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Mehrere Tage lang war Dahlberg von den 'Ereignissen jenes Abends bedrängt, wie er nie gewesen. Sara, Richard, diese ganze Genossenschaft und was er von ihr gesehen hatte, wirkten eben so anziehend auf ihn ein, wie er des Abstoßenden vieles fand. Ihr Lebenswandel war ein wilder, regelloser und, wie er stch sagen mußte, auch sittenlos r und anstößiger, aber trotz dessen fand er in seinem Kopfe auch Gegengründe genug, welche sich auf die andere Seite stellten. — Was Sara ihm gesagt über die Vorurtheile, über die Feigheit der Menschen am Herkömmlichen fest zu kleben, an ihren Götzen zu hangen und heuchlerischen Götzendienst mit eingeimpfen Gesetzen des Schicklichen und Rechten zu treiben, unter deren Knechtschaft sie entartet seien, hatte mehr Kraft über ihn gewonnen, als er sich zugestehen wollte. — Er war jung und lenksam. Sein Blut strömte warm, seine Phantasie war lebendig und sprang mit ihm über die trockenen Kanäle und sicheren Brücken des Lebens, auf welchen er bisher gewandelt, in den schäumenden Strom, der kein gewöhnliches Joch duldete. Je mehr er vor der Zügellosigkeit zurückschrak und vor den Folgen im Voraus sich entsetzte, um so größer war sein heimliches Verlangen, das einen hohen Grad ungestümer Begier erreichte, wenn er an die seltsame Frau dachte, die den Mittelpunkt jenes Kreises bilvete. Ein Weib wie Sara hatte er noch nie gesehen. Er verglich sie mit Johanna und erschrak vor dem Vergleich. Das bleiche, feine, kranke Bild in dem goldenen Rahmen trat weit zurück vor der markigen hohen Gestalt Saras, die in ihren dunkelgelben Locken löwenartig gebietend und siegesgewiß auf ihre ichwache Nebenbuhlerin blickte. — Aurel begriff es jetzt, wie Richard von einer solchen Fran gefesselt werden konnte, die ihren Fuß auf sein unbeständiges Herz setzte, und indem sie in Grundsätzen und Lebensanschauungen mit ihm übereiustimmte, durch Charakter und Geistesschärfe so weit über ihm stand, daß er im Gefühle feiner Schwäche zur blinden Unterwerfung und Anbetung des höher gearteten Wesens herabsank, ohne es zu ahnen.
Geplagt von seinen Vorstellungen wagte Aurel es nicht weder das Haus der Präsidentin zu betreten noch Richard und dessen Geliebte aufzusuchen. — Er scheute sich vor Johanna und fühlte ein inneres Widerstreben, ihr ein Bekenntniß abzulegen. Et mißtraute dem, was er bisher für wahr gehalten, denn nachdem er Richard gehört, waren seine Empfindungen zerspalten. Es kam ihm manches unnatürlich und widersinnig vor, was er bisher vertheidigte und seine Unruhe wuchs, wenn er daran dachte, welche Rolle man ihm zugetheilt und welche Versprechungen er geleistet habe. — Aber auch in das einsame Gartenhaus mochte er nicht wieder zurückkehren. Er sträubte sich gegen die heimlichen Einladungen seiner Gedanken so sehr er konnte, denn er empfand recht gut die Gefahr, welche
darin lag. — Richard war im Besitze, Richard war im Genüsse, damit war alles gesagt und Aurel errö- thete vor den Einflüsterungen seiner Eitelkeit, die ihn überschltchen, wie sehr er auch gegen sich selbst zürnte. Er verglich sich mit Richard und sein Selbstbewußtsein sagte ihm schmeichelnd, daß die Blüthe des Lebens früh von jenem abgefallen sei, ivährend sie bei ihm erst jetzt zur höchsten Kraft reife. Aurel hatte ihn beim Lichtglanze im Saale erst genau betrachtet, können und er fand, daß die Frucht in der Treibhaushitze stürmischer Leidenschaften überreif und welk geworden fei. Aeußerlich hielt sich seine Gestalt, wie sie war, doch es fehlte ihr das Zuströmen frischer Lebenskräfte. Er war nicht mehr, was er einst gewesen, oder Aurel war selbst ein Anderer geworden. Sonst fühlte er sich demülhig vor dem schönen stolzen Nebenbuhler, jetzt sah er mit verächtlicher Kritik auf ihn herab und lachte über die Nebenrolle, welche Richard in Saras Kreise übernehmen mußte.
(Fvr lsetzung folgt.)
Pie -cknkbaren Panertt.
(Landw Dsztg.)
Ein Landrath, der in seinem Kreise Durchaus sich keine Sieb gewann, Kam in Geschäften auf der Reise In einem seiner Dörfer an. Da brach zu feinem Mißbehagen Das eine Rad ihm grab entzwei, lind barsch rief er aus feinem Wagen: »He! bringt schnell einen Swick herbei!« Die dauern, die dies hörten, kannten Längst ihres Landraths bösen Blick, Drum brachten, ra sie schleunigst rannten, Sie schleunigst den besohtnen Strick. Sie reparirten bald den Schaden Und zogen drauf vom Kopf den Hut, Indern sie sprachen: „Euer Gnaden, Jetzt ist schon alles wieder gut.«
«Nehmt für den Strick dies Geld, ihr Leute,« Nahm jetzt der Landrath stolz das Wort, „Die Zeit verstreicht, fchon spät ist's heute, Und fern von hier der nächste Ort.« »O nein, wir danken für die Gaben,« Sprach Einer spöttisch draus und grient, »Gott weiß es, der Herr Lanorath haben An uns schon längst 'nen Strick verdientI«
An ». . . .
Sollst mir keine Rose geben, Düstere Gedanken schweben
Dann in's liebestrunk'ne Herz, Denn die Rose macht mir Schmerz:
Wenn sie lächelnd heute blühet, Morgen ist ihr Schein verglühet Und ich liebe Dich so sehr — (Sieb mir keine Rose mehr! —
F. H.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei.


