674
„Wir müssen einmal den ganzen Bezirk abstreifen lassen!" sagte Desider. „Was meinst du, Franz?"
„Ja, bin auch dasür", antwortete dieser. „Wir teilen den ganzen Rayon auf, jede Patrouille erhält ihr Stück zuge-, wiesen. Ich übernehme die Straßeir."
„Gut, wir werden das alles noch abmachcn, bevor Toma und Herlinger ansmarschieren."
Eine Stunde später versammelten sich sämtliche Chargen und Patrouillenkommaudanten bei den Offizieren. Auch Efghi Hassan, der alte Gcndarmericwachtmeister, der den aus sünf Leuten bestehenden Gendarmerieposten im Orte unter sich hatte, nahm au der Beratung teil. Er war ein Musel--« mann und hatte noch vor 1878 als Zaptie den Türken ge- dient, war klug und verläßlich und kannte vor allem das Land wie das Innere seines ehrwürdigen, verwitterten Fes.
Es wurde beschlossen, daß die Dragoner die Straßen »ach Vitkovici,Fetkovic und nach Srebrenica abreiteu sollten. Besonders die letztere war genau zu beobachten, denn sie siihrtc ins Innere des Landes, und es war anzunehmen, daß, wenn serbische Komidatschi sich über die Drina ins Gebirge geschlichen hatten, sie noch vor Srebrenica die bequemere Straße zu gewinnen suchen würden. Franz selbst wollte mit der Patrouille reiten, die hier ihren Weg nehmen würde.
Desider übernahm de» Bezirk im Norden der Straße »ach Srebrenica, Efghi Hassan den im Süden. Auf jeder Seite wurden drei bis vier Patrouillen bestimmt, denen auf der Generalstabskarte ganz genau Route und Ziel festgelegt wurden. Gegen sieben Uhr moraens sollten alle wieder einrücken.
Die Leute wären in gehobener Stimmung. Die zu erwartenden Strapazen schreckten sie nicht, im Gegenteil: das kurze Intermezzo vom Nachmittag hatte in allen die Hoffnung rege gemacht, daß sie endlich etwas Ernsteres zu tun bekommen würden. Zugführer Toma und Korporal Herlinger zogen sogar schiefe Gesichter, daß sie am Nachmittag schon fort mußten und dafür in der Nacht zu Hause blieben.
Punkt acht Uhr abends standen die Patrouillen zum Abmarsch bereit. Auf allen Gesichtern lag freudige Spannung, leise flüsternd unterhielten sich die Leute über die Aussichten eines eventuellen Kampfes. Jeder hatte die Feldslasche voll heißen schwarzen Kassee, reichlich gespritzt mit starkem Schnaps, und im Brotbeutel, wohl verpackt, Pfeife und Tabak und damit alles, was ein rechter Strafunc zu schwerem Marsch braucht. Die Dragoner standen neben ihren Pferden, die leise schnaubten und ungeduldig mit den Füße» scharrten.
In weitem Bogen hatten sich die Dorfbewohner gesammelt und blickten mit großen Augen aus das ungewohnte militärische Schauspiel. Heller Mondschein flutete über das Dorf und zeichnete lange, schwarze Schatten in den Schnee der Straße, auf die trotzig und duster der Berg- wald herabstarrte.
Nun traten die Offiziere und Efghi Hassan heraus. Durch die Reihen der Leute lief ein fast hörbarer Ruck. Die Patrouillenkommandante» traten vor und meldeten sich. Die Berittenen schwangen sich in den Sattel. Ein lehtes Wort an die Zurückbleibcnden, dann setzten sich, fast wie aus ein! Kommando, alle Abteilungen in Bewegung.
Der Gendarmeriewachtmeister zog mit seinen Leuten
e südwärts, während Franz und Desider eine W,eile noch: nmen blieben. Erst am Kreuzweg trennten sie sich, ssränz ritt geradeaus weiter, auf Srebrenica zu, Desider bog ins Gebirge ab.
Bora» die zwei Manu der Spitze mit aufgcpflanztcm Bajonett, die andern so weit als möglich auseinander gezogen, so tauchte die Patrouille in den finsteren, schweigenden Wald unter. Schwer und mühselig war der Aufstieg, oft nur auf ausgetretenen Waldpsaden niöglich. Trotz der hellen Mondnacht war es stockfinster unter den dicht stehenden, alten Bäumen. So kamen sie nur langsam vorwärts. Schritt um Schritt, und sich von Zeit zu Zeit anrufend, damit kein Glied der Kette etwa abirrte. Sonst wurde kein Wort gesprochen, und nichts war hörbar, als das Keuchen der Leute, die sich unverdrossen in die Hohe arbeiteten.
So gingen drei Stunden hin. Sie waren schon nahe dem Saunipfad, der über die Berge von Racovac auf die Straße nach Sobotnik führte. Bo» hier an? sollte dann der wilde Stock des Buljin abgestreist werden.
„Kinder," sagte Desider aufmunternd zu seinen Leuten, „nur noch ein kurzes Stückel. Darin ruhen wir uns eine Stunde lang ans."
Im selben Moment blitzte ein Feuerstrahl vorn bei der Spitze aus, und wie ein Donnerschlag rollte der Schuß durch den schlafenden Hochwald. lind noch ein Schuß, dann ein dritter.
Wie elektrisiert stürniten die Leute vorwärts, Desider allen voran. Die beiden Soldaten der Spitze knieten jeden hinter einem Baume.
„Dort, Herr Oberleutnant, dort," flüsterte der eine mit vor Aufregung zitternder Stimme und wies in das Dunkel hinein.
Mit dem Nachtglas spähte Desider hin. War es Täuschung seiner erregten Sinne, oder war cs Wirklichkeit? Dort bewegten sich menschliche Gestalten.
Endlich, endlich!
Das Fieber des ersten Kampfes fuhr in die Burschen. Dazu das Düster-Unheimliche des nächtlichen Waldes, die Ungewißheit, wen ste vor sich hatten — ihre starken Fäuste schlossen sich krampshast um den Kolben des Gewehres. Sie waren kam» zu halten.
Desider behielt seinen klaren Kopf. Es konnte eine der von ihm selbst ausgesandten Patrouillen sein, die den rechten Weg verfehlt hatte, und nun den ihren kreuzte.
„Nicht schießen," befahl er, „es kann auch eine Patrouille von uns sein Zugführer Nagy, suchen Sie sich mit vier, fünf Leuten von hinten an die Kerle dort anznschleichen. Dort, — ja — ja! aber nicht schießen, bis Sie sicher si»d> wer es ist." s z
Eine halbe Stunde verging, bis der Zugführer seinen Auftrag ausgeführt hatte. Derweilen lagen die Zurückgebliebenen mit znsammeugebissenen Zähnen regungslos hinter den Bäumen und ließen die brennenden Augen nicht von den dunklen Schatten, die sich dort vorne gerührt hatten. Nicht laut zu atmen wagten sie.
Und dann krachte es plötzlich vorne, wild und schnell! hintereinander; Nagh war an den Gegner geraten. Nim gab's kein Halten mehr. Aus sprangen sie und» rannten vorwärts. Da siel einer über eine Wurzel, dort lies einer direkt in einen Baum! — ein derber Fluch half über das Malhenö hinweg. Nur vorwärts, vorwärts!
Das Schießen zog sich immer mehr den Berg hinunter.
„Die Hundling lauf'» davon," rief einer von den Steirern, „Sakra fix no' amal, wiederum ham ma's Stachsehn."
Da erreichten sie endlich, keuchend, atemlos, den Ing- fiihrer.
„Dort unten, Herr Oberleutnant," sagte er, „dort rennen sie! Drei Kerls sind's."
Nun ging die wilde Jagd los, schnurgerade hinnntev ins Tal. Desider durchschaute die Absicht der Serbe». Sie wollten die Straße von Srebrenica gewinnen. Wenn er sie dort hinuntcrjaate, mußten sie ja Franz und feinen Dragonern in die Hände laufen. Sie konnten ihm also nicht entgehen.
Bon Zeit zu Zeit blieb einer von ihnen stehen, riß das Gewehr an die Schulter und schoß. Und wenn dann die Kugel harmlos über ihre Köpfe fuhr oder in einen Baum schlug, erhoben die Strafuni ein großes Hohngeschrei und riesen cin-> ander mehr oder minder schlechte Witze zu. Diese halsbrecherische Jagd auf Tod und Leben war ihnen augenscheinlich eine prächtige Unterhaltung.
Da lichtete sich der Wald. Die Straße wurde sichtbar.. Noch einige wenige Sprünge, und die Flüchtlinge hatten die Straße erreicht. Wenn die Dragoner an dieser Slelle schon vorüber waren, dann entwischten sie. Desider stieß «inen Fluch aus und schrie seine Leute an.
„Derf ma' schiaß'n jetz'n, Herr Oberleutnant?" fragte der Eder Toni, der daheim in Steiermark das lobsame Gewerbe eines Forstgehilfen ausübte.
„Ja, aber treffen Sie", rief Desider im Weiterlaufen. „Wir müssen wenigstens einen haben."
Da kniete der Toni Eder nieder »nd zielte langsam und bedächtig. Aber der Gedanke zuckle ihm ans einmal durch den Kopf, daß es zum erstenmal mar, daß er ans einen Menschen schoß... Unwillkürlich ließ er das Gewehr sinken.
„'s is halt der Krieg", flüsterte er vor sich hin.
Er setzte noch einmäl an. Nahm ganz genau das Körn ins Grinset und drückte ab. Mit starrem Auge schaute er
dann nach vorn. Die drei da nuten liefen noch weiter____
aber da... da, der Eder Toni schlug ein Kreuz... da warf der eine, der, auf den er gezielt hatte, die Arme in die Luft! und rollte kopfüber den Abhang hinunter. Rollte an den Kameraden vorbei und schlug hart aus qji dem Meilenstein


