Ausgabe 
3.7.1849
 
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Drei Freunde.

Novelle von

Theodor Mügge.

(Fortsetzung)

Sara hätte Sie nicht verschmäht/' rief einer der Herren vom Tische herüber.

Nein," erwiederte sie,ich hätte Milleiv mit seinen Fehlern gehabt und ihm den Weg gezeigt, der ans dem Wirrwar sentimentaler Träum- zur Befriedigung be­stimmter Lebensanschauungen führt."

Und wo liegt dieser glückliche Weg?" fragte Aurel.

In der Erkenntniß der Welt, wie sie ist," erwie­derte Sara,in dem Streben eines thatkräfligen Gei­stes sich der Rechte zu bemeistern, die mit uns geboren sind und im Kampfe mit dem tausendfachen Unrechte, das uns Allen durch Unterdrückung unserer wahren Natur anererbt und «»erzogen wurde."

In kühnen und beredten Worten machte sich ihr Unmut!) jetzt Bahn und mit wachsendem Erstaunen hörte Aurel ihren Schilderungen zu, die von den Zu­stande» der Gesellschaft der Menschen einen entsetzlichen Begriff entwarfen.Sehen Sie umher, wo inensch- liche Würde und menschliche Freiheit zu finden ist," rief sie ihm endlich zu,mit allen Diogeneslaternen werden sie kaum in irgend einem Winkel eine Svur entdecken können. Sie so wenig wie iigend ein Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat, wird dabei ruhig fein. Zorn und Mitleid, Verachtung und Trotz zum Widerstande werden sein Herz füllen. Er wird Erbarmen fühlen mit den Leidenden, mit sei­ner eignen Schmach, mit der Menschheit. Er wird alle Vorurthetle zu zerreißen suchen, sich über das Ge­schrei der Dummen wie der Klugen zu trösten wissen und den Kampf gegen das Unrecht wagen, weil er nicht anders kann."

Gebt Euer Gold und Silber den Armen," rief der Herr sein Glas erhebend,denn wahrlich ich sage Euch, noch ist kein Reicher in den Himmel einge­gangen."

Und er wird auch nicht eingchen," fiel Sara ein, so wenig wie ein Armer, bis der Wahn ein Ende nimmt, der unsere Seligkeit von der Erde in den Himmel versetzt."

Dieselbe Seligkeit," erwiederte der -Herr,welche in diesem Augenblicke mein Inneres erfüllt, überkommt die Bewohner unseres vorurtheilsfreien nüchternen Pla­neten ganz gewiß, wenn die Fesseln zerbrochen sind, welche unfern Geist umnachten, wenn volle Freiheit

q t e s.

und Gleichheit herrscht, wenn Jeder lebt, ißt, trinkt und liebt, wo und wie er will und wenn namentlich keine Ehe mehr uns knechtet, kein Weib, teilt Kind, fein Eigenthum uns plagt, und zu diesem Paar arm­seliger Kleinigkeiten wirb unsere begeisterte Freundin Sara u»v ihr neuer Schüler Aurel uns ganz gewiß verhelfen.

Ein allgemeines Gelächter belohnte den Redner; die Gläser klangen, der Wein perlte und von diesem Augenblicke an wurde das Gespräch von der Gesell­schaft zusammengeführt und erstreckte sich über die verschievensten Gegenstände. Kunst, Wissenschaft und Leben wurden hineingezogen, Aurel hörte geistvolle und lebendige Urtheile, dazwischen wieder Ergüsse über das Unglück und die Schande der Zeit. Zustände und Personen der entgegengesetztesten Art würben mit Sckarfstnn, Spott und schlagender Ironie kritistrt, Jeber trug dazu bei; so verrannen die Stunden der Nacht fast unbemerkt und nur die tief herabgebrannten Lichter und erlöschenden Lampen zeigten endlich an, daß ber Morgen nahe fein müsse.

Ich haue gerne noch fortgewacht, um so gelehrt mit Euch zu sprechen," rief endlich der Herr, welcher das Amt des Mephisto in diesem Kreise verwaltete, aber cer Hahn kräht und meine Pferde schaudern." Er schüttelte seine Füße, setzte den Hut auf und schlug den Mantel fest um seine dürre Gestalt.

Die andern folgten seinem Beispiele.Ich lade Sie nicht ein, wiederzukehren," sagte Sara zu Aurel, als er sich verabschiedete.Nehmen Sie diesen Schlüs­sel zur Gartenpforte, den Jeder unserer Freunde besitzt. Hat es Ihne» bei uns gefallen, so wissen Sie, wo wir zu finden find; mißfällt Ihnen unser Treiben, so würde kein Zureden helfen. Ich habe Sie jetzt ge­sehen, Sie mich, wir müssen nun an uns selbst er­fahren, wohin uns unsere Neigungen führen."

Ich sehe es Sara an, daß es ihr Wunsch ist, Sie wo möglich morgen schon hier wieberzusehen," rief der Herr im Mantel.

Gewiß," erwiederte die Dame,ich würde damit zufrieden sein, denn Aurel hat ein Herz voll warmer Empfindungen und besitzt Gedanken, die sich zu er­heben verstehen. Was ihm fehlt ist ein Charakter, der von Welt- und Lebenserfahrungen gestählt wurde. Grundsätze, wie man es nennt, sind Unsinn. Der Bau eines Menscheiilebens ist wie der Bau eines Hauses, die Mauern und wären sie felsendick, thun es nicht, man kann in der Strohhütte oft besser und sicherer wohnen, es kommt nur darauf an wie man sich einrichtet. Gute Nacht, Aurel, ich bin Ihre Freundin."