Ausgabe 
28.12.1914
 
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Destper hörte Ihn kaum noch. Me er War, Wollte «r ^vonstür^mi, aber Franz hielt ihn mit seinem eisernen

Bist du wahnsinnig, Junge?" fragte er ihn, während er den Widerstrebenden ins Zimmer zurückzog'.Soll denn bas ganze Dorf wissen, daß du ihr Geliebter bist? Warte hier im Zimmer ans sie..." ' .

Und wenn sie inzwischen stirbt . . ."

Gott bewahre: so gefährlich ist die Geschichte nicht. Richte derweil alles her. Ich werde um den Doktor tele* graphieren ^ur den Kops hoch, Junge!"

Seine Ruhe und Energie bliebe» nicht ohne Wirkung aus die erregten Nerven Desiders. Eilends schlug er sein eigenes Bett auf, richtete Handtücher, Verbandzeug und warmes Wasser vor und wartete dann, den Kopf m die Hände gestützt, die Ankunft des traurigen Zuges.

Franz eilte inzwischen zum Gendarmeriekommando hin­unter, in vessen Haus der Telegraph untcrgebracht war.

Schnell, Hassan," ries er, als er das Wachtzimmer be­trat,wir müssen um den Doktor nach Blasenica tele­graphieren !"

Ohne zu fragen, für Uten der Arzt benötigt wurde, rief Efghi Hassan den jungen Menschen herbei, dem die Bedie­nung des Telegraphen anvertraut war.

Der Telegraphist setzte sich an seinen Apparat und gab das Anrufzeichen. Aber kein Ticken des Stroms ließ sich hören, als er den .Hebel niedcrdrückte. Erschrocken schaute er zu dem vor ihm stehenden Franz und Efghi Hassan auf.

Herr Oberleutnant," sagte er stotternd,da ist etwas nicht in Ordnung. Ich kann reinen Strom hören."

Probieren Sie noch einmal!"

Der junge Man» befolgte den Befehl, aber mit dem­selben negativen Resnltät.

Efghi Hassan psisf durch die Zähne.

Da haben die Hunde die Leitung abgeschnitten!" sagte er.

Sie werden doch keine» neuen Ueberfall planen?"

Der alte Gendarm zuckte die Achseln.

Sieht säst so aus, Herr Oberleutnant," knurrte er.

Na, mir kann's recht sein!" rief Franz lachend und reckte die Arme.Wir werden ihnen schonguten Tag" sagen. Aber, Hassan, edler Tschibnkheld, wie Ivärs, wenn Sie sich ein paar von meinen Leuten nähmen und mal nach- schautcn, wo die Gesellen eigentlich den Draht durchschnit­ten haben."

Zu Beseht, Herr Oberleutnant!" erwiderte Efghi Hassan.

Und es muß einer nach Srebrenica reiten, damit die von dort aus telegraphieren. Wir müssen einen Arzt haben.

Denken Sie sich, Hassan, wie ich von meiner Patrouille heino» komme, liegt auf der Straße ein schwer verwundetes Mäd­chen. Wissen Sie, die Schwester von dem Stojan, den tvir damals eingesanqen haben. Sicher haben ihr die eigenen Leute nachgeschossen!"

Fünf Minuten später jagte Efghi Hassan mit einem Korporal und fünf Dragonern die Straße nach Srebrenica entlang. Sie lagen tief gebückt auf den Hälsen ihrer Pferde, denn jetzt konnte hinter jedem Bann, der Tod mit schuß­bereitem Gewehr lauern.

Als Franz in sein Quartier kam, langte» gerade die Leute mit Helene an. Bleich, mit zusammengcbissenen Lip­pen stand Desider im Zimmer, als sie die Bahre nieder­setzten. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, da lag er schon vor der Geliebten ans den Knien und preßte einen heiße» Kuß auf die blutleere Stirne. Er sah nichts, er hörte nichts, dumpf rang sich sein Schmerz aus seiner Brust heraus und nufschlnchzend barg er seinen Kopf neben dem ihren auf den Decken.

Franz ließ ihn gewähren. Und mit plötzlichem Entschluß verließ er das Zimmer und eilte hinüber zu Olga.

Das schöne Weib lvar nicht wiederzucrkennen. Ihre Wangen Ivaren fahl und eingefallen und ihre einst so strah­lenden Augen trüb und unischleiert; sic hatten den müden Blick der Augen, die viel weinen. Nur als sie Franz so un­vermutet bei sich eintreten sah, flammte das alte Feuer wieder in ihnen auf.

Sie... Franz?" staminelte sie, verwirrt, fassungslos tn ihren hellen Freude.

Er fand nicht den kühlen Ton, in dem er mit ihr hatte iprechen wollen Er liebte sie fa nicht weniger als sie ihn

und da er fie so gebrochen vor sich sah, sprang ihin das! ergene Weh, das er immer so brutal nrederdrückte, in die Kehle und machte seine Stimme weich und zärtlich

Es ist ein Unglück geschehen, Frau Gräfin!^sagte er. //Ich habe eine halbe stunde non hier Fräulein Helens Stojanowitfch mir einer schweren Schußwunde im Rücken gefunden. Nun liegt sie drriben in unserem Haufe; wolle» Sie uns helfen, Frau Gräfin?"

Ohne ein Wort zu verlieren, warf sie ein Tilch über. Die Freude, dem Geliebten eine» Dienst erweisen zu können, färbte ihre Wangen rot, gab ihr die Elasttzität und Leb­haftigkeit ihrer früheren Tage wieder.

Kommen Sie!" rief sie und öffnete die Tür.

Sein Herz lag ihm auf der Zunge. In seinen Armen zuckte das Verlangen, sie an sich zu reißen und an denj weichen, süßen Lippen, deren ersten und letzte» Kuß er nie vergessen konnte, Verzeihung zu erbitten für das Leid, das er ihr tat, tun mußte.

Mer nein, nein! Er durfte es nicht, jetzt nicht, niemals. Und gerade und fest schritt er hinter ihr drein.

Bei Helene angelangt, ging Olga unverzüglich ans Werk. Sie legte die noch iinmer Bewußtlose mit Desiders Hilfe auf das Bett, schickte dann die Männer Humus und ent­kleidete das junge Mädchen. Mit behutsamen Fingern wusch sie ihr die Wunde aus und machte ihr einen Verband aus der Scharpie, die Desider vorbereitet hatte.

Flüsternd standen die beiden Freunde derweilen auf der Diele.

Und gerade jetzt muß ich fort, die Leute werden ohne­dies nicht verstehen, wo ich bleibe!" sagte Desider.

Es ist besser, du gehst heute nicht!" gab Franz zurück. Es hat sich nämlich verschiedenes zugetragen. Die Tele-

S aphenleitung ist durchschnitten. Ich Hab' Efghi Hassan o» hinausgeschickt. Wir werden warten, bis der zurück- kommt. Dann ist es am besten, wir schicken nach allen Seiten kleine Nachrichtcilpatrouillen hinaus, einen Unteroffizier mit ein paar Mann. Die ganze Sache sieht stark nach einem geplanten Ueberfall aus."

Mein armes Mädchen wollte uns vielleicht warnen, o diese Tiere, auf ein Weib zu schießen!" stöhnte Desider und seine dunklen Augen sprühten nur so vor Wut.

Wir werden uns revanchieren, verlaß dich drauf!" bruinmte Franz.Jetzt wollen wir nur warten, bis Hassan zurück ist."

Im selben Moment öffnete Olga die Türe und hieß sie eintreten. Desider erfaßte, von seinem Impuls getrieben, ihre Hand und preßte einen heißen Kuß der Dankbarkeit darauf. Dann schob ex sich auf den Zehenspitzen an das Bett und setzte sich zu Helenens Häupten nieder.

Franz blieb an der Türe stehen, und ohne daß er es selbst wußte, folgten seine Augen den Bewegungen Olgas, die geräuschlos und geschickt mit Kanne und Waschbecken hantierte. Heißer, verlangender wurde sein Blick, je länger er ihr zusah, und wie wenn sie ihn auf sich brennen fühlte, fuhr sie plötzlich herum.

Glaubst du mir endlich?" fragten ihre Augen.

Tie seinen flammten ein einzigesJa".

Ein rührend glückseliges Lächeln glitt über ihre bcr- härmten Züge.

Da gab's ihm eine» Riß. Er mußte zu ihr sprechen, mußte ihr ein gutes Wort sagen. Leise ging er zu ihr hin­über.

Das wird Ihnen mein Freund nie vergessen, Frau Gräfin!" sagte er.

Ich wollte, ich könnte noch mehr für iftit tun," jlüstcrte sie zurück,und sie rette». Aber da ist alle Mühe vergebens!" Und als sie seinen erstaunten Blick sah, setzte sie zu: Ehe ich Gräfin Grekow wurde, habe ich in Zürich' Medizin studiert und habe noch nicht alles vergessen. So weit es mir möglich war, habe ich sie untersucht. Ich glaube, die Kugel sigt tief drin in der Lunge."

Armer Test!" flüsterte Franz, mit mitleidigem Blick den Kops schüttelnd.

Tann ging er leise hinaus. Ihm selber war die Brust so eng, er mußte ins Freie.

Ta stand Gewehr bei Fuß die Mannschaft, mit der Te- sidcr hätte abmarschicre» follcn.

Kinder," sagte Franz,mit eurer Patrouille ist'S beute nichts. Wir werden mehrere kleinere Patrouillen abschicken. Sage» Sie den Leuten, Zugführer, daß sie sich alle hier ver­sammeln, Ivenn Efghi Hassan znrückkommt."