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Nr. 179

Donnerstag den 4. August

1892

Der tUjtiet erscheint täglich, eit Ausnahme des Montags.

Die Gießener

werben dem «Rjägn »schentlich dreimal beige!egt.

Gießener A nzeiger

Heneral'-Anzeiger.

Biertelsähriger AösvurmeatsPreiO» 2 Mark 20 Psg. mtt Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Psg.

iRebaction, Expedition und Druckerei:

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Amts- und Anzeigeblatt für den Aveis Gieren.

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Anrtlichev Theil.

Gießen, den 2. August 1892. Betr.: Remunerirung des Polizeiaufsichtspersonals. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises Gießen.

Zur Remunerirung des Polizeiaufsichtspersonals ist uns auch für das Etatsjahr 1892/93 vom Großh. Ministerium des Innern und der Justiz eine Summe zur Verfügung ge­stellt worden.

Sie wollen uns daher binnen 14 Tagen die Polizei­bediensteten Ihrer Gemeinden, welche sich durch besonders gewissenhafte Pflichterfüllung einer Belohnung würdig gemacht haben, bezeichnen und hierbei deren Lebens- und Dienst- altsr, sowie ferner angeben, wie viele Polizeianzeigeu dieselben im Jahre 1891/92 erhoben haben und ob das außerdienstliche Verhalten derselben zu Klagen keinen Anlaß gegeben hat.

Diejenigen Polizeibedienfteten, welche Sie einer beson­deren Belohnung nicht würdig erachten, wollen Sie uns ebenfalls ünter Angabe der Gründe benennen. ___________________v. Gagern.___________________

Gießen, 2. August 1892. Betr.. Remunerirung des Feldschutzpersonals.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom 16. v. M. (Anzeiger Nr. 165) noch nicht entsprochen haben, werden an alsbaldige Erledigung derselben hiermit er­innert.

__v. Gagern.______

Gießen, 1. August 1892.

Betr.. Den Abverdienst uneinbringlicher Feldstrafen vom Jahre 1891/92.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit der Vollstreckung des Abverdienstes aus der I.VI., Feldrügegerichtsperiode 1891/92 im Rückstände sind, werden hiermit an die Er­ledigung binnen acht Tagen erinnert.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. August. Kaiser Wilhelm traf am Montag Mittag nach sehr günstiger Uebersahrt von Wilhelmshaven, auf welcher er auch der Insel Helgoland einen mehrstündigen Besuch abstattete, in Cowes aus der Insel Wight ein. Bereits einige Meilen vor Cowes war der Kaiser von dem Prinzen von Wales, dem Herzog von Connaught und von dem Prinzen Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Augustenburg begrüßt worden, zu welchem Zweck die hohen Herrschaften an Bord der DachtAline" eine Fahrt in See gemacht hatten. Noch vor der Landung besichtigte der Kaiser das deutsche SchulschiffMoltke", später begab er sich in Begleitung des Prinzen Heinrich von Preußen und des Herzogs von Connaught nach Schloß Osborne zur Begrüßung seiner erlauchten Großmutter, der Königin Victoria. Von Osborne kehrte der Kaiser direct an Bord seiner DachtKaiseradler" zurück. Der gegenwärtige Besuch Kaiser Wilhelms auf eng­lischem Boden trägt einen rein privaten Character, im Gegen­sätze zu dem vorjährigen Erscheinen des Monarchen in England. Es muß demnach die Meldung englischer Blätter, der deutsche Kaiser beabsichtige während seines gegenwärtigen Aufenthaltes in England sowohl mit Lord Salisbury als auch mit Herrn Gladstone Unterredungen zu pflegen, entschieden bezweifelt werden. Zum Mindesten in Bezug ^üus den Führer der englischen Opposition klingt die erwähnte Nachricht durchaus unglaubwürdig.

Die Meldung, wonach die Reichsregierung sich zum tatsächlichen Verzicht auf die Veranstaltung einer Welt- ausstellung in Berlin bereits entschlossen habe, eilt unzweifelhaft den Ereignissen voraus, denn bis jetzt hat das Weltausstellungsproject doch noch nicht den Gnadenstoß erhalten. Aber wenn nicht ganz besondere Zwischenfälle eintreten, so rnirh man allerdings daraus gefaßt sein müssen, die geplante Ausstellung scheitern zu sehen, ihre Actien stehen eben zu htlcdjt. Freilich würde der jetzige Verzicht Deutschlands aus bic Veranstaltung einer Weltausstellung bedeuten, daß es

dann auf lange Jahre mit einem solchen Unternehmen auf deutscher Erde vorbei wäre, denn günstiger werden die Zeit- umstände vorerst schwerlich werden.

Der Bochumer Stempelsälichungsproceß vor dem Essener Landgericht spinnt sich noch immer von einem Tag zum andern fort, ohne daß sich nunmehr der Zeitpunkt für die Beendigung dieses Sensationsprocesses bestimmt angeben ließe. Indessen ist es wenigstens gelungen, am Montag die Zeugenaussagen zum Abschluß zu bringen mit einer einzigen Ausnahme so daß man von nun ab eine raschere Förderung des Processes erwarten darf. Die im Verlaufe der Montags­verhandlung abgegebenen weiteren Gutachten der Sachver­ständigen lauten den Angeklagten ebenso durchaus günstig, wie dies bereits bei den seitherigen Gutachten der Fall ge­wesen ist.

Ausland.

Der Kaiser von Oesterreich hat dem Minister Grasen Khuenb urg, dem Vertreter der liberalen Partei im Cabinet Taaffe, die Geheimrathswürde verliehen, in welcher Aus­zeichnung man bei den zur Zeit in Oesterreich obwaltenden Verhältnissen wohl eine allerhöchste Anerkennung der Wirk­samkeit des Grasen Khuenburg erblicken darf. Von weiter- gehenden Zugeständnissen der österreichischen Regierung an die Deutschliberalen verlautet aber nichts, ob sich dieselben nun mit der ihremLandsmann-Minister" zu Theil gewordenen Auszeichnung zufrieden geben werden, wird man ja aus der weiteren parlamentarischen Haltung dieser Partei ersehen. Allerdings wird nächstens der czechische Landsmann-Minister Prazak aus dem Cabinet Taaffe ausscheiden, hierin liegt aber kaum ein Zugeständniß an die Deutschen, Prazak ist einfach auf seinem Posten unmöglich geworden, nachdem ihm die Czechen selber die Gefolgschaft ausgekündigt haben.

Am Sonntag sind ..^Frankreich die General- rathswahl^n, also die Wahlen zu den Provinzialvertret­ungen, vollzogen worden, welche die Bedeutung eines politischen Stimmungsmessers besitzen. Bis vor einigen Jahren besaßen die französischen Monarchisten in den Generalräthen noch einen nicht zu unterschätzenden Rückhalt, aber schließlich drang der republikanische Gedanke auch in den Generalräthen immer mehr durch und diese Erfahrung lehren auch die Wahlen vom Sonntag. Denn die Republikaner haben bei denselben ca. 140 Sitze gewonnen, sie besitzen also nunmehr die erdrückende Majorität in den Gemeinderäthen, wenn man dieselben als ein Ganzes betrachtet.

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Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 2. August. DerReichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Ministers Herrsurth, der die bei Reichstags­wahlen vorgenommene Ausweisung von Personen aus dem Wahllocale, die im Wahlbezirke nicht wahlberechtigt waren, für unzulässig erklärt. Der §9 des Wahlgesetzes gestatte die Anwesenheit bei der Wahlhandlung allen wahl­berechtigten Deutschen, auch den dem Wahlbezirke nicht an­gehörenden.

Berlin, 2. August. Die Abhaltung eines allgemeinen deutschen Journalisten- und Schriftstellertages ist nunmehr gesichert und eine Berufung für Sonntag den 11. September nach Weimar steht unmittelbar bevor.

Ulm, 2. August. In der heutigen zweiten Sitzung des Anthropologen-Congresses sprach Lnschan (Berlin) über die anthropologische Stellung der Juden, Kollmann (Basel) die Entstehung und cnltnrelle Bedeutung der europäischen Menschenrassen, Nuesch (Schaffhausen) eine neuaufgedeckte Niederlassung aus der Rennthierzeit, Heuerli (Zürich) über Broncesunde im (Santon Wallis.

Petersburg, 2. August. Nach Meldungen aus Moskau und Rj äsan sind dort einige Cholerafälle conftotirt. Die Absendung eines Bevollmächtigten in das Okagebiet mit den gleichen Rechten wie die des für das Wolgagebiet ent­sandten ist in Aussicht genommen.

Petersburg, 2. August. Nach amtlichen Nachrichten ist in den Wolgagebieten, wenige Orte ausgenommen, eine Abnahme der Cholera bemerkbar. Dagegen ist in dem Dongebiete unter dem Einflüsse Rostows die Zahl der Er­krankungen gestiegen; am 31. Juli kamen dort 1055 Er­krankungen und 447 Todesfälle vor.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 2. August. Nach derKreuzzeitung" ist die Rückkehr des Kaisers nach dem Marmorpalais für den 6. August zu erwarten.

Berlin, 3. August. Gegenüber den von anderen Blättern bezweifelten Rücktrittsabsichten des Ministers des Innern

tzersurth hält dieVoss. Ztg." ihre Meldung aufrecht, , Hersurth habe bereits in der Sitzung des Staatsminister! ums ! unzweifelhaft gelassen, daß er bei Annahme der Miquel'schen : Vorschläge nicht im Amte zu bleiben gedenke.

München, 2. August. Trotz des großen Unwetters in den letzten Tagen ist eine gute Mittelernte in Bayern sicher. Roggen mittel, Weizen und Gerste gut. Hafer be­friedigend ,- infolge dessen beginnen Preisrückgänge auch bei Brod.

Graudenz. 2. August. DerGesellige" meldet aus i Laskowitz: Der Postschaffner Porset aus Graudenz, j welcher mit einem Zuge angekommen ist, wurde als cholera- > verdächtig auf ärztliche Anordnung hier untergebracht.

Wien, 2. August. Bei den Gerichten in Russisch-Polen ; werden ausschließlich Russen nur definitiv angestellt. Die russischen Studirenden der Rechte, welche versprechen, sich in Congreßpolen niederzulassen, erhalten Begünstigungen.

Paris, 3. August. Es hat sich eine neue Panama- Gesellschaft gebildet, welche sofort die Canalarbeiten wieder aufnimmt. Der Contract der Liquidatoren überträgt sämmtliche Rechte der alten Gesellschaft. Die neue Gesell­schaft hat sich durch ein Syndicat constituirt.

Osborne, 2. August. Der Kaiser nahm neben der Königin an dem Galadiner von 80 Personen Theil. Er hofft heute denMeteor" persönlich zu commandiren und die Wettfahrt zu gewinnen. Der deutsche Botschafter befindet sich in Begleitung des Kaisers. Er erklärte über die Dauer des Aufenthalts des Kaisers in England nichts Bestimmtes zu wissen, da sich der Kaiser alle Entschlüsse vorbehält.

Petersburg, 2. August. Die Kreisstadt Zarizyn ist wie ausgestorben. Fast alle Bewohner verließen den Ort infolge der immer heftiger euftretenben Cholera.

Christiania, 2. August. Eine Ar b eiterv ersamm- ! lung nahm einen Organisationsplan für die ver- ! einigten norwegischen Arbeitervereine an. Es wird Abstand genommen von der Socialdemokratie und eine friedliche Ent­wickelung befürwortet. Verlangt wird allgemeines Stimm­recht der Männer, progressive directe Besteuerung, der Acht­stundentag, Staats- und Communalhilse für die Landarbeiter zur Erwerbung von Grund und Boden, staatliche Alters­versorgung, Abschaffung des Contractsystems, Staatsschulen, gleiches Erbrecht für eheliche und uneheliche Kinder, freie Rechts- und Aerztehilfe.

Washington, 2. August. Harrison vollzog das Gesetz, wonach die Arbeitszeit der Bergleute, sowie aller Arbeiter in den Staatswerkstätren auf acht Stunden beschränkt wird.

Esten a. d. Ruhr, 3. August. In dem Bochumer Stempelprozeß ließ der Staatsanwalt heute die Anklage wegen Betrugs ans gewinnsüchtiger Absicht gegen alle An­geklagten fallen und beantragt die Freisprechung derselben,- er hielt nur einen Falle gegen den Angeklagten Herdck für erwiesen, gegen welchen einmonatliches Gesängniß beantragt wurde.

Darmstadt, 3. August. Der Großherzog reist Nach­mittags für zwei Tage nacy Romrod zur Jagd.

Locales nnd provinzielles,

Gießen, 3. August 1892.

Das anläßlich der Hassia-Feier engagirte Trompeter- Corps des Großh. Hess. Drag.-Rgmts. Nr. 24 (Darmstadt) gibt heute, Mittwoch, Abend inRöhrles Bierhalle" ein Concert. Die Capelle gab in jüngster Zeit in Bayreuth zwei Concerte, welche große Anerkennung sanden und auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Wilhelm von Hessen besucht waren. DasBayr. Tgbl." schreibt:Herr Musikdirector Stütze! zeigte sich als tüchtiger Wagner- Interpret. Was feine Capelle besonders auszeichnet, ist ein warmer und doch kräftiger Ton und der Prüfstein für jeden Musikkörper ein discretes Piano. Die Auffassung der einzelnen Musikstücke ließ Nichts zu wünschen übrig und wurden diese mit Bravour fein nüancirt oorgetragen." Es findet blos dies eine Concert hier statt, worauf wir Musik­freunde aufmerksam machen.

Wegen der morgen stattfindenden Festlichkeiten des CorpsHasfia" verweisen wir unsere geehrten Leser auf das in heutiger Nummer befindliche Inserat.

Der hessische Laudeslehrerverein zählt zur Zeit 2527 Mitglieder, d. i. 77 mehr als im Jahre 1891. Mit wenigen Ausnahmen gehören sämmtliche Lehrer Hessens, außerdem 103 Nichtlehrer, dem Verein an. Er gliedert sich in 102 BezirkS- lehrervereine. Im nächsten Jahre findet die 25jährige Jubel­feier des Vereins statt. Die Einnahmen und Ausgaben des Vereins batanciren nach dem soeben veröffentlichten Entwurf deS Voranschlages für 1893 mit 10800 Mark.