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Drina gehen. Wir müssen, ob so oder so, auf jeden Fall einen Eroslg erringen. Wen» wir ihnen erst ein Dorf niedergebrannt haben, wird wohl die sogenannte Langmut der Oesterreicher ein Loch kriegen."
„Exzellenz, Durchlaucht," sagte der Engländer. „Oesterreich stellt das Ultimatum und Deutschland muß. gleichfalls
t arbe bekennen. Großartig! Stellt es sich offen aus die eite Oesterreichs, dann ist noch immer Zeit zum Einlcnken." Dainit waren alle einverstanden...
Rah begab sich ins Kriegsministerium, wo er mit den Offizieren des Ministeriums und des Generalstabs' eine lange Konferenz hatte. Als er nach drei Stunden in sein Hotel zurückkehrte, hatte er in der Tasche den vom Oberstkommandierenden der serbischen Armee Unterzeichneten Befehl an sämtliche an der Grenze stehenden Komidatschiführer, sich ihm unbedingt unterzuordnen.
Am Abend fuhr er bereits an die Grenze...
Hinter seinem Zuge drein aber jagte ein Reiter auf schäumendem Pferde. In der einen Hand hielt der Reiter ein blutgetränktes Schwert, in der anderen eine lodernde Brandfackel...
Der Reiter war der Krieg.
16. Kapitel.
Eine Woche ist darüber hingegangen. Auf den Sturmes-
K der Bora kommt der Frühling über die Berge gereiht die mächtigen Schncemassen von den Hängen und Bäumen und macht die Straßen und Wege gangbar. Auf der Drina wird das Eis dünner, weicher und zeigt große Sprünge. Wie lange noch, und der Fluß wirft seine Fessel ab und tollt wieder fröhlich im freien Bergbelt seinem Ziele zu.
Der Frühling, sonst von aller Welt mit Jubel und Freude begrüßt — im Jahre 1909 sah man ihm nur mit Bangen entgegen. Hieß, es doch, im Frühling würde der Krieg ausbrechen. Die serbischen Zeitungen verkündeten triumphierend, daß das kleine Serbien bereit sei, den Kampf mit dem großen Oesterreich aufzunehmen. Ihre Sprache lvnrde von Tag zu Tag drohender und provokatorischer. Die englischen und russischen Journale sekundierten ihnen in einer für Oesterreich geradezu beleidigenden Weise. Oesterreich, das mutwillig Recht und Vertrag gebrochen hat, inuß sich dem Richterspruche Europas unterwerfen, so hieß es in allen möglichen Tonarten.
Mer Oesterreich richtete sich mit einem Male auf. Weil es Jahrzehnte hindurch still und ruhig, vielleicht auch etwas langsamer als die andern, seinen Weg gegangen war, hielt man es für schwach und verbraucht. Und nun riß die Welt erschrocken die Augen aus, als sie sah, welch übermächtiger Riese sich da von seiner Ruhe erhob und bedächtig, aber mit der unbeugsamen Entschlossenheit des Starken, das Schwert aus der Scheide zog.
Die Eiseubahnzüge begannen zu rollen und führten Regiment um Regiment hinunter an die bedrohten Südgrenzen. Deutsche, ungarische, böhniische Truppen kamen und folgten willig dem Befehl ihres Kaisers. Ernste und reffe Männer waren unter ihnen, die Wejb und Kind daheim ließen. Sie jubelten nicht, aber in ihren Augen stand der Entschluß geschrieben, ihre Pflicht bis zuin letzten Ende zu tun. Mit einem Male ging das Erkennen durch das Reich, daß es noch ein Oesterreich-Ungarn gäbe, daß sie alle, Deutsche, Tscheche», Magyaren, Polen, Slovenen, nur einen Teil des Ganzen bildeten, daß sie unlöslich miteinander verbunden waren.
Mit Staunen und Schrecken schaute die Welt auf dieses Schauspiel.
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In Racovac verspürte» sie wenig davon. Verschollen kanr mal die eine oder die andere Nachricht in ihr einsames Vrcnznest, und die einander ividersprechendeu Zeitungsmeldungen blieben die Hauptquelle ihres Wissens. Aber doch ersahen sic daraus, daß Oesterreich-Ungarn nun ernstlich rüstete, und ihre Hoffnung stieg, daß sie eines Tages den Befehl bekommen würden:
„Ueber die Drina!"
DaS Fieber der Erioartung packte sie alle, die beiden Offiziere wie ihre Leute. Sie waren die ersten am Feind, Ihnen war es als den ersten bestimnit, den feindlichen Boden zu betreten. MS die ersten der ganzen Armee konnten sie Ruhm und Ehre gewinnen.
Auch Desider ward ruhiger bei diesem Gedanken. Seine Sehnsucht zwar blieb nie still, und seine Träume wanderten
»ach wie vor auf das andere User der Drina hinüber. Mer die Gewißheit kam über ihn, daß ihm die Erlösung nust werden mußte. Ms Soldat zu sterben, für seinen Kaiser, und an seinerfLeute Spitze, das erschien ihm als das größte Glück, das er noch erringen konnte.
Mit Franz sprach er gar nicht mehr daricher. Er wußte ja, daß sein Freund anders über diese Mt der Erlösung dachte, und es tat ihm weh, wenn Franz in seiner leichtfertigen Manier ihn zu seiner Anschauung bekehren ivollte. Franz dagegen beichtete ihm offen und rückhaltslos sei» Verhältnis zu Olga Grekow.
„Ich glaube nun selbst," sagte er, „daß sic wirklich das für mich empfindet, lvas man Liebe nennt. Tu hättest sie nur damals sehen sollen, weißt du, in der Nacht damals, in der die Hunde sie befreien wollten. Desi, so spricht nur ein Weib, das einen Mann wirklich gern hat. Aber Hiuimel-- herrgott — ich mag die Sache hin- und herdrehen, ich finde keine Antwort auf die Frage, lvie ein österreichischer Ofsi- ier eine russische Spionin heiraten soll. Ich ivollte, ich ätte sie nie gesehen."
„Wir sind wirklich ein paar arme Schächer," sprach Desider mit bitterem Lächeln.
„Weißt du, Desi," meinte Franz, „ich Hab' oft das Gefühl, als hielte uns das Schicksal euisach zum Narren. Da sehen tvir das Glück so nah' vor den Augen, daß lvirglauben, wir brauchen nur zuzugreifeu — na, und wenn lvir dann die Hand ausstrecken — dann ist es am andern Ende der Welt. Aber — Himmelherrgott... ich laß mich nicht zum Narren halten, ich nicht!"
„Und die Frau, Franz — die Frau?"
„Die Frau — die Frau! Ich hab's ihr doch ost genug gesagt, daß wir zwei nie und nimmer zusamincnkonimcn können. Ich weiß nicht, früher war sie ein ganzer Kerl- jetzt ist sie so ein Tränensack w»c — du! Wäre sie früher ... ah was... von dem „wenn" haben wir nichts! Kismet, Desi, Kismet!" 1
Und dann klirrte er aus dem Zimmer, um dem Freunde nicht zu zeigen, wie schwer ihn dieses Kismet drückte...
Eines Tages war er draußen auf Patrouille. Spät wars schon und dunkle Schatten krochen bereits vom Tal die Berglehnen hinauf. Mit leisem Rauschen strich der Früh- lingstvind durch den Wald, in dem schlver und voll die Tropfen des schnielzendcu Schnees j» Bode» klatschte».
Noch stand das Eis in der Drina, aber da und dort zeigten sich schon große Risse tind Spalte», die die warmen Strahlen der Sonne hineinschluge». Frühling... Frühling! ... Mit weit geöffneten Tolmans trabten die Dragoner dahin.
Plötzlich riß Franz, der einige Schritte vor seinen Leuten ritt, seine Stute zurück. Auf der Böschung, halb ist dem gelben, morastischeu Schnee, halb mit dem Oberkörper nach unten, lag eine weibliche Gestalt. Im Nu war er aus dem Sattel und beugte sich über die.Frau...
Älhnächtiger... Helene!
Bleich lag sic da, mit geschlossenen Augen, die Hände ineinandergekrampft. Fast uninerklich hob sich ihre Brust in schwachen Atemzügen.
Sie richteten sie mif, behutsam und sorglich, und da entdeckte Franz, daß in der Höhe der Schulter ei» Loch in der Jacke >oar, und aus diesem Loch sickerte Blut in dicken, schwarzen Tropfen. Sie mußte über den Fluß gekommen sein, und von rücktvärtS hatte sie dann die Kugel des Verfolgers niedergeworsen.
Aus zwei starken Resten und ihren Satteldecken machten sie eine Bahre, auf die sie die Schiververwundcte legten., Sie >var von tiefer Besinnungslosigkeit umfangen, nur als sie sie auf die Decken niederlicßen, kam ein leiser Seufzer, ein Hauch, über ihre Lippen.
Während zwei Leute die Bahre ansnahmen, jagte Franz voraus ins Dorf hinein. Es galt, Desider vorzubcreiten. Er fand ihn bereits gerüstet zum Mmarsch auf die Nacht» streifung und nur noch auf ihn ivartend, da ein Offizier immer in der Station sein mußte.
„Du bist aber heute pünktlich", rief er ihm entgegen. „Mir scheint gar, du bist deinen Leuten auf und davon- geritten!"
„Stimmt", erwiderte Franz. „Schau nämlich, Desi, es ist was passiert. . ."
„Helene!" schrie der andere aus. „Sie ist tot!"
„Nein, das nicht. Aber augenscheinlich schwer verwundet. Ich fand sie, als ich nach Hause ritt, aus der Straße . ,


