Ausgabe 
14.8.1849
 
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unter, aber mich nur allein; natürlich konnte ich nicht so viel verdienen, als wir im Kosthause bezahlen muß­ten, war auch nicht so glücklich, eine Wohnung für uns auszufinden, denn diese mar sehr schwierig zu er­langen, weil etwa sechs Wochen zuvor eine Feuers­brunst gegen 300 Häuser in Asche gelegt hatte, und auf diese Art bekam ich eine zweite Schuld von 17 Dollar. Endlich erlangte ich eine Wohnung; wir fin­gen unsere eigene Wirthschaft an, aber leider! hier sah es sehr traurig aus, weder Tisch noch Stuhl zum Es­sen, keine Bettstelle zum Schlafen, keinen Ofen zum Kochen, (denn diesen muß hier ein jeder Hausgenosse mitbringen, sonst kann er fein Feuer machen), das Alles mußte angeschafft werden; aber ohne Geld und unter fremden Menschen wo hernehmen? Doch es machte sich geschwinder, als ich glaubte, es kam nämlich ein hiesiger Gerber, welcher Leute in seine Arbeit brauchte, zu mir in meine Behausung, er ver­langte mich und meinen Fritz in Arbeit; wir wurden auch bald einig, und ich versprach, zu ihm zu kommen. Als er bei dieser Gelegenheit gesehen hatte, daß ich ihn nicht konnte heißen niedersetzen, auch sonst nichts sah, wo wir unser Haupt konnten hinlegen, als auf den Boden, so kam er, als ich einige Tage bei ihm gear­beitet hatte, zu mir und sagte:Das geht nicht an, so können Sie nickt bleiben, Sie müssen stch die nöthi- gen Möbel anschaffen, hier haben Sie eine Note, gehen Sie da und da hin und kaufen sich, was Sie nöthig brauchen, ich will wöchentlich nur 3 Dollar abrechnen, aus diese Art kommen Sie leicht dazu." Ihr könnt denken, daß ich mir dieses nickt zwei Mal heißen ließ, und lief sogleich danach; in einigen Stunden war un­ser Logis ausmöblirt, bekam aber dadurch wieder eine Schuld von 31 Dollar; es dauerte aber, wie ich schon von vorn herein erwähnt habe, nur drei Monate, so war ich von allen Schulden wieder frei. Hieraus könnt ihr schließen, daß der Lohn hier nicht schlecht sein kann, oder glaubt ihr vielleicht, daß wir uns während dieser Zeit recht kümmerlich haben hinbringen müssen? O, da irrt ihr euch sehr; denn fragt meine Kinder, ob sie wieder nach Deutschland wollen, so werden sie antwor­ten: nein, wir haben hier viel besseres Essen als dort, wir gehen nicht wieder hinaus! Und es ist wahr, man lebt hier viel besser, nicht einmal so »Heuer als vort; denn ein Faß vom feinsten Weizenmehl (es muß 196 Pft. Mehl enthalten) kostet 4 Dollar, davon wird Brod und Kuchen gebacken und zu allem verwendet, wo Mehl nöthig ist, weil man nur eine Sorte hat, und doch haben wir gewöhnlich sechs bis sieben Wochen daran. Ebenso verhält es sich mit dem Fleisch, 100 Pfd. gutes Kuhfleisch kauft man für 2 Dollar, Ochsen­fleisch für 3 Dollar, ein Schwein, worin noch das sämmtliche Schmeer ist, 100 Pfd. zu 3 bis 3 */4 Dol­lar, deSgl. Kaffee, Zucker und Reis beinahe nur halb so viel wie bei euch; Kartoffeln hingegen sind bedeu­

tend theurer als bei euch, der Sack kostet nach eurem Gelde, 2% Thlr., aber wir essen auch beinahe gar keine, nur manchmal Klöße. Dasselbe kann man auch von dem Gemüse sagen, welches wir aber, so Gott will, uns kommenden Sommer selbst ziehen werden; denn wir haben einen Garten mit zu unferm Logis.

Es geht ins Unglaubliche, wie große Paläste in ganz kurzer Zeit entstehen. Ich bin erst sechs Monate hier und habe schon so manches Gebäude aus dem Schutte aufbauen sehen, welche auch bereits vor drei Monaten bezogen sind. Ebenso schnell entstehen auch die Städte, z. B. Detroit war vor 15 Jahren noch ein kleiner Ort von ungefähr 200 Häusern, jetzt schon eine Stadt von 22,000 Einwohnern. Sie ist sehr regelmäßig angelegt, hat schöne, breite, schnurgerade Straßen, zwar ohne Pflaster, aber bei dem schlechtesten Wetter braucht man keinen Schuh zu beschmutzen, in­dem die Seitenwege mit Bohlen belegt sind. Es sind 25 Kirchen von allen Glaubensparteien hier, und der Sonntag wird heiliger gehalten als in Deutschland; an diesem Tage wird gar nichts gemacht, alle Läden sind fest geschloffen; wer sich am Sonnabend nicht mit Dem versorgt, was er braucht, kann es am Sonntag nickt bekommen. Für Schulen ist hinlänglich gesorgt. Es bestehen hier neun Freischulen, welche von der Stadtkaffe erhalten und die Kinder unentgeldlich gelehrt werden, wohin auch die meinigen gehen; es wird darin wegen der verschiedenen Glaubensmeinungen kein Re­ligionsunterricht ertheilt, sie genießen denselben in den Sonntagsschulen in der Kirche.

Das Klima ist hier ziemlich gesund; der Sommer sehr heiß und die Vegetation sehr schnell. Die Gegend ist ganz eben, man trifft viele Meilen im Umkreise nicht einmal eine Anhöhe an, von den plagenden Muskiws ganz frei und der Boden sehr ergiebig. Die Stadt liegt für das handeltreibende Publikum sehr vortheil- haft, denn sie ist mit Neuyork und St. Louis durch Dampfschifffahrt und Eisenbahnen verbunden, und wird in Zukunft eine der ersten Städte mit werden.

Für diesmal, lieber Bruder und Freunde, muß ich meine Epistel beschließen. Ich werde nicht unterlaßen, euch in der Folge noch öfters Schilderungen aus mei­nen Erfahrungen zu machen, sobald ich die hiesigen Verhältnisse gehörig kennen gelernt habe, und euch da­mit nicht zur Last falle. Dieses gedenke ich ans eurem nächsten Briefe zu ersehen, auf welchen ihr mich hob fentlich nicht gar zu lange werdet warten lassen. W rufen euch insgesammt ein: Proßt Neujahr, zu. Möge das neue Jahr euer Glück nicht stören, sondern vermehren; möge es, was übel war im vergangenen Jahre, besser machen im künftigen; möge euch Go» noch viele frohe Neujahrstage erleben lassen und euch noch lange, lange erhalten. Dieses wünsch».euch W lich und grüßt euch tausend Mal euer euchstets liebe» - der Bruder, Sckwager und Freund Fr. Herze».

Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei.