Ausgabe 
30.12.1914
 
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Dann uaftinumte sie wieder und lag eine Weile ganz still da, mit geschlossenen Augen . .

Und dann bewegten sich ihre Lippen wieder. Schrill um Schrill kehrte das Bewußtsein zurück.

Geh' nicht hinüber. . . Stojan . . . ich beschlvöre dich. . . er ist drüben ... ich loill nicht, daß du ihn« als Feind gegennbertrittst . . . der Fürst . . . laß ihn und diese fremde Frau . . . sie liebt dich nicht . . Und dann ein schtvacher Ansschrei. Mit aller ihrer schwindenden Kraft ver­suchte sic sich aufzurichten . . .

Helene," bat Tesider,Helene Einzige . . . bleibe ruhig. . .!"

Es ivar, als trieb der Klang seiner Stimme das heran- nahcnde Beivußtsei» zur Eile an. Weit öfsneten sich ihre Augen und starrten mit verschwommenem Blick in die drei Gesichter, die sich über sic neigten. Allmählich, wie aus tiefem Grunde, stieg das Erkennen in ihnen herauf... fester, be­stimmter tvnrde ihr Blick, uiib dann blieb er schließlich mit dem Ausdruck utiendlichcr Seligkeit auf Tesider haften.

Lächelnd legte sic den Kopf an seine Brust.

Olga und Franz aber schlichen aus dem Zimmer. Aus der Diele, über die eine k. und l. ärarische Stallaterne ihr poetisches Licht goß, blieben sie nebeneinander stehen. Es orängte sic beide, einer dem andern ein liebes Wort zu sagen und fanden doch nicht den Mut, es zu tun.

Endlich sagte fic:

Die zwei da drinnen sind setzt glücklich."

Ein trauriges Glück, bei dem der Tod Gevatter steht!" erwiderte er.

Kaum hatte er die Worte gesprochen, so ärgerte er sich schon darüber. Sic kamen ihm selber dumm und roh vor.

Besser ist es als gar keines," sagte sic mit bitterem Lächeln.

Eine drückende Pause legte sich über sie beide.

Frau Gräfin," raffte er sich endlich auf,Sie werden müde sein. Wollen Sie vielleicht in mein Zimmer treten und dort ei» wenig ausruhen?"

Sie schüttelte den blonde» Kops.

Nein, ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant," entgegnete sie,ich bin gar nicht müde und werde hier warten, bis man mich ruft."

Er redete ihr zu, wurde ivarm und innig dabei, allein sie blieb fest. Da ging er dann schließlich.

Keine der Patrouillen und Posten hatte etwas zu mel­den. Verschlafen und verdrossen rückten die Mannschaften ein, als er die Ablösung vollziehe» ließ. Aber er verstand es schon, sie auszumuntern.

Kinder," ries er ihnen zu,machl's euch nichts draus, daß wir uns wieder einmal die Nacht um die Ohren ge­schlagen haben. Das wird uns noch öfters passieren. Aber ivir dürfen nicht locker lassen. Wenn die Kerle wirklich kommen, dann müssen wir auf jeden Fall bereit sein. Denn dann Müssen wir's ihnen heimzahlen, daß sie uns so oft znm Narren gehabt haben!"

, Als er in das Krankenzimmer trat, fand er Helene wieder ohne Bewußtsein. Desider, von Müdigkeit und Auf­regung übenvältigt, >var auf dem Sessel neben ihrem Bett in unruhigen Schlummer gesunken. Olga aber stand an dem Tische vor dem Fenster und war damit beschäftigt, aus einem Schnellkocher Kaffee zu kochen.

Gerade als Franz eintrat, >var das wohlig dustende Ge­bräu fertig.

Es ivird uns allen wohltun!" flüsterte sie ihm mit beinahe verlegenem Lächeln zu.

Wenn cs nicht so abgeschmackt klingen ivürde, Frau Gräfin," sagte er,würde ich Ihnen verraten, daß ich Sie für einen verkappten Engel halte." i

Sie senkte das Haupt, um ihm die dunkle Röte zu ver­bergen, die ihr ins Gesicht schlug. Ohne zu antivorten, füllte sie ihm eine Tasse und schob sie vor ihn hin.

Mit Wohlbehagen schlürfte er den starken Kaffee.

Na, und Sie, Fra» Gräfin?" fragte er.

D, mich vergesse ich nicht. Ich möchte nur den Herrn Oberleutnant auftvecken und ihm eine Tasse anbiete»."

Jäh fuhr Desider auf, als sie ihn an der Schulter be­rührte. Mit unsäglich traurigem Blick umfaßte er die Gestalt der in tiefem Fieberwahn liegenden Geliebten, dann ließ er sich an den Tisch führen und trank mechanisch die Tasse« Kaffee leer, die ihm Olga vorsegte.

Das starke Getränk verfehlte seine Wirkung nicht auf ihn. Sein Blick wurde klarer und fester.

Frau Gräfin," sagte er,jetzt erst kann ich Ihnen danken für das, tvas Sie meinem armen Weibe getan haben."

Nnd ehe sie es verhindern konnte, halle er sich anf ihre Hand gebückt und einen heißen Kuß der Dankbarkeit darauf- gepreßt.

Ihnen und meinem Kameraden tan» ich es ja sagen," fuhr er fort,sie ist mein Weib! In den Stunden dieser Nacht hat sie es mir gestandciz, daß sie ein Ktnd von inf* unterm Herzen trägt. lind nun muß sic sterben, jetzt . . . jetzt . . ."

Er preßte die geballten Fäuste vor die Augen, richtete sich aber gleich iviedcr auf.

^,Zlum Jamnier» Hab' ich jetzt keine Zeit!" sagte er und erhob sich.Frau Gräfin, Sie cntschnldigen uns einen Moment. Ich hätte nämlich verschiedenes mit dir zu be­sprechen, Franz, dienstlich."

Also gut, komm' hinaus!"

Sie traten vors Haus.

Als meine arme Helene bei Bewußtsein war," berichtete Desider,hat sie mir das Folgende gesagt: In Slubovizjg drüben sind an die ziveihundert Mann versammelt. Dieser Fürst Rah ist wieder dort und hat den eigentlichen Oberbesehl über die ganze Gesellschaft. Sie selbst ist wie eine (befangene behandelt tvorden, seit sie bei uns herüben ivar. Nie dürft« sie ohne Aufsicht sich auch nur aus ihrem Zimmer entfernen. Sv eine alte Hexe ivar ihre Aufseherin. Gestern wurde nun Schnaps drüben verteilt, augenscheinlich, um den Kanrpses- mut zu erhöhen. Ihre Wärterin hat sich bei dieser Gelegenheit auch betrunken, und so konnte sie entfliehen. Sie wollte nutz warne» . . . Glücklich kam sie aus dem Dorf heraus nnd auch über den Fluß hinüber. Aber da entdeckte sie der Posten, den sie dort stehen haben, und schoß sie au ... und jetzt, jetzt..."

Desider!" mahnte Franz.

Ja, ja, ich Hab' mich schon lvieder zusammen. Also, wir wissen jetzt, wie die Dinge stehe» . . ."

Und sind vorbereitet!" ries Franz.Sie sind zwar zwei gegen einen von »ns, aber ich mein', das ist das richtige Verhältnis. Ich schätze, heute nacht werden sie kommen."

Ich hoffe es; wenn ich beten könnte, würde ich mich auf die Knie werfen und den Himmel daruni bitten!" preßte Desider zwischen de» Zähnen hervor.

Da erschien Olga in der Tür und tvinkle ihnen.

Gcht's zu Ende?" fragte Desider mit bebenden Lippen.

Sie nickte stumm.

iDrinnen hatte sich die Sterbende mit letzter Kraft auf­gerichtet. Ihre Augen ivaren weit geöffnet und hatten ein. Leuchten, das nicht mehr von dieser Welt war.

Desider... Geliebter!" rief sie mit schwacher stimme.

Da kniete er schon neben ihr und legte ihr schmales Köpfchen an seine Brust.

Ich bi» bei dir, Helene, hier... erkennst du mich, mich, deinen Tesider, deinen Mann?" flüsterte er.

Ihre Seele, die schon weit voransgeeilt war in jenes Land, das unser aller letzte Heimat bildet, waiidte sich noch einmal zurück bei dem Klang dieser Stimme.

Ja, du bist da," lächelte sie.Ich fühle dich, ich sehe dich. Nicht tvahr, du kommst dato nach zu mir zu unserem Kind?"

Lange, lange lchnre sie an Desiders Brust. Schwächer und schwächer wurde ihr Atem, und so ging sie hinüber, ein glückseliges Lächeln aus den Lippen, weil sie in den Arinen des Geliebten hatte sterben dürfen...

Gemeinsam mit Franz verfaßte er den Bericht a» das Brigadekommando. Schnallte hieraus Säbel und Feldbinde um, setzte die Kappe auf und marschierte seinen alltäglichen Patrouillengang ab.

18 . Kapitel.

Tnrch die Straßen von Belgrad lies die Begeisterung und tobte sich in schmetternden Ziviorufen auf den König, den Kronprinzen, aus Rußland, England, aus Gott und alle Welt aus. Die zahlreichen Zeitungen, die in der kleinen serbischen Hauptstadt gedruckt werde», veranstalteten einen erbitterten Wettlaus um Nachrichten. Alle lgilbe Stund« erschien ein anderes Extrablatt, nnd jedes ivußte etwas Neues zu melden, machte die Meldung des Vorläufers zu einer von vorgestern.

Oesterreich-Ungarn stellt ein llltimatnm!"

Serbien erklärt de» zßrica !"

Rußland mobilisiert an oer österreichischen Grenze!"

Englands Flotte dampft in das Adriatijchc Meer abl"

So jagte eine Meldung die andere, die zweite immer