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solche Ausgaben, zu denen auch solche, die am Gemeinde-Vermögen keinen Antheil haben, beitragen müßten und selbst für Ortsfremde, ohne zu bedenken, daß sie dies ihren armen Mitbürger entziehen!
Welche Vortheile wären nicht noch zu erzielen durch Herstellung der in mancher Gemeinde sich noch vorsindenden schlechten Wegen; der Erhaltung der Ve- und Entwässerungs-Anstalten, wodurch so mancher sumpfiger Wiesengrund zum besten Graswuchs und trockne Wiesen wieder zur höchsten Ergiebigkeit gebracht wurden und den Unbemittelten Verdienst unv dadurch ihr tägliches Brod dargeboten werden könnte! Aber statt dessen sollen namentlich diejenigen Arbeiten oder Ausgaben, wozu die Vermögendsten nach Maßgabe ihrer Steuerkapitalien am meisten beizutragen hätten, ihres Vortheils wegen unterbleiben, sie wollen jede Gemeindcarbeit eingestellt wissen, der Arme mag darben und hungern; sie denke» nicht, daß das, was sie so etwa nicht baar hingeben, auf eine andere Weise mehrfach für sie verloren geht.
O! ihr die ihr so denket und handelt, glaubt ihr denn alles das, was unverwendet bliebe wäre im eigentlichen Sinne als eine Ersparnis zu betrachten? O nein! das denket nur nicht; eure übertriebene Sparsamkeit in der Gemeinde in solcher Weise ist gleichsam Verschwendung, denn es geht das in der Art ersparte anderwärts und auf andere Weise wieder in noch weit größerem Maaße verloren, als ihr vorerst zu ersparen wähntet.
Wie wollen sich die Armen ernähren, wenn ihnen aller Verdienst entzogen wird und was werden sie thun, wenn sie sich alles Verdienstes beraubt scheu?
(Schluß folgt.)
Die Auswanderer, Gedicht in drei Thciien von F. H ü n e.
II.
(Fortsetzung.)
Kaum in der Wellen dunkle Flut versenkt
Wird jetzt das Schiff vom Sturm emporgehoben;
Kein Steuermann ist der das Ruder lenkt, Und willenlos treibt es im MeereStobeu;
Bon Well' zu Welle stürmisch fvrtgedrängt, Bon Brandungen, wildschäumenden, umschnoben Treibt schon das Schiff zu jenen Felsenecken, Die ihre Wurzeln weit in? Meer erstrecken.
Ein Jammerschrei ergellt von allen Lippen,
Der fast des Sturmes Heulen übertönt, Vom Decke aber schallt es: „Klippen! Klippen!" Die Spieren krachen und der Kiel erdröhnt;
Zersplittert schwimmen schon des Schiffes Rippen Im weißen Schaum, der hohe Mastbaum stöhnt Und krachend taucht er iu die wilden Wogen, Vom Taruoerk hier, vom Sturme dort gezogen.
Doch trotz der Elemente grimmen Tosen
Stößt von des Schiffes Flanke Bot um Bot;
Dem Sturme trotzend rudern die Matrosen
Durch Brandungen ob Leben oder Tod;
Mit Sturmgeheul, dem wilden, mitleidlosen
Verschmilzt der Jammcrschrei der Todesuoth; Doch glücklich schwimmet Bot nm Bot zum Laude Nud betend kuict die Menge nun am Strande.
Da schwimmt bas Wrack, die Balken sind zerbrochen,
Am Tauwerk weht zerfetztes Segeltuch, Das ist das Schiff, das erst vor wenig Wochen
Vom Land so manche stolze Hoffnung trug, Bei deffem Anblick ci 'ft in lautem Pochen
Das Herze höher ob der Freude schlug;
Run kann das Herz nur ein Gefühl erheben: Im Dankgebet zu Gott für's nackte Leben.
So keucht der Mensch im ewigen Gedränge
Durchs Leben: — kaum lacht ihm ein Sonnenblick, Kaum zeigt er ftolzcu Blickes sich der Menge,
Da wirft ein Sturm ihn in sein Nichts zurück;
Verklungen sind dann all' die frohen Sänge
Der falschen Freunde, die ihm gab das Glück;
Er irrt allein ohn' Hülfe, ohn' Erbarmen Und theilt des Lebens Flut mit seinen Armen.
An Irlands Ufer stehn die bunten Schaaren
Und schauen in das Meer, das still nun ruht;
Das Herz schlägt kühner nun nach den Gefahren,
Voll Gottvertrauen und voll Todesinnth;
Die Blicke, die im Unglück düster waren
Belebet wieder neue Hoffnungsglut: „Der Gott, der Schiffe sprengt an Felsenketten," So rufen sie, „kann auch aus Roth uns retten.
Und sieh, Da tauchen Segel schon empor
Im fernen Ost, die goldnen Sterne*) blinken Gleich Hoffuungsbildern durch den Rebelflor
Und scheinen freundlich wallend 'schon zu winken;
Ein frohes Jauchzen tönet nun zum Ohr,
Die Hoffnung siegt, die düster» Bilder sinken, Und eilend ziehn mit kräftgen Ruderschlägen Die Böte rasch dem nahen Bord entgegen.
Rach Westen hin, zu dem gelobten Strand,
Entstieht das Schiff auf sanftem Wellcnspiele;
Schon starret manches Ang vom Deckesrand
Ob Nichts es schaue vom ersehnten Ziele:
Als einst der Morgen tagt da schallt es „Land!"
Hoch wallt die Brust voll mächtiger Gefühle;
Im Morgenglanz entsteigt dem Wellenbadc Der Hoffnung Land: Amerikas Gestade!
Und immer näher schwimmet es dem Blicken,
Die grünen Wälder grüßen von den Höhn,
Die Aehrenfeldcr, die die Ufer schmücken, Erglänzen goldnen Scheins im Morgcnwehu;
Das Auge glänzt im innigen Entzücken,
Es kann nicht satt sich an dem Lande sehn, Und als der Abend glüht am Uferrand Küßt der Auswanderer das neue Land.
(Schluß folgt.)
*) Dreizehn Sterne prangen auf der Flagge der vereinigten Staaten von Nordamerika.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei.


