Feuilleton.
Aufsicht des lästigen und verhaßten Oberknechtes entrückt, Gelegenheit zu finden, sich wieder einmal mit der so heiß Geliebten ungestört unterhalten zu können.
Es ging Alles nach Wunsch. .
Als sammtliche Hausbewohner sich entfernt hatten, trat Andrea m die Wohnstube, wo Maria, in ihrem Gebetbuche lesend, saß.
„Menn ich Dich in Deiner Andacht störe," sagte er, „so gehe ich sogleich wieder hinaus." . n ~ x
Du störst mich nicht," erwiederte die Jungfrau, indem sie ihr Gebetbuch weglegte. „Bleibe nur da, — ich habe sogar mit Dir zu sprechen. Komme her, setze Dich hier neben mich."
Im Augenblicke saß der entzückte Andrea aufdem angewiesenen Platze und sagte:
„Da sitze ich schon und bin ganz Ohr, obschon ich mir denken kannn, was Du mir zu sagen hast." ,
„Und was meinst Du, daß eS sein wird?" fragte Maria, welche um einen passenden Eingang verlegen war und mit ängstlich klopfendem Herzen da saß.
Du wirst mir das alte Lied wieder vorsingen wollen, rief Jener lebhaft und mit blitzenden Augen das erröthende Mädchen ansehend; „ich soll Deinem begünstigten Liebhaber mehr aus dem Wege gehen, damit Ihr Euch nicht zu gemren^braucht.^ Mädchen, „verdiene ich diese Vorwürfe von Dir?"
"Sei mir nicht böse, Maria," entgegnete Andrea, „aber der Aerger bringt mich noch um, wenn ich so sehen muß, wie Battista von Vater und Tochter m allen Stücken bevorzugt wird. Ich sehe wohl, was man mir verheimlichen will, es wird jeden Tag deutlicher und ich kann es nicht ertragen, weil es mir das
,/Da ^Du selbst davon anfängst," sagte jetzt Marie, „so wollen wir weiter über Viesen Gegenstand sprechen, denn es wird für uns Beide gut sein, wenn wir mit einander in's Reine komme». Du mußt< mir aber versprechen, mich ruhig anzuhören, und mir auf alle Fragen, welche ich an Dich stellen werde, offen und ehrlich in antworten." _, ,, ,,
Du weißt ja," erwiederte Andrea, „daß ich Dir nichts abschlagen kann. Ich werde Dich ruhia anhören und Dir ehrlich antworten."
„Run, so sage mir," fragte Maria, „welchen Lebensberuf hast Du erwählt ? Willst" Du beständig Ziegenhirt bei uns bleiben?"
Tiefe Röthe überzog bei dieser unerwarteten Frage das gelbe Gesicht des jungen Burschen; er schlug die Augen nieder, und es entstand eine peinliche ^''"EnUich'wkde^o^Ma'ria die Frage, und setzte hinzu, als immer noch keine ^twort^erfolgte^.^ nieCer un0 wirst roth ! — Warum antwortest
1 9 Maria befand sich also in einer ganz eigenen Lage. Sie vermuthete mch nur, daß sie oon Andrea geliebt sei, sie konnte nach allen Erfahrungen nicht wehr daran zweifeln, obgleich Jener seine Gefühle ihr und den andern Leu en mehr verbarg, als bekannte oder verrietst. Sie konnte es sich nickt laugnen, daü sie ihn gerne habe, aber zwischen diesem „Gernehabcn und der r/2iebe , die sie für Battista fühlte, war doch ein himmelweiter Unterschied. Zuletzt kam sie dahin, jenes „Gernehaben" für nichts als für ein .aufrichtiges herzliches Mitleiden zu halten, das sie mit dem armen Jungen hatte, der von aller Welt »er- ö(qt wurde. Was «ar aber zu thun? An eine Verbindung zwischen ihm und ihr wäre doch nie zu denken gewesen. Angenommen einmal, sie hatte sich über- winden können, den häßlichen, unansehnlichen, allenthalben gehaßten und vera^ teten Burschen als Gatten an ihrer Seite zu dulden, so hatte ihr Vater doch nie seine Einwilligung dazu gegeben, schon um deswillen nicht, weil er nichts von der Landwirthschaft verstand, dabei faul und trage war, was er gewiß bei- behalten hätte, wenn er sein eigener Herr geworden wäre. Ueberdles hatte er auch nicht einen Livre im Vermögen. e , .
Die Anhänglichkeit Anvrea's und dessen ihr unverkennbar hcrvortretenden Gefühle schmeichelten Marien - welches Mädchen wäre je gegen ne Huldigun- aen eines, wenn auch unbedeutenden jungen Mannes unempfindlich gewesen. Und wirklich schien er ihr gegenüber ein ganz anderer Mensch zu fein, weshalb nichts natürlicher war, als daß sie dessen Anhänglichkeit und vielfache Dienstleistungen in ihrer Weise zu erwiedern suchte.
Stets war sie bereit, seine vielen und großen Fehler zu entschuldigen und | ibn gegen seine vielen Feinde in Schutz zu nehmen, und leider fehlte es nie an Gelegenheit dazu, denn wer irgend mit ihm in Berührung kam, hatte gerech e Ursache, sich über ihn zu beklagen. Sie sah und fühlte, daß rede Liebkosung, jedes freundliche Wort, welches Battista an sie richtete — und das war nicht selten der Fall — Jenen kränkte und qufbrachte, wodurch die Stimmung beider Nebenbuhler gegen einander immer bitterer wurde. Deshalb vermied sie es zu- letzt nicht nur selbst, irgend ein freundliches Wort in des letzteren Gegenwart an Battista zu richten, sie bestand auch mit aller Entschiedenheit darauf, daß dieser ein gleiches Verfahren beobachtete. Damit wollte sie aber nicht nur jene Kränkung des armen Burschen vermeiden, sie fürchtete auch das Schlimmste.ben Ausbruch des in seinem Innern glühenden und von Tag zu Tag starker toben- den Vulkans ♦ — und das war immer zu furchten, denn auch Battista hatte em leicht erregbares Blut in feinen Adern, und oft hatte Mana mit dessen aufbrausender Leidenschaftlichkeit zu kämpfen. nirht
Dieselben Gründe waren es, welche sie veranlaßten, sich mit Battista nicht förmlich zu verloben. Sie hatte ihm schon längst ihr Jawort gegeben, und der Vater hatte im Stillen ihren Bund gesegnet, doch mußten Beide ihr bas feier- licke Versprechen geben, dieses Ereigniß so lange zu verschweigen, bis sie ihre Einwilligung zur Veröffentlichung gebe. Man suhlte aber allseitig das druckende dieses Verhältnisses und besonders der Bräutigam fugte sich nur n°thgedrungen und mit Widerstreben in diese ihm so unangenehme Bestimmung. Er war aber nicht zu ändern, und es wollte ihm auch nicht gelingen, gute M.ene zum bösen
^"So^am^esi daß endlich auch in Marien der Wunsch immer lebhafter wurde, der Sache ein Ende zu machen, da die gegenseitige feindliche Stimmungjener Reiben sicb mit jedem Tage auf eine ganz unheimliche Welse steigerte. Deshalb willigte ^sie ein, daß am Jahrestage ihrer heimlichen Verlobung beschlossen wurde, dieselbe nach vier Wochen zu veröffentlichen, und zwei Monate spater, an dem Tage, an welchem sie achtzehn Jahre alt würde, ihrem Bräutigam an den Trau- MaX<&i »Ä klar, daß Andrea früher dar Haus, und womöglich die Gegend verlassen müsse, und sie durfte nicht zögern, ihn dazu zu bestimmen. Ein schweres Vorhaben für sie, das aber auf jeden Fall, und zwar ohne lange- ren Aufschub, ausgeführt werden mußte. — „
Maria wußte es am folgknden Sonntage einzuleiten , daß Ba ttstaden Vater nach Cvnizia fuhr, um die Kirche zu besuchen, wahrend sie , ein leichtes Unwohlsein vorschützend, zu Hause blieb. Eie zweifelte nicht, daß Andrea, wenn er diese« erfuhr, ebenfalls, wie schon öfter, die Kirche versäumen werde, um, der
Du ni$* ^arja|„ antwortete endlich Jener, „ich schäme mich, daß ich seit 8 Tagen schon 19 Jahre alt und nichts bin als ein elender Ziegenhirte. Aber fa9e SbfZn k^6einaun*fa^nrEnc8 Mädchen bin," sagte Maria, „und nicht «ci6 welchen Rath ich einem jungen Manne wegen seiner Zukunst geben soll, so kann ich doch darüber keinen Augenbtick zweifelhaft sein, was Du beginnen wirst oder vielmehr mußt. Du hast kein Vermögen und keine Verwandten "der Freunde, welch"sich Deiner annehmen, - Du bist also in allen S ucken auf Deiner Hände Arbeit angewiesen; aber so viel wirst Du doch einsehen, daß in Monzi Dein Glück unmöglich blühen kann. Du mußt dinau« n die Fremde und auf irgend eine Weise Dein Gluck zu gründen suchen. Wie.und wodurch, das kann ich Dir freilich nicht sagen, das kann Dir jemand sagen , aber viele Wege st.hen dem offen, dem es völliger Ernst 'st mit d-m^uch . Eins sicht fest, das ist so gewiß, als der klare Himmel über uns steht, findest Du keine Gelegenheit, Dein Glück zu begründen. Bringe also nicht-.cin- besten Jahre hier in unnützen Träumereien und — ich muß es um Deinetwillen sagen, so ungern ich es auch thue, — in Faulheit und Müßiggang zu, sondern mache Dich auf, und suche anderwärts, was Du hier in keinem Falle fin
Andtta hatte, während Maria sprach, sich wieder aufgerichtet und starrte sie mit seinen schwarzen blitzenden Augen auf unheimliche W-,s- an. Rothe und I Blässe wechselten auf seinem Gesichte; endlich unterbrach er die Sprechende, in- dem er mit großer Heftigkeit höhnisch lachend nef: . ter
Ei seht doch, wie klug und sein auSgcdacht! Warum hältst Du m t er wahren Absicht der von Dir gewünschten Unterredung so J1"*”
Berge? Sage doch Deine Wünsche gerade und ohne Umschweife heraus. Ich muß^cs mir U gefallen lassen! Es lautet viel besser, ist wenigstens viel ehrlicher, wenn Du sagst: Du bist mir und meinem Liebhaber em Stein des Anfioßes, riiime Deinem bevorzugten, glücklichen Nebenbuhler das Feld; ich habe langst di? Wahl zwischen dem HMch-n Andrea UN dem schönen Battista ist mir nicht schwer geworden, darum mache, daß Du fort kommst.^ au^lmd lief mit hastigen Schritten in der Stube hin und her, indem er vernichtende Blicke auf das geängstigte Mädchen warf und beständig mit den Händen drohende Bewegungen machte.
Maria kannte seine unbändige Leidenschaftlichkeit und, hielt es sur dus Beste, ihn nicht zu unterbrechen, sondern ohne allen Widerspruch au"°ben zu lassem Nach einer kleinen Pause fuhr er zähneknirschend fort : „O, ich habe s wohl gesehen, wie eS nach und nach so weit gekommen ist; ich bin nicht so dumm oder so blind, wie man glaubt! Ihr seid -img mtt einander, die Hoch, zeit soll nun bald fein, und da schickt man mich wie einen einfältigen, überlast,, qen Jungen fort in die weite Welt! Was liegt daran, ob cm armer -eufel darüber zu Grunde geht, und an gebrochenem Herzen stirbt, roenn tr nur aus dem Wege ist; sic mögen ihn draußen emscharren, wo Niemand ihn kennt, und keine Thräne ihm nachgeweint wird! Aber nein, dahm soll es nicht kommen Ihr habt die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und da habt Ihr Euch sehr geirrt, ich mache Euch einen dicken Strich durch die Rechnung! Helrathet nur Immer frisch drauf los, ich bleibe da," rief der junge Mann m.t diwhender Stimme, indem er ein Stilei aus der Tasche zog und m>t lebhaften Gestik» a tivnen in der Luft schwang: „und wenn Ihr ,n die Kirche geht, dann gehe ich mit, und wenn Ihr au« der Kirche kommt, dann habe ich Euch Platz gemacht, denn über meine Leiche müßt Ihr schreiten, und Du kannst das Herz, das Du gebrochen hast, noch mit Füßen treten!" — '• $ '
S o l d s t e n g lü ck. *)
Novellette von Heinrich Hensler.
(^OTtfe^unQ.)
Dieses Gefühl kam weniger eon der Streit- und Händelsucht desselben her, oder von dessen Trägheit und seinen übrigen oben aufgezählten, schlimmen El- aenschaflen, auch nicht von seinem höchst unvortheilhaften Aeußeren; trotz- ®r( h hatte sie ihn ja recht gerne. Es war nur der Umstand daran schuld, daß ein anderes Gefühl mit Macht in ihr erwachte, das ihr die U-berzeugung aab daß da«, was sie für Andrea in ihrem Innern empfinde, Nicht die Liebe sei welche er ihr zu erkennen gegeben hatte, sondern nur eine Geschwisterliebe^ Daran trug der Oberknecht Battista die Schuld. Niemand hatte so vielen und bektiam Streit mit Andrea, als dieser; er klagte beständig über ihn und ver- lanale vielfach die Entlassung dieses unnützen Knechtes. Obwohl er wlt und meistens gerechte Veranlassung zu diesem Begehren hatte und fast täglich mit neuen Klagen kam, so hatte er doch noch eine andere, tiefer liegende und fester wurzelnde Veranlassung zu dieser entschiedenen Abneigung, eine Veranlassung, welche für Niemandem im Hause ein Geheimmß war, nämlich — Eifersucht.
Battista Conzi, ein kräftig gebauter, blühend schöner junger Mann von etwa 24 Jahren, versah schon einige Jahre die Stelle eines pberfnecbte« au Dem Gute von Marien« Vater, der durch fortwährende Kränklichkeit gebinbert toar vas Gut selbst zu bebauen, auch keinen Sohn hatte, der für ihn die Auf- acht' über das Gut hätte führen können. Battista war ."'^ "ur em schöner und tüchtiger Landwirth, er war auch sehr brav, bubet em lustiger Gesellschafter uns flinker Tänzer. Was Wunder, daß er bald d,e Zuneigung Mariens sich erworben hatte, mit der er ja beständig unter einem Dache lebte unbtugM) tn vielfache Berührung kam. Sie erwiederte des jungen Mannes Liebe bald mit gleicher Leidenschaft und der Vater war ihrem Bunde nicht entgegen, denn ob- gleich per junge Mann nur ein geringes Vermögen befaß, so hatte er doch schon mehrere Jahre den Beweis geliefert, baß er ber Erhaltung ceä ®ute« trotj ber darauf ruhenden Schulden vollständig gewachsen war, wahrend eben dieser Schul, den halber eS dem Vater schwer gehalten haben würbe, einen reicheren Eibam


