messen in die Wagschale der kurze, aber Alles ausdrückeude Brief des Prinzen Friedrich Karl: „Ich erkläre, daß ich für den Marschall große Achtung habe, besonders wegen der Energie und Beharrlichkeit, mit welcher er seine Truppen der Kapitulation zu entziehe:: suchte, Cie meiner Meinung nach nicht verhindert werden konnte." Das ist die richtige Antwort auf die vier Fragen.
Das im Auslande vorwaltende Gefühl des Abscheues über die schnöde Befriedigung nationalen Größenwahns würde sich unzweifelhaft einen noch stärkeren Ausdruck verschafft haben, als es schon von Anfang der Untersuchung an gefunden, wäre das Opfer nicht ein Mann, dessen Vergangenheit nicht von militärischen, aber von humanen Gesichtspunkten aus so manche Flecken ausweist, dessen Energie, die ihn ooirba untersten Stufe zu dem höchsten Range emporgeführt, sich in seiner Kriegsührung in Africa und Mexico mit HinteUist und Grausamkeit gepaart zeigte. Diese Vergangenheit zu richten, hatte freilich Frankreich um jo weniger Grunb, als es in Bazaiue bis zu der Einschließung der Nheinarmee in Metz einen seiner größten KriegshelCen feierte und für die Eharaktersehler des Generals wenig Verständniß bekundet hatte. Wie der tapfere Held sich plötzlich in einen Feigling verwandelt haben soll, der die Waffen streckt, ehe seine Vertheidigungsmittel erschöpft sind, ist ein psychologisches Rälhsel, dessen Lösung sich die Franzosen wohl selbst schuldig bleiben werden. Denn zugegeben, daß politische Beweggründe den Marschall zum Ab' schlusse einer solchen Kapitulation hätten verleiten können, vermöge deren er mit seiner Armee im Vaterlaude gebliiben wäre, so luße sich doch nicht erklären, welche Art von politischer Triebfeder ihn zu einer Uebergabe hätte bewegen können, deren Folge die Gefangenschaft in der Fremde, mithin die absolute Unfähigkeit, nach irgend welcher Seite in Frankreichs Geschicke einzu- greifen, war.
lieber den ^ersten Eindruck, den die Verkündigung des Urtheils in Paris gemacht, berichtet einer unserer dortigen Korrespondenten: „Der Ausgang des Processes gegen den Ober-Kommandanten der Nheinarmee scheint das Selbstgefühl der Franzose:: wieder gewaltig gehoben zu haben, und sic sind heute mehr denn je überzeugt, daß, wenn keine Verräther an der Spitze der Armee von Paris und Metz gestanden hätten, die „Prnssiens" kurz und klein geschlagen worden sein würden. Dieser hat in so fern für Europa Wichtigkeit, als dadurch die Kriegslust der großen Nation wieder angefacht werden könnte."
Mit verhältnißmäßig geringerer Spannung, als das Urtheil des Kriegsgerichts wird man die Entscheidung abwarten, ob die Todesstrafe gegen den Marschall zur Vollstreckung gelangen wird. Trotz der lange brütenden Rachsucht, mit welcher noch in neuester Zeit Verbrecher aus den Zeiten der Kommune zu Tode gebracht worden sind, möchten wir doch eher glauben, daß das vom Kriegsgerichte selbst eingereichte Gnadengesuch Gehör erhält, als daß der Marschall Bazaine auf beni Sande von Satory wird niederknieen müssen, um den tragischen Schluß seines Lebens zu finden. Doch ob tobt, ob lebend, ihn hat das schlimmste Loos getroffen, das einem Soldaten beschieden werden kann, und wundern dürfte es nicht, wenn er den Tod einem Leben der Schmach vorziehen würbe. Oder wird das Bewußtsein ihn trösten, daß er sich nur als Sündenbock mit der Schuld seines Volkes beladen in die Wüste hinausgestoßen sieht; die Hoffnung ihn aufrecht halten, daß selbst er, der 62jährige Greis, in dem an Schicksals-Wendungen so reichen Lande noch eine Genugthunng für den erlittenen Schimpf, eine Wiederherstellung l seines Rufes erleben könne?
Dem jungen Recruten aber, der in Zukunft voll hochfliegenden Hoffnungen in die Reihen der französischen Armee eintritt und der noch nicht weiß, wessen er sich nach Erfüllung seiner Wünsche möglicher Weise von dem Danke seines Vaterlandes zu versehen hat — dem möge man den traditionellen Marschallsstab, welcher ihm in den Tornister gelegt wird, mit einer Abschrift des Todesuuheils gegen den Marschall Bazaine umwickeln.
DeutfcöCanö.
Darmstadt, 12. December. Die auf den 18. d. Mts. zusammenberufene zweite Kammer wird voraussichtlich nur bis zum 20. d. Mts. einschließlich versammelt bleib<n. Am ersten der genannten Tage werden die Regierungsvorlage wegen des Notariats in Rheinhesten, sowie die Anträge des Abgeordneten Heinzerling wegen Erlaffes einer Gesindeordnung und wegen Aufhebung der Privilegien, bezw. Beschränkungen der Frauen in Bezug auf Bürgschaften zur Brrathung kommen. Am folgenden Tage wahrscheinlich die Regierungsvorlage wegen Erhöhung der Staatssubvention für die Realschule in Offenbach, der Antrag verschiedener Abgeordneten wegen Gewährung eines Staatsbeitrages für die Realschule in Groß Umstadt, die'Regierungsvorlagen wegen Ucber- nahme der von den vormals kurhessischen Gemeinden Bockenrode und Dorheim an ihre Bürgermeister zu entrichtenden Pensionen auf die Hauptstaatskaffe, ferner wegen Bewilligung der erforderlichen Mittel zur Anschaffung von Bettstellen und andern Requisiten in verschiedenen Arresthäusern und Haftlocalen des Großherzogthums, weiter wegen Erweiterung des Gymnasiums in Darmstadt, und wegen der Verbesserung der inneren Einrichtung der Entbindungsanstalt zu Gießen, endlich wegen Erwerbung und Unterhaltung der Kapelle zu Iben, Kreis Alzey. Am Samstag folgen dann voraussichtlich die Regierungsvorlagen wegen Abänderung des Gewerbsteuertarifs, wegen baulicher Veränderungen auf dem Hof Rheinfelden, wegen Aufhebung des Stempels für auswärtige Zeitungen und wegen Bewilligung von weiteren 60,000 fl. für die Staats- und Provinzialstraßen, sowie der Antrag des Abgeordneten Heidenreich wegen Abänderung der Bestimmungen über die bei Erhaltung der Landesgrenzen aufzuwendenden Kosten, und schließlich der bekannte Antrag des Finanzausschusses betreffs des Finanzgesetzes, bezw. der neuen Etats. Ob sich hieran noch einige weitere inzwischen sprachreif werdende Gegenstände anreihen, steht noch dahin..
Die erste Kammer tritt schon am 16. d. Mts. zusammen. Für den ersten Tag steht die Verathung der landständischen Geschäftsordnung und der Verwaltungsgesetze, für den folgenden Tag das Volksschulgesetz auf der Tagesordnung.
Darmstadt, 13. December. Die Social-Demokraten Eisenacher Schule (Volksstaats) haben I. Most als Kandidaten für hier und Augsburg aufgestellt. An Empfehlungen fehlt es demselben nicht. Wie jüngst in Augs
burg einer seiner Freunde hervorhob, steht ihm eine ruhmvolle Vergangenheit zur Seite; er bat in Oesterreich im Zuchthaus, in Sachsen im Gefänglliß gesessen und Aussicht, bald wieder dahin zu kommen; darum solle er nun auch einmal im Reichstag sitzen.
Friedberg, 13. December. Vor einigen Tagen fand dahier im Hotel zu den „Drei Schwertern" eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der Vertrauensmänner der hessischen Fortschrittspartei des zweiten oberhessischen Reichs- tagswahlbezirks bezüglich der bevorstehenden Reichstagswahl statt.
Die fünf Landtags-Abgeordneten bes Bezirks waren anwesend, Abgeordneter Scriba führte den Vorsitz. Die erste Frage über den für den Reichstag aufzustellenden Kandidaten wurde einstimmig zu Gunsten des Herrn Dr. jur. Schröder in Worms entschieden, nachdem die Herren Abgeordneten Ellenber- ger, Kuhl und Schaum, sowie die Herren Pfeifer aus Weubach, Runk aus Rendel u. A. diese Kandidatur auf'ö Wärmste befürworret hatten. Des Herrn Professor Thudichum in Tübingen, der ebenfalls für unseren Wahlbezirk in Vorschlag genommen war, wurde in ehrenvollster Weise gedacht, die Versammlung war jedoch der Ansicht, daß ein unseren Verhältnissen näher stehendes Mitglied der hessischen Fortschriltsparte: in erster Linie in Aussicht zu nehmen sei.
Der zweite Punkt der Tagesordnung betraf die Organisation der Wahlbewegung und wurde auch hierin ein vollständiges Einverstäudniß erzielt. Herr Dr. Schröder hat aus eine telegraphische Benachrichtigung von dem Resultat der Versammlung sofort seine Annahme der Kandidatur erklärt. Wir zweifeln nicht, daß die Wahl, vorausgesetzt daß die liberale Partei unseres Wahlkreises die seither bethärigte Einmüthigkeit und Thätigkeit auch dieses Mal bewährr einen vollständigen Erfolg erzielen wird. - ,
Gießen, 15. December. Zur größeren Sicherung und Beschleunigung der Päckerei-Beförderung hat das General-Postamt Formulare zu „Post- Packetadressen" Herstellen lassen, welche sowohl für gewöhnliche Pallete, als auch für Pallete mit Werthangabe oder mit Postvorschuß und für r ec o mm am dirte Pallete zweckmäßig an Stelle der bisherigen Packet-Begleitbriefe benutzt werden können.
Die Post-Packetadressen, aus gelbem Karton-Papier und in der Größe der Postanweisungen, werden zum Preise von 3 Pfennigen für 5 Stück bei sämmtlichen Postanstalten zum Verkaufe bereit gehalten. Auch sind die Briefträger, Landbriefträger und Packelbesteller mit Vorräthen von Post-Packer- adressen versehen, um dieselben auf Verlangen an die Korrespondenten käuflich abzulassen. Den Korrespondenten ist unbenommen, sich die Packetadressen auch selbst Herstellen zu lassen. Die Adressen müssen aber an Farbe, Stärke, Größe und Vordruck den amtlich herausgegebenen Formularen genau entsprechen. — Die Post-Packetadressen sicid, nach Art der Postanweisungen, mit einem Kou- pon versehen, welcher von dem Absender zu schriftlichen oder gedruckten :c. Mittheilungen benutzt und von dem Empfänger abgetrennt werden kann. Die Ausfüllung des Vordrucks auf dem Koiipon, „Name und Wohnort des Absenders" ist in das Belieben des Absenders gestellt. — Außerdem ist es bei den Versendungen innerhalb Deutschlands nach wie vor gestattet, offene oder geschlossene Briefe mit in die Packete zu verpacken. — Durch Aufkleben oder An- Heften auf die Packete kann ein zweites Exemplar der Packetadresse sehr zweckmäßig auch als Packetsignatnr benutzt werden. — Die Anwendung der Post- Packetadressen wird im eigenen Interesse des Publikums dringend empfohlen. Insbesondere wird ersucht, dieselben während der bevorstehenden Weihnachtszeit möglichst allgemein zu benutzen.
Zum 1. Januar 1874 wird die aus Anlaß der Porto-Ermäßigung zu erwartende beträchtliche Steigerung des Post - Packetverkehrs es voraussichtlich zweckmäßig erscheinen lassen, die Anwendung der gedruckten Post-Packetabressen- Formulare, in Stelle der bisherigen Begleitbriefe, für alle Packet - Versendungen mit der Post obligatorisch zu machen.
Bochum, 13- December. Die „Westph. Volks-Ztg." meldet, der Kultusminister habe wider den Bischof von Paderborn wegen Nichtbesetzung der Pfarre Olm die Temporalien-Sperre verhängt.
München, 12. December. Auf die Vorstellung, welche der bayerische Episkopat bezüglich der königl. Verordnung, betr. die Errichtung von coufessio- nell-gemischten Schulen, an den König gerichtet hatte, ist eine abschlägliche Entschließung des Eultusministerius ergangen.
Frankreich.
Paris, 11. December. Der Proceß Bazaine hat alle Wunden wieder aufgerissen; schon darum war er ein politischer Fehler. Aber „der See wollte sein Opfer haben," und wenn Bazaine noch einige Jahre lebt, so „kann es kommen," um mit dem Univers zu reden, „daß dieser traurige Proceß einer Revision unterworfen wird," u.:d bann wird der Herzog von Aumale höchst wahrscheinlich eine klägliche Rolle vor der Jury der historischen Kritik spielen. Wenn Garnbetta das Todesurtheil mit Jubel begrüßt, so hat er vergessen, daß auch über seine Dictatorwirthschaft das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, obgleich wir gern zugeben, daß die Bonapartisten übertreiben, wenn sie heute im Pays ihm die Hauptschuld an dem Proteste znschreiben, „diesem Feigling, diesem Elenden, diesem Gambetta, der niemals den Feind gesehen und der Frankreich den letzten Blutstropfen und den letzten Pfeniiig abgezapft hat." Die Leidenschaften sind erwacht, und die Begnadigung, welche der Besiegte von Wörth und Sedan in seiner Eigenschaft als Präsident der Repiiblik dem Kapitulanten von Metz ertbeilt, wird noch nach Jahrhunderten unter den Pikanterieen der Weltgeschichte commentirt werden. Auch die Haltung der Presse ist wieder ganz so tact- und haltlos, wie sie es währenddes Krieges war; ja, man muß fast gestehen, daß sich Kritiklosigkeit und Verblendung seitdem noch tiefer eingefressen und der Geschmack wie das Anstandsgefühl, das den besseren Schichten des französischen Volkes in so hohem Grade eigen war, den rohen Trieben einer heruntergekommenen Generation gewichen sind. Sogar Le Franyais klagt über „die frivole Neugier," die sich um den Proceß gedrängt habe, und ermahnt zu mehr Würde.
Paris, 11. December. Auf alle denkenden Leute hat der Ausgang deS Protestes Bazaine einen traurigen Eindruck gemacht. Der Verurtheilte erregt Mitleid und feine Richter Verachtung. Man weiß schon ziemlich allgemein, was sich in der oierftünbigen Verathung beS Kriegsgerichts in Trianon begeben hat; bie Zeit ist nicht allein zur Erwägung der vier Fragen verwanbt


