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PretS rtecleljahrtg 1 fl. 12 fr. mit Bringerlohn. Durch bi« Post bezogen vierteltöhrig < fl. 27 fr.
Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme MontagS.
Expedition: Canzleib«rg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
N^. 239. Snmstng den 14. Oktober 1871.
BefteUrrngers auf den Gießener Anzeigen bei allen Post-Expeditionen un^ den Land-Postboten entgegen genommen.
Abonnenten, welche den Anzeiger bet der Expedition abholen lassen, erhalten denselben für das IV. Quartal 1871 ju 1 fl.
Brodpreise vom 1ZL bis 20. October 1871,
nach eigener Erklärung der Bäcker:
4 Pfund gemischtes Brod 21 fr. 2 Pfund gemischtes Brod W/2 fr. 4 Pfund Roggenbrod 18 fr. 2 Pfund Roggenbrod 9 fr.
13. October.
Die „Hessischen Volksblätter" bringen folgenden Artikel: In Folge der neuen GerichtSorganisatton stehen sehr belangreiche Veränderungen im hessischen Justiz- wesen bevor. In den beiden rechtsrheinischen Provinzen besteht dermalen ein Oberappellationsgericht, zwei Hofgerichte, 39 Stadt- und Landgerichte, 5 Bezirks- strafgcrichte; in Rheruhessen ein Obergericht, zwei Bezirksgerichte, ein Handelsgericht, 12 Friedensgerichte. Nach der neuen Einrichtung gibt es einen obersten Gerichtshof für ganz Deutschland, Hessen-Darmstadt wird für sich allein kaum ein Mittclgericht erhalten, vielmehr zu diesem Behuse mit einem benachbarten Territorium zu einem gemeinschaftlichen Revisionsgerichtssprengel vereinigt werden. Landgerichte werben wohl blos in die drei Provinzialhauptstädte kommen. Die Landgerichte sind collegialifch besetzt und urtheilen in Sachen über 100 Thaler als Gerichte erster Instanz, während sie für die Amtsgerichte (mit Sachen bis zu 100 Thaler) die Appelltnstanz bilden. Handelsgerichte befassen sich mit Handels- fachen. Gegen Urtherlc der Handels- und Landgerichte gibt es keine Appellation, sondern blos das Rechtsmittel der Revisio in jure. Von den ca. 55 Richtern an unserem höchsten Tribunal und an den 3 Mittelgcrichten dürsten höchstens 10 an dem RcvisionSgerichte Verwendung finden können; für die Besetzung der Amts- richterfiellen dürfte die Zahl der vorhandenen Stadt- und Landgerichtsasstssoren nahezu hinreichend erscheinen, ungerechnet die 39 Stadt- und Landrichter. Unter ollen Umständen dürfte die gesammte Zahl der Richterstellen eine sehr bedeutende Reduktion erfahren. Sehr zu wünschen wäre cs, daß man die hierdurch zu erzielenden Ersparnisse zur wesentlichen Aufbesserung der Gehaltsverhältnisse der Richter verwendete, denn Ausbesserungen von 200 fl., wie solche beabsichtigt, fallen gegenüber den ungeheuer gestiegenen Preisen aller Lebensbedürfnisse nicht wehr ins Ge- wicht. — Durch die Einführung des Instituts der Notare wird übriglns den Juristen, die sich dieser Branche widmen, voraussichtlich eine gewinnverheißende Geschäftsbranche zugänglich gemacht.
Das „Hessische Gewerbeblatt" erinnert daran, daß der preußische Handelsminister in Bezug aus die bevorstehende Einsührung der neuen Maß- und Ge- vichtsorknung die nachstehende Circularverfügung erlassen hat: Die Maß- unb Gewichtsordnung für das deutsche Reich bezeichnet im Art. 21 den 1. Januar 1872 als den Termin, mit welchem ihre Vorschriften, nachdem ter freiwillige Gebrauch der neuen Maße schon bisher gestattet gewesen, in volle Wirksamkeit treten. Von jenem Termin an dürfen mithin zum Zumrssen unb Zuwägen im öffentlichen Verkehr nur solche Maße, Gewichte und Waagen ongrwenbet werden, welche in Gemäßheit der neuen Maß- unb GcwrchtSorbnung gestempelt sinb. Der Gebrauch von Maßen und Gewichten der bisherigen Systeme, soweit sie nicht ausnahmsweise durch die zur Ausführung der Maß- unb Gewichtsordnung ergangenen Bestimmungen auch ferner für zulässig erklärt sind, enthalt nach dem 1. Januar 1872 eine durch §. 369 des Strafgesetzbuches mit Strafe bedrohte Ucbertretung. Die Tragweite der hier hervorgehobenen Bestimmungen, welche in Verbindung mit den sonstigen Vorschriften der Maß- und Gewichtsordnung in sehr großem Umfange eine vollständige Erneuerung oder doch Umänderung der gegenwärtig im Verkehr befindlichen Maße, Gewichte und Maßwerkzeugc bedingt, scheint, den bisherigen Wahrnehmungen nach, von dem beteiligten Publikum noch nicht überall in vollem Umfange gewürdigt zu werben. Gleichwohl ist es zur Vermeidung erheblicher Unzutrüglichkeiten und Schädigung der Betheiligten unumgänglich nöthig, daß die Vorbereitungen zu dem nahe bevorstthenden Uebergange, welche insbesondere die Gewerbetreibenden in ihren Einrichtungen zu treffen haben, ohne Aufschub in Angriff genommen werben.
Während überall von einer besseren Wendung in der elsässer Zollsrage gesprochen wirb, liegen noch keine Anzeichen vor, daß Frankreich seinen Rachegebanken gegen Deutschland entsagt habe. Die ThierS'sche Armeereform deutet auf andere Pläne. Ste will das Heer um mindestens ein Viertel des früheren Bestandes unter dem Kaiserreiche erhöhen. Zu den ICO Napoleonischen Regimentern sollen noch etwa 30 hinzutreten und die Artillerie in demselben Maße vermehrt werden. Das Militärbudget, das unter Napoleon III. 375 Millionen Francs betrug, ist unter ThierS seit dem 1. Juni d. I. auf 508 Millionen angtwachsen, also nach deutschem Gelbe aus 135J/2 Millionen Thaler, während der Etat des gesummten deutschen Heeres nach dem bisherigen Maßstabe 86^ Millionen betragen würde. Das besiegte, verschuldete Frankreich, dessen gegenwärtiges Budget eine Ausgabenvermehrung von 650 Millionen zeigt, welche durch die bisher bewilligten Steuern roch nicht zur Hälfte gedeckt waren, will also für seine Armee jährlich 48^ Mill, wehr aufwenden als Deutschlanv, und zwar nicht für neue Ausrüstungen, sondern für das regelmäßige Bebürfniß. Diese Zahlen sind der politischen Eorresponbenz des soeben auSgegebenen OctoberhefteS der „Preußischen Jahrbücher" entnommen, die gewiß richtig bemerken, baß wir oen offenbaren Projekten Frankreichs die
ernste Arbeit an der Einheit des deutschen Reiches und die wachsamste Ausbildung seiner VertheidigungSkräfte entgegen setzen muffen. Die Mosel- und die Vogesen- linie müsse derart befestigt werden, daß die Franzosen die geringe Aussicht, über dieselbe je hinauszukommen, wenigstens so lange einsehen, als ihnen ein Rest nüchterner Ueberlegung bleibe. Die Arbeiten hierzu sinb Denn auch in vollem Gange.
Die französischen Blätter enthalten folgenbe Mittheilung: Der preußische Polizci-Jnfpector in Mühlhausen (Elsaß) hat ben Consuln von Belgien, Spanien, ber Schweiz, ber Vereinigten Staaten und der Niederlande in dieser Stadt befohlen, ihre resp. Wappen wcgzunehmen. Die Consuln haben sofort an ihre Re- gierungen berichtet. — Die Journale finden diese Maßregel ungeheuerlich. Dieselben scheinen aber ganz zu vergessen, daß die oben erwähnten Consuln keineswegs bet der deutschen Negierung accrebirt sind, sondern zu der Zeit ernannt wurden, wo ber Elsaß ncch französisch war.
Es ist in diesem Augenblick viel die Rede von einer vollständigen Umänderung der Uniformen und der Ausrüstung der französischen Armee. Folgendes sind die Absichten, welche man dem KriegSminister de Ciffey zuschreibt unb die, wie man sagt, von Herrn Thiers gutgrheißen sind. Bei allen Linienregimentern mit Ausnahme der Zuaven und der Fremdenlegion sollen die rothen Hosen abgeschafft unb durch eisengraue mit rolhem Paffepoil, wie die schweizer Soldaten sie tragen, ersetzt werden. Der Nock bleibt derselbe, wie bisher, mit zwei Reihen von Knöpfen, aber mit rothem Besatz, anstatt des bisherigen gelben. Die Epauletten werben beibehalten, aber anstatt roth, wie bisher, werden ste grün sein und kleiner wie die früheren, die Fransen an Den Epauletten werten roth sein für die Soldaten und golden für die Offiziere. Das Käppi wirb dunkelblau mit rothen Streifen, geschmückt mit der dreifarbigen Cocarte und darüber mit einem Busche von Hahnenfedern in Der Art, wie die Mobilgarbe es trug. Das Leberzeug für Die Soldaten wird schwarz, für die Offiziere lackirt; die Patrontasche wird ersetzt durch einen kleinen, an Der Seite getragenen Sack. Die Infanteristen werden Stiefel erhalten, worin die Hosen hineingestcckt werden können. Der bisherige blaue Mantel wird ersetzt werben durch einen grauen mit roth gefütterter Kapuze. Die Genietrupven und Marine-Jnfanterie behalten für jetzt ihre bisherige Uniform bei. Was die Artillerie betrifft, so ist Darüber noch nichts entschieden. Von Der Kavallerie behalten Dragoner und Kürassiere die gegenwärtige Uniform mit Den rothen Hosen unb dem bisherigen Helm. Die Chasseurs aber unb Husaren sollen ihren bisherigen Charakter unb Uniform verlieren und künftig gemeinsam Chevaux- leg.rs heißen. Sie sollen rothe Hosen mit blauen Streifen erhalten und eine bellblaue Jacke wie bie bisherigen blauen Husaren; eine Art von rothem Käppi ohne Schirm mit verschiedenfarbigem Busche nach Den verschiedenen Regimentern. Cs sind bereits Musteruniformen angcfertigt und damit bekleidete Soldaten im Kriegsministerium Herrn Thiers vorgestellt worden. Werden die Finanzen Frank- reichs eine Ausgabe für dergleichen zulassen? Sicher ist, daß Der General de Eiffey sich viel mit dieser Reform beschäftigt, die Herrn Pouye: Quertier wenig Freude machen dürfte. Den Soldaten ist die Umgestaltung ziemlich gleichgiltig, aber Die Offiziere, welche ihre schönen goldgestickten Kragen und ihre goldenen Epauletten verlieren sollen, sind weniger entzückt davon.
Das Zuchtpolizeigericht von Lyon verhandelte am 8. d. M gegen einen Mann der in Den dortigen Hetzereien gegen Die Deutschen eine Hauptrolle spielte. Der Angeklagte ist ein polnischer Flüchtling Namens Doliwo-Dobrowolski, aus Litthauen gebstrtig unb seit zwanzig Jahren in Lyon ansässig, wo er sich auch verheiratet unb währenb des Kriegs als RekrutirungScapitän in . einem Freicorps gebient hat. Der Präsident macht ihm strenge Vorhaltungen: „Sie, ein fremder Flüchtling, waren durchaus nicht berufen, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen und uns Verlegenheiten zuzuzieycn. Sie sollten auf unserem Boden, der Sie gastfreundlich ausgenommen hat, still Ihren Geschäften nachgehen. Aber davon ganz abgesehen, ist es auch unseres Nationalcharacters unwürdig, uns haufenweise gegen einige wehrlose Individuen mit Injurien, Drohungen und Thatlich- feiten zu vergehen. Dieses Gebühren ist nicht nur ein schmähliche-, sondern auch von verhängnißvoller Wirkung auf unsere teuersten Interessen. Die Preußen haben noch mehrere Departements inne und Der geringste Beschwerdegrund Dient ihnen zum Vorwand, die Räumung zu verzögern. Das wäre ein schlechter Dienst für Die Sache des Vaterlandes, wenn Sie, Der Sic in Lyon die Lasten und Lei» Den Der Invasion nicht gekostet haben, für unsere Nachbarn von Der Cote d'Or dieselben verlängern wollen." Der Staatsanwalt legt Dem Angeklagten insbeson- Dere folgende Thatsachen zur Last: 1) Am 7. September hat Dobrowolski einen Preußen Namens Suttler, Dem ^r in Der Rue De Lyon begegnete, beschimpft und gröblich gestoßen; 2) am 25. September hetzte er auf offener Straße Die Vor- übergehenden gegen zwei Deutsche auf, denen die Hüte angetrieben, Fausischläge und Fußstöße gegeben wurden. Der Viceconsul Der Vereinigten Staaten, der


