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wahnsinniger als die erste. Alle wurden geglaubt und im Wettertragen vergrößert.
„Krieg — Krieg!" gellte es an allen Ecken und Enden der Stadt.
Um die Reiterstatue des Fürste» Michael aus dem Theaterplatz drängte sich eine tausendköpsige Menge. Oben auf dem Sockel stand ein Redner, irgend ein Universitätsprofessor oder Schriftsteller, der sich bemüßigt suhlte, seine» Landsleuten die Mitteilung zu machen, daß er und alle Serben zu sterben bereit seien.
„Dole Austria! — Nieder mit Oesterreich!" brauste der Ruf empor.
Kops an «ops drängte sich die Menge an der alten, bröckelnden Wehr. Ruhig, im goldenen Friihlingsschein, lag Semlin da, und alles, was sie drüben sahen, waren weit draußen aus dem Exerzierplatz ein paar Züge Infanterie, die seelenvergnügt wie zu den friedlichsten Zeiten Gewehrgriffe übten.
Stolz aufragend über den Dächern von Semlin strebte der Arpadturm ui die Lust. Und sein goldener Adler schien sich zu regen und zu rühren im flimmernden Sonnen- lickit, schien sich zu erhebe» und aufzustcigen. Das sahen sie nicht...
Im Ministerium des Aeutzern und i»> Kriegsmiuiste- rium Ivar ein unaushörliches Kommen und Gehe». Fremde Diplomaten fuhren mit wichtigen, verschlossenen Gesichtern in ihren Wagen vor und begaben sich zsu den Ministern. Adjutanten flirrten die Treppen hinaus und herunter. Amtsdiener schleppten große, geheimnisvolle Aktentaschen. Sie ivaren sich ihrer Würde bewußt — sic halsen Weltgeschichte machen.
Der österreichisch-ungarische Gesandte Gras Forgach hatte der serbischen Regierung eine scharfe Note überreicht, in der es ziemlich unverblümt hieß: Entweder — oder. Mit einem Stoß schob damit Baron Aehrenthal den Winkelzügen seiner serbischen Gegner den Riegel vor. Und nun spielte der Telegraph zwischen Serbien, Petersburg und London...
Aber unhörbar und sicher ging der Frieden seine» Weg.
In Sarajevo empsing man die Meldung von der Drina, daß die am anderen Ufer stehenden Banden über kürz oder lang zum Angriff aus die Grenztruppen schreiten würden. Der elektrische Draht trug diese Meldung nach Wien weiter.
llnd noch am selben Tage läßt sich der deutsche Botschafter beim Minister Jswolsky melden und gibt ihm im Austrage der Regierung des Deutsche» Reichs den freundschaftlichen Rat, die Serben vor übereilten Schritten zu warnen. Und um seinem Rat mehr Nachdruck zu verleihen, teilt er ihni mit, daß Deutschland sonst das Königsberger, Posener und das Breslauer Korps mobilisieren müsse...
Da hatte der Frieden nur noch einen Weg zu machen, den von Petersburg nach Belgrad. Hier kan, er i» dev Form einer Depesche an, die den Serben dringend, nein dringendst anriet, eine direkte Verständigung mit Lester- reichcklngarn zu suchen. Rußland sei nach wie vor bereit, ihre Ansprüche zu unterstütze», aber es dürfe keinen europäischen Krieg herausbeschwören.
Und dann setzte sich der abgehetzte Frieden und ruhte sich aus. Tenn jetzt drohte ihm keine Gefahr mehr. Selbst nicht durch die ivuteutbrannten Artikel der serbischen Presse.
In Racovac wußten sie nichts von dieser Rundreise des Friedens. Wären auch gar nicht entzückt davon gewesen, denn hier warteten sie, die Hand am Gewehrkolben, auf den Krieg.
Ten ganze» Winter hatten sie auf ihn gewartet, hatte» ohne Murren alle Mühen und Anstrengungen getragen, unermüdlich die Wache gehalten vor dem Feind, all ihren Groll und Grimm gegen ihn ausgespeichert und gesammelt.
Und nun endlich, endljch!
Am Nachmittag begrub Desider sein totes Weib. Franz und Olga folgten außer ihm noch dem Sarge, den vier Strafuni zu dem kleinen Friedhof draußen am Waldessaum trugen. Andächtig lüfteten die Soldaten die Kappen, da der kleine Zug a» ihnen vorüberkam, und keiner merkte, daß da ihr Offizier sein Teuerstes zu Grabe füli-rte, denn erade und fest, mit eiserneni Gesicht, schritt Desider neben em Freund einher.
„'s ist die Schwester von dem jungen Burschen von damals; sie hat zu »ns fliehen wollen, und da ist ste^on den eigenen Leuten erschossen ivorden," erzählten die Soldaten einer deni ander».
Desider aber stand ruhig, fest an dem Grab. Einen stunimen Gruß sandte er hinunter und ein Versprechen ..
Der Abend kam.
Verschollen glänzten ein paar Lichter von Slubovizja herüber, sonst >var alles still drüben, still, gawz still.
Bor den Häusern saßen die Strasuni und Dragoner und aßen ihr Nachtmahl Eine fiebernde Spannnng ivar in ihnen allen.
Als die Dunkelheit völlig ins Tal siet, ivaren sie alle vor dem Hause ihrer Offiziere. Da fragte keiner, ob er eben vom Dienst kam oder als der nächste wieder an der Reihe war. Blieb keiner im Quartier und streckte die Glieder auf dem Strohsack aus.
Franz und Desider waren »litten unter ihnen. Franz lachend, übermütig, Desider ernst und still. Mit deni wechselten sie ein Wort, mit jenem. Franz erzählte Witze aus seiner Kadettenzeit...
Zehn Uhr... elf... Mitternacht...
Da ein Schuß vorn am Ufer.. noch einer...
Sie springen alle auf.
„Jetzt!"
Wie ein Ruck geht's dlirch sie alle. Die Ojsizicre stürzen »ach vorne zu dem Posten, der geschossen.
„Dort, Herr Oberleutnant, dort!" flüstert der Mann mit vor Ansregung heiserer Stimme.
Schwarzes, undurchdringliches Dunkel liegt aus der Böschung. Nichts regt stch, nichts. Zehn, fünfzehn Minuten starren sie hinüber, aber es bleibt alles still.
„Ich Hab' ganz deutlich drei Mann gesehen," beharrt der Posten.
„Nur Ruhe, inehr Ruhe," sagte Desider zu dem Mann. „Beobachten Sie solange wie möglich und schießen Sie erst im allerletzten Moment."
Er war in dieser Stunde vor der Entscheidung kühl und gelassen. Jetzt war es vielmehr Franz, den die Aufregung gepackt hatte und nicht mehr losließ. Der Traum eines jeden österreichischen Offiziers ging ihm ja in Erfüllung: im Kampf sich zu erproben und auszuzeichnen. Und dann — das Avancement in Friedenszeiten war ja gar zu langsam ....
Desider dachte an kein Avancenicnt, an keine Karriere mehr. Er hatte mit der Erde abgeschlossen. In ihm war der feste Wille, in deni Kampfe zu sallen. Mit seinem Leben ahlte er dem Kaiser die Zeit, um die er sich zu früh aus eineni Dienste losriß. Franz hatte ihm versprechen müssen, ihn in einem Grabe mit .Helene beizusetzen.
Ein Uhr wurde es, und noch eine Stunde schlich vorbei.
Und da, da . . . alle drei, Franz, Desider und der Posten sahen cs, das war keine Täuschung, die Dunkelheit drüben wurde lebendig. Noch dunklere Schatten glitten aus ihr heraus . . . durch die Totenstille der Nacht drang ganz leises Flüstern herüber. . .
„Sie tommen!"
„Schnell, Oleanu," besaht Desider dem Posten, „lausen Sie schnell zurück, sagen Sie dem Feldwebel Schwarmlinie an der Böschung, von mir hier angefangen. Kein Wort darf gesprochen werden, kein Schutz abgeseuert werden, bis ich pfeife."
Lautlos Verschtvand der Posten in die Nacht.
Die beiden Freunde aber blieben regungslos liege» uud starrten hinüber. Sie sahen nichts als das Hin uud Her dunkler Schatte». Hörten ein-, zweimal das Knacken eines Gewehrverschlusses.
Und plötzlich faßte Desider die Hand des neben ihm Liegenden und preßte sie mit starkem Druck.
„Du weißt, was du mir versprochen hast," flüsterte er ihm ins Ohr.
„Ja. Aber derweil bist du ja noch nicht gefallen."
„Ich werde sallen; ich weiß es, Franz. Dieses ist mein erstes und letztes Gefecht. Schwöre mir, daß du dein Versprechen hältst."
„Ich schwöre es dir. Aber ich mein', ich werd' Zeit genug haben, bis ich es erfüllen muß."
Desider antwortete nicht mehr. Weit vorgebeugl lauschte er hinüber. Unten am Flusse war ganz deutlich ein Manu zu sehen, der aus das Eis hinaustrat, um es auf seine Stärke zu prüfen. Waren auch die Tage schon sehr warm, die grnnd tiefe Eisdecke der Dr,na hatten sie noch nicht zu zerstören verinocht.
Der Mann schritt vor, soweit der Schatten der Böschung reichte, und klopste mit de:» Gewehrkolben vorsichtig aus.


