Ausgabe 
27.5.1869
 
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Frucht- und Mehlpreife in verflossener Woche von nachbenannten Orten und Fruchtmärkten.

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Spelz.

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Linsen.

Auf dem dMrö

Kartoffeln.

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Feuilleton.

Dir D 0 p p r t r h e.

Frei aus dem Französischen, von Emma v. Nindorf.

(Fortsetzung.)

Um ein Uhr Morgens klopft? der angebliche Oberst Chabert an die Thüre des Aerrn Derville, Anwalt beim Tribunale erster Instanz im Seine-Departe- mens Der Thürsteher bedeutete ihm, Herr Derville sei noch nicht zu Hause. Als ter Greis sich mit der erhaltenen Bestellung ausgewiesen sah, trat er in die Wohnung des berühmten Rechtsgelehrten, der trotz seiner Jugend zu den hellsten Kopsen des Gerichtshofes zählte. Nachdem der zweifelnde Bittsteller geschellt und Einlaß gefunden hatte, fand er nicht -shne geringes Staunen den Ober- schreiber damit beschäftigt, auf dem Tische im Speisezimmer die zahlreichen Acten- stoße zu ordnen, welche den folgenden Tag an die Tagesordnung kommen sollten, ^ener begrüßte den Obersten auch etwas überrascht, und bat ihn, sich zu setzen. Der Kläger that.Wahrlich, Herr, ich glaubte, Sie scherzten gestern, da Sie mir eine so ungewöhnliche Stunde zur Berathung bestimmten," sprach der Greis mit erkünstelter Heiterkeit, mit der Heiterkeit des Elends, das sich ein Lächeln abzwingt."

Es war allerdings nur Scherz von den Schreibern ; doch sprachen sie auch wahr" nahm der Oberschreiber Vas Wort, ohne sich in seinem Geschäfte stören :u lassen.Herr Derville setzte die Stunden fest für seine tiefsinnigsten Studien. ° Nur in der Stille dieser Augenblicke vermag sich sein reicher Geist ungehemmt iu entfalten und zu wahrhaft leuchtenden Gedanken aufzuschwl'Ngen. Seit sechs fahren liefern Sie das dritte Beispiel einer nächtlichen Berathung. Nach er- filater Heimkehr wird der Principal viMcht 45 Stunden lang, je nach Be- darf alles was vorliegt, durchsehen, erörtern, darauf mir klingeln und seine Er­klärungen geben. Morgen von 102 Uhr hört er seine Clienten an und be- nutzt den Rest des Tages zu tausend Besprechungen. Abends gehört er der Welt. So bleibt ihm Denn nur die Nacht, um in seine Prozesse emzudringen, Waffen zu schmieden, Schlachtenplane zu entwerfen. Er möchte nicht Einen Rechtshandei verlieren, treibt seinen Beruf mit Leidenschaft und übernimmt nicht, gleich seinen Amtsbrüdern, jede Art Geschäft. Sehen Sie, so wundersam thätig ist sein Leben! Er gewinnt auch viel Geld."

Der Greis schwieg zu diesen Erläuterungen; aller Geist schien so sehr aus seinen Zügen gewichen, daß der Oberschreiber, als er den Ersteren angesehen hatte, sich nicht weiter mit ihm abgab. Noch einige Minuten verstrichen bis'zur Heimkehr des jungen Anwalts. Er war im Ballanzuge. Der Oberschreiber öffnete Vie Thüre,' und fuhr fort, jene Actenstöße zu orvnen. Derville riß eine Haarkette, an welcher ein Mevaillon hing, von der Brust, und warf es klirrend auf den Tisch.Fort," sagte er halblaut,fort mit den schönen, lügenhaften Zügen!" - Es war das Conterfer einer jungen, reichen Wittwe. Der Advo- cat nahm es wieder und betrachtete es noch einmal.Ja," setzte er hinzu, auch vaS Bild hat, wie Amalie, jenes gleißende Lächeln für Alle!" Er fuhr mit der Hand in die braunen Locken.O, des seelenlosen Spieles, das sich diese herzlosen, reizenden Larven erlauben! Müde, übersatt bin ich von diesem Treiben, das mir Die Mitgeschöpfe nicht im besseren Lichte zeigt, wie mein Beruf: er ent­hüllt mir Die Untiefen menschlicher Natur; im lauten Leben lerne ich Die glän­zende, eiskalte und glatte Oberfläche verachten." Derville litt auch an einer Krankheit; an Der Krankheit schöner Seelen, Denen aus Dem Weltspiegel statt Dem geträumten EbenbilDe eine häßliche Fratze entgegengrinzt, unD Deren Lebens- frage keine Antwort finDet. Bei Dem jungen Anwälte hatte sich Vas Herz, Vas warme, edelfühlenve, noch nicht recht mit vem DurchDringenDen, Hellen Kopfe ver­ständigt. Der Kampf zwischen beiden, Den frieDlicher Vergleich, nicht Sieg oDer NieDerlage Einer Parthei, enDen soll; Der Kampf, in Dem nur Die Kräftigsten nicht unterliegen, Die Meisten es blos zum Waffenstillstanor bringen, Viele an empfangenen WunDen verbluten: war hier noch nicht ganz vertobt.Arbeit, Arbeit!" rief Der junge Mann unD strich mit Der Linken über seine Stirne.Ar­beit soll Die müßigen Dünste verjagen!" Jetzt erst bemerkte er Die Anwesenheit eines Dritten, unD schien wirklich einen Augenblick betroffen, Da er im Helldunkel Den seltsamen Kläger gewahrte, Der seiner harrte.

Oberst Chabert war so völlig regungslos, wie nur irgenD eine Wachsfigur des Cabinets Kurtius, in Das Der Dritte Schreiber seine Gefährten führen wollte. Diese Unbeweglichkeit müßte um so mehr überraschen, Da sie so sehr im Ein- klänge mit Der ganzen gespenstigen Erscheinung stanD. Der alte Krieger war verseh rümpft, mager, seine Stirne absichtlich unter Der langhaarigen Perrücke ver­steckt, Die ihm etwas Geheimnißvolles lieh. Wie nebelumflort schimmerten seine Augensterne, altem Perlmutter vergleichbar, Das mit bläulichem WiDerscheine im Kerzenlichte schillert; Das bleifarbige, scharfgeschnittene Gesicht; um Den Hals ein schlechtes, schwarzes SeiDentuch geschnürt; der übrige Theil des Körpers so ganz in Schatten gehüllt, daß lebhafte Einbildungskraft diesen alten Kopf für eine zufällig hingeworfene Silhouette, oder ein rahmenloses Bild Rcmbrandt's halten mochte. Der Hutrand, welcher tief in die Stirne gedrückt war, warf eine schwarze Furche über Den obern Theil des Antlitzes, unD Dieser schwarze Schatten bildete einen schroffen Gegensatz zu den weißen, starren Falten, dem farblosen Ausdrucke dieser Leichenmienen. Dabei weder Bewegung im Körper, noch Lebenswärme im Blick, wohl aber ein gewisser Ausdruck finstern Wahnsinns, entwürdigender Geistesabwesenheit Grauen erregend! Indessen mochte ein scharfer Beob- achter, vorzüglich ein Rechtsmann, Spuren tiefster Schmerzen erkennen, welche diese Züge verheert hatten, wie Regentropfen mit der Zeit den schönsten Mar-

mor aushöhlen. Dem Arzte, Schriftsteller oder Richter mußte sich im Anschauen dieser schauerlich erhabenen Linien ein ganzes Drama erschließen.

Als der Unbekannte den Anwalt gewahrte, durchzuckte es jenen krampfhaft; er nahm schnell Den Hut ab, unD erhob sich, Den jungen Mann zu grüßen. Das Innere Des Hutes mochte wohl sehr beschmutzt und fett fein; die Perrücke blieb Daran hängen, ohne Daß es Der Alte bemerkte; ein furchtbar zerhauener SchäDel warD sichtbar; eine tiefe, röthliche Narbe, Die schräg vom Hinterhaupte bis zum rechten Auge lief. Die plötzliche Entführung Der unfaubern Perrücke, welche Der Aermste trug, seine WunDe zu verbergen, reizte nichts weniger als Die Lachlust Der beiDen Rechtskundigen: Der gespaltene Schädel war entsetzlich anzusehen. Un­willkürlich erweckte Der Anblick Dieser WunDe Den GeDanken :das war die Bahn, auf welcher der Geist entfloh!"

Oberst Chabert, oder ein arger Gauner!" dachte der Oberschreiber.Mein Herr," sprach Derville,wen habe ich die Ehre vor mir zu sehen?"Oberst labert." Welcher?"Der bei Eylau blieb/ entgegnete der Greis. Der Blick, Den Schreiber und Advocat bei diesen Worten miteinander wechselten, hieß es so viel als: ein Wahnwitziger!Mein Herr," begann der Oberst,ich wünsche, Ihnen allein das Geheimniß meiner Lage anzuvertrauen." Berner- kenswerth ist ein den Anwälten eigenthümlicher Muth. Sei cs nun Gewohnheit, vielen Menschen zu begegnen, Ueber^eugung, unter dem Schutze Der Gesetze zu stehen, Amtsvertrauen : jene Dringen, gleich Priestern unD Aerzten, furchtlos über­all ein. Herr Derville gab BoucarD ein Zeichen; Dieser verschwand.

Mein Herr," Hub Der Anwalt an;ich geize bei Tage nicht allzusehr mit meiner Zeit; Nachts ist mir aber jcDc Minute kostbar. Also kurz unD bündig, ohne Umschweife zur Sache. Ich werde selbst Erläuterungen verlangen, wo sie mir nöthig scheinen. Reden Sie." Nachdem er seinem Clienten einen Sitz angewiesen hatte, ließ er sich am Tische nieder unD blätterte in seinen Acten, lieh aber Dabei dem Obersten aufmerksames Ohr.Mein Herr," sagte der Ver­storbene,Sie wissen wohl, Daß ich bei Eylau ein Cavallerieregiment befehligte? Auf meine Rechnung kommt ein Antheil von Dem glücklichen Erfolge bei Murat'S berühmtem, entscheidenDem Angriffe. LeiDer ist mein ToD geschichtliche Thatsache, aufgezeichnet in unfernSchlachten unD Eroberungen", unD daselbst umständlich berichtet. Wir durchbrachen Drei russische Reihen, Vie, alsbalv von Neuem sich bilvenv, uns zwangen, sie nach entgegengesetzter Richtung wieder zu zersprengen. Als wir eben, nach Zerstreuung der Russen, zum Kaiser zurückflogen, stieß ich auf einen Haufen feindlicher Reiterei. Ich warf mich auf die Starrköpfe. Zwei russische Offiziere, wahre Riesen, griffen mich zu gleicher Zeit an. Der Eine führte gegen meinen Kops einen Säbelhieb, Der Durch alles, sogar durch die schwarze Seidenmütze Drang, welche ich trug, unD mir Die Hirnschale tief spal­tete. Murat kam auch noch zu Hülfe: Weg ging es über mich, er unD Die Seinen, fünszehnhunDert Mann Kleinigkeit! Mein Tod ward Dem Kaiser hinterbracht; aus Vorsicht (er mochte mich leiDen, Der Herr!) wollte er wissen, ob es ganz unmöglich sei, Den Mann zu retten, Dem er Den kräftigen Angriff dankte. Er sandte noch zwei Wundärzte aus, um mich zu suchen und in'S La- zareth zu bringen; sagte ihnen, vielleicht zu nachlässig, Denn er hatte Arbeit: geht Doch, seht, ob mein armer Chabert nicht zufällig noch lebt!" Die ver­dammten Carabiner, Die eben erst gesehen hatten, wie Die PferDe zweier Regi­menter über mich hinbrausten, hielten es sonder Zweifel für überflüssig, mir Den Puls zu fühlen, unD erklärten, daß ich toDt sei. Die Urkunde über mein Ver­scheiden wurde demnach vermuthlich nach allen Regeln Der Militärjustiz abgefaßt."

Als Der junge ADvocat sich überzeugte, tote fein Client mit so völliger Klar­heit wahrscheinliche, wenn schon seltsame Thatsachen berichtete, ließ er seine Acten liegen unD sah, Den linken Arm auf Den Tisch, Den Kops in die Hand gestützt, unverwandt nach Dem Obersten hin.Wissen Sie," unterbrach er ihn, Daß ich Sachwalter Der Gräfin FerrauD bin, Der Wittwe Des Obersten Chabert?"

Meiner Frau! Ja, Herr. Nach hunDert vergeblichen Versuchen bei Rechts- kunDigen, Die mich alle für wahnsinnig hielten, entschloß ich mich, Sie auszu- suchen. Von meiner unglücklichen Lage nachher. Lassen Sie mich erst Die That­sachen orDnen; ich kann in Den meisten Fällen nur annehmen, wie sich jene aller Wahrscheinlichkeit nach aneinanDer reihen mußten. Gewisse UmstänDe, Die nur Der Dort oben kennt, veranlassen mich, Manches nur als Vermuthung hinzustellen: So mögen also Die Wunden, welche ich erhielt, vielleicht einen Starrkrampf ver­ursacht haben, oder eine CrisiS, Der Krankheit ähnlich, Die man, glaube ich, Ca- talepsie heißt. Wie wollten Sie es sich sonst erklären, Daß ich nach KriegSge- brauch meiner Kleiber beraubt und in Die SolDatengrube geworfen wurde, Durch Leute, Denen Das BeerDigen Der ToDten obliegt? Es sei mir gestattet, hier NebenumstänDe zu berühren, Die erst nach jenem Ereigniß, das ich wohl meinen Tod nennen muß, zu meiner Kenntniß kamen. Im Jahre 1814 traf ich zu Stuttgart einen alten Quartiermeister meines Regiments. Der gute Mann, Der Einzige, Der mich roieDer erkennen wollte, ich tocrDe sogleich auf ihn zurück- fommen erklärte mir das Wunder meiner Erhaltung: mein Pferd erhielt eine Kugel in Die Seite, im Augenblicke, wo ich selbst sank. Roß und Reiter über­schlugen sich also wie Kartenkönige. Beim rechts oder links Stürzen ward ich zweifelsohne durch Die Leiche meines PferDes gedeckt, unD konnte so weder von Nossen zerstampft, noch von Kugeln getroffen werden. Ich kam in meiner Lage, in einem Dunstkreise, wieder zu mir, wovon ich Ihnen kein Bild zu entwerfen vermöchte, wenn ich auch bis morgen davon erzählte. Verpestet war Die Luft, welche ich athmete. Ich wollte mich regen, und fand nicht Raum dazu. Nichts sah ich, da ich Die Augen bffhete. (Forts, folgt.)