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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit A 3= nähme MontagL.

Expedition: Sanzleiberg Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und

Nr. 7«.

Amtsblatt für den Areis Hießen.

Donnerstag den 23. März

1871.

werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch

5öC|tdSlWt$|Cit (tllv PCtt Ml®bei allen Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

Eröffnung des ersten deutschen Reichstages.

Berlin, 21. März. Se. Majestät der Kaiser hat heute den ersten DkUt- schen Reichstag mit folgender Thronrede eröffnet:

Grehrte Herren!

Wenn Ich nach dem glorreichen aber schweren Kampfe, den Deutschland für seine Unabhängigkeit siegreich geführt hat, zum ersten Male den Deutschen Reichstag um mich versammelt sehe, so drängt es Mich vor Allem, Meinem de- wüthigen Danke gegen Gott Ausdruck zu geben für die weltgeschichtlichen Er- folge, mit denen seine Gnade die treue Eintracht der Deutschen Bundesgenossen, den Helderimuth und die Mannszucht unserer Heere und die opferfreudige Hin­gebung res Deutschen Volkes gesegnet hat.

Wir haben erreicht, was feit der Zeit unserer Väter für Deutschland er- strebt wurde: die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Gränzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwicklung.

Das Bewußtsein seiner Einheit war in dem Deutschen Volke, wenn auch verhüllt, doch stets lebendig; cd hat seine Hülle gesprengt in der Begeisterung, mit welcher die gesammte Nation sich zur Vertheidigung des bedrohten Vater- landes erhob und in vnvertiigbarer Schrift auf den Schlachtfeldern Frankreichs ihren Willen verzeichnete, ein einiges Volk zu sein und zu bleiben.

Der Geist, welcher in dem Deutschen Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder die Verfassung des Reiches und seine Hceres- Einrichtung, bewahren Deutschland ruwitten seiner Erfolge von jeder Versuchung zum Mißbrauche seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbstständigkeit in Anspruch nimmt, zoll: es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Volker, der schwachen Wie der starken. Das neue Deutschland wie es aus der Feuerprobe des gegen­wärtigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner eigenen Angelegenheiten als sein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes Erbtheil zu bewahren.

Es bat Mir zur besonderen Genugthuung gereicht, in diesem Geiste des Friedens inmitten des schweren Krieges, den Wir führten, die Stimme Deutsch­lands bei den Verhandlungen geltend zu machen, welche auf der durch die ver­mittelnden Bestrebungen Meines auswärtigen Amtes herbeigefübrtkn Conferenz in London ihren befriedigenden Abschluß gefunden haben.

Der ehrenvolle Beruf des ersten Deutschen Reichstages wird es zunächst sein, die Wunden nach Möglichkeit zu heilen, welche der Krieg geschlagen bat, und den Denk des Vaterlandes denen zu bethätigen, welche den Sieg mit ihrem Blute und Leben bezahlt haben.

Gleichzeitig werden Sie, geehrte Herren, die Arbeiten beginnen, durch welche die Organ? des Deutschen Reiches zur Erfüllung der Aufgabe zusammen- wirken, welche die Verfassung ihnen stellt:zum Schutz des in Deutschland gül­tigen Rechtes und zur Pflege der Wohlfahrt des Deutschen Volkes."

Die Vorarbeiten für die regelmäßige Gesetzgebung haben leider durch den Krieg Verzögerungen und Unterbrechungen erlitten; eie Vorlagen, welche Ihnen zugehen werden, leiten sich daher unmittelbar aus der neuen Gestaltung Deutsch­lands ab. Die in den einzelnen Verträgen vom November vorigen Jahres zer­streuten Verfassungs-Bestimmungen sollen in einer neuen Redaktion der Reichs- Verfassung ihre geordnete Zusammenstellung und ihren gleichmäßigen Ausdruck finden.

Die Betheiligung der einzelnen Bundesstaaten an den laufenden Ausgaben des Reiches bedarf der gesetzlichen Regelung. Für die von de-- Königlich Baien- schen Regierung beabsichtigte Einführung norddeutscher Gefitze in Baiern wird Ihre Mitwirkung in Anspruch genommen werden.

Die Verfügung über die von Frankreich zu leistende Kriegsentschädigung wird nach Maßgabe dec Bedürfnisse des Reiches und der berechtigten Ansprüche seiner M tgli^der mit Ihrer Zustimmung getroffen, und die Rechenschaft über di: zur Kriegsführung verwenderen Mittel Ihnen so schleunig gelegt werden, als cs die Umstände gestatten.

Die Lage der für Deutschland rückerworbenen Gebiete wird eine Reihe von Maßregeln erheischen, für welche durch die Reichsgesetzgebung die Grundlagen zu schaffen sind.

Ein Gesetz über die Pensionen der Osficiere und Soldaten, und über die Unterstützung ihrer Hinterbliebenen soll für das gesammte Deutsche Heer die An­sprüche gleichmäßig regeln, welche der gleichen Hingebung für das Vaterland an den Dank der Nation zustehen.

Geehrte Herren! Möge die Wiederherstellung des Deutschen Reiches für die Deutsche Nation auch nach innen das Wahrzeichen neuer Größe sein! Möge dem Deutschen Reichskriege, den wir so ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen, und möge die Aufgabe des Deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampfe um die G:ter des Friedens als Sieger zu erweisen! Das walte Gott!

M. Bayerische Parteien.

In Bayern hat sich während der letzten Monate eine tiefgehende Umgef.al- tung der Parteivcrhältnisse vollzogen, und namentlich ist die compacte Mass- der

! Ultramontanen, die bisher dem Fortschritt gegenüberstand, überlegen durch ihre >Zahl und gefährlich durch ihren Terrorismus, jetzt in zwei Theile zerrissen, die sich gegenseitig fanatisch bekämpfen.

Zu den sogenanntenPatrioten" sind heute nur noch die Vollblut-Ultra- montanen zu zählen, die durch jene 47 Abgeordnete repräsentirt werden, welche am 19. Juli v. I. gegen d»e AVianzvertra'ge stimmten; sie recrutiren sich au- Bauern, Geistlichen und einzelnen Bureaukraten, und als ihre Havptführer sind Görg und Grail zu betrachten.

Ihnen gegenüber stehen die gebildeten und einsichtsvolleren Ultramontanen, welche zwar keine aufrichtige Freude über die neue Ordnung der Dinge empfinden, die jedoch klug genug sind, um zu begreifen, daß jeder Widerstand die Opfer, dir sie dem Ganzen zu bringen haben, noch erhöhen muß. Ihr Führer ist Dr. Huttler, der Herausgeber derAugsburger Poflzeitung."

Die angesehenste und mächtigste der politischen Parteien in Bayern ist die lortschrittliche, oder richtiger nationalliberale Partei; sie ist die eigentliche Stütze des jüngst gefchebencn Umschwungs, sie trägt und repräsentirt die Politik, in welche Bayern durch die neuesten Ereignisse hineingetrieben wurde. Sie zählt nach dem Wahlergebnisse 29 Mitglieder im Reichstage, während die Ultramontanen beider Schattirungen nur 19 Sitze errungen hoben. Auf die einzelnen Provinzen Bayerns vertheilt, kommen auf

Oberbayern 3 Nationalliberale, 5 Ultramontane,

Niederbayern 1 4

Oberpfalz 5

Rhtinpfalz 6 *

Mittelfranken 6

Oberfranken 4 2

Untrrfranken 4 2

Schwaben 5 1

Dieses Wahlergebn'ß laßt erkennen, welch ungeheuren Fortschritt der natio­nale Gedanke in Bayern seit einem Jahre gemacht hat. Aus den Landtagswahlen vom November 1869 ging eine ultramontane Majorität von 6 Stimmen hervor, von denen jede 31,500 Seelen repräsentirt, während jetzt aus der NeichStagSwahl eine liberale Majorität von 10 Stimmen hervorgegangen ist, deren jede 100,000 Seelen zu vertreten hat.

Der Bürgerkrieg lodert in Paris in lichten Flammen. So viel bis jetzt aus den Nachrichten ersichtlich ist, war der Hergang folgender: Es war zunächst auf eine Überrumpelung der Stellungen auf dem Montmartre abgesehen. Die Mehrzahl der Kanonen wurden von einer Truppcnabtbeilung ohne Conflict genom­men und entfernt; die GenSd'armene verhaftete an 400 Personen. Hieraus schlu­gen oie Montmarteristen Generalmarsch, umzingelten den General Faron mit 300 Mann auf der Höhe des Montmartre, wobei mehrere Ofsiziere gefangen genom- men und General Paturel verwundet wurde. Am Morgen des 18. zogen die Bctaillone der Nationalgorde von Belleville vor das Gefängniß und befreiten sämmtlicle Gefangene; die Nationalgarden rbaren anmarschirt, die Gewehrkolben nach oben tragend. Vinoy hatte d-e Truppen um den Montmartre auffiellen und in jeder der hinausführenden Straßen Mitrailleusen auff hren lassen; doch die Truppen ließen auf Verlangen des Volkes die Fortschaffung der Mitrailleusen zu, welcher sich das Volk bemächtigte, da auf dem Montmartre die Linientruppen mit der Nationalgarde fraternisirten. Auf dem Place Pigalle wurde ein Chasseur- Lieutenant, der mit dem Säbel drohte, vom Volkshauftn todtgeschlogen; es erfolg­ten von beiden Selten Flintenschüsse, wobei mehrere Verwundungen vorkamen. Am Morgen des 18. März wurde eine Proklamation von Thiers angeschlagen. Der Chef der Executive erwartet von den guten Bürgern, daß sie sich von den schlechten sondern und der öffentlichen Macht Hilfe statt Widerstand leisten. Die Anrede des Chefs der Executive hatte den erwünschten Erfolg nicht gehabt. In­dessen hatte General Faron sich auH seiner Klemme zu befreien vermocht, nachdem er sich mit dem Bayonnet Luft gemocht. Barrikaden waren in Montmartre, Belleville und im Faubourg St. Antoine errichtet. Eine neue Proclamation der Negierung an die Nationalgarde von Paris betheuerte, daß die Regierung keinen Staatsstreich beabsichtige, sondern nur dem Empörungsausschusse ein Ende machen wolle; eine Proclamation Picard'S forderte die Nationalgarde auf, die Waffen zur Rettung vor der Anarchie zu ergreifen. Doch die Nationa'garden versammel­ten sich auf ten Boulevards, um zu discutiren; die Läden wurden geschloffen, d.r Barrikadenbau dauerte fort und um 7 Uhr Abends verbreitete sich die Kunde, die Generale Lecomte und Clement Thomas seien Nachmittags um 4 Uhr nach summarischer Verurtheilung erschoff-n worden und General Vinoy bade sich mit allen Linientruppen und der GenSd'armene auf d«S linke Seineufer zurückgezogen, der Nationalgarde die Herstellung der Ordnung überlassend. Was nun? Es hieß Astern in den Blättern, Thiers, welcher die Verantwortlichkeit für das zu vergießende Blut nicht allein auf sich nehmen wolle, beabsichtige, sofort die Na- tionalvcrsammlung in ihrer ersten Sitzung zu Versailles zu einem entscheidenden Beschlüsse zu veranlassen; ist dies richtig, so erklärt sich der Rückzug von Vinov: JJÜn will Zeit gewinnen. Ob es nicht zu spät lst, nachdem Blut g flössen und die summarischen Erecutionen von Seiten der Montmarteristen den Anfang genom­men haben? Am 17. war man noch voll Zuversicht: die Blätter riethen zur