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Freitag den 4. November
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— In der Militärfrage wird bereits „abgewiegelt". Es gehen Gerüchte, wonach sich die Reichsregierung einem Kompromiß in Sachen der neuen Militärvorlage nicht abgeneigt erweisen würde und heißt es sogar, man sei an leitender
Stelle zu Zugeständnissen bereit, denen zufolge eine Herab- Minderung der Forderungen der Militärvorlage um d,e Hälfte zu erwarten sein würde. Dies sind wohl nur Vermuthungen, lediglich aus der Voraussetzung beruhend, daß die Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt keine Mehrheit im Reichstage finden wird. — Die Blättermeldung, daß der Reichskanzler wegen des vorzeitigen Bekanntwerdens der neuen Militärvorlage die ausnahmslose Geheimhaltung sämmtljcher Bundesrathssachen ongeordnet habe, erfährt jetzt eine Berichtigung dahin, daß nur die schärfere Sicherung der Geheimhaltung von Bundesrathssachen, deren verfrühte Veröffentlichung der Kanzler aus irgend welchen Gründen nicht wünscht, angeordnet worden ist.
— Die Choleraepidemie i n Hamburg, die schon längst ihren eigentlichen epidemischen Character eingebüßt hatte, kann nunmehr so gut wie erloschen betrachtet werden, da vom 28. bis 30. October kein Choleratodessaü mehr vor- fltfommen ist. Die täglichen Cholerabulletins sind deshalb Eingestellt worden.
Krakau, 2. November. Der Rector der hiesigen Universität verbot den Studenten aufs Strengste ihren Beitritt zu dem Arbeiterverein.
— Vom Vorstand des Bezirksvereins „Nord-Ost" geht nachstehende Zuschrift zu:
Tüdweft und Nordost.
Petersburg, 2. November. Die „Petersb. Ztg." veröffentlicht einen Artikel über die preußische Militärvorlage, worin es heißt: Wenn Rußland mehr Truppen besitzt als Deutschland, so hat dies durchaus keine ernste Bedeutung, da ja ein großer Theil der russischen Armee im Süden Rußlands garnisonirt sein muß, daher gegen die europäischen Staaten unverwendbar ist. Diese Truppen könnten nur mit der größten Beschwerde an die Grenzen von Oesterreich oder Deutschland gebracht werden. Das Blatt behauptet ferner, daß die russischen Truppen an der österreichischen und deutschen Grenze geradezu auffallend schwach seien, es müßten daher, wenn Deutschland seinen Armeestand vergrößere und so sorgsam an der Grenze von Rußland sei, die russischen Truppen mindestens verdoppelt werden, um gegen etwaige Uebersälle geschützt zu sein.
Bekanntmachung,
die Maul- und Klauenseuche zu Lang-Göns
Locales und provinzielles.
Gießen, 3. November 1892.
— Verhaftet wurde gestern ein Handwerksbursche, der, als er wegen unanständigen Benehmens aus der Herberge zur Heimath gewiesen wurde, eine Fensterscheibe eingeschlagen hatte.
O Grünberg, 2. November. Aus dem letzten Fruchtmarkt dahier erreichte der Preis für den Weizen einen so niedrigen Stand, wie er weder dies Jahr, noch in den zwei letzten Decennien überhaupt vorgekommen ist. Der Doppel- centner Weizen wurde im Durchschnitt mit 16,40 Mark bezahlt, dabei ist er aber mitunter für 15—16 Mark verkauft worden. Auch der Roggenpreis, welcher seither etwas angezogen, ist wieder zurückgegangen. Der Doppelcentner wurde durchschnittlich für 14,70 Mark verkauft. — Daß die Viehpreise, welche seither in der That auf einer sehr niedrigen Stufe standen, wieder etwas angezogen, merkt man an dem sofortigen Ausschlag der Fleischpreffe. Das Pfund Rindfleisch, welches seither 45 Pfg. gekostet, gilt jetzt wieder 50 Pfennig.
+ Villingen, 1. November. Hier sind in diesen Tagen Erkrankungen und Sterbefälle an Typhus vorgekommen. Man gibt dem Trinkwasser die Schuld, weshalb ein Brunnen geschloffen wurde.
+ Trais-Horloff, 1. November. Aus hiesiger Briquetts- sabrik wird gegenwärtig electrisches Licht eingerichtet.
Darmstadt, 2. November. Der zweiten Kammer ging eine Vorlage aus Verwillignng von 123,000 Mk. zur Einrichtung einer electrischen Beleuchtungsanlage in Bad N au h - i m zu.
Wenn man von dem Verfasser des ersten Artikels unter „Südwest und Nordost" sagen könnte, daß er auf einer höheren Warte stände als aus der Zinne der Partei,' dann würden seine Worte, die ihn sofort erkennen laffen, und seine abfälligen Bemerkungen über das Wesen und Wirken der Bezirks-Vereine entschieden mehr Eindruck machen, als eö that- sächlich nur der Fall ist.
Nicht über die nach seiner Meinung an und für sich unfruchtbaren Bezirksvereine hat er eigentlich Klage zu führen, wohl aber darüber, daß sich die breite Maffe der selbstdenkenden Bevölkerung bei den Wahlen nicht mehr so leicht, wie ehedem, am Gängelband politischer Parteien führen laffen will, sondern sich eigne Wege sucht und solche nirtt einschlägt, um sich eine von den Einflüssen politischer Führer möglichst freie Stadtvertretung zu schaffen.
Wir gestehen zu, daß jener Artikel mancherlei Verhältnisse und Thatsachen inö richtige Licht stellt, aber dem gegenüber muß auch constatirt werden, daß der Versasftr in seiner Kritik über die Bezirksvereine viel zu weit geht.
Der Verfasser gesteht z. B. dem Bezirksverein Nordost zu, daß der nördliche Stadttheil viel unter der Ungunst der geschichtlichen Entwicklung zu leiden gehabt habe, und wenn man dies etwas umschreibt, so lautet eö doch wohl so, daß eben jener Stadttheil im Lause der letzten Jahrzehnte durch den Verlust vieler, dem Verkehr dienenden Anstalten großen Schaden erlitten hat, daß dadurch der Werth des Grundbesitzes, der Immobilien, der Geschäftshäuser, sowie die MiethSerträge sehr erheblich vermindert worden sind.
Und wenn die durch die Ungunst der Berhältniffe schwer benachtheiligten Bewohner deS nördlichen Stadttheils zu ilnem Schaden dann noch sehen, wie aller Verkehr sich nach dem anderen Ende der Stadt wendet und wft diesem eine nach der anderen der Leben, Verdienst und Vortheil bringenden Anlagen fast mühelos znsüllt, dann ist eö doch vom rein
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
! Berlin, 2. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichscommissars für die Gesundheitspflege, worin es heißt, da die Choleraepidemie in Hamburg im Erlöschen begriffen sei, eine Gefahr der Weiterverbreitung der Cholera von dort durch den Schiffsverkehr im Stromgebiet der Elbe nur in geringem Maße bestehe, auch in Berlin und Umgebung seit dem 5. October keine Choleraerkrankung sestgestellt sei, erscheine es nicht erforderlich, die zur gesundheitlichen Ueberwachuug des Schiffsverkehrs getroffenen Einrichtungen im bisherigen Umfange aufrechtzuhalten. Der „Reichsanzeiger" führt alsdann die angeordneten Erleichterungen an.
Budapest, 2. November. Von Dienstag bis Mittwoch Abend 6 Uhr sind 21 an Cholera erkrankt, 9 gestorben.
Paris, 2. November. Loubet ordnete an, daß allen den Marseiller Hasen verlaffenden Schiffen Gesundheits- Atteste auszustellen seien.
London, 2. November. Der Courierzug vonEdin- burg stieß heute Morgen mit einem Güterzuge nahe Thirk zusammen. Er gerieth in Brand und ist gänzlich vernichtet. Man befürchtet, daß über zwanzig Menschenleben verloren sind. Die Nachrichten widersprechen sich noch und sind möglicherweise sehr übertrieben.
London, 2. November. Weiteren Meldungen über den Eisenbahnunfall bei Thirsk zufolge fuhr der Schnellzug 60 Meilen per Stunde. Der Güterzug, mit Eisen beladen, befand sich bei dem Zusammenstoß m Bewegung. Der Anprall war sehr heftig. Dichter Nebel herrschte. Der Schnellzug entgleiste. Mehrere Wagen wurden zersplittert. ' Nach den letzten, nicht amtlichen Berichten wurden 13 Personen getöbtet, darunter sind mehrere verbrannt. Viele Menschen wurden verletzt, mehrere ernstlich.
London, 2. November. 90,000 Bergleute von Wales haben angekündigt, daß sie die Giltigkeit der beweglichen Lohnscala nach dem 31. December nicht mehr anerkennen würden.
Nachdem die in mehreren Gehöften zu Lang-Göns ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die angeordneten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben. Zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen ist die Großherzogl. Bürgermeisterei Lang-Göns indeß vorläufig noch nicht befugt, jur Ausführung von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen aus der Gemarkung Lang-Göns ist vielmehr bis auf Weiteres noch der Besitz thierärztlicher Gesundheitsscheine erforderlich.
Gießen, den 3. November 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 2. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Großh. Universitäts- Musikdirector Felchner aus Gießen.
Berlin, 2. November. In dem heißen Streite der Meinungen, der in unseren Tagen gerade nicht zum Wenigsten auch aus religiösem und confessionellen Gebiete tobt, bildet die Rede Kaiser Wilhelms bei demWittenberger Feste einen freundlichen Licht- und Ruhepunkt. Sie ist getragen von dem echt christlichen Geiste der Duldsamkeit und von der Achtung der Ueberzeugung Andersgläubiger, mit denen die Protestanten doch in den Grundlehren der christlichen Religion übereinstimmen. Der erlauchte Monarch erklärte in seiner Eigenschaft als oberster Bischof der evangelischen Kirche Preußens rückhaltlos, daß die evangelische Christenheit durch ihr Bekenntniß noch heute mit der gejammten übrigen Christenheit verbunden sei und daß in diesem Bekenntnisse ein Band des Friedens liege, welches auch über die Trennung zwischen
den Consessionen hinausreiche. Dieser Zug in der Rede des i - ,, . Ä m Ä rl_
Kaisers ist um so bemerkenswerther, als der hohe Herr an 3)cpe^cn M '8utcau "^erolb •
anderen Stellen der Kundgebung seinen evangelischen Stand- Berlin, 2. November. Die „Berl. Polit. Nachrichten" punkt offen und warm bekannte und dabei namentlich der mad)en bezüglich der Beurtheilung der Statistik über den
freien Ueberzeugung in Glaubenssachen entschieden das Wort Verbrauch und die Einfuhr des Tabaks darauf aufmerksam,
redete. Gerade aber diese Betonung des protestantischen die beiden Jahre vor der Einführung der Zollerhöhungen Bewußtseins und protestantischer Grundsätze hat in gewissen bon 1879 "icht in Berechnung einzuzieben feien, weil sonst
Kreisen der katholischen Welt lebhaften Unmuth hervorgerusen, I e!n faches Bild über die Höhe und den Zuwachs der Tabak- welcher Stimmung namentlich in dem römischen Jesuitenorgane I Einfuhr entstehe.
„Voce della Verita" scharfer Ausdruck verliehen worden ist. I ^Berlin, 2. November. Den „Berl. Polit. Nachrichten" Denn genanntes Blatt bringt anläßlich der Wittenberger Rede I zufolge ist die Nachricht von einer Anordnung des Reichs- des Kaisers einen extremen Kampsartikel, in welchem der I ^an3ler§ bezüglich der Geheimhaltung aller Angelegen- deutsche Herrscher auf das Heftigste angegriffen wird, weil er I haften des Bundesraths, sowie von einer längeren Erörte- einen „Rebellen und Deserteur" der katholischen Kirche ver- I run9 der Jndiscretion der „Köln. Ztg." im Bundesrathe
herrlicht habe- weiter enthält der Artikel u. A. die Be- I erfunden.
merkung, daß den deutschen Katholiken die Worte ihres Kaisers I Berlin, 2. November. Die „Natlib. Corr." bezeichnet in Wittenberg nicht gleichgültig sein dürften. Die goldenen I aI§ die Grundzüge einer möglicherweise zu erzielenden Ver-
Worte des Friedens und der Versöhnlichkeit, welche der Kaiser ! Bändigung mit dem Reichstage betreffs der Militärvorlage
in der alten Lutherstadt gesprochen hat, scheinen also für die I dauernde gesetzliche Einführung der zweijährigen Dienst- „Voce della Verita" nicht zu existiren — eine Tactik letzteren I icit' anftatt nur die fünf Jahre geltenden Bestimmungen über Blattes, die hochbedauerlich, aber doch zugleich sehr bezeich- &en Dispositionsurlaub des dritten Jahrgangs, sowie die Be- nend ist. I schränkung der Rekrutenaushebung bis zur Aufrechterhaltung
der jetzigen Präsenzzahl oder wenig darüber hinaus.
Chemnitz, 2. November. In Auerswalde und Garnsdorf sind in den letzten Tagen 6 Choleraerkrankungen und 3 Todesfälle vorgckommeu. Man vermuthet Ansteckung durch J Ballen Tuchstoffe, die von Hamburg kamen.
Wien, 2. November. Bei der AbschiedSseier sicherte ! Stöcker den hiesigen Anhängern die Fortsetzung der' Juden bekämpsung bis an fein Lebensende zu. Die Hauptaufgabe rleibe die Wiedergewinnung der Arbeitermasse. : Man widerrieft) mir, sagte Stöcker, den Verkehr nut den übelberufenen Wiener Antisemiten, ich erwiderte: „Uebel- ! beleumuvdet bin ich auch."
London, 2. November. Der „Standard" bestätigt aus j Wien, daß das Pariser Haus Rothschild sich geweigert habe, die russische Anleihe zu negociiren.
London, 2. November. Der AuSstand der Berg - ! leute in Wales erscheint unvermeidlich. Sieben Bergwerke stellten bereits die Arbeit ein. Gegen 4000 Bergleute hoben für morgen gekündigt. Die Föderation von SüdwaleS, welche 90,000 Bergleute umfaßt, kündigt den Lohntarif per 31. December.


