Ausgabe 
12.12.1914
 
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über dieser Erkenntnis hatte ihr Herz das Lachen verlernt. Sie vergatz» daß sie ein Wei'b war nnd sah in sich nur den

Agenten, der seinem Vaterland dienen mußte.

Nnd nun kam einer, ei» unbedeutender kleiner Offizier. Nnd ev, den sie als sie sicherste Beute betrachtete, blieb ihr gegenüber Sieger. Lachte ihr seine Berachtunig ins Gesicht. In ihrem weiblichen Gefühl, der Eitelkeit, wurde sie zuerst etrosfen. Aber aus der Wut über diese Demütigung stieg ie Bewunderung für den Mann auf, der von allen allein Ile niedergezwungen hatte. Nnd in der Seele einer Frau ist der Weg von der Bewunderung zur Liebe nicht weit. Eines Tages mußte sich Gräfin Olga Grekowt die Fürsten, Feld­herren, Staatsmänner und Geldkönige zurückgewiesen, ge­stehen, daß sie den österreichischen Oberleutnant Franz von Lohnsperg liebte, daß sie sich nach ihm mit der ganzen In­brunst ihrer so lange geknebelten Weiblichkeit sehnte.

In der stillen, sanften Helene fand sie eine Freundint. die sie wohl verstand. In der Einsamkeit des serbischen Grenznestes, umgeben von rauhen, halb- verwilderten Ko- midalschis, schlossen sich die beiden Frauen eng aneinander und weinten eine an der Brust der anderen ihren Kummer auS.

Auch in Helene brannte unstillbar die Sehnsucht. Aber ihre Seele Ivar rein und unberührt, sie konnte noch hoffen und glauben. Olga, die längst den erkennenden Blick in die Untiejen menschlicher Schwäche und Gemeinheit getan, hatte das verlernt. Sie kannte nur eine Zuversicht, die an sich selbst, an die eigene Kraft. Aus dieser baute sie die Träume ihrer Zukuust aus, hossend, daß es ihr doch noch gelingen werde, sich mit dem Geliebten zu vereinigen, seine Verzei­hung zu erlangen und ihn von ihrer Liebe zu überzeugen.

Helene betete. Darin fand sie ihre Kraft. Betete, daß Gott diesen entsetzlichen Krieg abwenden möge. Betete, daß er über Haß und Feindschast hinweg sie doch noch zu Desider

K Sie wurde stärker und mutiger in ihrem Glauben als , die stets zwischen Berzweisluiig und Hosjnungssreudig- keit hin und her schivankte.

Ost, iven» die Witterung es erlaubte, schlichen sie sich aus dem Dorf hinaus und versteckten sich an der Böschung des Ufers, von wo sie gut hinüberspähen konnten. Sie sahen diese wachsamen österreichischen Patrouillen vorüberziehen, hörten in der klaren Winterluft die Worte, die die Leute mill­einander wechselten, die Lieder, die sie sangen, wenn sie heim­kehrten. Tapfer harrten sie in der grimmigen Kälte aus, bis sie Desidcrs schlanke Figur erblickten oder Franz vorübcr- reiten sahen. Dann war die eine glücklich mit der anderen» und sie kehrten in ihre kleine Stube zurück, um, wie immer, von ihrem Lieben zu sprechen.

Am Abend kam gewöhnlich Stojakt, Helenens Bruder, zu ihnen und saß mit ihnen bis zur Schlafenszeit. Selbst hier im Felde, vor dem Feind, war er Olga gegenüber der schüch­terne, hilflose Junge geblieben, als den >ie ihn in Belgrad kennen gelernt hatte. Nie wägte er es, ihre Hand nur zu berühren: wenn er mit ihr sprach, wurde er unsicher, ver­legen und begann zu stottern. Er rassle sich dann nur mit Hilse Helenens auf, die das Wort an ihn richtote. Mit ihr redete er freier, geriet auch wohl sogar in Schwung und

t euer, wenn er von dem heiligen Krieg sprach, dein sein aterland entgegenging Fiel aber sein Blick zufällig aus die Gräfin, und sah er, >vie sie ihm nur teilnahmslos oder gar nicht zuhörte, dann schlug ihm die Röte ins Gesicht. Ein jäher Sw merz preßte ihm die Kehle zusammen, und verzweifelt stürzte er davon.

,>Der arme Junge", sagte dann Helene immer zu der schönen Freundin.Er liebt dich so!"

Und diese zuckte immer auf dieselbe Weise die vollen Schultern und gab immer dieselbe Antwort:

Ich kann ihin nicht helfen."

In gleichmäßiger Elnsörmlgkett flössen die Tage dahin. Olga dachte wohl mehr als einmal daran, daß sie den Auftrag hatte, nach Sarajevo zu gehen und dort die Insurrektion Vor­ubereilen. Aber da ihre Auftraggeber sie nicht drängten, tat ie selbst nichts dazu, aus dem Orte sortzukommen, wo sie sich in der Nähe heg Geliebten wußte. Es war alle Energie von ihr gewichen. Sie wollte nur lieben und wieder geliebt sein, dps war alles, wonach sie verlangte. Der allmächtige Mi­nister in Petersburg, der geheimnisvolle Ray, überhaupt Rußland, Serbien, Oesterreich, niit einem Wort die ganze Politik, an der sie früher ihre Kraft geübt, war ihr gleichl- gültig geworden, seil sie erkannt halte, daß des Weibes ©lüdj

auf einem ganz anderen Felde blühte. Am liebsten hätte sie sich hinübergestohlen nach dem kleinen Ort, vor dem die öster­reichischen Bajonette Wache hielten. Hätte sich vor dem Mann, den sie liebte, hingeworscn und ihm zugejubelt: Nimm mich. Ich will nichts aus der Welt mehr als dein sein.

Wer eines Tages brachte ein Kurier aus Belgrad einen Brief, der sie aus ihren Träumen ausschreckte. Ray tvar's, der ihr schrieb:

Verehrte Frau Gräfin!

Zu meiner großen Verwunderung habe ich noch immer keine Nachricht von Ihnen aus Belgrad. Ich kau» mir ja denken, daß Sie gern in dem idyllischen Slubovizja weilen, da es doch Rncovac so nahe ist, allein zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen mittcilen, daß inan in Petersburg meine Verwunderung teilt. Während ich jedoch als Ihr Freund Ihre Gefühle begreife, ist man dort ivenig geneigt, darauf Rücksicht zu nehmen, sondern schonungslos cs Sic fühlen zu lassen, daß Sie gehorchen müssen. Man kenn» auch dort Ihre Geschichte und will trotz aller meiner Vor­stellungen zu Ihren Gunsten unbarmherzig davon Gebrauch machen, falls Sie noch länger zögern sollten, Ihre» Auftrag zu erfüllen. Ich hoffe, verehrte Frau Gräfin, Sie werdeij mich verstehen, ohne daß ich deutlicher zu werden brauche, und sich daher hüten, die mächtigen Herren in Petersburg noch länger zu reizen.

Ich ertvarte in der nächsten Woche bestimmt von Ihnen die Nachricht, daß Sie in Sarajevo Ihre Tätigkeit be­gonnen haben, und begrüße Sie inzwischen als Ihr allezeit ergebener

Hektar Ray."

Wütend knüllte sie den Brief zusammen, als sie ihn gelesen hatte. Der Zorn leuchtete aus ihren blauen Augen, und ihr Busen ivogte wild aus und nieder, so daß Helena sie ganz erschrocken ansah.

Hast du eine so unangenehme Nachricht erhalten?" fragte sie besorgt.

Olga ivars ihr den Brief hin.

Da lies," sagte sie,ivenn du ein Dokumcilt mensch­licher Gemeinheit sehen willst."

Helene glättete das Papier und las.

Das ist wohl derselbe Fürst Ray," sagte sie,der meinen Bruder verführte, Komidatschi zu iverden? O, dieser Mensch war mir von allem Anfang an verhaßt. Er hat unsere Familie auseinanderaerissen. So heimtückisch ist er, wie eine Schlange, die sich von hinten an ihre Opfer heranschleicht."

Er ist des Teufels Abgesandter oder der Teufel selber," rief Olga.Nur aus die Erde geschickt, um Böses zu tun. Und ihm bin ich ausgcliefcrt; dieser Mensch kann eines Tages mein Schicksal sein. O, es ist zum Wahnsinnig- werden!"

Was ist das für eine Geschichte, auf die er da aue spielt?" fragte Helene.

Das ist ja eben die Kette, an der er mich hält," stöhnte die schöne Frau.In ruhigen Tagen werde ich sie dir einnial erzählen. Jetzt ist die Zeit der Träunic vorbei« Ich muß fort."

Die beiden Frauen sanken einander an die Brust und weinten und küßten sich.

Dann holte Helene ihren Bruder.

Sie wissen," sagte Olga zu dem Jüngling, ivaS sie mir in Belgrad versprochen haben?"

Ja," erwiderte er mit leuchtenden Augen.

Endlich sah er sich nni Ziel seiner Wünsche. Allein mit der schönen Frau iu de» einsamen Bergen, er ihr Schützer, ihr Ritter jetzt mußte es ihm gelingen, ihre Liebe zu gewinnen. Er Ivar bereit, für sie zu sterben.

Der Führer der Bande, ein in den mazedonischen Kämpfen ergrauter Komidatschi, wurde mit ins Vertrauen gezogen.

Ich habe einen Freund iu Srebrenica," sagte er.Den will ich verständigen, daß er Sie dort erwartet. Von dort wird er Sie übers Gebirge au die Straße nach Sarajevo

E ren. Aber es ist ein harter Weg, Frau, besonders Im nter."

Ich muß ihn gehen." antwortete sie.

Am selben Tag noch schickte der Mann seine Boten über die Drina. Sie sollten ihr» den Bescheid bringe», daß der Mann in Srebrenica bereit lei. Aber sie kamen nickt zurück. Den einen hatte der Eder Tont erschossen; hie