Ausgabe 
24.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

Der Weihnachtsbaum.

Skizze von St. v, Mühlenfels.

Sie saßen zusammen und strickten. Sie strickten Röckchen und Fleidche» und Lxibchen für die kleine» armen Kinder ihres Dorfes, denn die Liebesgabe» für die, die im Heide standen, waren längst vbgesandt. Nun galt eS süc ein ernstes, stilles Fest daheim zu Wirke».

,,Jch habe schon eine» wundervollen Bauni ausgesucht!'' sagte Tome, die blonde Tochter, aber Mutter »nd Tanke sahen sie ordentlich vorwurfsvoll an.

Tie Ndutter ivar eine seine, blasse, noch jugendlich aussehende fttou; die Tante aber hatte bereits graue Haare und ihr Gc- ficht hatte einen harten, säst unfrauenhasten Zug.

Denkst du wirklich im Ernst an einen Weihnachlsbaum. Tome?" sagte sie schars. und als das junge Mädchen ihr frei in die Augen sab, fuhr sie zu ihrer Schwägerin gewandt fort:

Hab ich's nicht immer gesagt, da» dein Mädchen jeder Ernst fehlt? Geht sie nicht vergnügt und frohgemut durchs Haus, als ob die Welt in tiefem Frieden läge? Gestern, als sie mir den Mädchen in der Küche beini Backen war, hat sie Weihnachtslieder gesungen und schlimmer noch, lustige Soldatenlieder hat sie nur so heraus- oeschniettert. Ich muß gestehen, die Hände sind inir schlaff in den Schoß gefallen, als ich das hörte!" . _

Warum soll ich nicht singen?" sagte Tortje.Unsere Sol­daten singen doch auch, und ob wie hier unfern armen Leuten im Dunklen bescheren, oder ob tvir ihnen einen Weihnachtsbaum machen, das ändert für das, was in der Welt vorgeht, doch auch nichts, und unfern Leuten hier nehmen wir das, worauf sie sich seit Monaten freuen!"

Ich glaube, sie hat nicht ganz unrecht. Maria!" sagte die Mutter saust.Ein einfacher Weihnachtsbaun, in der Halle bedeutet wohl auch keinen Leichtsinn!"

Tie Tante aber, die seil des Bakers Tod dank ihrer großen Energie die Maßgebende aus dem Gut, ja, im ganzen Torf war, entschied kurz:Ich begreife Euch beide nicht! Wenn wir den Leuten hier ein Weihnachten wie in gewöhnlichen Jahren bereiten.

i o heißt das doch geradezu, sie zu einer leichtfertigen Aussassung >es furchtbaren Dramas, das sich in der Welt abspielt, zwingen. Mag jeder von ihnen es in den eigenen vier Wänden halten, wie »r will hier im Gutshaus sollen sie an den Ernst der Zeit ge­mahnt werden!"

Tie Mutter senkte schweigend den Kovf, aber Dortie stand trotzig auf und verließ das Zimmer. Tränen lagen ihr auf der Brust, aber die Tante sollte nicht sehen, daß sie weinte, sonst kam eine ihrer langen Sittenpredigten, die Tortje nun schon aus­wendig kannte. Sie haßte diese Tante, trotzdem sie zugeben mußte, daß sie ungleich tüchtiger und geschästserfahrener war, als die zarte Mutter, die wirklich nicht fähig war, das große Amt, das ihr nach des Vaters Tod zugesallen ivar, zu verwalten.

Und Kurt, der einzige Sohn des Hauses, der soviel vom starken energischen Geist seines Vaters geerbt hatte, stand im Feld, und die Tmite svrach jeden Tag von der Möglichkett, daß er nicht zu- rückkehre. Gewiß, es mar viel Anlaß zur Traurigkeit vorhanden, aber was nutzte es, wenn man den Kops hängen ließ und all das bische» Fröhlichkeit, für das das Herz noch Raunt hatte, mit Ge­walt niederdrückte? ^

Tortje nahm Mantel und Pelzmütze vom Haken und schlich

« inaus. Laue, ioeiche Nachtluft umfing sie, aber der Himmel war ernenNar und der Mond warf einen silberweißen Schimmer aut die

Erde. .

Sie schritt zu einer kleinen Lattenlaube, die im Sommer von wildem Wein umrankt war so dicht daß kein Blick von außen hineinfallen konnte. Die kleine Laube war ihr Zufluchtsort, wenn «S ihr drin im Haus bei den zwei Frauen zu eng und kalt wurde: in diese Laube schlich sie, sobald sie ein Stündchen für sich erübrigen tomrte und das, tvas sie im Haus zum Aerger der Tante so tavser niederkämvtte, kam hier leidenschaftlich zum Ausbruch: der heiße bittere Schmerz um den Bruder und um den andern, den Freund des Bruders, der im selben Regiment mit ihm stand und dem sie am Tag vor dem Ausrücken in eben dieser Laube das Versprechen der Treue gegeben hatte. Rein, o nein, sie mar nicht leichtserttg: sie schwebte nicht in gedankenloser Oberflächlichkeit über die Schwere tiefer Zeit hinweg. ........ . ... .

Kein Mensch nmßte, was sie ,n ihren Nachten durchlitt und durchkänipste, und ivas es ihr kostete, am Tag ein heiteres Gesicht zu »eigen. Es ivar viel, viel schwerer sür sie, froh und aufrecht zu bleiben, als den Kopf hängen zu lassen.

Tränen stürzten ihr aus den Augen. Es war bitter, sich so »erkannt zu sehen! Und Dorne dachte angestrengt darüber nach, »b es denn wirklich ein Leichtsinn ivar, wenn man auch in diesem Jahre beit armen Leuten aus dem Tors ein frohes Weihnachtsfest vereitele.

Es war schon soviel Jammer in die einzelnen Häuser gezogen. Frauen hatten ihre Männer. Eltern ihre Söhne schon vergeben Müssen. Nun sollte ihnen auch am Weihnachtsabend der gewohnte Lichterglanz fehlen! Das dünkte ihr eine unnöttge Härte.

Aber mochte es so sein! Der Bruder und der Geliebte hatten ihr Weihnachtsbäumchen ins Feld gesandt bekommen, und sie selbst tvürde sich auch eines anzünden, und wenn es noch so klein war. und wen» sie es ganz im Verborgenen halten mußte. Aber sie

wollte in, Lichterschein Meier beiden, um die sich ihr Denken imb «ebnen bewegte, gedenken.

*

Die Tage schlichen dahin, inan strickte und begann die Sachen für die Weihnachlsbescherung zu ordnen: lauter praktische nützliche machen, ein Korb Aepsel und Nüsse sür jedennd statt des Kuchens zwei große Brote und ein Zentner Kartoffeln. Tortje hatte vom eigenen Geld sür die Kinder ei» paar einfache Spielsachen gekauft, und die Tante sah schweigest!) darüber hinweg.

Wie immer waren die Sachen in der großen Vorhalle aus gebaut, aber während sonst auch die nüchternsten Gegenstände einen Schimmer von Verlläruug erhalten Iwlten, lag heute alles- grau und traurig uild fast beleidigend praktisch da.

Tortje hatte Tränen in den Augen, als sie an den Tischen vorbeiging. Tie Tante wollte auch nicht, daß gesungen tvürde. Ter Inspektor sollte eine .kurze, ernste Ansprache halten, und dann sollten die Gäben verteilt werden.

Auch sie selbst würden nicht, ivie in jedem Jahr, mit dem In­spektor und den zwei Junggesellen des Dorfes den gemütlichen Karpfenschmaus halten: es war Pflicht und Ansland, gerade diesen 'Abend in ganz besondere»! Ernst zu begehen.

. Tdrtjes Ddulter fügte sich in alles. Sie war seit Vaters Tod eine gebrochene Frau, die keinen eigenen Willen mehr hatte

Tdrijes Herz aber rebellierte. Solch ein Weihnachten für die armen Leute ivar furchtbar, und immer wieder fragte sie sich, ob denen int Felde ein Gefalle» damit geschähe, wenn man sich zu Hause mit aller Macht zum Trübsinn und Verzagtsein zwang.

Sie hatte sich wirklich ein kleines Bäumchen geschmückt. Das sollte ihr am späten 'Abend, wenn diese traurige Bescherung vor­über war, in ihrem Zimmercheu brennen, mrd dann würde sie ihr Weihnachtsfest fern von Mutter und Tante in Gedanken mit den beiden liebsten Menschen auf der Welt, die draußen irgendwo in einem Schützengraben lagen, feiern.

Punkt 5 Uhr kamen sie truppweise aus dem Torf zum Gut hrraufmarschiert: Frauen, die ihre kleinsten Kinder an der Hand führten: alte Männer und humpelnde Mütterchen, und eine ganze Schar^ froher Jugend.

Tortje nwchte sich den Zug gar nicht ansehen, wenn sie an die herbe Enttäuschung all dieser armen Menschen, die sich auf den Lichterschimmer im Gutshaus freuten, dachte.

Wie ein Mensch, der ein schleckites Gewissen hat, schlich sie Me Treppe hinab, stellte sich zu Mutter und Tante und hatte den blonden Kopf gesenkt.

Ter Inspektor hielt die von der Tante gewünschte, ernste Ansprache. Er wies die ohnehin vont Schicksal heimgesuchlen Leute auf den grenzenlosen Jammer, der in der ganzen Welt herrsche, hin: er belastete ihr Gemüt, indem er ihnen klarzu- machen versuchte, daß Weihnachten in diesem Jahre nicht ein Fest der Freude, sondern ein Fest der Tränen genannt werden müsse, und je öfter er «n Schluchzen, einen Seufzer oder lautes Weinen Hörle, mir so düsterer und trostloser.ward seine Rede.

Tortjes Herz zitterte vor Zorn und Mitleid. O, daß sie diesem armseligen Menschen, der sich sklavisch den Anweisungen einer harten, kalten Frau gefügt hatte, ins Wort salleit könnte! Taß sie diesen Leuten sagen könnte:

Nein, nein und tausendmal nein! Durch Trübsal und Kopf­hängerei helft Ihr denen da draußen nicht, macht Ihr den namen­losen Jammer, der in der Welt herrscht, nicht geringer. Froh und stark sollt Ihr sein, dmnil Ihr denen, die zu Euch zurück­kehren, die Eurer Kraft, Eurer Liebe, Eurer Freudigkeit be­dürfen, eine wirkliche Helfe und Stütze sein könitt. ---

Aber während sie noch so dachte, drang ein ungewohntes Geräusch an ihr Ohr: die Hupe eines Autos.

Hatte sie sich geirrt? Sie schaute zum Fenster. Und daun noch einmal, mid aller Blicke folgten jetzt den ihrige»: der In­spektor hielt in seiner Rede inne, und Tortje lief mitten durch all die Leute aus der Halle heraus und zur großen Einfahrt hi». Sie stieß, einen lauten Schrei äus.

Das tvar Kurt, der Sohn des Hauses, mit verbundener Sttru und dem linken Arm in schwarzer Binde. Er lachte aber ganz ftöhlich.

Es sieht gefährlicher aus, als es ist!" sagte er zu Tortje und küßte sie.Wer gestern kam ein neuer Schub ins Lazarett und da entließ man die Leichtverwundeten, die noch vor Weih­nachten ihr Heim erreichen konnten. Nun komnie ich wohl noch gerade zur Bescherung, oder ist der Baum noch nicht ongezündet?"

Dann lag er in der Mutter Armen, dir vor Weinen zitterte und auch die Tmite kam hinzu, begrüßte den Neffen, sagte daun aber:Lieber Kurt, wir habe» den Inspektor mitte» in der Rede unterbrochen: iveuu du dich kräftig genug suhlst, so setze dich zu uns in die Halle, bis die Feier zu Ende ist!"

Wer da vergaß Tortje allen Respekt vor der Tante.

Nein, nein!" rief sie trotzig,er soll diese lurchlbare Rede nicht weiter halten!" »ich zu den Tvrfleute», die sich um den Bruder gedrängt hatten, sagte sie:Wartet erneu Augenblick!" lief in ihr Zimmer uich kam gleich daraut mit ihrem kleinen. Licktterbaum zurück. Und dann gab es doch noch frohe Weihnachten.

Tie Lichter ffamniten aus, uich Tortje öffnete^ die Türen zum großen Saal, spielte das alte schöne Lied:stille Nacht,