Ausgabe 
3.2.1892
 
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Meisterin war; von dem tiefsten Ernst bis zum fröhlichsten Scherz wurden alle Phasen der Empfindung von ihr muster­gültig wiedergegeben. Welch' ein Abstand schon nach CompositionSart und Inhalt zwischen demper la gloria des Buononcim und demBist du bei mir" von I. S. Bach! Und die vorgetragenen Lieder und Gesänge der neuen Meister boten gewiß nicht minder Mannigfaltigkeit in ihrem Stimmungs­gehalt. Auch im rein Technischen konnte sich die Dame mit dieser reichhaltigen Auswahl von Liedern nach allen Seiten hin zeigen und auch hier war sie Meisterin. Ihrem Ton, Intonation und Stimmbildung kann das Rühmens­wertheste nachgesagt werden, doch muß man zugeben, daß die Hohe leistungsfähiger und ansprechender ist, als die Tiefe und theilweise die Mittellage. Im seinsinnigen Gebrauch des Kopsregistcrs kann die Dame geradezu als Muster hin­gestellt werden, und daß sie auch nach Seite des bei canto hin so Treffliches leistete, muß rühmend hervorgehoben werden, zumal wenn man bedenkt, wie es mit dem bei canto in der Neuzeit steht. Bei allem Lobe, was der trefflichen Sängerin ausgesprochen werden muß, soll eine Kleinigkeit doch nicht unausgesprochen bleiben. Dies betrifft das Lied Unter den Linden". Wie wenig sinngemäß illustrirt die Geißler'sche Composition dies Lied Walthers von der Vogel­weide, das voll graziöser Naivetät und duftigen Humors ist. Die neuhochdeutsche Nachdichtung war eine durchaus incorrecte, ja fehlerhafte. Fräulein v. Sicherer sang aber gar nicht den Text, welchen das Programm enthielt, sondern theilweise einen anderen. Wenn nun die moderne Prüderie das Ab­drucken des richtigen Textes nicht zuzulassen scheint, so ist es wohl eigentlich besser, wenn man ganz von der Sache läßt. Auch der Pianist Herr Dr. 'Otto Neitzel aus Cöln 6ot treffliche Leistungen, sowohl im Technischen wie im Musikalischen. Die Krone seiner Leistungen war unbedingt derCarneval" von Schumann. Die Wiedergabe dieser Composition war eine echt stilvolle und athmete voll und ganz Schumann'schen Geist. (Herr N. spielte übrigens eine Nummer mehr von diesem Werke als aus dem Programm stand). Die Art und Weise, wie Herr Neitzel Beethovens Apasaionata spielte, war eine intereffante, aber im ersten und auch im zweiten Theil eine etwas ungewöhnliche; im ersten namentlich im Hinblick aus Agogik und Dynamik. Der zweite Satz hätte vielleicht in etwas weniger dicken Farben wiedergegeben werden können; der dritte Satz dürste sich dann etwas mehr characteristisch, namentlich schon in seinen ersten leidenschaft­lichen Accorden vom zweiten abgehoben haben. So wie Herr N. den dritten Satz der Sonare spielte, konnte man es Note für Note unterschreiben; ein Muster von Klarheit war namentlich der äußerst schwungvoll gespielte Schluß. Auch im Impromptu as-dur, dem g-dur Nocturne von Chopin und der bekannten Valse-Caprice von Rubinstein zeigte sich Herr N. als trefflicher Musiker. Daß aber ein so feinsinniger Aesthetiker wie Herr Dr. Neitzel (er ist der Bersaffer des kürzlich erschienenen sehr tüchtigen Führers durch die Oper) eine so fade nichtssagende Composition wie die Liszt'sche Don Juan-Fantasie heute noch dem Publikum austischen mochte, ist eigentlich unbegreiflich. Das technische Können mögen die Herren Pianisten an gehaltvolleren Sachen, und bie Neuzeit ist nicht arm an solchen, zeigen, als an solchen Absurditäten. Die Wagner-Liszt'sche Richtung mit ihrer Negirung der absoluten Musik hätte wohl eigentlich Ursache, derartiges Zeug von ihren Rockschößen abzuschütteln, bevor sie sich an andere Leute macht. Ein ganz hervorragendes Verdienst erwarb sich Herr Dr. N. durch seine seinsinnige Begleitung der Lieder.

Die aus Einladung der Großh. Handelskammer aus gestern Abend zum Zweck einer Besprechung über die Er. richtung von Lagerhäusern am Güterbahnhos einberufene Ver­sammlung war'zwar weniger zahlreich, aber immerhin doch so besucht, daß der größte Theil der hauptsächlich in Betracht kommendell Firmen vertreten war. Nachdem Herr Handels- kammerMisident Koch die Erschienenen begrüßt und dieselben aus den, Zweck der Versammlung ausmerksam gemacht hatte, erstattet'Herr Rechtsanwalt Dr. Jung, als Secretär der Handelskammer, eingehend Bericht über die Angelegenheit. Aus diesem Bericht ging hervor, daß sowohl der früher be­stehende Handelsverein, als auch die später an seine Stelle getretene Großh. Handelskammer sich nicht nur mit der Frage wegen Verbesserung der für Gießen höchst ungünstigen Babnhoss- verbältnisse, sondern auch mit der Errichtung von Lagerhäusern beschäftigt haben. Das Bedürsniß nach Lagerhäusern werde mit der seit zwanzig Jahren erfreulicher Weise eingetretenen Vermehrung des Handelsverkehrs in unserer Stadt ein immer unabweisbareres. Die weite Entfernung des Güterbahnhoss von der den Handel hauptsächlich bergenden, tief gelegenen Innenstadt verursache denjenigen Firmen, welche ihre Waaren wieder ausführten, so große Spesen, daß der durch die An­lage von Lagerhäusern entstehende Kapitalaufwand bezw. die behufs Verzinsung desselben in Anrechnung zu bringende Lagermiethe dagegen gering erschienen. Der aus der Anlage von Lagerhäusern springende Nutzen komme aber nicht nur dem Großhandel, sondern auch dem Kleinhandel, welchem durch das Vorhandensein von Lagerräumen die Ausnützung günstiger ^onjuncturen ermöglicht werde, und nicht in letzter Linie der Stadt selbst zu Gute. Was den Zeitpunkt betreffe, zu welchem aus die Errichtung von Lagerhäusern hingewirkt werden müsse, so sei derselbe augenblicklich, wo mit dem Umbau des Güter­bahnhoss begonnen werden solle, am günstigsten, nachdem die aus Verlegung der ganzen Bahnhossanlage nach einem günstigeren Punkte (vielleicht nach dem Rodberg) gerichteten Bestrebungen als vollständig aussichtslos betrachtet werden müßten. Die Frage, wer die Lagerhäuser errichten solle, könne man wohl dahin beantworten, daß dies Ausgabe der Stadt sei; die Babn- verwaltung habe es unter Hinweis daraus, daß sie sich bisher nirgends damit besaßt, abgelehnt, und die Errichtung durch Private werde insofern fraglich, als diesen nicht die Mittel zum Geländeerwerb (Enteignungsrecht) zu Gebot stünden. Finanziell biete die Errichtung von Lagerhäusern gar keine Schwierig­keiten, und wenn schon vor Jahren von den Interessenten ein

jährlicher Micthertrag von 6000 Mk. garantirt wurde, so be­laufe sich derselbe heute schon, wie aus einer vorliegenden Liste ersichtlich, aus 10000 Mk., was bei Berechnung von Zins und Amortisation einem Kapital von 200 000 Mk. ent­spreche. Herr Baumeister Backofen erläuterte an der Hand eines im Maßstab von 1:250 hergestellten Planes der Bahn­anlage und der Umgebung das von der Groß. Handelskammer bei der Eisenbahn Verwaltung zu besürwortende Project. Danach wären die Lagerhäuser jenseits der die Uebersahrt von der Frankfurter Straße über die Schienengeleise vermittelnden Ueberbrückung zu errichten. Zunächst würden drei Einboden- Lagerhäuser von je 100 Mtr. Länge und 12Mtr. Tiefe mit einem ausnutzungssähigen Gesammtlagerraum von 2100 lUMtr. zu errichten sein; für weitere vier Lagerhäuser, zwei große und zwei kleine (letztere von 60:12 Mtr.), sowie für offene Lagerplätze ist noch Geläude vorhanden. Die Schienenver­bindung zwischen den Lagerhäusern unter sich wie mit den Bahnhossanlagen kann leicht hergestellt werden und ist Aus­sicht vorhanden, daß die Bahnverwaltung diese herstellt, Ab- und Zufuhren sind, soweit dieselben noch nicht geplant, leicht herzustellen. In der sich hieran schließenden, recht ein­gehenden Besprechung wurde die Notwendigkeit der Errichtung von Lagerhäusern allenthalben anerkannt, auch noch eine An­zahl Unterschriften von auf Lagerraum reflectirenden Firmen gegeben. Es betheiligten sich an der Besprechung die Herren Koch, Stadtverordneter Löber, A. Katz, Hornberger, Gail, Stadtverordneter Schmall, Provinzial-Director Frhr. v. Gagern, Oberbürgermeister Gnauth, Commerzienrath Silbereisen, Backofen u. s. w. Herr Provinzial-Director Frhr. v. Gagern empfahl, daß, falls die Stadt Gießen die Erbauung der Lager­häuser infolge z. Z. mehrfach an sie herantretender An­forderungen nicht allein auf sich nehmen könne, die Interessenten nach Erwerbung des Geländes durch die Stadt den Bau aus- sühren könnten. Es wurde, nachdem aus Vorschlag des Herrn Provinzial-Directors von der Einsetzung einer besonderen Commission abgesehen worden war, beschlossen, die Sache in die Hände der Großh.Handelskammer und der Stadt- verordnetenversammlung zu legen, welche beide Körperschaften die Herren Emmelius, Markus (Firma Goldenberg & Markus) und Heimer (Firma Fr. Heimer & Co.) als sachverständige Beiräthe zuziehen können.

Am vergangenen Sonntag wurde Herr Pfarrverwalter Bayer als Pfarrer der katholischen Gemeinde zu Gießen feierlich installirt. Decanatsverwalter Hilsdors aus Herb­stein führte denselben im Auftrage des Bischofs in sein neues Amt ein. An die herrliche kirchliche Feier schloß sich Abends eine Festversammlung aus Lonys Bierkeller zu Ehren des neuen Pfarrers an, welche, wie frühere Veranstaltungen dieser Art, den Beweis lieferte, daß die Gemeinde es versieht, ihren Pfarrer in schöner und würdiger Weise zu ehren. Möge es dem hochwürdigen Herrn, der die Herzen seiner Psarrkinder rasch gewonnen hat, beschieden sein, segensreich zu wirken ad multos annoa!

Der Fischereiverein für das Grotzherzogthum tzesien hat soeben an die zweite Kammer der Stände eine Eingabe gerichtet, in welcher derselbe die Kammer ersucht, geeignete Maßregeln zu treffen, um die berechtigten Interessen der Fischerei in Sachen der Verunreinigung der Flüsse zu schützen. Der Eingabe entnehmen wir folgende Aus­führungen:Die Verunreinigung der Fischwaffer durch die Fabrikabläuse ist im Lause der Jahre eine so große geworden, daß die Gesammt-Fischerei im Großherzogthum Hessen trotz aller Bestrebungen zur Hebung derselben durch Aussetzen von Brut 2C. in Rückgang gekommen ist und daß derselben völliger Untergang droht, wenn nicht staatliche Abhülfe eintritt. Namentlich gilt dies auch bezüglich der Mainfischerei. Das Wasser des Untermains ist durch die chemischen Fabriken von Bürgel, Offenbach, Fechenheim, Griesheim, Höchst und die Gassabrik von Frankfurt a. M. derartig verunreinigt, daß kaum irgend ein Lebewesen darin mehr existiren kann. Es sollen zwar an die betreffenden Fabriken Verbote ergangen sein, ihre giftigen Abwässer dem Main zuzuleiten, doch werden diese nicht gehörig beobachtet und die Fabriken sollen hauptsächlich während der Nachtzeit verbotswidrig ihre Abwässer lausen lassen. Abhülfe wäre hier wohl nur zu schaffen durch Abschluß eines besonderen Staatsvertrags zwischen den betheiligten Staaten, Königreich Preußen und Groß­herzogthum Hessen, durch welche eine genauere Ueberwachung der betreffenden Fabriken einzurichten wäre."

Folgende sehr berechtigte Mahnung macht eben die Runde durch die Blätter:Ein bekanntes, aus Erfahrung begründetes Sprichwort sagt, daß aus jeder Hochzeit eine neue Hochzeit angebahnt werde. Ein trauriges Gegenstück zu dieser erfreulichen Erscheinung bildet die Thatsache, daß leider nicht selten ein Begräbniß den Grund zu weiteren schweren Erkrankungen mit tödtlichem Ausgange legt. Einer der neuesten Belege für diese betrübende Erfahrung ist der Todes­fall, von welchem das englische Königshaus betroffen worden. Auch der Tod des Erzherzogs Heinrich war aus eine ähnliche Ursache zurückzuführen. Auch der Herzog von Clarence zog sich eine schwere Erkältung beim Begräbniß des Prinzen Victor von Hohenlohe zu, deren Vernachlässigung die tödtliche Krankheit zur Folge hatte. Begräbnisse im Winter sind eine Gefahr für die Leidtragenden, welche leider nur zu wenig gewürdigt wird! Aus der warmen Stube geht er hinaus in die eisige Kälte zum Grabe, wo man mit entblößtem Haupte dem Wind und Wetter trotzen muß. Nur Wenige können sich dies ungestraft zumuthen; für schwächliche Naturen ist es aber geradezu lebensgefährlich."

A Steinbach bei Gießen, 31. Januar. (Verspätet.) Wie alljährlich, so feierte auch in diesem Jahre der hiesige Kriegerverein den Geburtstag Sr. Majestät unseres deutschen Kaisers Wilhelm II. Am Abend ver­sammelten sich die Mitglieder in den festlich geschmückten Räumen des Kameraden Heinrich Horn. Der Vorsitzende, Georg Schäfer, eröffnete die Feier mit einer Ansprache, die mit einem Hoch auf Se. Majestät den deutschen Kaiser endigte.

Hieraus wurde das Bundeslied gesungen. Das Ehrenmitglied- des Kriegervereins, Herr Bürgermeister Krämer, ermahnte hieraus die Anwesenden zu festem Zusammenhalten in dem Verein und brachte gleichfalls ein Hoch auf den Kaiser aus. Das Vorstandsmitglied Herr Pitz hatte es sich nicht nehmen lassen, sür gute Musik zu sorgen, die mit dem Gesang patriotischer Lieder abwechselte. Hcrvorzuheben ist noch die Ansprache des Vereinssührers Schäfer; sein Hoch galt dem deutschen Vaterland. Sichtlich erfreut waren die alten Sol­daten, daß es ihnen vergönnt war, wieder einmal den Ge­burtstag ihres höchsten Kriegsherrn zu feiern.

Friedberg, 1. Februar. In der S u p p e n a n st a l t wurden vom 4. bis 31. Januar an Suppe verabreicht: Un­entgeltlich 2195V- Liter, gegen Zahlung 146 Liter, im Ganzen 2341V- Liter, im Durchschnitt täglich 83V-Liter. An Brod kamen 56 Laib zur Vertheilung. Einschließlich der Heber* Zahlungen und Zuschüsse betrug die Einnahme in der Anstalt 18.03 Mk.

Bad Nauheim, 31. Januar. Von der Großh. Central- telle sür die Gewerbe ist der staatliche Beitrag für die hiesige Handwerkerschule von 150 Mark aus 250 Mark erhöht, und so die Schule ihrem weiteren Ziele, der Einrichtung eines Abendunterrichts für Handwerker, näher gerückt worden.

Alsfeld, 1. Februar. DerSchwalmthal-Sängerbund" hält sein diesjähriges Sängersest dahier ab. Als gemein- ame Chöre sindMaiennacht" undSängers Gruß" von C. A. Kern, gewählt worden.

Darmstadt, 1. Februar. Durch Entschließung des Großh.. Ministeriums des Innern und der Justiz wurde der Großh. Landgerichtsrath Cellarius in Darmstadt beauftragt, für die Dauer der Verhinderung des Großh. Ministerialraths Dr. Dittmar bei den Staatsprüfungen im Justiz- und Ver- waltungssach die Prüfung im bürgerlichen Recht (einschließlich der freiwilligen Gerichtsbarkeit) der rechtsrheinifchen Pro­vinzen vorzunehmen.

Groß Steinheim, 26. Januar. Die land- und sorstwirth- chastliche Berussgenossenschast bewilligte kürzlich einem 13jährigen Schulknaben aus Hainstadt eine Jahresrente von 70 Mark. Der Knabe benützte im Vorsommer feine chulfreie Zeit dazu, sich bei einem Hainstädter Landwirthe das Essen zu verdienen. Bei der Arbeit verletzte er sich mit einer Heugabel ein Auge, so daß dieses die Sehkraft verlor.

Babenhausen, 29. Januar. Das Schloßkasernement mit Reitbahn wurde heute Morgen aus der Intendantur des 11. Armeecorps in Kassel öffentlich versteigert. Meist­bietend blieb die Firma Keller, Samenhandlung in Darmstadt, mit 41500 Mk. Veranschlagt ist das Gesammtobject für 51000 Mk. Die Genehmigung wurde indessen noch nicht ertheilt.

vermischtes.

* Osnabrück, 31. Januar. Achthundert blanke Th al er sand man in der Bettstelle einer hier gestorbenen 84jährigen Frau, die sich seit langen Jahren durch Betteln und Unterstützungen aus der Armenkasse ernährt hatte.

* Helgoland, 31. Januar. Eine Schöffengerichts- sitzung, m der zum ersten Male Helgoländer Einwohner als Schöffen mitwirkten, fand vor einigen Tagen hier statt. Der Angeklagte wurde wegen Widerstandsleistung, Sach­beschädigung und Ruhestörung zu 5 Wochen Gesängniß und einer Woche Haft verurtheilt.

* Große Nervenschwäche. Arzt:Ihre Frau Gemahlin scheint eben doch zu schwache Nerven zu haben." Ehe­mann :Ach, so schwache, daß ich immer eine neue Robe bereit haben muß, um sie bei Anfällen vor Ohnmacht zu schützen!"

Der Verein der Bücherfreunde.

Der eigentliche Grund der Schrlststeller-Misere ist bereits ein öffentliches Geheimniß geworden. Es ist nicht die Interesselosigkeit deS Publikums an der schönen Literatur, denn dagegen spricht daS große Aufsehen, welches viele Erzeugnisse beute hervorzurufen im Stande sind, dagegen sprechen die vielen florirenden Theater und Journale. Nein, der wahre Grund bestehl in der Kauffaulheit in Deutschland und dem Ueberwtegen der Leihbibliotheken, einer fast in der ganzen übrigen cultivtrten Welt unerhörten Erscheinung.

Man kommt sich geradezu als Verschwender vor, wenn man für Bücher Geld ausgibt, äußerte sich einmal ein Baron, Gras oder Commerzienrath in einer kleinen Skizze von Alfred Meißner. Bei diesen Zeiten kann man sich vor unnützen Ausgaben nicht genug hüten Kellner noch eine Flasche CHLteau Larose zu 6 Mark.

Dieser Fall ist geradezu typisch. Wenn der Deutsche zu Allem Geld hat, für Bücher hat er ketnS.

Trotzdem mangelt eS ihm nicht an der Lust zu lesen. Im Gegentheil, es herrscht in vielen Kreisen eine förmliche Lesewuth. Um diese zu befriedigen, sind die Journale und Leihbibliotheken da.

Würde eS die Erfahrung nicht täglich J.den lehren, nie würde man es glauben: Vornehme Damen, die nicht zu bewegen wären, ein Paar Handschuhe ein zweites Mal anzuziehen oder eine Schleife noch einmal vorzustecken, nehmen keinen Anstoß daran, die abgerissensten, schmierigsten Bücher der Leihbibliotheken in ihre zarten Hände zu nehmen und zu lesen.

Man muß hier mit einer eingewurzelten Gewohnheit rechnen. Die billigsten Bücher, die kaum ein paar Groschen kosten, Broschüren im Werthe von wenigen Pfennigen gehen von Hand zu Hand, als waren es unbezahlbare Kostbarkeiten. Es scheint ein nicht auszu- rottender Aberglaube von den nicht zu erschwingenden Bücherpretsen bet uns in Deutschland zu bestehen; man sagt sich nicht, daß, wenn die Lectüre nicht ununterbrochen im Sturmschritt fortgesetzt wird, der Preis für daS Leihbibliothek-Abonnement fast ebenso theuer kommt, alS wenn man sich die Bücher selber anfchafft.

Diesem Uebelstande, dem Ueberwuchern der Leihbibliotheken, kann nur durch möglichst billige BücherauSoabm allmälig abgeholfen werden. Der französifche und englische Roman hatte seine großen Erfolge in erster Reibe allerdings durch das größere Absatzgebiet, die weitere Macktsphäre seiner Sprache, aber nicht zuletzt auch durch die billigen Preise, die das Aufkommen von Leihbibliotheken von vorn­herein verhinderten. Aber selbst in kleineren Staaten, wie Dänemark, Schweden, Norwegen, können nicht so sehr berühmte Schriftsteller mit Leichtigkeit gut von ihren Einnahmen auskommcn.

In Deutschland dagegen kann es geschehen, daß selbst berühmte und allseitig beliebte Autoren einen kläglichen Kampf ums Dasein führen und ihn frühzeitig verloren geben müssen.