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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit AuS» nähme MontagS.

Expedition : Ganz leib erz Ltt. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

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Freitag den 4. August

1871.

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Abonnenten, welche den Anzeiger bei der Expedition abholen lassen, erhalten denselben für die Monate August und September zu 40 fr.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Im Allerhöchsten Auftrag bringe ich hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß Eingaben an Seine Königliche Hoheit den Großherzog bis aus Weiteres wieder nach ^riefcbetg zu richten sind.

Gießen, den 2. August 1871. v. Starck,

Provinzial - Director.

Politischer Theil.

3. August.

f Die Zusammenkunft der Kaiser von Deutschland und Oesterreich, die im Lauf der nächsten Woche zu Gastein flattfinden wird, steht begreiflicherweise im Vordergründe der öffentlichen DiScussion, denn man ist ebenso neugierig, zu erfahren, tvaS eigentlich die Veranlassung der Entrevue gegeben hat, als man auf die Re­sultate derselben gespannt ist. Was das erstere, die Veranlassung, anlangt, so ersahren wir, daß erst aus wiederholtes Andrängen von Seiten des Wiener Cabincts ter Entschluß des preußischen Hofes zu einem persönlichen Ideenaustausch in Gastein zur Reife gediehen ist. Thatsache ist, daß die deutsche Bundesregierung trotz aller gegenseitigen FreundschaftSbetheuerungen ein gewisses Mißtrauen in die eigentlichen Absichten der Politik der österreichischen Negierung nicht los werden kann, und um dieses Mißtrauen endgiltig zu beseitigen, hat man österreichischerseits unstreitig den Weg einer persönlichen Begegnung in Gastein gewählt. Es ist nicht zu ver­kennen, daß man in Wien alle Hebel in Bewegung setzt, um die deutsche Bundes­regierung von der Ucberzeugung abzubringen, daß Oesterreich Hintergedanken hat, daß in seinen Combinationen die Wiederherstellung des polnischen Reiches und die baldige Erstarkung Frankreichs eine ganz außerordentliche Rolle spielen. In­dessen möchte es den Herren in Wien doch einigermaßen schwer werden, so über­legene Staatsmänner wie diejenigen, welche gegenwärtig die StaatSgeschäste in Deutschland leiten, über die Ziele, welche die österreichische Politik verfolgt, zu täuschen. Die Unterdrückung des DeutschthumS und die entschiedene Begünstigung des PolenthumS, das sind die Wege, auf denen- die österreichischen Staatsmänner ihren Zielen entgegengehen, und daß diese Wege gerade jetzt verlassen werden sollten von den Machthabern Oesterreichs, dazu ist nicht die geringste Aussicht vor­handen; der Wiener Hof wird sich nicht einreden lassen wollen, daß Preußen die Reihe seiner Actionen geschlossen hat und daß die Deutschen in Deutsch-Oesterreich je aushören werden, nach Deutschland zu gravitiren. Käme es auch wirklich in Gastein zu einer Erörterung bestimmter politischer Fragen, so würde doch trotzdem ein Einverständniß der beiden Kaiser, eine Einigung über ein bestimmtes Pro­gramm der auswärtigen Politik der beiden mitteleuropäischen Reiche nicht erzielt werden können. Oesterreich bereitet sich unstreitig auf eine Action vor, welche ihm - seinen früheren Rang im europäischen Staatensystem wieder verschaffen soll. Diese Action mag nicht gerade direct gegen Deutschland in Aussicht genommen sein; aber so viel steht fest, daß die österreichische Regierung wett davon entfernt ist, in einer Bundesgenossenschaft mit dem deutschen Reiche ihren Halt zu suchen. Ander- stitS wird der Beherrscher des deutschen Reiches dem Kaiser von Oesterreich sich nicht mit einer Allianz aufdrängen wollen, deren Deutschland in keiner Weise be- »öthigt ist, schon zum Versuche einer solchen Allianz kann es übrigens darum nicht kommen, weil das Derhältntß Preußens zu Rußland ein ganz anderes ist die dasjenige Oesterreichs zu der nordischen Macht, eine deutsch-österreichische Allianz aber doch auf gar keiner anderen Grundlage errichtet werden könnte, als ^uf der eines eventuellen Vorgehens gegen jene nordische Großmacht, welche Oester- nich an der untern Donau bedroht und ihre Stellung in Warschau dermaleinst sicher nicht für Oesterreich verwerthen wird.

Für eine ganze Reihenfolge neuer Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen sind beim Ministerium bereits ConcessionSgesuche eingegangen, denen allen mit thunlichstem Entgegenkommen, aber nur unter der Bedingung gewillfahrt werden soll, daß die Verwaltung ter so zu erbauenden Bahnen von der für die neuen LandeStheile zu tmennenden Centralverwaltung geleitet wird, da sowohl strategische wie politische Rücksichten dies als nothwendig erscheinen lassen.

Gießen. (Antwort des des Reichsabgeordneten Freiherrn zur Rabenau auf die Rede des Reichstagsabgeordneten Ketteler in der 10. Sitzung am 3. April 1871):

Abgeordneter Freiherr von Nordeck zur Rabenau: Meine Herren! Ich bin der Ansicht, daß, wenn die Gegensätze einmal auf den Punkt angelangt sind, aus welchen

sie leider durch das Hineintragen religiöser Angelegenheiten in diese Debatte gekommen sind, diese Gegensätze dann möglichst scharf gestellt werden müssen, da­mit Jeder wisse, woran er ist. Ich werde versuchen das zu thun.

Der Commentar zu dem Anträge Reichensperger und Genossen und über die Stellung dcr päpstlichen Curie zu dieser Frage ist gegeben in der Civilta vom 18. März 1871 bekanntlich das officielle Organ der römischen Curie: Der Papst ist oberster Richter der bürgerlichen Gesetze; in ihm laufen die beiden Gewalten, die geistliche und die weltliche, wie in ihrer Spitze zusammen, denn er ist der Stellvertreter Christi, welcher nicht nur ewiger Priester, sondern auch K)nig der Könige und Herr der Herrschenden ist", und gleich nachher heißt cs weiter: «Der Papst ist krast seiner hohen Würde auf dem Gipfel beider Gewalten". Meine Herren, das sind dieselben Grundsätze, welche die religiösen und bürger­lichen Zerwürfnisse und den Zerfall Deutschlands im Mittelalter herbeigeführt haben, die Grundsätze der Curie sind heute noch dieselben und werden ewig die­selben bleiben. Ich nun , und ich glaube mit wir der größte Theil des Hauses, stehe auf einem anderen, diametral entgegengesetzten Standpunkt: uns ist der Staat die einzige Quelle der Gesetzgebung, und diese beiden Gegensätze halte ich für un­vereinbar. Hiermit ist die Situation ganz klar gegeben-. Dem Herrn Ab­geordneten für Tanberbischofsheim bin ich eine Antwort schuldig. Er rief uns vorher zu:Verletzen Sie nicht das religiöse Gefühl des Elsaß"; ich unterbrach ihn, allerdings nicht ganz in parlamentarischer Weise ich gestehe es mit dem Zurufe:Nicht wir, sondern Sie verletzen das Gefühl des Elsaß durch die Grundsätze, die Sie verfechten." Meine Herren, ich bin Ihnen schuldig, diesen Satz zu motiviren.

Die Herren aus dem Centrum sind in dem Anträge, so wie sie ihn gestellt haben, nicht mit ihren letzten Zielen hervorgerückt. Mit viel größerer Praciston und Schärfe geht das hervor aus einem Aktenstück, das ich weiß nicht, ob auch anderwärts, aber hessischen Abgeordneten bei den Reichstagswahlen als conditio sine qua non der Unterstützung durch die Katholiken zur Anerkennung als Direktive für ihr Vorhalten im Reichstage vorgelegt wurde.

Unterzeichnet ist dasselbe unter andern von zwei Mitgliedern des Domkapitels in Mainz, dem Domkapitular Dr. Moufang und Domkapitular Dr. Haffner. Die weiteren Unterschriften sind: Karl Fürst zu Isenburg - Birstein, Franz Freiherr von Wambolt, OberrechnungSrath Backe. Datirt ist das Aktenstück: Mainz, den 12. Januar 1871.

Meine Herren, in diesem höchst merkwürdigen Commentar zu dem, was die Herren hier beantragt haben, werden Sie auch die Erklärung finden zu. dem, was das klerikale Centrum bei der Adreßberathung unter dem WorteIntervention" verstanden. Das ist hier vollständig klar gestellt durch die Ausführungen des Commentars unter 4. Das geht auf die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes.

Das Aktenstück lautet, wünschen Sie, daß ich cs ganz verlese? (Ja!) In nächster Zeit werden die Wahlen zum Reichstag in dem Großherzog, thum stattfinden. Der Ausfall dieser Wahlen wird nicht bloS für die bürger. lichen und politischen Interessen von großer Wichtigkeit fein, sondern auch auf die künftige Gestaltung unserer religiösen Derhältnisie Einfluß üben.

Ein besonderes Wahlprogramm für die Katholiken des Großherzogthums aufzustellen, scheint in diesem Augenblick um so weniger angezeigt, als die Ver- hältnisse uns nur in wenigen Wahlbezirken einen entscheidenden Erfolg ver­sprechen.

Unter allen Umständen aber werden es die Katholiken als ihre Pflicht erkennen, ihre Stimme keinem Candidaten zu geben, von welchem sie eine Schä­digung ihrer religiösen Interessen zu sürchten haben, und nur zu der Wahl solcher Männer mitzuwirken, welche in dieser Beziehung Bürgschaft geben.

Insbesondere haben wir von unseren Reich-tagSabgeordneten zu fordern: