Ausgabe 
12.12.1914
 
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An den Llkern der Drina.

bma» aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

8. Kapitel.

Bis dahin hatten sie oft von ihren Erinnerungen ge­sprochen. Franz hatte Desider von seinem Abenteuer mit ver riiksischen Circe erzählt, und dieser dem Freunde wieder seine Liebe und Sehnsucht geklagt. Wie oft, wenn sie, heim­gekehrt von ihren schweren Patrouillen, in ihrem kleinen Zimmer sahen und der Schneesturm um die Hütte heulte, holten sie ihre Erinnerungen hervor. Immer wieder sprachen sie dasselbe, und immer war es der sanguinische Franz, der für sic bcioe die rechten Worte fand.

Schau," sagte er,mir ist das damals verzweifelt Nach' gegangen. Fch glaub', ich Hab' das Weib wirklich gern gehabt, und wie ich dann gemerkt Hab', daß sie mich nur zum Narren halten will pfui der Teufel, das war ei» böser Augenblick. Also, ich hält' allen Grund, mich zu kranken und den Tod aller unglücklich Liebenden, an ge­brochenem Herzen, zu sterben. Aber du, Desi! Du weißt doch, daß dich dein Mädchen liebt, daß sie sich genau so nach dir sehnt, wie du nach ihr Donnerwetter, ich werd' ja ordentlich poetischi, daß bloß die Drina zwischen euch fließt, na, das ist ja gewiß ein Malheur, aber mit denk (Rück brauchst du deshalb noch nicht bös zu werden. Der- tvcileu ist der Krieg noch nicht erklärt, lag also den alten lieben Gott nur machen, was er für aut befindet und pfusch ihm nicht ins Handwerk. Er wird sich eurer noch erinnern."

In dieser halb leichtfertigen, bald ernsten Tonart ging seine Rede weiter, bis Desider lächelte und nach seiner ge­liebten Geige griff. Daun riß Franz schnell noch einen schlechten Witz und setzte sich behaglich am Ofen zurecht, um zuzuhören,wie Desi dem lieben Gott seine unglückliche Liebe vorweinte".

Nun aber, da er wußte, daß auch jenes dämonisch schöne Weib am anderen Ufer war, und daß er es eines Tages Wiedersehen werde, ging eine seltsame Veränderung in seinem Wesen vor. Er würde still, in sich gekehrt und zeigte sich oft mürrisch und finster. Wenn er auf einsamem Pa­trouillenritt allein inet sich war, da tauchte vor seinen Augen das lauschige Boudoir in Belgrad auf. Er sah sich vor ihr liegen, hörte den Zauber ihrer Stimme, fühlte den Duft ihres Leibes. Alle seine Sinne standen auf und rissen und zerrten an seiner Energie, bis er sie in einem wilden Ritt über Stock und Stein wiederfand.

Wie oft ertappte er sich dabei, daß er hinllberstarrte an das andere Ufer, wo hinter den verschneiten Bäumen der Rauch von Slubovizja aufstieg. Da er sie fern gewußt, hatte er mit leichtem Herzen cm sie denken können; nun, da nur eine schmale Eisfläche sie von ihm trennte, kam ihr

Zauber herllbergeweht und nahm ihn wieder gefangen wie damals in Belgrad.

Ob sie wohl an ihn dachte? fragte er sich einmal. Sie wußte ja, daß er in Racovac war. Ob sie auf ihrem Plan beharrte, mit seiner Hilfe nach Sarajevo zu kommen?

Bei diesem Gedanken aber riß er sich auf. Die Erinne­rung an jenen schmachvollen Augenblick in Belgrad wurde in ihm lebendig und gab ihm seine Kraft zurück. Da wurde er wieder der alte Franz, heiter, übermütig und sich selbst verspottend.

Hol der Teufel alle Weiber!" rief er, und als Desidev gegen diesen fromme» Wunsch protestierte, setzte er hinzui

Mit einer Ausnahme natürlich!"

Ihre Wachsamkeit verdoppelten sie. Sahen es als Ansporn an, daß gkrade ihnen gegenüber der gefährliche Feind war. Immer war einer von ihnen draußen Tag und Nacht waren ihre Patrouillen unterwegs.

Sie soll nur kommen, die Hexe!" lachte Franz und ballte die Faust.

Drüben in Slubovizja, am serbischen Ufer, da spähten oft zwei Paar Frauenaugen hinüber. Dort saßen Helene und Olga stundenlang am Fenster und suchten mit dem Fernglas die andere Seite ab. Und wenn sie dann die Gestalten sahen, nach denen sie ausschauten, dann lächelten sie und seufzten. Und ihre Sehnsucht flog hinüber über die Drina . . .

Olga war eine andere geworden. Die Liebe hatte aus der stolzen, hochmütige» Königin des Salons ein demütiges, in Glut sich verzehrendes Weib gemacht. Sie liebte Franz, weil er unter all den Männern, die ihren Weg gekreuzt, der einzige war, der grad und aufrecht vor ihr geblieben war. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie auf einen gestoßen, dem sie nicht überlegen war, au dessen Kraft ihre Schein­kunst wie Glas zersplittert war. Die starken Frauen ver­achten immer die Männer, bis sie auf einen stoßen, dev stärker ist als sie. Dann reckt die Sehnsucht, die sie bis dahin gefesselt halten mußte», die Flügel und strebt dem Erlöser ihrer Frauensecle entgegen.

So erging es auch Olga. Bis dahin hatte sie ihre Schön­heit nur dazu gebraucht, um durch sie sich Männer dienstbar zu machen. Sie hatte sie in den Dienst oer Politik gestellt, und wie zünftige Diplomaten ihre Schlauheit, so hatte sie ihre Schönheit svielen lassen. Ost um) hohen Gewinn. Sie war als Rußlands Geheimagentm in London gewesen und hatte die kühlen, nüchternen Briten für die russische Freund­schaft begeistert. In Paris hatte sie sich von den sronzösischen Finanzbaronen so lange den Hof machen lassen, bis sie ihre Milliarden Rußland zu Füßen legten. In Persien hatte sie de» üppigen Schah solange umschmeichelt, bis er die Ver­fassung, die er eben seinem Volk gegeben, wieder in Fetzen riß und sein Heil den russischen Kosaken anvertraute.

Ueberall und immer hatte sie gesehen, daß ihre Schön­heit männliche Kraft und Klugheit aus dem Felde schlug. Ihrem berückenden Lächeln hatte keiner lviderstanden. Und J