Die Pariser Commune hat auf den Bericht der Ligue Republicaine mit Nein geantwortet: „Ganz Paris hat sich zur Vertheidigung seiner Rechte zu erheben." Wer „ganz Paris" ist, weiß man; wer die Stadthausregierung aber ist, weiß man auch: Felix Pyat. Welche Sprache die Jnsurrection führt, mag Rochefort's Mot d'Ordre lehren, worin man dem Chef der Executive folgendes Ultimatum stellt: „Er (ThierS) liefere uns Binoy, Gallifet, Favre, Picard und Mac Mahon aus, welche, je zu Zweien zusammengeketlet, bis zum Rond Point der Champs Elysees desiliren. Die Sohne, Frauen, Vater und Brüder der von den Bomben dieser Preußen vom anderen Seineufer getöbteten Nationalgarvcn sollen alsdann dort zusammenberusen werden und um 12 Uhr weniger ein Viertel sollen ihnen die Gefangenen mit der ausdrücklichen Weisung auSgeliesert werden, daß sie mit denselben machen können, was ihnen gefällt. Und wenn sie ihre Gefangenen befreien, um sie im Triumphe nach dem Stadthause zu führen, so verpflichten wir uns, daß wir sie nicht daran verhindern werden. Dies ist unser Ultimatum. Wir sind überzeugt, daß Paris die Waffen niederlegen wird, so bald Thiers es anzunehmen erklärt." Und es giebt noch Leute, welche wähnen, ThierS kenne und wolle mit diesen Leuten ernstlich unterhandeln! Uebrigens zahlt das Siecle mit einigem Rechte den Versaillern den Vorwurf zurück, daß die Pariser nichts thäten, um sich die Föderalisten vom Halse zu schaffen: Diejenigen Pariser, welche vor der Erneute flohen und Paris Preis gegeben, haben kein Recht, die Pariser, welche blieben, anzuklagen. „Le Soir" sucht Thiers und die Negierung gegen diesen Vorwurf in Schutz zu nehmen: Thiers habe der Nationalgarde es durch Maueranschlag auf die Seele gebunden, daß in ihren Händen die Sicherheit von Paris ruhe; die Bourgeoisie habe aber, obwohl sie den triftigsten Grund zur Niederhaltung der Erneute gehabt, sich nicht gerührt; der Generalmarsch sei geschlagen worden, aber man sei nicht gekommen, das habe dann die Erneute ermuthigt.
Die wichtigste Nachricht des Tages vom Kriegsschauplatz vor den Mauern von Paris ist die heute von der Londoner „Times" gebrachte Depesche, wonach Mac Mahon die Umzingelung von Asnieres bewerkstelligt habe. Hier ist das Hauptquartier des General Dombrowski, von hier aus bedrohte derselbe durch seine Flankenstellung den rechten Flügel der Versailler Truppen, von hier aus will derselbe, wie die Pariser Commune gestern berichtete, in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag den Coup ausgeführt haben, der ihn in Neuilly in den Besitz der Häuser in der Nähe der dortigen Kirche brachte und 400 Mann der Versailler Truppen zur Ergebung zwang. Ein Versailler Bericht bezeichnete letztere Behauptung als unbegründet, während Dombrowski selbst in feinem Bericht meldet, daß er noch in jener Nacht die Wiederaufnahme der Offensive von feiten dec Re- gierungStruppen erwartete. Die nächsten Depeschen werden und darüber Aufschluß geben, ob es die Annäherung der Mac Mahon'schen Truppen war, was ihn zu dieser Erwartung bewog.
Eine sehr vernünftige Ansicht über Englands zukünftige auswärtige Politik hat neulich bas Parlamentsmitglied für Bristol, Mr. S. Morley, ein Anhänger der sogenannten Manchesterschule, ausgedrückt. Auf einer Soiree des liberalen Arbeitervereins in Stroud, bei der auch mehrere andere Parlamentsmitglieder zu- gegen waren, sagte er nämlich, nachdem er das Verhalten der Regierung im letzten Kriege gebilligt: — „Ich würde mich freuen, wenn morgen England anzeigte, daß es sich von jedem Vertrage, dessen Thcilnehmer es ist, lossagt. Ich bin gegen unser immerwährendes Einmischen in die Angelegenheiten anderer Länder, denn ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns um unsere eigenen Sachen bekümmern. Die Mission dieses Landes ist meinem Ermessen nach eher eine moralische als eine militärische, und ich werde mich an keinem Versuche betheiligen, der darauf hinausläuft, hier zu Lande ein mit den großen militärischen Nationen concurrirenves Militärsystem herzustellen. Wir würden geschlagen werden, wenn wir es versuchten."
Große Sorge — so schreit der Berichterstatter der „Pall Mall Gazette" in Rom — empfindet man im Vatikan bezüglich des Kampfes in Frankreich, obschon der innere Cirkel glaubt, daß das Ringen in der Niederlage der Commun. und der Wiederherstellung der Monarchie enden werde. Da der römische Hof seine Mittheilungen von Leuten erhält, welche durchaus mit der Lage des Landes vertraut sind und die Strömung der öffentlichen Meinung zu beuttheilen verstehen, so mag dieser Schluß eine richtige Beurtheilung der augenblicklichen Verhältnisse darstellen. Den Papst macht die Ungewißheit über den Ausgang der Dinge in Frankreich sowohl wie seine eigene unbestimmte Situation sehr unruhig. Vor einigen Tagen bemerkte er einem Besucher hierüber unter Anderem Folgendes: Viele rathen mir, Rom zu verlassen, aber wohin soll ich mich wenden? Es ist keine unter den katholischen Mächten, die nicht nach einiger Zeit meine Gegenwart als eine Quelle von Verlegenheiten ansehen würde, so daß ich von Land zu Lande wandern müßte, und es ist schwer für einen alten Mann, sich zu einem Wanderleben zu entschließen.
Mit dem 13. April hat bas bisher mit fast unumschränkter Macht im Könige reich Polen waltende Organisationscomite zu sunctioniren aufgehört. In dem vom 5. April datirten Ukas, der die Auflösung dieser Centralbehörde anordnet, wird den Mitgliedern der kaiserliche Dank für ihre treue Pflichterfüllung ausgesprochen und zugleich bestimmt, daß alle das Königreich Polen betreffende Angelegenheiten unter die unmittelbare Verwaltung der Ministerien in Petersburg über- gehen mit alleiniger Ausnahme des Gerichtswesens, das bis zur Durchführung der Justizreorganisution der Canzlei des Statthalters untergeordnet werden soll.
Darmstadt, 18. April. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 17. April den Provinzial-Dircctor der Provinzial-Di- recrion Starkenburg und KreiSrath des Kreises Darmstadt Dr. Theodor Goldmann zum Präsidenten des landwirthschaftlichen Vereins der Provinz Starkenburg und in Verbindung hiermit zum Präsidenten der Centralstelle für die Land- wirthschaft und die landwirthschaftlichen Vereine zu ernennen.
M. Berlin, 15. April. Die Gesammteinnahme des Central-Comite's der deutschen Vereine zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger betrug nach der letzten Abrechnung vom 31. März ca. 3,972,422 Thlr. 23 Sgr. 7 Pf., wovon o62,517 Thlr. 22 Sgr. 7 Pf. für die deutsche Wllhelmsstiftung bestimmt sind, welche sich die Unterstützung der Invaliden sowie der Hinterbliebenen gefallener Krieger zur Aufgabe stellt. Bis zum 12. April hat sich die Gesammteinnahme des Centralsormte s aus 4,221,323 Thlr. erhöht, wovon etwa der vierte Theil von Deutschen aus Amerika eingesendet wurde. Die fernere Einsendung von Bei- trägen ist dringend Wünschenswerth, da bei der großen Zahl der noch in Pflege
befindlichen Kranken und Verwundeten die Thätigkeit der freiwilligen Krankenpflege fortdauernd einen sehr ausgedehnten Wixkungkreis hat; nicht minder ist eine gesteigerte Vorsorge für die Invaliden und die Hinterbliebenen nothwendig. Die Ziehung der vom Centralcomite arrangirten Nationallotterie findet Anfangs nächsten Monats statt.
Die parlamentarischen Abende beim Fürsten Bismarck nehmen heute ihren Anfang uno finden an allen Sonnabenden bis zum 6. Mai statt.
M. Berlin, 17. April. Deutscher Reichstag. Die heutige 16. Plenarsitzung war im Hause selbst wie auf den Tribünen sehr stark besucht. Am Tische des Bundesraths Fürst Bismarck, Minister Delbrück, v. Lutz, v. Pfretzschner u. a.
Auf der Tagesordnung stehen:
1) Interpellation des Grafen Luxburg (Neustadt a. S.) wegen der handelspolitischen Stellung von Elsaß-Lothringen. Der Interpellant begründet seine Anfrage mit der völlig unhaltbaren Stellung der neuen Provinz gegenüber Frankreich sowohl wie dem Zollverein. Wie wichtig eine schleunige endgiltige Regelung der Zollgrenze sei, erhelle am besten aus dem Umstande, daß Elsaß allein 2,117,000 Spindeln und 350,000 Webstühle beschäftigt, während im ganzen Zollverein nur 1,760,000 Spindeln und 48,000 Webstühle vorhanden sind. Bei seiner jüngsten amtlichen Anwesenheit im Elsaß (Interpellant ist Präfect vom Niederrhein) sei er vielfach aus die beregten Uebelstände aufmerksam gemacht worden, die er deshalb hier zur Sprache bringe. — Minister Delbrück. Dem Bundesrathe seien diese Uebelstände ebenfalls nicht entgangen, er habe sich mehrfach mit Abstellung derselben beschäftigt und hoffe noch im Laufe dieser Woche eine dies bezügliche Vorlage an das Haus gelangen zu lassen. Das jetzige Verfahren der französischen Regierung bei der Zollabfertigung stehe dem Art. 5 des Präliminarfriedens entgegen.
2) Wablprüfungen. Die fünfte Abtheilung hat sich mehrfach mit der Wähl des Advokaten Dr. Schüttinger im fünften oberfränkischen Wahlkreis (Bamberg) beschäftigt und ist mit 24 gegen 12 Stimmen zu dem Beschluß gekommen , die Ungiltigkeit der Wahl beim Plenum zu beantragen. Anlaß dazu geben mehrfache Unregelmäßigkeiten bei der Wahl, namentlich aber die Vorgänge in den Wahlbezirken Trunstadt und Oberhaid. Augenscheinlich ist die Wählerliste von Trunstadt gefälscht; am Wahltage sind Wähler in dieselbe nachgetragen, wie durch Zeugenaussage feststeht, trotzdem aber sind diese Nachträge vom Bürgermeister ^armbach schon am 2. und 25. Februar attestirt. Da die Wählerliste aber ein zur Prüfung der Mahl unumgänglich nothwendiges Dokument ist, so beantragt die Abtheilung die Ungiltigkeit des ganzen Wahlaktes. In Oberhaid hat der Pfarrer Keck in — nach Ansicht der Abtheilung — unzulässiger Weise für die Wahl des Dr. Schüttinger agitirt. Am Wahltage empfahl er von der Kanzel herab die Wahl Schüttinger's, dann verfügte er sich vor das Wahllokal, wo zwischen ihm und dem als Wahlkommissar fungirrnden Bürgermeister es zu heftigem Streite kam, der sogar zu tumultuarischen Scenen ausarteie. Ein solcher Mißbrauch der klerikalen Amtsgewalt mache die Wahl zu einer unfreien, o. h. ungiltigen. In beiden Wahlbezirken sind für Schüttmger 294 Stimmen abgegeben, nach deren Abzug dem angeblich Gewählten noch 30 Stimmen an der absoluten Majorität fehlen, und aus diesen Gründen witd die Ungültigkeit der Wahl beantragt. — Frhr. v. Unruhe-Bomst refcrirt sehr ausführlich über die Verhandlungen der Abtheilung. — Schels (Reunburg v. W) plaidirt für Giltigkeit der Wahl. Es sei weder nachgewiesen, daß die Agitation des Pfarrers eine ungesetzliche war, noch daß sie irgend welchen Druck auf den freien Willen der Wähler aueübie. — v. Ohlimb (Minden) aus denselben Gründen gegen den Antrag der Abtheilung. — Dr. Wehrenpfennig (Fritzlar). Es handelt sich nicht darum, ob die Agitation in dem Sinne ungesetzlich war, daß man ihr mit einem Strafgesetzbuch-Paragraphen beikommen kann, sondern ob durch dieselbe die Freiheit der Wahl beeinflußt wurde. Wie oft ist schon eine durch den ungehörigen Einfluß des Landraths zu Stande gekommene Wahl eassirt worden, ohne daß der Landrath dem Strafrichter überantwortet werden konnte. In solchem Falle müsse sich das Haus als Geschwornengericht constituiren. — Dr. Schmid (Aichacb) glaubt nicht an die Unfehlbarkeit des Klerus, Wahlen in seinem Sinne zu Stande zu bringen (große Heiterkeit) , aber Niemand könne dem Klerus die Berechtigung absprechen, mit dem benöthigren Anstande politische Fragen von der Kanzel herab zu erörtern, namentliche solche, welche das Interesse der Kirche di- rect berühren, wie die Wahl eines Abgeordneten. (Hört, hört! links.) Die Gerechtigkeit erfordere die Gilligkeitöerklärung der Mahl. — Pfarrer Kraushold (Bayreutb). Das hier Gehörte könne seine Ueberzeugung nicht erschüttern, daß die Agitation des Pfarrers Beck die Wahl zu einer unfreien, d. h. ungiltigen gemacht habe. Juristische Erwägungen sind hier nicht am Orte. Man kann zu- gcben, daß der Geistliche berechtigt ist, von der Kanzel herab auf die Wichtigkeit eines politischen Actes ausmerksam macht, aber dann darf er seine subjektive Meinung damit nicht vermischen. Wenn der Pfarrer nun gar nach der Predigt die Zettel für seinen Candidaten vertheilt, so ist eine solche Gemeinde nicht mehr frei (Widerspruch der Katholiken), denn der Pfarrer hat die Mittel in der Hand, der Gemeinde dies spüren zu lassen. Wenn Sie (die Katholiken) wirklich die Interessen d»r katholischen Kirche vertreten wwllen, so hätten Sie alle Ursache, solchen Ungehörigkeiten entgegenzutreten. (Bravo links!) — v. Rohr (Greifs- wald). Wenn irgendwo ein Wähler gegen das Wahlgesetz verstößt, so darf daS keinen Grund abgeben, dem ganzen Wahlkreis das Wahlrecht zu nehmen. — v. Leute (Hannover). Das Haus möge auch heute seinem alten Grundsatz treu blechen, um bann die Wabl für ungültig zu erklären, wenn gesetzliche Gründe dafür vorhanden sind. — Fischer (Augsburg). Durch die Casstrung der Wahl müsse das Haus den Anfang zur Abschaffung des Mißbrauchs der Kanzel zu Gunsten politischer Zwecke machen. — Darauf wird die Ungültigkeit der Wahl mit geringer Majorität ausgesprochen.
Ebenfalls mit geringer Majorität wird die Wahl des Grafen von Pückler im neunten Breslauer Wahlkreis (Schweidnitz-Stringau) wegen der ungehörigen Agitation des dortigen Landratyes für ungültig erklärt.
Schluß 4y4 Uhr. Nächste Sitzung morgen 12 Uhr. Tagesordnung: Nest der heutigen.
Berlin, 17. April. Der Antrag von Bewilligung von Diäten ist heute von der Fortschrittspartei im Reichstage eingebracht worden.
Berlin, 16. April. Mit Spannung sieht man dem Ausgange des Kampfes entgegen, dec nach den letzten Telegrammen gestern Nachmittag wieder mit erneuter Heftigkeit vor Paris begonnen hat. Alle Berichte stimmen darin überein, daß trotz der langsamen Fortschritte der Versailler Truppen die Emeute keinen langen Bestand mehr haben kann. Die Bonapartisten sind dadurch in einiger
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