Ausgabe 
10.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

676

eigentlich in diesen sonst so aufgeregten und unruhigen Zeilen erwarten sollte. Vielmehr macht die ganze Gegend von Cannes bis zur italienischen Grenze nach den Schilderungen eines Be­richterstatters derTimes" den Eindruck einer prächtigen Szenerie, die ungeduldig und schmerzlich der Schauspieler harrt, um das! Stück zu beginnen, Ueberall schwüle Spannung und dumpfe Er­wartung, Die kleinen leblosen Häsen scheinen aus die Luxusjachten zu ivartcn, die sonst hier ankern: die lieblichen Villen schauen hinter ihren dichtgeschlossenen Fensterläden begierig nach Gästen aus, die in ihnen wohnen wollen. Die goldenen Früchte und die purpurne Klematis verleihen der Landschaft einen Schimmer von Licht und Farbe, der seltsam abslicht von dem Schweigen der verlassenen Terrasse» und Gärten. Ist denn die ganze Welt in den Krieg gegangen, tvill niemand mehr etwas wissen von diesemParadies Europas", zu dem sonst alle Erhol»,igs und Ruhebedürstigen strömten'? Das ist die eine grobe Frage, die die Riviera an den einsanren Wanderer richtet von den düster »rüden Blumenfeldern von Grosse bis zur Bar voti Garavan. Was diese Frage für den Süden Frankreichs bedeutet, das läßt sich aus der einfachen Tatsache ermessen, daß die Zahl der Fremden, die sich im vergangenen Jahre als durchreisende Gäste iui Fürstentum von Monaco eintrugen, fast l 800 000 betrug, Tie Städte an der Riviera warten jetzt so ängstlich!, weil cig völliger Ausfall der Frenrdensaison ihre» Ruin bedeutet: darum sehen alle nnt solcher Spannung nach Fremden aus, die Friseure und Luxushändler in ihren Läden, die Kellner in den Hotels und den Cafss. Auf das Drängen der Bewohner haben sich die Deputierten der betreffenden Departements an dre Regieruikg in Bordeaux gewendet und bei den Ministerien des Innern und der Finanzen eine Petition eingereicht, die eine Erleichterung für den Reiseverkehr nach der Riviera erbittet und Maßnahmen fordert, durch die der Ruin der ganzen Industrie aufgehalten wird. Ueber da? gegenwärtige Aussehen der Riviera kann man sich eint Vorstellung machen, wenn man lxört, daß der Bericht­erstatter auf einer zweitägigen Autotour auf der großen Auto­straße von Mentone nach Nizza und auf der Fahrt von Mentona nach dem berühmten Golfplatz von Sospcl nur einem einzigen Auto begegnete, und das war ein Militärauto. Jin Nizza smd alle großen Hotels, mit Einschluß der Winter- und Riviera- Paläste von Cimiez, von der Militärbehörde für die Zwecke des Roten Kreuzes bet Beginn des Krieges belegt worden, und die ganze Stadt rlistete sich, ein Lazarettnrittclpunkt zu werden, Tie Zahl der zuerst geforderten Betten betrug 10 000, und so mußten die Hotelbesitzer annehmen, daß es mit ihrem gewöhnlichen Ge­schäft völlig auS sei. Außer den von der Militärbehörde mit Be­schlag belegten Hotels wurden noch drei andere von den Stadt­behörden dazu verwendet, um die mittellosen Flüchtlinge von Verdun uich anderen von den Deutschen besetzten Gegenden auf­zunehmen. Nun aber stehen die meisten der von der Regierung belegten Betten frei; nur 4000 sind bisher benutzt worden, und die Zahl verringert sich ständig, da viel niehr Soldaten die La­zarette verlassen, als Verwundete hergebracht tverden. Den Neid der Bewohner der französischen Riviera erregt die italienische Riviera, tvo viel mehr Tätigkeit und Verkehr herrscht. So ist z. B, hei Rouchers Ranges, kauni 100 Meter von der Grenze, ein neues Kasino eröffnet worden, das eine schwere Konkurrenz für Monte Carlo bedeutet, und in Ta>n Remo und Bordigher« sind viele Fremde, hauptsächlich aus Frankreich geflüchtete Deutsche und Oesterreicher, Tie Deutschen, die bisher einen so wichtigen Bestandteil der Fremdensaison bildeten, bleiben in diesem Jahre natürlich in Italien, und deshalb möchte mau an der französischen Riviera urit aller Gewalt eine englisch-amerikanische Saison groß- ziehen. Daher der jdringliche Wunsch an die Regierung, sie inöchte englischen und amerikanischen Villenbesitzern und ständigen Be suchern die Reise auf jede Weise erleichtern und selbst die Reklame für die Riviera übernehmen. Wie während des Burenkrieges sollen ErboluugSheime für verwmrdcic englische Offiziere er­richtet werden, und 'man will aus der Entente eordiale den größt­möglichen Vorteil ziehen,

'Der Sitz-Codex, Wir lese» in> neuesten Heile von HanS von Webers unterhaltendemZiviebelsisch": Ein überaus wertvoller Codex, der sich inr Besitze einer deutschen Hoibibliolliek beiunden halte, konnte auf der Bngra leider nicht ansgeslellt iverde», weil er in ieiner Heimatsbücherei verschwunden war. Alles hatte man durchsucht, alle Listen nachgesehen, ob er nicht doch verbotenerweise anSgeliebe» worden rvar er war weg I Ta verreiste eines Tages der Oberbibliolhekar aus längere» Ur­laub und seinen Sitz nahm der zweite Beanite ein. Dein war der Sitz zu hoch, und als er ben seltsamen Stuhl seines Vorgesetzten höher untersuchte, fand er zu feinem Staunen und mit stolzer E,itdeckeriiende den vermißten Codex I Ter Oberbibliolhekar, vo Gestalt fast ein Zwerg, halte gefunden, daß zu seiner Bequem­lichkeit beim Arbeiten ans biesem Sessel gerade anSgercchnet der Ranin gekehlt halte, der der Breite des berühmten Cobex ent­sprach. Ta hätte man freilich lange suchen können: unter dem Herrn Ehes hätte ihn doch niemand gesucht I

Einsames Stricken.

Ich strick« und stricke und denke zurück An meinen Buben und sein Geschick,

Einst ging es besser und Bubi klein Lullte dabei in den Schias ich ein.

Der Bub' ward größer beut' ist er nicht mehr,

In Fraiikreich starb er für Deutschlands Ehr'.

Es ist mir »och io, als säh' ich den Kleinen,

Ein Stückchen als Gäulchen zwischen den Beinen,

Am papiernen Hut die flallerndc Quast,

Wie er erhitzt durch die Gassen gerast.

Gar blutiger Ernst wards Kinderspiel lind hoch zu Roß im Sturme er fiel.

Ter Gaben Hab' ich ihm viele gefiricki,

Zuvor ihin der Tod die Kugel geschickt.

»Fürs Feld" jetzt strick' ich tagaus, tagein.

Und manche Träne strick' ich hinein.

Di« Träne gilt meinem herzigen Bub,

Tem ein fernes Grab man in Frankreich grub, lind jede Träne, die niederran»,

Sei den Brüdern im Felde ein Taltsinaii.

Es betet für sie tagaus, tagein Beim Stricken ein einsames Mütterlein.

Nur manchmal bäuint es sich in mir am,

Meinein Hasse geb' ich dann freien Laus.

Dich, England, baß ich allein in der Well,

Tn hast mir allein das Leben vergällt.

Ter Feind, der den Tod meinem Jungen gesandt, Verteidigte nur sein verblendeies Land.

Du aber häufest Lüge ans Lüg',

Und hetztestdie andern" in blutigen Krieg,

Tie Kugel, die meinen Bube» fand.

Gegossen ward sie von deiner Hand.

Nicht sterbei, ivill ich, bevor ich erlebt.

Daß England vor seinen Feinden erbebt Und daß es vernichtet zu Boden liegt,

Boii Misere» Blaue» und Graneii besiegt,

Ta»» iolge ich gern meinem blonden Bub',

Tem ein fernes Grab man in Frankreich grub. Stbgr.

vüchertisch.

Moj, Roman von HanS von Hoffensthal. Verlag Ullstein & Co,, Berlin-Wien. In diesem Roman aus Tirol, der deiilsch ist in seder Gestalt lind jeder Empfindung, hat Hans von Hoffensthal ein Werk voii feinem poetischen Zander geschaffen. Die braune Mos ift Maria Aobis ans Maria Hi»inieliahrt bei Bozen, die fromme Sängerin in der ToriprozesNon, deren dnnkle, volle Stiinine jubelnd über die Menge hinivegtönt. Bon enier vertrauende» und getänickilen Seele erzählt Hoffensthal, von einem großen Schmerz »i,d bitterster HerzenSnot: doch über allem liegt eine süße Weichheit, die das Tragische des Vorwnrls mildert, eine schwärmerische Seligkeit, die mit ihren Sanften Melodien geiangen- mminl. Ten Hintergrund gibt die Schönheit der Bergnatur, die feierliche Siille der Tolomiteiilandichall, ihrer ivürzigeii Wälder und blühcnüei, Halde», Eii, eroiisches Zivischeiilpiel ans ägyptische» Rächtei, nnterbricht das Tiroler Idyll, mit den bmiteste» Farben des Morgenlandes lockeiid.

Das große Welt-Panorama der Reileii, Abenteuer, Eiitdeckiingcn, Kiilturtaten ic. (W. Svemaiin, Stiittgart) bringt als diesjährige» Haupticllager eine höchst lebendige Erzählung ans deni Großen KriegBo» der Maas bis an die Marne", mit zahl­reichen lebenswahren Photographien nnb packenden Original- zeichnnngen von Künstlerhand. Ter anch in seine» übrigen Bei­trägen reiche und stattliche Band ivird bei »nscrer Jugend zivciselloS wieder freudigen Beiiall finden.

Arithiiwgriph.

1 8 2 1 6 ein Fisch.

2 C 9 1 10 7 12 ein Philosoph.

3 11 11 3 weiblicher Vorname.

4 2 3 11 ein Metall.

5 8 7 10 9 10 biblischer Name,

6 7 9 ein Gebirge.

7 6 10 11 8 italienischer Bildhauer.

Die AnsangS- und Endbuchstaben der gefundenen Wörter b« zeichnen ein erfrischendes Getränk,

Auslösung in nächster Nunimer,

Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummer! Nach getaner Arbeit ist gut ruhen.

cvchrlstleitimg: Ang, Goetz,-- RotaliouSdruck und Verlag der Brühl'schen Ik»iversitäls-Änch- und Sleindrnckerei, R, Lange, Hießen.