Ausgabe 
12.12.1914
 
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#tiben anderen hielt der grimmige Efghi Lassan unter Schloß und Riegel.

Als Tag um Tag verging, ohne daß die Boten sich ein­stellten, ward es klar, daß sie den Oesterreichern in die Lände gefallen sein mußten.

Und als eine ganze Woche herum war, sagte der alte Koinidatschi:

Die verdammten Schwabas haben sie sicher ab­gefangen!"

In dem tiefsten Winkel ihres Lerzcns fühlte Olga eine heiße Freude emporsteigen, daß sie noch nicht fort mußte. Und zugleich war sie stolz auf den Geliebten, der so fest seine Pflicht tat und keinen Feind durchließ.

Auch Lelene war glücklich. Brauchte doch ihr Bruder nicht das tollkühne Abenteuer zu wagen.

Aber da kam nach zwei Wochen ein neuer Brief Rays. Ganz kurz war er, aber gerade aus seiner Kürze war die Drohung herausznlesen, die er enthielt.

Höchste Zeit! Ray."

Das war alles. Aber die starke, mutige Olga erbleichte, als sie die drei Worte las.

Sie zog die weinende Freundin an die Brust und sagte ihr in feierlichem Tone:

Ich muß es wagen. Ich muß. Verzeiht mir, daß ich deinen Bruder mitreiße. Verfluche nicht mich, sondern jenen Schurken dafür. Bete zu Gott, daß wir entkommen. Aber wenn du mich wirklich lieb hast, dann flehst du zu ihm, daß sie uns fangen."

Helene senkte das Hailpt und weinte,

(Fortsetzung folgt.)

Feinde.

Eine vorweihnachtliche Episode von Anna Lahr <Hannov«r).

Hans warf seine Schulbücher auf den Tisch, daß es knallte. So, nun hatte man erst einmal wieder Ruhe vor ihnen. Das war doch rmmer das schönste an de» Ferien, dieser erste Tag, an dem man die ganze herrliche Zeit der Freiheit noch unan- gcbrochcn vor sich hatte. Weihnachtssericn!

Er reckte sich.

Rrrr! klang es aus dem Nebenzimmer. Tillas Nähmaschine. 6« so ... .

Seine Arme sanken wieder herab.

Seit Monaten tat Tilla nichts« als nähen und stricken. Sie, die sonst eine wilde Hummel gewesen war, konnte nun Stunde um Stunde bei der Arbeit sitzen. Er kannte seine Schwester nicht wieder. Und was alles unter ihren Händen fertig wurde! Wäsche für die Verwundeten, warmes Zeug, für die Soldaten. Ja, Tilla hatte säst ebensogut ihren Anteil am Kriege, wie Reinhard, der in Frankreich im Schützengraben lag. Nur er, Hans, hatte keinen Teil daran. Ganz überslüssig war er. Denn daß er sich ein paar Groschen vom Taschengeld abgespart hatte, um den Feldpostpaketen der anderen ein paar Zigarren mit beizulegen, das rechnete doch nicht, das konnte doch unmöglich der einzige Ausdruck für alles das sein, ivas damals in jenen große,» Angusttagen so hinreißend Über ihn gekommen war.

Nun kam das Christfest, und wieder war er überall ganz uir- nötig. Tilla tvürde am Heiligen Abend ins Lazarett gehen und die Kranken besuchen. O, sie verstand es, ihnen zuzusprechen! Das wußte er, denn er hatte sie einmal begleitet. Wie sie das nur so konnte? Ihm war das nicht gegeben. Er hatte wohl auch Mitlech geftthlt; einmal, zweimal war es heiß in ihm aufgesticgen. Aber nicht um die Welt hätte er so was Liebes, Herzliches zu den Leu­ten sagen können, wie Tilla. Steis und hölzern hatte er zwischen den weißen Betten der Leideichen nur jederniann lm Wege gestan­den. Da loar er dann nicht wieder hingegangen.

Ein Psiss von der Straße heraus zerriß seine Gedanken.

Er eilte ans Fenster und stieß einen Flügel auf. Richtig, da staich Kurt Weiser draußen am Vorgartengitter.

Was Neues, Kurt?" . , _ , , t

Statt der Antwort kam eine Gegenfrage!Sag', hast du Vlatten in deinem Apparat?"

Platten? O ja. Ich denke, es müssen noch sechs Stück darin sein. Aber ist denn was Besonderes zu photographieren?"

Mach schnell und komm!"

Hans dachte nicht einen Augenblick daran, weitere Auf­klärung zz^ verlangen, ehe er der kurzen Aussorderung nachkam. Hastig griff er nach seiner Kamera, rief Tilla durch die Türspalle einBin zum Essen wieder da!" zu, riß im Vorbeigehen Hut und Mantel vom Ständer und war auch schon aus der Straße.

Kurt war schon ein Stück vorausgegangen.

Wohin gehen wir?" erkundigte sich Hans, als er ihn etn- leholt hatte.

Nach der alten Ziegelei."

lind was wollen wir dort?"

Mensch, weißt du das denn noch nicht? Dort sinv doch di,

Gefangenen!"

Hans bekam ganz große Auyen:Gefangene?"

Zweihundert Franzosen. Sie sind aus einem größeren Lager hrerhergeschickt, um das Moorland ein bißchen in Angriff zu neh­men, damit sie was zu tun haben."

Darf man den» aber zu ihnen?"

Das wohl kaum. Mer wenn wir nur nahe genug kommen, daß wir knipsen können!"

Hans strahlte. Kriegsgeiangene auf die Platt, zu bekomn.rn, das war doch noch nial was, das wurde einen, nicht alle Tag v» boten. Er begriff, daß Kurt Weiser ihm etwas Besonderes zu Ge- fallen tat, indem er ihm diese Gelegenheit zuerst ncktteilrr. Sttd» leicht war ein wenig captatio benevolentiae dabei: denn Hans >oa, ein firmer Mathematiker und Kurt Weiser ein spottschlechter. Abc» aus solchen kleinen Gefälligkeiten beruhte nun einmal di, Freund, schüft. Es gab schlechtere Motive als diese.

Der Weg zur alten Ziegelei führte eine Weile zwischen Aeckern dahin. In der frostklaren Winterluft gingen die Jungen tüchtig zu. Sie hatten sich ohnehin seit geraumer Zeit daran gewöhnt, einen derben Mannschaftenschritt anzunehmen, der nur in den Schnür­stiefeln leider nie so natürlich ausfiel, wie in den Langschältigen der Soldaten.

Das Gespräch drehte sich natürlich um nichts als Schützen­gräben, Sperrsorts, Breitseiten und geschützte Kreuzer. Die mili­tärischen Facbausdrücke slogen nur so durch die fast feiertägliche Stille des hellen Tages, der nichts von Krieg und Tod zu wissen schien.

Sie durchquerten einen Birkenhain, zwischen dessen mageren Stämmen hindurch man schon das Ziel sehen konnte.

Na!" sagte Kurt Weiser plötzlich entrüstet.Da ist ja alles zu!"

Sonst hatte man ringsum leisten Zutritt zu dem verödeten Anwesen gehabt. Wie ost waren sie bei ihren Spielen durch die leeren Ziegelscheunen gekrochen! Nun ragte da eine hohe, neue Bretterplanke, die noch unverwittert war und nach frisckzem Holz roch.

Eine richtige Gemeinheit ist das!" knurrte Kurt Weiser. Nichts kriegt man zu sehen. Da können wir also wieder abziehcn."

Hans, der praktischer war, gab die Sache nicht so schnell ver­loren. Seine Äugen suchten und hatten bald etwas entdeckt

Mer da sind Astlöcher," bemerkte er,und Spalten."

Wo?" fragte der andere etwas gereizt. Er ertrug cs nicht immer gut, wem» jemand findiger war als er.

Mlerdings, da waren Astlöcher. Eins war rund m»d groß und befand sich etwas unter Augenhöhe. Dadurch konnte man photo­graphieren. Darüber lies noch ein klaffender Querspalt zwischen zwei Brettern hin.

Selbstverständlich sah Kurt Weiser zuerst hinein. Hans richtete unterdessen seinen Apparat. Es war wenig über zwölf Uhr. die Sonne schien hell, da konnte er wohl aus Momentaufnahmen ein» stellen.

Ich sehe welche," signalisierte Kurt Weiser halblaut.

Nah?"

Ziemlich."

Wie sehen sie denn aus?"

Ruppig." <

Das läßt sich denken. Was tun sie denn?"

Nichts. Sie bummeln so herum."

Damit ließ- er das Guckloch frei, und Dans trat neug<eng heran.

, Was er sah, enttäuschte ihn zunächst. Die Leute, die da

herumstanden, sahen weder heroisch, noch eisig verachtungsvoll, noch besonders grimmig aus. Es waren einfach Menschen, die ihre äußere Erscheinung lange nicht hatten pflegen können und daher einen wenig günstigen Eindruck machte»,

Ter Zuschauer konnte sich nicht gleich klar darüber werde», wie tveit diese Vernachlässigung, lote weit die Fremdartig feit der Gesichtszüge und vor allem des Mienenspiels, wie wett schließ­lich die moralische Verfassung schuld daran war, daß diese Män­ner sich, je länger mau sie ansah. desto mehr von deutschen Sol­daten unterschieden.

Inzwischen hatten sich einige zu einem Spiel zusanimenge- kunden, einem primittven Spiel der französischen Gassenjungen, aus das man hier, aller anderen Unterhaltung beraubt, wieder ver­fallen tvar. Es handelte sich darum, ein geöffnetes Taschenmesser ans verschiedene Weise so zu Boden zu werfen, daß cs stets mtt der Spltzc in die Erde traf. Beim letzten Gang mußte es ohne Hilse der Finger vom Rücken der Hand geschleudert tverden, Andere traten herzu und kritisierten di« Würfe.

Das tvar eine fertige Gruppe, Haus schob d«u Wwortö vor die Oeffuung und drückte ab.

Fertig!

Als die Kassette mit der Platte ans den Boden der Kamera klappte, um einer neuen Platz zu machen, sah einer der Gefangenen aus. Er hatte das Geräusch vernommen. Do er aber die Stelle, von der es gekommen war, nicht fand, schenkte er ihm kettle Be­achtung weiter.

Kannst du »richt mich eine Zeitausnahme machen?" drängte Kurt Weiser,