Sk. 28
Erstes Blatt
Mittwoch den 3. Februar
1892
und Airzeigeblatt für den Areis Giefzen.
Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter.
Amtlicher Theil
Neueste Nachrichten.
Alle Snnoncm-Bureaux deS In- und Ausländer nehm« Anzeigen für den «Gießener Anzeiger^ entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
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Redaction, Expedition «nd Druckerei:
Achntstratze Ar.7.
Fernsprecher 51.
Unterrichtsminister, die Gallerie Sciarra sei Fideicommiß. Fünfzig der berühmtesten Bilder fehlen, was das Fidei- commiß- und Strafgesetz verletze. Daraus erfolgte die Erörterung des Entwurfes zum Schutze der sidei- c o m m i s s a r i s ch e u G a l l e r i e n. Die Regierung erklärte sich solidarisch.
Pest, 2. Februar. DaS Handelsministerium im Einzahlreichen I vernehmen mit dem CultuSministertum organisirte ein Comitö,
Deutscher Reich.
Berlin, 31. Januar. Der Kaiser hat bezüglich der Anerkennung hervorragender Leistungen in der Ausbildung der Truppen im Schießen solgende Ordre an den Kriegsminister erlassen: „Ich will zur Hebung des Interesses im Schießdienst hervorragende Leistungen in der Ausbildung der Truppen im Schießen besonders anerkennen und bestimme, daß Mir die commandirenden Generale, die Gene-
ral-Jnspecteure der Fuß-Artillerie und der Pioniere, die Jnspecteure der Jäger und Schützen, der Infanterie-Schulen, sowie der Chef des Generalstabes der Armee alljährlich zum 30. November, bezw. bei Vorlage der Schießberichte, diejenigen Compagnie-Escadrons- und Batterie-Chefs unter besonderer Begründung namhaft machen, welche sich durch außergewöhnliche Leistungen in der Ausbildung ihrer Compagnien, Escadrons und Batterien im Schießen ausgezeichnet haben. Ich behalte Mir vor, die Art und den Umfang dieser Anerkennungen sestzusetzen und will Ihren bezüglichen Vorschlägen dieserhalb entgegensehen. Sie haben hiernach das Weitere zu veranlassen."
totales «nd provinzielles.
Gießen, 2. Februar 1892.
— Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 4. Februar 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Ausbau der Löberstraße. 2. Decretur von Kostenrechnungen. 3. Erlaß einer Feuerlöschordnung. 4. Gesuch des Wilhelm Gail um Ueberlassung eines Geländestreifens hinter dem Erbbegräbniß des Dr. Friedrich Mahla. 5. Gesuch des Alicevereins um Herstellung des Schulhauses aus dem Oswaldsberg für die Aliceschule. 6. Gesuch deS Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege um Ueberlassung eines Raumes in einem der demnächst frei werdenden Schulhäuser zur Errichtung einer Kochschule.
— Neues Theater. Heber den sensationellen Schwank „Die Großstadtluft", welcher am Donnerstag den 4. Februar zum ersten Male am hiesigen Theater zur Aufführung kommt, liegt uns eine große Anzahl Berichte der besten Theater Deutschlands vor. So schreibt z. B. das „Berliner Tageblatt" : In dieser Saison, in der fast jeder Autor ausgelacht wird, muß die Thatsache doppelt unterstrichen vermerkt werden, daß sich auch das Publikum einmal höchstselbst nach Herzenslust und nicht enden wollender Fröhlichkeit ausgelacht hat. Und das haben wir gestern erlebt und wir danken es nächst dem Himmel den Herren Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg.
— Der Theaterverein beabsichtigt, sein Programm noch mannigfaltiger zu gestalten wie bisher. Deshalb will er in dem nun beginnenden neuen Abonnement ein seines modernes Lustspiel, ein modernes Schauspiel und ein klassisches Stück bringen. Gern hätte er mit dem Lustspiel den Anfang gemacht, doch hat ein Zufall diese Absicht in letzter Stunde durchkreuzt. So ist nun das erste Stück ein modernes Schauspiel, die Tristi Amori des Giuseppe Giacosa. Der Verfasser des Stückes genießt in seiner Heimath Italien hohen Ruhmes. Auch in Deutschland steht bei Allen, die die neuere italienische Literatur kennen, sein Name in gutem Ansehn. Und der Kreis der Kenner und der Freunde italienischer Literatur ist in Deutschland seit geraumer Zeit in stetem Wachsen. Kein Wunder, denn unleugbar besteht eine tiefe Sympathie zwischen den gebildeten Kreisen des deutschen und des italienischen Volks,- deshalb hat denn auch die politische Einigung beider Völker hüben und drüben so allgemeinen Beifall gesunden; es wäre geradezu verwunderlich, wenn sich Deutsche und Italiener nicht auch in ihrem literarischen Geschmack treffen würden. Den Inhalt der Tristi Amori wollen wir nicht verrathen. Wir möchten sonst der Wirkung des Stückes und namentlich der Spannung, in welche es die Zuschauer versetzt, Eintrag thun. Nur eine Bemerkung sei uns verstattet. Der Uebersetzcr hat den Titel des Stücke- mit „Sündige Liebe" wiedergegeben. Diese Uebersetzung ist nicht zu billigen. Freilich, die Liebe, von der das Stück handelt, ist eine sündige, so sündig, wie die Liebe des Prinzen von Guastalla zu Emilia Galotti ober die Liebe des Don Carlos zu seiner Mutter. Aber der Dichter spielt nicht mit der Sünde, nach der frivolen Art der modernen französischen Dramatiker,- die Art, in welcher sein Stück von dieser Liebe handelt, ist frei von jeder Zweideutigkeit,- vielmehr spricht der Dichter dieser Liebe mit vollem sittlichen Ernst das Unheil. DaS Urtheil ist denn auch in dem von dem Dichter selbst gewählten Titel des Stückes enthaltender Titel redet von einer Liebe ohne Freud' und Glück, einer trüben und traurigen Liebe. Der Uebersetzcr hätte diesen Sinn der Ueberschrift nicht verdunkeln sollen.
— Concert des boncertvereiu«. DaS dritte Concert deS Concertvereins am Sonntag, den 31. Januar, wurde ausgeführt von Fräulein Pia von Sicherer aus München (Gesang) und Herrn Dr. O. Neitzel aus Köln (Clavicr). Das Programm war ein sehr reichhaltiges und bot trotz seiner Länge, und trotzdem eS nur von zwei Künstlern ans- geführt wurde, des Interessanten genug. Namentlich hatte Frl. Sicherer für geschmackvolle Abwechselung gesorgt. In den von ihr dargebotenen SoliS waren 'die Altmeister Giovanni Battista Buononcini und I. S. Bach neben den neueren Schubert, Schumann, Jensen, BrahmS :c. vertreten. Die Anforderungen, welche ein derartiges Programm an die Vortragsweise stellt, sind naturgemäß recht bedeutende. Da muß nun zugestanden werden, daß die Dame aller Stimmungen
Depeschen bc8 «Bureau Herold".
Berlin, 1. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." führt aus, nach Verlaus der Samstags-Sitzung im Abgeordneten- I hause und einer Unterhaltung des Kaisers mit verschiedenen Politikern am Samstag Abend, woran auch Prinz Heinrich theilnahm, dürfte eine Verständigung bez. des Volks- schulgefetzes erwartet werden.
Berlin, 1. Februar. Der Bundesrath genehmigte das vom Reichstage erweiterte Transitlager-Gesetz.
Berlin, 1. Februar. Am Sonntag hielt die Polizei umfangreiche Haussuchungen in socialdemokratischen Kreisen ab. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen und anarchistische Schriften beschlagnahmt.
Berlin, 2. Februar. Nach der „Nordd. Allg. Ztg." betrug die Gesammtlänge der vom 1. October 1890 bis 1. October 1891 gebauten preußischen Eisenbahnen 2459,5 Kilometer.
Berlin, 2. Februar. Die „Voss. Ztg." meldet aus London, die russische Regierung beabsichtige die Wiedereinführung der Leibeigenschaft der Bauern.
Breslau, 1. Februar. Bei Rothsuerben sand eine große Überschwemmung statt, die Höhe der Fluth ist dieselbe wie 1883. Auch aus vielen anderen Orten wird Hochwasser gemeldet.
Königsberg, 1. Februar. Es wurde hier eine Brandstiftung im Schloßthurm versucht. Der Thäter ist noch unbekannt. Man vermuthet einen Zusammenhang mit dem Brandstistungsversuch an der alten Dirschauer Brücke.
Bochum, 1. Februar. Die Anklageschrift in Der Stempel-As faire wurde heute den Angeklagten zugestellt. Angeklagt sind Meister und Beamte, dagegen Baare und seine Ingenieure nicht. Die Anklage umfaßt die Zeit von 1876 bis 1891.
Saarbrücken, 1. Februar. Es wurde hier in einer Versammlung Der Schreiner mitgetheilt, der Deutsche Schreiner- Verband habe einen allgemeinen Streik in Aussicht genommen.
Kaiserslautern, 1. Februar. Vier Eisenbahn-Werkstätten- Arbeiter, davon zwei katholisch, welche wegen Beschimpfung der katholischen Kirche (Verspottung des heiligen Rockeö in Trier durch Nachahmung einer Procession) angeklagt waren, wurden heute von der Strafkammer kostenlos sreigesprochen, weil die Verspottung in der Werkstätte geschehen sei und des- halb der Begriff der Oeffentlichkeit fehle.
Rom, 2. Februar. In der Kammer erklärte der
Bekanntmachung,
den Ausbau der Liebigstraße resp. Enteignung von Gelände betreffend.
Nachdem die Stadt Gießen zwecks Ausbau der Liebigstraße die Enteignung des nachverzeichneten Geländes:
a) von Martin Langsdorf und Ehefrau, geb. Brunov zu Gießen, Flur XXVI, Nr. 27634/100, Acker am unteren Riegelpfad mit 202 qm.
b) von Ernst Döring und Ehefrau Emilie, geb. Vom- Hof dahier, aus Flur XXVI, Nr. 269, 270 u. 271,3 Hosraithe das., rund 266 qm.
e) von Georg Brömer und Ehefrau, geb. Schäfer dahier, Flur XXVI, Nr. 2661/10, Grabgarten daselbst mit 166 qm.
d) von Karl Steinberger II. dahier aus Flur XXVI, Nr. 56, Acker im Gunthersgraben, rund 160 qm.
e) von Aron Katz zu Frankfurt a. M., ebenda aus Flur XXVI, Nr. 58 und 60, rund 339 qm.
beantragt hat, fo wird der Plan mit Anlagen nebst dem Anträge der Stadt Gießen von Freitag den 5. Februar bis Freitag den 19. Februar l. I. aus dem neuen Rathhaus zu Gießen zu Jedermanns Einsicht offengelegt und wird Tagfahrt vor der Localcommifsion auf
Freitag deu 19. Februar 1892, Vorm. 9 Uhr, auf das neue Rath Haus zu Gießen zur Verhandlung , über den Plan und die zu leistende Entschädigung hierdurch anberaumt. — Die Eigenthümer des oben verzeichneten Geländes und etwaige Nebenberechtigte werden hierdurch aufgefordert :
a. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung ober Beschränkung,
b. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebotes,
c. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Meidung I des Ausschlusses mit solchen,
d. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Art. 19) I bei Meidung des Ausschlusses mit solchen,
e. Anträge aus Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen im Sinne des Art. 14,
f. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an das zu enteignende Grundstück,
im Termin vorzubringen.
Wenn in dem Termin Einwendungen über den Zweck I und den Plan, sowie die damit in Verbindung stehenden I Anträge nicht vorgebracht werden sollten, dann wird in dem genannten Termine:
Freitag den 19. Februar 1892, Borm. 9 Uhr, zugleich über die Höhe der Entschädigung und die mit ihr zusammenhängenden Fragen verhandelt werden.
Gießen, den 30. Januar 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Der $it|r*rr Anzeiger erscheint täglich, M Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Jamitienötäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
KichmerAiizeiger
Henerat-Mnzeiger.
Telegramme und Schreiben, die ihm anläßlich seines Geburts- tages zugegangen sind.
Berlin, 1. Februar. Zum Vorsitz enden der Volksschule ommission ist Gras Clairon b'Haussonville gewählt. Die Commission besteht aus neun Conservativen, zwei Freisinnigen, vier Freiconservativen, sechs Nationalliberalen, sechs Abgeordneten des Centrums und einem Polen.
Berlin, 1. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." schließt einen Artikel über das Inkrafttreten der neuen Handelsverträge mit folgenden Worten: „Die verbündeten Regierungen selbst erachten sich mit den bisherigen Erfolgen nicht am Ziele, im Gegentheil sind begründete Aussichten vorhanden, daß die wirtschaftliche Tendenz unserer Reichspolitlk noch im Laufe dieses Jahres fernere Vereinbarungen mit verschiedenen Ländern zeitigt, welche die fruchtbringenden Wirkungen der mit dem heutigen Tage eröffneten Bahn in noch viel weiterem Umfange zur Geltung bringen.
London, 1. Februar. Lloyddepesche. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Eider", auf der Fahrt von Newyork nach Bremen, strandete gestern Abend bei dichtem Nebel auf dem Felsen Herfield Ledge. Ein Rettungsschiff begab sich an die Unfallstelle, um die nothwendige Hilfe zu bringen. Voraussichtlich wird die „Eider" bei der Hochfluth mit Hilfe eines Remorqueurs wieder flott.
London, 1. Februar. Sämmtliche Passagiere der „Eider" sind gerettet. Drei Rettungsboote waren nach Aufsteckung be8 Noth^qnals nach dem gestrandeten Dampfer abgefahren. Es gelang, auf mehreren Fahrten sämmtliche Passagiere ans Land zu bringen. Die Geretteten wurden in naheliegenden Dörfern untergebracht.
Dolsss telegraphischkS Lorrespondenz-Burrou j
Berlin, 1. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffent- I licht einen Dankerlaß des Kaisers für die zahlreichen I
bezweckend die Beförderung der geistigen und moralischen Bildung der Arbeiter.
Petersburg, 1. Februar. Der Reichsrath verhandelt heute über die Gründung einer neuen medicinischen Hochschule in Petersburg.


