müssen, um ihre Pensionen zu erhalten, und ein anderes ordnet an, daß die ge- tödteten Nationalgarden, deren Identität mau nicht feststellen kann, photographirt und dann auf Staatskosten begraben werden. Zu erwähnen ist noch eine Bekannt- machung des Bauten-Ministeriums. Dieselbe lautet: „Die Bürger, welche von den dem Staate und der Stadt angehöreuden Niederlagen von chemischen Pro- ducten, Maschinen, Luftballons u. dgl. Kenntniß haben, werden gebeten, dieses der wissenschaftlichen Delegation im Bauten - Ministerium mitzutheilen. Die Besitzer Von Petroleum sind genöthigt, schriftlich und binnen drei Tagen ihren Vorrath anzugeben. Die Erfinder von VertheidigungS- oder Angriffswaffen können ihre Pläne oder Modelle an die nämliche Adresse abgeben. Die Chemiker, die Re- volver- und Gewehr-Fabrikanten rc., welche Arbeit wünschen, können sich jeden Tag im Bauten-Ministerium vorstellen." Die militärischen Berichte des osfictellen Blattes sind ohne alle Bedeutung. — Außerdem enthält das offictelle Blatt noch folgende, den Handelsstand betreffende Note: „Die Kaufleute, welche sich während der Belagerung geflüchtet haben und denen die Stadt Plätze eingeräumt hat, um ihre Waaren unterzubringen, werden aufgefordert, sich in kürzester Frist zur Direction der Communal-Miethen, Rue de Ber^y 45, zu begeben. Widrigenfalls werden ihre Waaren auf ihre Gefahr in fpeclelle Magazine gebracht."
Wir entnehmen einem Schreiben aus Paris vom 23. April: „Wie man versichert, wird morgen endlich ein Waffenstillstand für Neuilly abgeschlossen werden. Die Lage der Dinge ist dort furchtbar. Dieser Ort. ist seit zwanzig Tagen der Hauptschauplatz des Kampfes zwischen den Parisern und den Versaillern. Die Verwüstungen, welche die Kugeln dort anrichten, sind um so größer, als es fast nie zu einem eigentlichen Kampfe kommt, sondern man sich nur kanonirt und chassepotirt und bald die eine oder die andere Partei vor- oder rückwärts geht. Irgend etwas Entscheidendes fällt nie vor. Man schlägt sich, wie in Südamerika, wo, wenn es zum Kriege kommt, man auch mehr Lärm macht, als sich wehe thut. Die Verluste auf beiden Seiten waren in Neuilly zwar ziemlich ernst, aber sie stehen doch in keinem Vergleiche zu den 22tägigen Kämpfen. Stark gelitten haben natürlich die Bewohner dieses Orts. Die Versailler sowohl als die Pariser sind ohne Barmherzigkeit für dieselben. Man hatte zur Zeit den Deutschen vorgeworfen, daß sie einige Bomben nach Paris hineinwarfen, ohne daß man dieses officiell vorher angekündigt, und heute schießen die Franzosen einen Ort, der nahe au 40,000 Einwohner hat, zusammen, ohne daß man dieselben vorher benachrichtigt und ohne daß man ihnen gestattet, sich entweder in Paris oder bet den Versaillern in Schutz zu bringen. Das Schlimmste ist noch, daß man dem Orte nicht erlaubt, sich zu verproviantiren, d. h. weder über Paris noch über Courbevoie die Einführung von Lebensmitteln gestattet. Die Zahl der Bewohner, die sich in die Keller geflüchtet und dort vor Kälte und Hunger umkommen, oder auch unter den Trümmern der einstürzenden Häuser begraben werden, beträgt noch über 15,000. Und wenn dabei die Versailler Armeen noch die geringsten Fortschritte gemacht hätten, denn ihre Stellung ist ungefähr die, welche sie gleich nach der Einnahme der Neuillyer Brücke inne hatten! Sie stehen von der Brücke auf der linken Seite der Avenue bis zur Rue des Huiffiers, die etwas über der Brücke liegt, und halten dann den Park Neuilly und in neuester Zeit den Theil des Ortes, der Sablonville heißt, besetzt. Die Pariser sind dagegen im Besitze des Theiles von Neuilly, der auf der rechten Seite der Avenue von dem Boulevard du Chateau an liegt und dessen Rückseite an das Boulogner Gehölz stößt. Das Terrain/ welches man sich dort seit ungefähr 17 Tagen streitig macht, ist kaum 200 Meter breit, und bald sind die Einen, bald die Anderen, man kann nicht sagen, Sieger, sonc-ern die, welche zurück- oder vorgehen. Neuilly ist es natürlich nicht allein, welches heimgesucht ist, sondern der ganze Theil von Paris, der sich ungefähr eine halbe Stunde hinter den Wällen erstreckt, die von Auteuil und Passy bis nach Batignolles gehen. Der Kanonendonner bei Tag und Nacht ist ein entsetzlicher. Eine Unzahl Fensterscheiben zersprangen selbst in Vierteln, bis wohin die Bomben bis jetzt nicht gedrungen sind. Die Stimmung in Paris selbst ist, wie man sich denken kann, auch eine furchtbare. Ueberall sieht man nur trostlose, ängstliche Gesichter, und viele Derjenigen, welche der Belagerung und ihren Drangsalen Trotz boten und die sich selbst nicht durch den 18. März verscheuchen ließen, suchen jetzt Vas Weite, da sie anfangen, einzusehen, daß, wenn der Kampf sich erst nach Paris hineinspielt, halb Paris zu Grunde gehen wird. Was die Commune betrifft, so läßt es sich noch keineswegs absehen, wann es mit ihrer Herrschaft zu Ende sein wird. Zwar sind wieder zwei Bataillone, das 220. und das 261., durchgegangen, d. h. sie verließen die Stellungen, die sie zu bewachen hatten; im Ganzen genommen, herrscht aber unter den Anhängern der Commune noch sehr viel Eifer. Was dieser noch besonders zu Statten kommt, ist der Umstand, daß diele derer, welche ihr Auftreten und ihre Handlungsweise mißbilligen, deßhalb nichts Ernst« liches gegen dieselbe thun, weil sie die Reaction in Versailles am Ende noch mehr fürchten, als die Bestrebungen des Rathhauses. Was die Miethsfcage anbelangt, so hat die Versailler Lösung dieser Frage in Paris nicht besonders be- srirdigt. Das betreffende Gesetz wird hier übrigens etwas ironisch ausgenommen. Man meint, daß die Versailler Generale die Frage dadurch lösen werben, daß sie das Befitzthum der Hauseigenthümcr und zugleich das der Miether, welches die Garantie für die ersteren bildet, zusammenschießen werden." (KZ.)
Der Aufstand in Algerien nimmt immer größere Dimensionen an. Die ganze westliche Hälfte der Colonie, sowie auch ein Theil der östlichen Colonie befindet sich in vollem Aufruhr. Der französischen Regierung fehlen augenblicklich die Mittel, die Bewegung zu dämpfen.
Einem von Petersburgern Blättern erwähnten Gerücht zufolge wird der Großfürst-Thronfolger sich nach der Rückkehr der preußischen Garde-Regimenter aus Frankreich nach Berlin begeben, um ihrem feierlichen Einzug in die neue Haupt- und Residenzstadt des deutschen Reiches betzuwohnen und dem steggekrönten deutschen Kaiser seine, Glückwünsche und die Gefühle der Verehrung und Bewunderung persönlich auszusprechen. Der Großfürst-Thronfolger soll seinen kaiserlichen Vater selbst um die Erlaubniß zu dieser Reise gebeten und sie auch er- halten haben, damit ihm Gelegenheit werde, die vielfach verbreiteten Gerüchte von seiner angeblichen Antipathie gegen Preußen und Deutschland thatsächlich zu widerlegen.
Aus Rußland wird gemeldet, daß die Consequenzen der Ergebnisse der Londoner PontuSconferenz sich bereits praktisch geltend machen. Außer der Wieder- bcfestigung von Sebastopol ist Nicolajew, das mit seinen Vorstädten bereits 65,000 Einwohner zählt, zum eigentlichen Kriegshafen für die künftige Pontus- flotte Rußlands ausersehen.
Die Negierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika hat in Bucharest ein Consulat errichtet und die Geschäfte desselben Herrn Belchiotto — einem
Israeliten — übertragen, der die specielle Mission erhalten, dort für die Verbesserung der Lage der Juden in den Herzogthümern zu wirken.
Darmstadt, 27. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom Gestrigen geruht: Allerhöchst Ihren Herrn Neffen, den Major im 3. Jnf.-Rgt. Prinzen Wilhelm von Hessen, Großherzog, liche Hoheit, zum Oberstlieutenant und Allerhöchst Ihren Generaladjutanten Generallieutenant Freiherrn von Trotha zum General der Cavallerie zu ernennen.
Berlin, 26. April. Deutscher Reichstag. Die heutige 23. Plenarsitzung wird vom Präsidenten Dr. Simson um liy4 Uhr mit mehreren geschäftlichen Mittheilungen eröffnet, daß sich die Commission zur Vorberathung des Gesetzes über die Jnhaberpapiere mit Prämien constituirt und zum Präsidenten den Abg. v. Benda, zum Stellvertreter v. Blanckenburg, zum Schriftführer Dr. Bank, zum Stellvertreter Nieper erwählt hat.
Auf der Tagesordnung steht:
1) Interpellation des Abg. Dr. Gerstner: ob der Bundeskanzler die An- sicht hat, auf Grund der §§. 41 ff. der Reichsverfassung Erhebungen über die Klagen des Handelsstandes bezüglich der durch die Militärtransporte nicht gerechtfertigten Störungen im Gütertransport der deutschen Eisenbahnen zu veranlassen und dafür Sorge zu tragen, daß die Unregelmäßigkeiten im deutschen Eisenbahnverkehr nicht jenes Maß überschreiten, das die Erfüllung der militärischen Aufgabe unvermeidlich macht? — Nachdem der Fragesteller seine Interpellation mit den Klagen des Haudelsstandes begründet , erklärt Minister Delbrück: es sei ganz selbstverständlich, daß die Regierungen Sorge tragen werden, daß die Unregelmäßigkeiten das durch die Umstände gebotene Maß nicht übersteigen , nichtsdestoweniger würden die Verkehrsstockungen in der nächsten Zeit nicht nur anhalten, sondern wo möglich durch die Truppen-Rücktransporte sich noch steigern. Das liege hauptsächlich daran, daß durch den Krieg und durch den strengen Winter, welcher die Waffercommunication auf Monate ganz verschloß, das Betriebsmaterial in einer Weise ausgeuutzt wurde, welche eine umfassende Erneuerung desselben bedingt. Uebrigens leide nicht nur der Handelsstand, sondern die ganze Bevölkerung darunter.
2) Erste Lesung des Antrages Schulze (Berlin) auf Annahme eines vorgeschlagenen Gesetzes über die privatrechtliche Stellung von Vereinen. Dasselbe wird nach kurzer Debatte, in welcher Minister Delbrück die Entschließungen des Bundesraths bis nach extrahirt-'m Beschluß des Hauses reservirt, einer Commission von 14 Mitgliedern zur Vorberathung überwiesen.
3) Antrag des Abg. Dr. Bamberger, eine Commission niederzusetzen, welche eine authentische Berichterstattung über die Plenarsitzungen des Reichstages auf Grund des stenographischen Berichts vorbereitet. — Der Antragsteller führt in längerer Rede aus, daß der Oeffentlichkeit, der Seele des parlamentarischen Le- bens, in dem jetzigen Sitzungssaale in keiner Weise Genüge gethan werde. Die schlechte Luft im Saale legt die Frage nahe, ob nicht die Zahl der Zuhörer auf den Tribünen zu beschränken ist; der stenographische Bericht dringt nicht ins Publikum, die ZeitungSreferate geben kein correctes Bild der Verhandlungen, weil die Reporter unmöglich 4—5 Stunden lang den Reden mit der nöthigen Aufmerksamkeit folgen können. Abhilfe schaffe nur eine unparteiische Redaction, welche die stenographischen Aufnahmen benutzt. — Dr. Becker (Dortmund). Wenn das Haus Lust habe, eine solche RedactionS-Commisston einzusetzen, so möge es nur ihn nicht htneinwählen, denn diese werde es weder den Rednern noch den Zeitungen recht machen. In England existire gar keine offictelle Berichterstattung, nicht einmal eine stenographische Aufnahme der Reden, und doch bringen die englischen Zeitungen die besten Parlamentsderichte; die den Journa« listen durch eine offictöse ReichStagS-Correspondenz bereitete Concurrenz werde bas Uebtl noch verschlimmern. — v. Kardorff folgert aus dem Versehen, baß bie Breslauer Hausblätter kürzlich in einer Sitzung das Wort den Grafen Bethufy- Huc ergreifen ließen, in welcher er gar nicht anwesend war, die unbedingte Noth- wendigkeit einer osficiösen Correspondenz. — Dr. Wehrenpfennig. Man schaffe nur eine Journalistentribüne, auf der man die Redner hören und verstehen kann, dann würben auch die Klagen aufhören — Damit ist die Debatte geschlossen; für den Antrag erheben sich kaum 10 Abgeordnete, darunter Prinz Wilhelm von Baben und mehrere Freiconservative.
4) Antrag des Abg. v. Kardorff, den Bundeskanzler zu ersuchen, die nöthigen Schritte zu thun, um zu verhindern, daß durch vertragswidrige Manipulationen der italienischen Regierung thatsächlich ein Prohibitiv- und Schutzzoll zu Gunsten des in Italien fabricirten Spiritus geschaffen wird, welcher die Con- currenz des in Deutschland fabricirten Spiritus auf italienischen Märkten ausschließt, wird nach kurzer Debatte angenommen.
5) Petitionsbcrichte. Die Petition des Gutsbesitzers Hillmann zu Nordenthal, welche sich über verschiedentliche Beschränkungen der Wahlkreise Oletzko und namentlich darüber beschwert, baß bei ber Zusammenlegung mehrerer Orte nicht der größte derselben als Wahlort benutzt ist, wird der Regierung zur Abhilfe überwiesen. — Die Bitte mehrerer landwtrthschaftlichen Vereine um Wiedereinführung der zwölftägigen Quarantaine für Steppenvieh wird verworfen, dagegen der Bundeskanzler ersucht, über die zur Verhütung des Etnschleppens ver Rinderpest erforderlichen Maßregeln, namentlich über etwaige Verpflichtung ber Eisenbahnen zur Sicherstellung ber Desinfektion ver Viehwagen Ermittelungen anzustellen.
Schluß 31/2 Uhr. Nächste Sitzung morgen 1 Uhr.
Marburg, 26. April. Es ist nunmehr auch der dritte unserer Professoren, die dem Heere auf den Kriegsschauplatz gefolgt waren, der Director der hiesigen medicinischcn Klinik, Professor Mannkopff, zurückgekehrt und gedenkt Anfangs Mai seine Vorlesungen zu eröffnen.
Ems, 26. April. Kaiser und Kaiserin von Rußland mit Familie treffen Mitte Mai zur Cur hier ein. Die Wohnung ist noch unbestimmt, Gefolge und Dienerschaft bereits im Curhause abgestiegen. (Also besucht der Kaiser nicht Kissingen, wie die „N. Pr. Ztg." meldete?)
Frankfurt, 25. April. Gestern kam auf dem Rückwege aus Frankreich ein Fuhrpark von 150 Wagen hier durch. Dieselben waren von Magdeburg im verflossenen Winter mit Fourage und Proviant zur Armee abgegangen. Sie sind dem deutschen Heere bis hinter Le Mans gefolgt und kehren nun in mäßigen Etappen in die Heimath zurück. Die Fuhrleute fanden in Frankreich Gelegenheit, ihren Pfervebestand mitunter zu Spottpreisen zu ergänzen. So sah man an einem ber vordersten Wagen einen stämmigen Gaul, ber ursprünglich für 3
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