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sagen in einer Verzückung, deren Zauber ich mir selbst nicht zu erklären weiß."
„Es geht Ihnen wie den Opiumrauchern des Orients," fiel der Herr lachend ein. „Den himmlischen Träumen folgt ein fröstelndes Erwachen und Kopfschmerzen die schnell mit einer neuen Pfeife beseitigt werden müssen. Ja, mein theurer Aurel," fuhr er fort, „so ist es, ich habe Sie in der letzten Woche gut beobachtet und fühle eine Art Mitleid mit Ihrem Zustande, eben weil ich einsehe, daß Ihr Rausch einer ist, der doch nicht allzulange währen kann, trotz der stärksten Dosen des süßen Giftes. Sagen Sie mir geschwind ob ich nicht recht habe, daß unsere vortreffliche Freundin Ihnen den Vorschlag machte, Richard zu verlassen, um mit Ihnen irgend ein gelobtes Land zu suchen, und ob nicht eben dieser ehrbare Antrag und seine Bedenken Ihr Gehirn eben jetzt beschäftigt haben?"
„Was Sie so gut wissen, will ich Ihnen nicht streitig machen," erwiederte Aurel.
„Man könnte es undankbar unv schlecht nennen," rief der Herr, „daß diese edelherzige, für Wahrheit und Recht begeisterte Dame einen Mann aufgeben will, der alles aufopferte: Namen, Ruf, Zukunft, Seele, Leib und Geld, aber wer wird so spießbürgerlich denken? Eben weil es mit ihm aus ist, total aus, weil seine Nerven zerrütlet sind, seine Gesundheit zerstört und weil er ausgeschält ist bis auf die Hefen, finde ich es klug, ganz ungemein klug, daß Sara sich an einen Andern wendet, der straffe Glieder und einen noch strafferern Geldbeutel hak. Auf Ehre Sie werden glücklich sein. Es ist ein Weib, das Ihrem Leben himmlische, unvergeßliche Stunden gewähren wirb und an 1 deren Blicken, Winken, Einfällen und Gedanken Sie bald mit derselben Hingebung hängen werden, wie dieser Richard.
„Was sagen Sie da?" rief Aurel entsetzt. „Hat Sara so an Richard gehandelt?"
„Wie gehandelt?" fragte der Andere. „Was erschreckt Sie denn zehr 2 Sara ist ein außerordentliches Weib und Richard ein Schwächling. Sie werden es anders zu wenden wissen, wie er, oder wenn auch nicht, so werden Sie doch anders enden, sich nicht betrügen, und verrathen lassen, nicht das letzte Goldstück mit ihr verprassen, denn Sara ist eine Verschwenderin und das ist tragisch und komisch zugleich, daß diese Menschen, welche das Elend und den Hunger, die blaffen Gespenster aller Noth und aller Schande auf Erden, anklagen und den Egoismus verstuchen, auf seidenen Kissen darüber weinen. Und das hat unsere schöne Freundin von jung auf in ihrer stoischen Philosophie gelhan. Sie ist im Reichthume geboren worden, hat mit sechszehn Jahren zuerst einen reichen gefälligen Eheherrn bekommen, hat ihn arm gemacht,
hat den Narren verlassen, um einem zärtlichen Freunde zu folgen, den sie in ihren Grundsätzen sich erzöge», und so Schritt für Schritt sich vervollkomninend in den Lehren eines schönen, genußvollen, von allen Reizen des Daseins umringten Lebens, hat sie Richard besessen bis zur Stunde."
„Aber Sie," rief Aurel mit Heftigkeit, „Sie und die ganze Schaar dieser Menschen, welche Tag für Tag und Nacht für Nacht Zeugen und Genossen dieses Lebens waren, warum theiltcn Sie es, warum öffneten Sie nicht die Abgründe vor den Blicken derer, die Sie Freunde nannten und zeigten ihnen, was Sie mir zeigen?"
„Warum?" sagte der. Herr. „Sie sind ein größerer Neuling in der Kunst zu leben und kennen die Menschen noch weit weniger, wie ich annahm. — Man würde mich verlacht und ausgestoßen haben und ohne das Geringste zu nützen, hätte ich mir allein geschadet. Ich spottete über sie alle, ich verhöhnte ihre Thorheiten, mich ergötzte diese Verzweiflung nach Kotzebues Muster und dieser Kultus deS Fleisches und des Weines, der das angenehmste schmerzstillende Mittel ist. Ich sah ihren Untergang nahen und fiel zuweilen in den Prv- phetenton, um als Kassandra mich auslachen zu lassen. Jetzt macht es mir wahrhaftes Vergnügen Ihnen Sara warm zu empfehlen. — Ich fage Ihnen nochmals, Sie finden keine Frau in der Well, die Ihnen die schale Dürftigkeit Ihrer Tage so angenehm verkürzen wird. — Sie ist zwar eigentlich weder jung noch schön mehr, aber welch Feuer der Gedanken, welche Phantasie und welch seltsamer zauberischer Reiz, der sie umgiebt. — Entführen Sie sie, lassen Sie diesen Einfaltspinsel Richard mittelst eines halben Lothes Blei mit dem Schicksale für immer sich versöhnen und schreiben Sie mir wohin Sie gehen, ich komme nach und leiste Ihnen Gesellschaft."
„Hierfür lute für alle und jede fernere Bemühüng muß ich auf immer danken," rief Aurel, indem er sich umwendete und rasch davon ging. — Er hörte das häßliche höhnische Lachen des Herrn hinter sich j» der Nacht verhallen, hörte seine letzte Ermunterung, seine Schwüre treu zu halten unv es war ihm als sei der böse Feind hinter ihm. Athemlos irrte er umher und erreichte endlich erschöpft seine Wohnung.
(For tsetzung folgt.)
A 11 e c d 0 t e.
In einem Teiche hatten sich kurz nacheinander zwei Personen ersäuft. Der Schulze des Ortes ließ an diesem Orte eine Tafel aufhängen, worauf geschrieben stand: „Wer sich untersteht sich in diesem Teiche zu ersäufen, soll nach den Gesetzen bestraft werden."
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei.


