Ausgabe 
31.12.1914
 
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veinlich gereinigt. Feldbinde und Säbel trag er. Sein schönes Gesicht war ruhig, kein Schmerz verzerrte seine Züge. Franz glaubte darin die Freude zu lesen, daß die Erlösung gekommen war.

Zwei, drei ältere Unterossiziere standen in einer Ecke

f usammen, sprachen leise slüsternde Worte miteinander und ahen Olga zu, die mit sorglichen Händen das Totenbett mit frischem Tannenreisig schmückte. Franz war nicht er­staunt, sie anzutreffen, fragte nicht, wieso sie kam, sondern hätte sich viel eher gewundert, wurde er sie nicht des trau­rigen Amtes waltend gefunden haben.

Sie nickte ihm zu, als er an das Bett trat, und zog/ sich da»» bescheiden zurück. Und da stand er nun vor dem toten Kameraden, und starrte in das bleiche, ruhigstille Antlitz. Und starrte und starrte und konnte es nicht glauben, daß er tot war. Dunkle Erinnerungen seiner Kinderzeit stiegen ihm herauf, da er noch beten konnte Er, der Spötter, der Zweifler, wollte auf einmal beten. Irgend etwas in seiner Seele drängte ihn vor dieser friedlichen, weltentrück­ten Majestät dazu. Unwillkürlich fanden sich seine Hände über der Kappe zusammen, aber es siel ihm nichts ein. Stumm, mit bebenden Lippen, schaute er auf den toten Freund herab und wußte auf einmal, wie lieb er ihn ge­habt, wieviel er jetzt mit ihm in die Erde legte.

Kismet!

Nach langer, langer Weile wandte er sich zurück. Wir wollen die anderen herei,-lassen," sagte er zu den Unteroffizieren, und einer von diesen ging auf den Zehen­spitzen hinaus, um die draußen wartenden Strasuni zu rufen.

Zwei und zwei kamen sie herein, um von ihrem toten Offizier Abschied zu nehmen. Scheu traten sie an das Bett heran, bekreuzigten sich und beteten ein stilles Gebet. Die eine und die andere der derben -Fäuste glitt wohl in letzter Liebkosung den Arm des Toten entlang, und einer bückte sich gar nieder und drückte einen Kuß auf die starre Hand.

Am Nachmittag trugen sie Desider und die vier anderen zu Grabe. War kein Leichenzug. wie ihn das k. und k Exer­zierreglement vorschreibt, sondern ein echtes Soldaten­begräbnis vor dem Feind. Je vier Mami trugen einen Sarg, und tn dumpfem Wirbel gab die Trommel den Takt dazu. Die Dragoner voran, dann die toten Kameraden, und Mann für Mann hinter ihnen die Strafuni. Langsam, Schritt um Schritt ging's hinauf zum Friedhof. . .

Droben schaute gar mancher verwundert, als er sah, daß Desiders Sarg in das Grab des jungen Weibes gesenkt wurde, das sie am Tag vorher begraben hatten. Mer keiner fragte.

Dumps rollten die Ehrensalven über die toten Sol­daten hin, brachen sich an der gegenüberliegenden Berg­wand, kamen zurück und verhallten langsam im Dal...

Als Franz zurückkam, erblickte er Olga an, Fenster ihres Zimmers. Er wollte mit stummen, Gruß vorübcr- gehen, aber es trieb ihn hinein zu ihr, ein gutes Wort ihr zu sagen.

Sie kam ihm an der Türe entgegen, und in ihren schönen Augen schimmerte die Freude wie immer, wenn sie ihn sah.

Frau Gräsin," sagte er,ich habe Ihnen vieles abzu­bitten. Ich war rauh und hart aber ich Hab' geglaubt, ich muß es sein. Gott weiß, wie schwer es mrr geworden ist." Sie nickte nur.

Reden Sie nicht vom Abbitten," sagte sie nach einer kleinen Panse.Ich habe längst begriffen, was Sie zu Ihrem Verhalten trieb, Herr Oberleutnant. Und ich ehre Sie darum nur noch höher. Ich bin eine andere geworden in diese» Tagen, glauben Sie mir, eine ganz andere. Wenn man den Tod an sich vorübergehen sieht, bekommt das Leben ein anderes Gesicht. Ich bin müde, Franz!"

Ta fuhr er in seiner gewohnten Kraft aus.

Müde Sie...," ries er,eine Frau wie Sie! Solche Menschen wie Sie haben Zeit, müde zu sein, wenn sie alt und grau sind."

Sie lächelte trübe.

Sie irren, Herr Oberleutnant. Ich habe viel durch- gelämpst... In meiner Heimat Twer in Rußland steht ein Kloster. Das liegt mitten in einem stillen Garten, und im Somnier blühen tausende Rosen in dem Garten, und die Welt ist weit, so weit hinter seinen Mauern. Dort ist der Frieden. Man betet und träumt. Das ist alles. Träum, von einem Glück, das einmal nahe war und dann unaufhaltsam in die Ferne hinansglitt. Und mau ttäumt und tränntt.

und dabei schläft alle Sehnsucht, alles Wünschen ein, und es bleibt nur das wehmütige Sicherinnern..."

Sie hatte das mit leiser, eintöniger Stinnne ge­sprochen, schlaff hingen ihr dabei die Arnie herab, und ihr Blick wanderte an Franz vorbei in die Weite, als sähe sie jenes Kloster.

Schön war sie wie nie zuvor in diesem Augenblick.

Olga," stöhnte er wild,Olga, Himmelherrgott! Es ist zun, Rasendwerden . . . Wir zwei, uns hätl' der alte Gott nicht schöner zusammenbringen können, und nun, Kloster, wehmütiger Abschied, Entsagen ... Himmelherrgott, säst möcht' ich den armen Desider beneiden!"

Und unfähig, sich länger zu beherrschen, stürmte er davon.

Spät am Abend warf er sich erst aufs Bett. Er hatte einen drei Meter langen Bericht an die Brigade abgefertigt, hatte zweimal Bereitschaft iino Posten revidiert und nahm sich nun nicht mehr Zeit, sich erst lange auszn kleide». Gestiefelt und gespornt wie er war, ließ er sich ans die derbe» Polster fallen.

Seine gesunde Jugendkraft kannte kein unruhig qual­volles Träumen, Stöhnen und ruheloses Herumwäizen. Er schlief tief und fest.

Mer plötzlich fuhr er aus.

Barry, der neben seinen, Bett lag, knurrte, knurrt« immer drohender, immer stärker.

Halt's Maul," schrie er ihn an.

Aber der Hund ivollte sich nicht beruhigen. Nun sing er sogar an, wütend zu bellen.

Teufel, da ist was los!" sagte sich Franz und sprang in die Höhe.

Wie ein Blitz durchzuckte es ihn: Olga wurde nicht mehr von Posten bewacht... war ja auch lächerlich... an« Ende wieder ein Befreiungsversuch, dieser schuftige Ray...

In der Dunkelheit tastete er nach seinem Browning, dann stürmte er hinaus...

Da gellte ihn, ein Schrei entgegen:Franz, Franz, zu Hilfe!"

Im schwachen Mondlicht sah er einen großen Kerl, der nnt einer heftig sich wehrenden Franengestalt iin Arm dem Wald zn lies. Ein zweiter, viel kleinerer, rannte neben ihm her u,ü> schaute sich von Zeit zu Zeit nach etwaigen Ver- folgern um. Da sah er Franz, der mit Barry hinter ihnen drein kam.

Cr blieb stehen und schlug sein Gewehr an. Da erkannte ihn Franz: Ray war's.

Mit eine», Sprung war er an ihn heran. Ter fchlvere Browning sauste nieder und grub sich krachend in dew Schädel des Fürsten ei». Ohne einen Laut von sich zu geben, sank er zusamnie», ein Zucken riß seinen Körper ein-, zwei­mal in die Höhe... dann streckte er sich lang aus... Fürst Hektar Ray war tot.

Sein Begleiter hatte Olga längst fallen lassen und lvar auf und davon. Der Hund bellend ihm nach ..

In, Schlaf haben sie mich überfallen," erzählte sie ihn,, während er sie zum Hause zurücksührte.Ich war stumn, vor Entsetzen, als ich diesen Teufel ivieder vor mir sah... erst in der frische» Luft tam ich ein bißchen zu mir und rief, rief..."

Sie standen an der Türe ihres Hauses und umfaßten einander noch mit einem letzten Blick. .

Ich ries den Mann, den, den ich liebe..." flüsterte sie...den ich lieben werde in alle Ewigkeit!"

Er stand vor ihr, mit krampfhaft geballten Fäuste»; seine Zähne knirschten, seine breite Brust hob sich und senkte sich in heißem Kampf...

Und dann fühlte sie auf einmal mit wonnigem Schauern ztvei starke Arme uni ihren Leib, fühlte sich emporgerissen durch eine stürmische Krast...

Ich liebe dich..." flüsterte sie noch.

Dann versank die Welt hinter ihr.

Am nächsten Morgen kam der Arzt aus Vlasenica. War noch ein junger Man», mit flottem Schilurrbärtchcn und prunkvollem Rcnommierschmiß aus der Wange. Als er cr-

K , daß nieinand mehr im Dorfe auf seine Heilkuust jtudj erhob, ließ er sich durch Franz der Gräfin vor­stellen.

Sagen Sie, in ganz Bosnien erzählt inan sich von der märchenhaft schönen Gesaugenen, die Sie hier haben sollen," interpellierte er Franz.