Berste,
Berlin, 23. September. Der „Kreuz,eitung" zufolge hat Graf Arnim itt-
zu losen, die Serben steigern ihre Forderungen nationaler Autonomie, die Rumänen verschmähen bei aller Unwissenheit der Lehrer ihre von der Negierung gebotenen Schulen, Vie Slovaken fordern nationale Oberbeamte, die Ruthenen murren über Octroyrung der russischen Sprache, und wenn die Deutschen stiller sind als die anderen, so ist es sicher nicht um allzu großen Behagens willen, daß sie schweigen. Diese scheltenden oder klagenden Stimmen begleitet unfehlbar die ungarische Linke, der die Regierung gegen alle nichtungarischen Völker zu gerecht und zu milde ist. Es herrscht da eine latente Verstimmung, die in unaufhörlichem Hader sich Lust macht; geht man ihren Ursachen auf den Grund, so kommt man zur Ueberzeugunz, daß für diese mit Gesetzen, seien dieselben auch noch so gut, nichts zu thun ist, da sie tiefet liegen, als ein Gesetz zu dringen vermag. Die Klüfte, welche die Bildungskreise der Volker in einem polyglotten Staate zwischen sich lassen, werden nur ausgefüllt in dem Grade, als die Erkenntniß der eigenen Interessen wächst, und dies geschieht nicht anders als im Zusammenhang mit der Vermehrung der Bildung und des Wohlstandes. Wo immer z. B. die jetzige ungarische Negierung bei den sechs nichtungarischen Stämmen ihres Landes Fuß gefaßt hat, ist es in den Kreisen der Handeltreibenden, der Industriellen, der sogenannten intelligenten Klaffen gewesen. Jene Schichten dagegen, die dem Verkehr und den geistigen Strömungen ferner stehen, bilden die Hauptmaste ihrer Gegner, denn nur bet ihnen findet das Nationalitätsprincip in seiner rohesten Form, die für jeden Stamm einen eigenen Staatsapparat fordert, Anhang. Und was hält die drei Nationalitäten in der Schweiz zusammen? Viel mehr ist es die Gleichheit der socialen und Bilvungsoerhältniffe, die sie alle gleich fähig macht, dem Staats- interesse die Slammesinteresten zu opfern, als das Gesetz. Angesichts solcher Er- , fahrungen ist es wohl nicht voreilig abgesprochen, wenn man dem cisleithanischen
Ausgleich, der die freisinnigen und gebadeten Elemente schwächt und dessen Urheber i sich den Kitt dieses Staates, das Bürgerthum, entfremden, Erfolglosigkeit oder
gar üble Folgen prophezeit.
Aus den brieflichen Nachrichten über die Massenversammlung, welche am 4. September in Newyork zur Besprechung der Veruntreuungen und der Mißver- waltung stattfand, geht hervor, daß die Versammlung sehr zahlreich und von ein- ußreichen Leuten besucht war und damit endigte, daß ein Ausschuß von 70 der namhaftesten Bürger ernannt wurde, um die weiteren Schritte zu veranlassen. Im Verlaufe der Unterhandlungen wurde erwähnt, baß es sich hier um 39 Millionen Dollars handle, welche während der letzten paar Jahre aus der Tasche der Steuerzahler in die einiger wenigen Lumpen geflossen seien.
Lauterbach, in Oberhessen, 20. September. Gestern traf mit Extrazug der Großherzog, von Friedberg kommend, hier ein und wurde auf dem Bahnhofe, welcher von den Bahnhofsbeamten auf das Geschmackvollste decorirt war, von einem zahlreichen Publikum begrüßt. Bei der Ankunft spielte die hiesige Stadt- Capelle und es erschallten Hochrufe. Nachdem der Großherzog einen kurzen Be- such in Schlitz bei dem Grasen Görtz abgestattet, erfolgte die Ruckreise von Lauterbach mittelst Extrazuges.
Wiesbaden, 21. September. Durch rechtskräftiges Urtheil des Polizei- gerichts zu Hadamar ist der katholische Pfarrer Jost von Ellar zu einer Geldbuße von 15 Thlrn. eventuell 15 Tagen Gefängnrß verurteilt worden, weil er in der Kirche vor versammelter Gemeinde den Sohn eines Bürgers pgeohrfeigt" , sowie
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„Flegel" und „B.ngel" geschimpft hat.
t Berlin, 22. September. Morgen werden es bereit» fünf Wochen, daß die Mehrzahl der hiesigen Tischlergesellen mit ihren Meistern in offener Fehde liegen, und noch ist kein Ende de» StrikeS abzusehen, wenn nicht ähnlich wie bei den Maurern, ganz urplötzlich zur Retraite, d. h. zur Wiederaufnahme der Arbeit, geblasen wird. Der größte Theil der Tischlermeister hat schon von Anbeginn de» StrikeS an jede Beziehung mit dem Gesellen-Cowite abgebrochen, weil von ihnen die Forderungen — Aufbesserung des Lohnes auf 25 Procent bei gleichzeitiger Ver- kürzung der Arbeitszeit um P/i Stunden — als absolut unerfüllbar bezeichnet werden. Ein anderer Taeil der Meister hat eine Einigung mit den Gesellen gesucht, aber, wie vorau-zusehrn war, nicht gefunden; das Anerbieten unter Beibehaltung der jetzigen elistündigen Arbeitszeit, eine Lohnzulage von 162/3 Procent zu gewähren, ist von den Grellen mit Hohn zurückgewiesen worden. Unter solchen Umständen werden die Gegensätze unvermittelt bleiben, bis die zwingende Roth- wendigkeit den einen oder den anderen Theil zur Nachgiebigkeit zwingt. Wie aber auch der Würfel fallen möge, die Verbissenheit, der ingrimmige Haß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird dadurch zu verderbenbringender Höhe gebracht. Ist es doch zwischen den Tischlermeistern und ihren Gesellen bereits zu bevauet' lichen Tätlichkeiten gekommen, die von den Socialdemokraten zwar den Meistern in die Schuhe geschoben, von diesen aber auf die G.gner zurückgewälzt werden. OaS Meister'Comite veröffenilicht nämlich eine Erklärung, wonach in ihre Versammlung mehrere Gesellen widerrechtlich eindrangen, die, nachdem sie mehrmals rum Verlassen des Locals ausgefordert worden waren, mit Knitteln auf die Meisttk einhieben, in Folge dessen sie natürlich auf dcm kürzesten Wege an die Luft speviit wurden, wobei einer der Excedenten nicht unerhebliche Verletzungen erhielt. Der .Social-Demokrat" erhebt einen furchtbaren Lärm über die „Rohheit" der Meister, ; aber er widerspricht nicht der von den Letzteren gegebenen Darstellung und bestätigt
dieselbe somit.
Auch der Maurerstrike ist noch nicht ganz zur Ruhe gebracht; beide Thetu, Meister wie Gesellen, streiten sich nämlich darüber, wer die Palmen in dem Kampfe errungen hat. Die Meister weisen darauf hin, baß sie der entwürdigenden Forderung einer schriftlichen Zusage an das Gesellen-Comite nicht nachgekommen sind, und die Gesellen behaupten, fast durchweg bet zehnstündiger Arbeitszeit den Taglohn von 1 Tvlr. im Minimum durchgesetzt zu haben. Ob Letzteres richtig tft, mag dahingestellt bleiben; wenn die Gesellen behaupten, sie arbeiteten „letzt" nur von 6 bis 6 Uhr, so ist das unzweifelhaft richtig, weil man eben länger nr^t schen kann, so lange aber das Tageslicht bis 7 Uhr auSrlichte, wurde auch faktisey auf allen Bauten so lange gearbeitet. . ...
Die „Elberfelder Ztg." bringt die auffällige Nachricht, daß sich tn Afrika
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Airche und Staat nur drei Fälle möglich: Entweder der päpstliche unfehlbare , Absolutismus findet nicht genug Widerstand, setzt sich im religiösen Bewußtsein der i Völker fest, und der Papst bemächtigt sich ter constitut^onellen Rechte des glaubt- gen Volkes, um über Staaten und weltliche Regierungen die Oberherrschaft zu üben — hierarchischer Absolutismus oder, wenn man will, Papc-cäsariSmuS. Over die weltlichen Regierungen weisen tn Verbindung mit den kirchlich-oppositionellen Elementen die päpstliche Oberherrschaft zurück, versäumen aber, das politische und das rein kirchliche Gebiet zu scheiden, so daß ihre Wahrung deS politischen Rechtes zugleich ein beständiges Eingreifen in das kirchliche Gebiet mit sich bringt und sie darin Herrschaft üben müssen — kirchlich-polttischer Byzantinismus oder Cäsaro- papismus. Oder endlich — Scheidung des politischen und kirchlichen Gebietes. Strenge Wahrung der Rechte des Staates allen religiösen Genossenschaften gegenüber; aber so, daß der Staat einen weiten, sozusagen rechtlichen und sittlichen Rahmen bildet für seine Bewegung und Entwicklung aus dem religiösen Gebiete.
In dem lieblichen Thale von Oberstdorf in Bayern, umgeben von einem Kranze Bergriesen, welche alle zwischen 6- bis 8000 Fuß emporragen, in dem südlichsten Winkel des deutschen R iches neuer Zeitrechnung, wurde am 17. v. M. ein politisches Volksfest begangen, deff.n Bedeutung nicht in dem engen, wenn auch noch so wunderbar schönen Rahmen mehrerer Berge begrenzt ist. Dr. Volk, der langjährige Vertreter des algauer Wahlkreises in der bayerischen Abgeordneten- kammer und von demselben auch in» Zollparlament gewählt, dann aber bei der Landtag-wahl im November 1869 den unerhörten Anstrengungen und namentlich den Verdächtigungen seiner clerikalen Gegner unterlegen, war von dem algauer Volksverein der oberschwäbischen Organisation der Fortschrittspartei eingeladen worden, seinen Wählern, die ihn mit fast 12,000 Stimmen in den Reichstag entsendet haben, in dem „obersten Dorfe" des Reiches einen Reichstagsbenchl abzustatten, nachdem ein Gleiches schon unmittelbar nach Schluß des Reichstages in dem nördlicher gelegenen Immenstadt geschehen war. Schon mehrere Wochen hindurch war die Ankunft Dölk's und der 17. Septbr. Hauptangelpunkt des polrti- scheu Gesprächs, weil bei der Landtagswahl gerade in dieser Gegend Alles gegen 8 den Fortschrittsabgeordneten aufgeboten war. Auch jetzt wieder konnte die neu entfachte kirchliche Bewegung Bedenken erregen, ob die glänzende Satisfaktion, । welche Völk durch die ReichstagSwahl erlangte, etwas Dauerndes oder der vor- übergehende Reflex der großartigen KriegSereign sse gewesen sei. Der Verlauf des gestrigen Tages hat alle guten Erwartungen weit übertroffen. Die überaus zahlreich versammelte Menge, welche schon in den frühen Morgenstunden meilenweit von den Bergdörfern und Weilern heruntergekommen war, um Völk zu hören folgte dem gehaltvollen und ebenso maßvollen Vortrage des Redners mit der ge- spanntesten Aufmerksamkeit, und am Schluffe wollte der Iubelsturm, in den sich der Donner der Böller mit ihrem vielfachen Echo an den Brrghalden mischte, kein Ende nehmen. Statt eines trockenen Berichtes über die einzelnen Reichstagsvorgänge schilderte Völk den ganzen politischen Umlauf der letzten Jahre, nament lich in ihrem Bezug auf Bayern, und es war bewundernrwerty, mit welchem Vcr- ständniß die durchaus aus Landleuten bestehende Versammlung die einzelnen, noch so kurzen Hinweise und Anspielungen auffaßte. Ganz besonders aber packte die Zuhörer die von jeder Animosität gegen Andersdenkende ferne, tief innerliche Art und Weife, wie Völk die religiösen Dinge besprach. Es wurden auch katholische Geistliche in der Menge bemerkt, aber keiner wird, wenn er der Wahrheit t)U Ehre geben will, läugnen, daß den Überzeugungen eines ernstreligiösen Gewissens nicht mit einem Worte zu nahe getreten ist. Völk sprach schließlich die Hoffnung auS, daß bei einer neuen Landtagswahl, die nicht lange mehr ausbleiben könne, das Algau wieder seinem alten Vertreter sich treu erweisen werde, was mit weithin hallendem Zuruf bekräftigt wurde. Außer Völk sprach noch der Reichstags- und Landtagsabgeordnete Dr. Marquardsen, welcher dort zufällig mit seinem Freunde i und Eollegen Völk zusammenzetroffen war, der Vorstand des algauer VslkSoereinö, « Assessor Korn von Kempten, und der practische Arzt Ret von Oberstdorf. Den Festplatz, der mit deutschen und bayerischen Farben geziert war, während die Rednerbühne mit Laub und Edelweiß, dem Stolz deS Aelplers, geschmückt war, würdig zu schildern, müßte man Maler sein. Herrlicher tagt selbst eine schweizer LandSgemeinve in Appenzell oder Glarus nicht. AbendS feierte Illumination und Bergfeuer den hochwillkommenen Gast, der in fröhlichem Verein mit seinen Wählern noch manches ernste Wort vom Vaterlande redete. Vielleicht tiefer al- irgend etwa» wird den Voiksmann eine Huldigung erfreut haben, welche ihm vor seiner Abreise bereitet wurde. Die Oberstdorfer Krieger, welche, über 30 an der Zahl, den letzten Krieg mitzemacht haben, feierten die kirchliche Erinnerung an ihre fünf gefallenen Kameraden auS der Marktgemeinde. Nach Schluß des Todtenamts zog die kleine Schaar vor Völk's Wohnung und brachte durch den Mund eines Kameraden der feine Sache ganz vortrefflich machte, dem Manne auch ihrer Wahl ein donnernde- Hoch aus. Völk dankte innig gerührt für diesen unerwarteten Beweis von Anerkennung und Anhänglichkeit au- den Reihen der Söhne de- Volks in Waffen. Man darf jetzt mit Sicherheit sagen, daß die Tage der „schwarzen" Landtagsabgeordneten aus dem Algau gezählt sind, da nach allem, was man von München hört, ein Zusammenbleiben der jetzigen Kamm r unmöglich erscheint.
Die Wiener „Presse" theilt die von der k. k. Censur als zur Aufführung auf dem Theater in Troppau bei der Eröffnung der diesjährigen Saison nicht zugelassknen Strophe mit — nämlich die letzten sechs Zeilen de- zum Vortrage bestimmten Prologs —, sie lauten:
Nur Ein- sei von uns auch hier betont: Ein deutscher Himmel ist'- der und besonnt, Und die uns trägt, ist echte deutsche Eide. — Empfangt den echten deutschen Gruß, Und daß c- glücklich kommen muß, Sprich, Gott der Deutschen, Du: — Es werde! Dies sind die staatsgrfährlichen Worte, die auf den Brettern verpönt waren — wir fragen nun: wo bleibt der §. 19 des Slastsgrun^gesetzes? Selbstverständlich war von dem Sprechen diese- Prologs ohne den Sch ußsatz keine Rede mchr, und es wurde ein Prolog au- „Bach's" Zeiten and Tageslicht gezogen und
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Der „Köln. Ztg." wird aus Ofen gefchrirben: Die großen Erwartungen, noch eine Menge Gefangener deutscher Soldaten in den Kasematten befinden, we die mau aus dem cbm in Vorbereitung begriffenen Nat-onalttäten-AuSgleich in sämintl'ch in den Verlustlisten al- vermißt aufg-fuhrt worden fmo. ^te Nachrlck den deutsch-slavischen Erblanden für den inncren Frieden Oeiterreichs zieht, erhalten soll von einem früher in Paris ansässigen Deutschen her.uhren, welcher bei mu eine sehr düstere Folie durch die nie so grell wie j tzt heroorgetretene Resultat- bruch deS Krieges in die ofrikanische Fremdenlegion geitcck^wurde^ . losigkeit des croatisch-slavonischen Ausgleichs und des nun schon seit drei Jahren Loeliu, 23. Septiu.bir. Dcr „K::uz;::!ung" V*1 - ■ ,,
bestehenden Gesetzes über die Gleichberecht'gung der National.täten. Die Gioaten läßlich der jüngsten in Lyon stattgefundenen groben Exc.sse gegen Deutsche machen Miene, da- kaum geschlungene Band dcr Union mit der Stephanskrone ernste Reklamationen bei der französischen Regierung erhoben.


