Ausgabe 
31.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

719

Was wollen Sie denn von ihr, Sie Kurpfuscher?" fragte der nicht eben freundlich zurück.

Mensch, Lohnsperg, Sie sind hier in dem Nest wohl ganz versauert!" ries der andere entrüstet.Eine schöns Frau must man imnier kennen lernen; wer weist, viel­leicht ..."

Na, ich weiß, daß .., na, meinetwegen, kommen Sie mit!"

Aber nach fünf Minuten merkte der schönheitsdurstige Oberarzt, daß er sich auch hier nicht betätigen tonnte. Da ward er beleidigt, setzte sich auf sein Pferd nnd ritt' von dannen.

Franz und Olga sahen sich von da ab nicht mehr. Bis eines Tages der Befehl kam, die Gräfin Olga Grekow sret- zugeben. Es stünde ihrer Reise nichts im Wege, auch wenn sie durch Bosnien fahren wollte.

Und so fuhr fie ab. Efghi Hassan, ohne Gewehr und mit möglichst zuvorkommendem Gesichtsausdrmk, saß mit ihr, auf dem Wagen, um sie bis nach Blasenica zu ge­leiten. Von dort nahin sie dann die Post auf.

Franz stand neben dem Gefährt und half ihr hinauf.

Leb' wohl leb' wohl!" flüsterte er.

Sie war dicht verschleiert, aber durch den Schleier hindurch sah er ihre Tränen glänzen. Er trank noch einmal ihre Liebe in sich hinein, preßte noch einmal ihre Hand' fühlte ihren heiße» Gegendruck...

Dann trat er zurück.

Die Strasuni und- Dragoner salutierten sie hatten ihr nicht vergessen, daß sie Desiders Totenlager so rührend geschmückt... Efghi Hassan gab dem Bauern neben ihm auf dem Kutschbock einen ermunternden Rippenstoß...

... o...!"

Und die Pferde ssogen an... am Ende der Straße wandte sie sich noch ernmal um winkte.

Franz aber lies in den Stall und holte seine Halbblut­stute heraus. Aussagen ausjagen... am liebsten bis ans Ende der Welt...

S ch l u ß.

Ter Frühling des Jahres 1909, der anfangs so schreck­lich mit den Waffen gerasselt hatte, war nun doch ein Frühling des Friedens geworden. Serbien, von seinen Freunden schmählich im Stich gelassen, gab klein bei, entließ seine Reserven, zog die Truppen und Banden von den Grenzen zurück uird stopfte seinem Nationalhelden, dem Kronprinzen, höchst kategorisch den Mund.

Oesterreich-Ungar» hatte dank seiner Festigkeit und dank der Treue des deutschen Bundesgenossen einen Sieg er­fochten, der um so schöner war, als er fast ohne Blntver-« gießen errungen wurde.

Was wiegt das Leben der lvenigen Tapferen, die da unten cm der Drina sielen, gegen den großen Erfolg! Sie sind unbekannte Helden für die große Masse, die ihre Namen und ihre Taten nicht weiß. Wohl meldete das emo oder das andere Blatt von einem heftigen Grenzgefecht, das an der Drina stattgefundeu haben sollte, aber die De­mentis liefen hinter der Nachricht her und schlugen sie tot. Ein Gerücht, wie viele andere in solchen aufgeregten Zeiten, sagten die Leute.

Nur die Freunde und Kameraden vergessen nicht. Die Strasuni sind längst wieder zu ihren Regimentern zurück­gekehrt, aber dort erzählen sie denen, die nicht dabei waren, von ihrem jungen, schönen, feschen Oberleutnant...

Und er is g'storb'n als wie a Held und in ein Grab mit seiner Frau ham ma ihn begrab'»... Und sein Freund, der Oberleutnant von die Dragoner, is dabei g'staud'n und hat g'want und wir alle, alle..

' - - - - - - - - -

Ein Jahr später...

Auf dem kleinen Friedhof in Racovac erhebt sich ein Grabhügel, auf dem zwei Kreuze stehe», ein lateinisches und «in griechisches. Ganz schlicht und ernsach sind sie, mit ver­goldeten Spitzen, und zwischen ihnen liegt eine ganz kleine Marmortafel, darauf zu lesen ist:Helene Stojanowitsch Desider Gronay ll. und 12. März 1909". Zwei Namen sino es und ein Schicksal.

Auf dem Grabe breitet sich ein riesiger Kranz vow herrlichen Rosen. Nun sind sie im Welken und senden nur ihren Duft empor. Weit aus den, Russischen ist der Krcurz gekommen, weit her... aus einem Nonnenkloster, erzählte der Friedhosswächter...

Franz steht an dem Grabe und hörte aus die Worte des alten Mannes... Weit aus dem Russischen...

Dort ist ein Garten, ein großer, stiller Garten, in dem tausende Rosen blühen.. Und dort träumt eine Frau, träumt

Er bückt sich, nimmt eine volle schivere Rose aus dem Kranz und birgt sie unter seinem Waffenrock...

Du bist nicht bös, Desi," denkt er mit wehmütigem Lächeln.

Dann verläßt er den Friedhof und geht gerade und fest hinaus in den lachenden, in den blauenden Frühlingstag.

Silvesternacht.

Skizze von C u r t K ü h n s. lNachdruck verboten.)

Ein scharfer Nordwcst pfiss über die graue, schäumende Nord­see. Zerrissenes Gewölk jagte am nachtdunkeln vunmel, und nur aus Augenblicke schien das blasse Mondlichl durch die sich trei­benden Wolken.

Schräg, mit dem blanken Bug die breit heraurollende Sec teilend, dampfte S. M. Kl. KreuzerGazelle" dahin, ohne Lich­ter, gefechtsktar. Die .Eiszapfen an der Reling, die leichten Schneekroncn aus Masten und Tcckbauten >oaren Zeugen cmes gewohnten Kampfes, aber auch Spuren eines andere» Kampfes wies der Kreuzer aus: Das Loch im Schornstein, die Verbeulung eines Geschützturms, das waren die ehrenvollen Narben im Frer- heitskampse unseres Vaterlandes.

Auf der Brücke ging mit kurzen Schritten der wachhabende Osstzier ans »nd nieder, der kleine Lenzen, wie er allgemein nur genannt wurde, ein kleiner, aber strammer Herr; in dem aus­drucksvollen, glatt rasierten Gesicht lag ein unverkennbarer Zug von guter Laune und frohem Mut.

Ter Mond hatte sich eben ivieder hinter de» Wolken versteckt, eine steife jagte heran, einen feinen, grauvligen Schnee in dickem Wirbel über die See Peitschend. Ter kleine Lenzen schlug den Mantelkragen höher und ging mit festeren Schritten auf und nieder.

Das war eine gemütliche Silvesternacht. Nun, für einen Seeosstzier war das ja eine gelvohnte Feier, aus der Brücke in Sturm und Schnee.

Der Wind ließ einen Augenblick nach,' und aus dem Vor- schisf, wo unter Deck die Frciwache bei einem warmen Punsch saß, klangen ein paar Töne ihres Gesangs herauf: Die Heimat,

die Heimat---

Ja, ja, die Heimat. Ter kleine Lenzen war wahrhaftig lein- schwermütige Natur, aber so in der Silvesternacht konnte mau sechs schließlich mal leisten, über das Unglück seines Lebens nack>- zudenken. Er hatte keine Liebe» daheim in der Heimat niehr. Seine Eltern im vorigen Jahr erst seine Mutter waren gestorben. Geschwister hatte er nicht. Er hatte eigentlich nie­mand, bloß eine sogenannte heimliche Liebe! Irma, Tochter seines Admirals, eines der schönsten und besten Mädchen,

nein: das schönste und beste Mädchen der Welt, nur---

zwei Köpfe .größer als er. Ter kleine Lenzen vstss durch die Zähne Na ,a, er war eben mal ein bißchen kurz geraten; er, mußte sich darum eben ein kleines Persönchen aussnchen, nicht eine Königin an Figur.

Wenn er aus einem Ball mtt ihr getanzt hatte, tote auf dem vergangenen Silvcstcrball halte er immer Gelegenheit, ihr schönes Perlenhalsband aus nächster Nähe zu beivnndern, soweit reichte er gerade. , ., ,, .., .

,Jch versperre Ihnen wencgltens mcht die Ausncht," hatte er gesagt.Gnädiges Fräulein können bcgueni über mich weg- gucken, können sehen und gesehen werden, während ich bescheiden zu Ihren Füßen liege."

Sie hatte gelacht, ein freundliches, silbernes Lachen:Ich glaube," hatte sie gcankwortet,Sie sind gar nicht so anspruchs- los, wie Sie tun."

Er konnte sich- noch heut ohrfeigen, wenn er daran dachlc. Sicher hatte er bei ihr verspielt.

Er war wieder an Bord kommandiert worden. Tann kam im Sommer die GeschwaHerreise nach Norwegen, dann der Krieg. Er hatle nichts mehr von ihr gehör!, auch nichts mehr von sich hören lassen. Liebesgcjpräch« besüzderte ihr Funksprucki- apvarat an Bord ja nicht, imd zum Schreiben kam er nicht vor Bombardieren und Torpedieren.

Aber Zeit hatte er immerhin, ihrer zu gedenken. Vollends heut in der Silvesternacht, wo alles enger zusammenrückte, alles seiner nahen und fernen Lieben gedachte!

Eine Hand legte sich aus seine Schulter: der Kommandant stand hinter ihm.

Ter kleine Lenzen fuhr herum und entartete Meldung.

Ter Komamndant blickte einige Augenblicke, ins Wetter, suchte nrit dem Glas den Gesichtskreis ab, dann sagte, er, der Ge­strenge, den Cetil Mensch im Dienst ein nndienstliches Wort >e hatte sprechen Poren:Ob meine Jungen zu Dause auj sind