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Nr. 103 Erstes Blatt

Mittwoch den 4. Mai

1892

Amts- und Anzeigeblutt für denKreis Gieren.

Hratiskeikage: Hießener Iamikienkkätter>

2lmtlid?er Tbeil

Pari?, 3. Mai.

Mehrere aufgefundene Patronen mit

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für bni folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Alle Nnnoncen-Bureaux deS In- und LuSlandes nehme» Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger" entgegen.

Nerrefte Nachrichten.

telegraphische- Lorrespandenz-Burearr.

Berlin, 29. April. Abgeordnetenhaus. Bei der heutigen ersten Berathung der Vorlage betreffend die Gleich­stellung der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehr­anstalten mit denen an den staatlichen Anstalten sprach der Cultusminister Bosse seine Freude darüber aus, dieses Gesetz als das erste von ihm eingebrachte vorlegen zu können. Das Gesetz entspreche vielleicht nicht allen Wünschen, er habe aber die Gemeinden nicht allzu schwer belasten wollen. Ein Gesetz über die Pensionssrage könne in dieser Session nicht mehr eingebracht werden. Das Gesetz über das Diensteinkommen -der nichtstaatlichen höheren Lehrer wurde sodann nach kurzer

London, 3. Mai. Die Bergarbeiter in Lancashire nahmen eine Lohnreduction von 6 Pence täglich an. Sie beschlossen, eine Organisation zum Widerstand gegen weitere Reductionen zu gründen.

Der Zustand des Restaurateurs Verhs ist fast hoffnungslos.

Rom, 3. Mai. DerMoniteur de Rome" will wissen, König Humbert habe am 1. Mai 200 Drohbriefe empfangen. (?)

Vierteljähriger AvonnementspreiO: 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Kchntstrotze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Bekanntmachung,

betreffend Verminderung der Herbstzeitlose.

Im Interesse der Wiesencultur ordnen wir auf Grund des Art. 24 der Wiesenpolizeiordnung auch für das laufende Jahr an, daß die auf den Wiesen wachsenden Herbstzeitlosen zur Zeit des höchsten Saftstandes durch Ausrupfen der Stengel beseitigt werden. Das Ausziehen hat möglichst bei feuchtem Boden zu geschehen, damit "der Schaft der Pflanzen nicht schon dicht unter dem Boden abbricht. Gegenüber den im vorigen Jahr theilweise erhobenen Bedenken, daß bei dem Ausrupfen der Herbstzeitlose die Wiesen zu sehr zertreten würden, bemerken wir, daß in den meisten Fällen das zer­tretene Gras, ohne daß irgend ein Nachtheil bleibt, sich wieder stellen wird, daß aber auch dann, wenn etwa ein Theil des Grases sich nicht wieder hebt, der durch das Beseitigen der Herbstzeitlose erzielte Nutzen weit größer ist, als der durch das Niedertreten des Grases entstandene Schaden. Die aus- gerupsten Pflanzen sind nicht, wie wir es im vorigen Jahr gesehen haben, auf die Wege zu werfen, woselbst die Schafe durch das. Fressen derselben Schaden nehmen können, sondern abseits von den Wegen unterzubringen.

Die Beseitigung der Herbstzeitlose hat bis zum 20. Mai l. I. zu erfolgen, die bis dahin säumigen Besitzer haben sich der Erhebung von Strafanzeigen zu gewärtigen.

Gießen, den 26. April 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 30. April 1892.

Betreffend: Ausführung der allgem. Bauordnung, hier die Gebühren der Bezirksbauausseher und Sachverständigen für Prüfung genehmigungs­pflichtiger Bauten.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit der Einsendung der Verzeichnisse rubr. Betreffs für das 3. und 4. Quartal 1891 und das 1. Quartal 1892 noch im Rückstand sind, erinnern wir an die Vorlage derselben binnen 8 Tagen.

v. Gagern.

Bekanntmachung, betreffend Gesuch des Vorstandes des Rettungshauses für verwahrloste KinderJohannesstift" zu Metz um Erlaubniß zur Veranstaltung einer Hauscollecte im Großherzogthum.

Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Groß­herzogliches Ministerium des Innern und der Justiz dem Vorstande des Rettungshauses für verwahrloste Kinder Johannesstift" zu Metz zum Besten der Anstalt gestattet hat, während der Monate Mai und Juni laufenden Jahres eine Hauscollecte innerhalb des Großherzogthums zu veranstalten.

Gießen, den 30. April 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Verminderung der Herbstzeitlose.

Nachstehende, von Großh. Kreisamt Gießen in Nr. 98 des Gießener Anzeigers erlassene Bekanntmachung in obigem Betreff bringen wir hierdurch zur besonderen Kenntniß der Wiesenbesitzer in der Gemarkung Gießen.

Gießen, den 2. Mai 1892.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

G n a u t h.

Lüttich, 2. Mai. Heute Nacht wurden mehrere An­archisten verhaftet, darunter ein Schneidergeselle, welcher verdächtig ist, der Urheber der Explosion in der Kirche Saint Martin zu sein.

Rom, 2. Mai. Der Papst empfing heute eine Depu­tation deutscher Pilger, Läe sich nach dem heiligen Lande begeben.

Rom, 2. Mai. In Senigaglia wurde eine Bombe in ein Vergnügungslocal geworfen. Niemand wurde getödtet.

Paris, 2. Mai. Die Municipalwahlen in den Departements sind ruhig verlaufen, ausgenommen in vier Gemeinden des Südens, wo die Wahlurnen weggenommen wurden. Das bisher erst aus den Städten bekannte Wahl­resultat ist im Allgemeinen den Republikanern günstig.

Paris, 2. Mai. Infolge verbürgten Nachrichten aus Corsu sind dort etwa 1000 Kilo Dynamit und Pulver gestohlen worden.

London, 2. Mai. Eine Abordnung von etwa fünfzehn Arbeitergenossenschaften erschien heute Nachmittag im Unterhause, um die Deputirten von London zu einer Be­sprechung über den Achtstundentag einzuladen. Nach längerer Unterredung wurde beschlossen, demnächst eine Con- ferenz der gladstoneanischen und conservativen Vertreter Londons zwecks Erörterung der Frage zu veranstalten.

Depeschen MBureau Herold".

Berlin, 2. Mai, Der Kaiser reist am 23. Mai nach Stettin, später nach Danzig, dann nach dem Schloß Rominten in der Provinz Ostpreußen und kehrt Ende Mai zur Berliner Frühjahrsparade zurück.

Berlin, 2. Mai. Sämmtliche Fraktionen des Abgeordnetenhauses hielten heute Sitzungen ab, um zur zweiten Lesung der Berggesetznovellc, die morgen beginnen soll, Stellung zu nehmen. Wie verlautet, wird eine große Zahl der in der Commission abgelehnten Anträge im Plenum wieder ausgenommen werden.

Kiel, 2. Mai. Fünfhundert Arbeiter an der Holtenauer Schleuse bei dem Baue des Nord-Ostsee-Canals stellten die Arbeit ein.

r,.. . . , . , ", " * I Aus der Badischen Gartenbau-Ausstellung zu $QrI5»

ru^e erhielt die Firma H. F. Rossauer hier die silberne ' Medaille alö höchste Auszeichnung für ihre Stachel-

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener M««ikienökäiter werden dem Anzeiger »Schentlich dreimal beigelegt.

ichener Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

tocales unb provinzielles.

Gießen, 3. Mai 1892.

Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordnete» Donnerstag den 5. Mai 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Die von Ludwig Preisag bestrittenen Kosten für Trottoirpflasterung in der Ludwigstraße. 2. Die Einfriedig­ung am Garten des Rechtsanwalts Katz in der Goethestraße. 3. Gesucy der I. Kann Söhne um Erlaubniß zur Erbauung eines Hintergebäudes. 4. Gesuch des Carl Weidig III. um Bauerlaubniß für die Sonnenstraße. 5. Gesuch des Chr. I Petri V. um Erlaubniß zum Bauen an der projectirten Verbindungsstraße von der Ostanlage nach der Grünberger- I straße. 6. Gas- und Waffereinrichtung in dem Schulhause I in der Neustadt für den Allgemeinen Verein für Armen- und Krankenpflege. 7. Herstellungen im Realfchulgebäude. I Fortsetzung der Gasleitung in der Schanzenstraße und Beleuchtung daselbst. 9. Die Untersuchung des Wassers der öffentlichen Brunnen. 10. Erhebung einer Abgabe von aus- I ländischem Wein. 11. Gesuch des Andreas Sorgefrei um Erlaubniß zum Betriebe einer Wirthschast Rodheimerstraße 69 I (Feldschlößchen).

.. Der in der letzten Generalversammlung des Kauf« männischen Vereins erstattete Bericht wies in jeder Hinsicht die günstigsten Resultate aus und verdient die Entwickelung, sowie das Bestreben des Vorstandes, das Vereinsleben zu fördern, alle Anerkennung. Der Vorsitz blieb in den Händen I des Herrn Carl Orbig und als Stellvertreter wurde Herr I Eiml Horst gewählt. In den weiteren Aemtern blieben die seitherigen Vorstandsmitglieder.

I Jubiläum. In aller Stille wurde gestern ein Jubi- I lüum gefeiert, das nichtsdestoweniger der Erwähnung verdient.

Am 1. Mai waren es 50 Jahre, stzit Herr S. Mayer als Religionslehrer und Vorbeter der hiesigen israelitischen Ge­meinde angestellt wurde und er hat in dieser Zeit als Lehrer dreier Generationen und rastlos strebsamer Arbeiter sich die ungetheilte Achtung seiner Glaubensgenossen, wie der übrigen Mitbürger erworben. Wenn auch körperliches Leiden den geehrten Lehrer genöthigt hatte, vor etwa einem Jahre sich ln den Ruhestand zurückzuziehen, so ließen doch der Vorstand und der Rabbiner der Gemeinde den Tag nicht vorübergehen, ohne des Jubilars ehrend zu gedenken und ihm persönlich ihre Glückwünsche darzubringen, wie auch andere nähere Freunde den Tag festlich begingen. Möge Herr Lehrer Mayer sich noch lange des wohlverdienten Ruhestandes und der Wenh- schätzung Aller, die ihm nähergetreten sind, erfreuen.

Wie aus dem Anzeigetheil zu ersehen ist, soll die Kochschule des Allgemeinen Vereins für Armen- und Kranken- pflege am 8. Juni in dem alten Schulhause in der Neustadt eröffnet werden. Sie soll im Unterschied von der Koch­schule des Alice-Vereins, die es mit der feineren Küche zu thun hat den Frauen und Mädchen der unbe­mittelteren Stände Gelegenheit zu einer gediegenen und ihren Verhältnissen angemessenen hauswirthschastlichen Ausbildung gewähren. Für den Sommer wird sich diese Ausbildung nur auf die Küche beschränken, im ^Herbst hofft der Verein dann auch seinen Nähunterricht eröffnen zu können. Ein Kochcursus dauert acht'Wochen. Er wird in zwei Ab- theilungen ertheilt. Für jüngere Mädchen, die noch in keinem Dienste sind, Vormittags von 8bis l2 Uhr, fürFrauen undMädchen, die tagsüber Beschäfti­gung haben, Abends von 7 Uhr an. Für den Unter­richt ist eine eigens dafür ausgebildete Lehrerin, Fräulein Agnes Decker, gewonnen. Das Schulgeld beträgt für den Monat 1 Mk., also für den ganzen achtwöchentlichen CursuS 2 Mk. Obwohl dieser Betrag so gering wie möglich gegriffen ist, sind doch, um auch ganz Unbemittelten die Theilnahme zu ermöglichen, einzelne Freistellen in Aussicht genommen. Möchte denn diese neue Anstalt zum Besten unseres arbeitenden Volkes in Segen wirken!

Hamburg, 2. Mai. Die große Reepschlägerbahn von Psannenschmidt in Altona brennt und ist verloren. Der muthmaßliche Brandstifter wurde verhaftet.

Prag, 2. Mai. Aus einem großen Theile von West- und Nordböhmen wird starker Schneefall gemeldet. In Karlsbad und Weipert (an der böhmisch-sächsischen Grenze) war der Schnee stellenweise 50 Cenlimeter hoch. Ein wolken­bruchartiger Regen bewirkte ein sehr rasches Steigen der Flüsse. Der Regen dauert fort.

Lüttich, 2. Mai. Die Wirkung des gegen die Kirche Sanct Martin verübten Attentats war verheerend. Ein Glasgemälde aus dem 14. Jahrhundert im Werthe von 100,000 Francs ist zerstört worden. Die benachbarten Häuser sind stark beschädigt. Sachverständige behaupten, es seien mindestens 5 Kilo Sprengstoff verwendet worden. Die tagende Socialistenversammlung ries:Vive Ravachol! ; Die Polizei ist fieberhaft thätig. Eine Verhaftung wegen des ! Attentats sand statt. XL ~ J 8

in Folge schlechter Patronenlegung mißlungen.

I Aerathung an eme Commission von 21 Mitgliedern verwiesen. v. uu,uqunut:nt: fronen mit

In der nun folgenden Berathung der Vorlage betreffend die Explosivstoffen wurden dem städtischen Laboratorium

I Verlegung der Buß- und Bettage begrüßten die Abgeordneten übergeben- einzelne haben sich als gefährlich herausaestellt v. Heeremann, v. Benda, Stöcker und v. Kardorff die Vorlage ~ ----- - - -

freudigst. Der Cultusminister erklärte, die Königliche Staats­regierung habe das größte Interesse an dem Zustandekommen des Gesetzes- dasselbe werde nicht früher in Kraft treten als bis eine Verständigung über die Vorlage erfolgt sei. Die Anbahnung dieser Verständigung überlasse die Regierung den Bischöfen. Die zweite Lesung wird im Plenum stattfinden. Aus der morgigen Tagesordnung stehen der Nachtragsetat für den Ministerpräsidenten und die Novelle zum Berggesetz.

Berlin, 2. Mai. Die Abendblätter veröffentlichen eine Zuschrift der Wafsenfabrik Ludwig Löwe & Comp., wonach anläßlich der gegen dieselben gerichteten Ahlwardt'schen Broschüre Seitens des Königlichen Commandanturgerichts wegen Verdächtigung der dem Königlichen Kriegsministerium unterstellten Beamten die Untersuchung eingeleitet worden ist.

Berlin, 2. Mai. DerReichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz betreffend den Verkehr mit Wein, weinhaltigen und weinähnlichen Getränken, sowie die Aus­führungsbestimmungen.

Brüssel, 2. Mai. In Aublain bei Couvin explodirte vor der Wohnung des Bürgermeisters eine Dynamit- Patrone, wodurch geringer Schaden an Material verursacht wurde.