnen! Weder die Liebe zu Ihnen, noch Ihr Geld trieben mich hierher, sondern einz'g und allein die Sicherheit dieses stillen abgelegenen Ortes. Er hat meinem Zwecke gedient; man hat mich aber entdeckt und Sie finden mich, den edlen Baron de Roche- ville, den geehrten, vielgeseierten Gast, eben dabei, mir heimlich hier die nöthigen Mittel zn verschaffen, mich den Händen der Polizei zu entziehen, die mich als Andre Dalmais, den berüchtigten Schwindler und Falschmünzer kennt. Wenn Sie nun noch stolz aus Ihren Geliebten sind —"
Plötzlich schwieg er. Ohne auch nur einen Laut von sich z" geben, war Hilda umgesallen und lag regungslos und todtenbleich im hellen Mondlicht zu seinen Füßen. Er sank vor ihr auf die Slntec und sah sie mit fast ehrfurchtsvollem Ausdruck an.
Trotz seines Schuldbewußtseins empfand er doch eine leidenschaftliche Liebe zu diesem Mädchen und wie er da an ihrer Seite kniete, tauchte wie bitterster Hohn der Gedanke
in ihm auf, löte er sich getäuscht hatte in der schönen Hoffnung, durch die Liebe Hildas, an ihrer Seite sich frei zu machen von der Schuld und Gefahr vergangener Sünden.
Schwerseufzend griff er nach der Blume, die ans ihrem Haar gefallen war, dann warf er noch einen letzten innigen Blick auf die Bewußtlose und war in der nächsten Minute aus dem Zimmer verschwunden.
* * *
Als am folgenden Morgen Hilda gegen ihre sonstige Gewohnheit nicht am Frühstückstisch erschien und ihre Tante deßhalb in ihr Zimmer eilte, nach ihr zu sehen, sand dieselbe sie in krankem, fieberhaft erregtem Zustande.
Erst auf Frau von Dahlens dringendes Zureden gestand ihr Hilda unter Thränen und Schluchzen, was geschehen war.
Staunend und ungläubig hörte jene ihr zu und hätte die ganze Erzählung wohl für die Phantasie einer Fieberkranken gehalten, wenn der Baron nicht wirklich während der Nacht verschwunden wäre und der erbrochene Geldschrank sich nicht genau in der von Hilda beschriebenen Verfaffung befunden hätte. Und schließlich machte Doctor Rütings Bericht noch dem letzten Zweifel ein Ende.
Es war tief beschämend für die ganze Familie, sich so schändlich getäuscht und betrogen zu sehen, im Grunde mußte man sich aber noch freuen, so billigen Kaufs davongekommen zu sein.
Auch Hilda fand allmählich ihren Gleichmuth wieder. Nachdem die erste Aufregung vorüber war, fühlte sic wohl, daß, was sie für Liebe gehalten hatte, nur eine leidenschaftliche Aufwallung gewesen war, und mit bang klopfendem Herzen gedachte sie, welches Unheil dieselbe hätte über sie bringen können.
Ihre warme Zuneigung zu Curt erwachte mit doppelter Innigkeit in ihr, und als er dann wirklich in klaren Worten um ihr Herz, um ihre Liebe ward, sank sie ihm freudig in seine Arme.


