Ausgabe 
9.12.1914
 
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g*8ei|y du loa-, w-ir könnten ihnen »tn Stillkerl entgegen- , /Angenommen!"

Sie zogen ihre Pelze an und gingen hinaus. Sie schrit­ten die Drum hinunter und bogen auf die nach Vitrovici

K rende Straße ein, auf d«r sie der Patrouille begegnen ßten.

Ich weiß nicht," meinte Franz, indem er den Blick irach dem am feindlichen Ufer liegenden Llnbovizja schweifen ließ,diese Arche gefällt mir nicht. Da drüben sitzen doch! Mindestens hundert Mann, daß man doch von denen keine Nasenspitze zu sehen kriegt!"

Denen ist die Kälte genau so unangenehm wie uns," lachte Desider.

Nur mit den» Unterschied, daß sie im warmen Nest hocken können, so lange es ihnen beliebt. Wir aber müssen hinaus, ob schön oder nicht; müssen da die verdammten Berge abklettern, während die Schufte behaglich hinterm heißen Ofen sitzen und uns auslachen."

Du hast dich so gefreut mif den Dienst hier."

Ach was, freuen! Das ewige Einerlei wächst einem allmählich zum Halse raus, kann ich dir sagen. Weißt du, dieses unaufhörlich« aus der Lauer liegen macht die Ner­ven rebellisch. Uno dabei hat man immer die verdammte

H , am End' passiert einem doch was. Man ist doch nur tensch »nd kann doch nicht überall zugleich sein. Ge­rade diese Stille da drüben macht mich, ganz nervös. Ich dritte am liebsten Lust, mal hinüberzureiten und so ein bißchen zu rekognoszieren."

Tu weißt doch, daß uns das strengstens verboten ist." Ah was, Verbote» hin, verboten her. Wir liegen hier am Feind, wir wissen besser als die droben tn Wien, was wir tun müssen. Weiß der Tensel je mehr ich mir die Geschichte überlege, desto mehr bekomm' ich Lust dazu."

Wir könnten ja einen verläßlichen Bauern hinüber- fchicken."

.Wer geh, die Kerl« sind selber eingefleischte Serben m>d stecken mit denen driiben unter einer Decke. Tu, ich Möchte einmal sehen, ob das Eis ein Pferd samt Reiter trägt. "

Sie kletterten das stell« Ufer hinunter. Unten räumten pe mit Stecken den Schnee beiseite, bis das Eis freilag. <5 war dunkelgrün und ganz klar; augenscheinlich ging es bis auf den Grund hinunter.

Ta kommt eine Haubitzcnbatterie hinüber," sagte Lfranz.

Während sie oas Eis untersuchten, hatten sie das gegen­überliegende Ufer ganz außer acht gelassen. Sie sahen daher nicht, wie zwei, drei dunkle Gestalten hinter den Büschen sichtbar wurden und sich vorsichtig an den Rand der Bö­schung vorschoben. Dunkle, haßerfüllte Augen verfolgten ihre Bewegungen. Gewehrläufe blinkten in der Sonne.

Und bann plötzlich zwei kurze, peitschcnscharfe Knalle, die fast in eine» verschmolzen... Desiders Kappe flog in weitem Boden in den Schnee, und an Franzens Säbel schlug etivas Hartes auf.

Instinktiv sprangen beide zugleich hinter einen dichten Kusch, der ganz in Schnee gehüllt am Ufer stand.

Uff," sagte Franz,das war knapp. Da schau her, den ganzen Korb haben sie mir hingcmacht."

Und meine Kappe ist auch futsch", meinte Desider und warf einen wehmütigen Blick nach seinerBehauptung", die etwa 15 Schritt von ihm entfernt friedlich im Schnee lag.

Du siehst also, sie liegen doch nicht auf der faulen Haut," setzte er hinzu,wie wir angenommen haben. Sie passen sogar ziemlich scharf aus."

Dafür schießen sie hundsmiserabel."

Sie haben gegen die Sonne geschossen. Das Licht muß sie geblendet haben. Eigentlich, Franz, waren wir riesig un­vorsichtig."

Stimmt. Aber cs hat doch wenigstens das Gute, daß wir wissen, was wir von ihnen zu erivarten haben. Schweine­bande, die schießen, ob der Krieg erklärt ist oder nicht."

Das Schlimmste aber ist, daß wir in so einer Art Mausefalle sitzen. Die liegen doch sicher drüben und warten auf den Moment, bis uns die Beine eingeschlasen sind und wir aufstehen."

Warte, das werden wir gleich haben", sagte Franz, l Fortsetzung folgt.)

Naukastscher.')

Sechs Woche» nach Ausbruch des Krieges schlich sich zu mir in das Arrestlokal in einer kaukasischen Stadt, deren Namen mit Wsicht nicht genannt wird, wo ich mit an­deren guten Deutschen gefangen gehalten wurde, um dann nach Sibirien deportiert zu werden) ein grusinischer Fürst, den ich zufällig von früher her kannte. Es tvar schon dunkel, so daß wir ungesehen und ungestört auf dem Hof«, der zu dem Arrestlokal gehörte, und den die deutschen Gefangenen mitbenutzen durften, uns unterhalten konnten. Der Mann hatte eine Bitte an mich. Ich sei ein gelehrter und gebildeter Herr, so meinte er, und deshalb könne ich chm vielleicht Be­scheid geben, wie er und seine Freunde eS anzufangen hätten, um zum deutschen Heer tn Polen zu stoßen. Ich wußte, daß die Grusiner, bie wir in Europa meist Georgier nennen, keine Russenfreunde sind. Ich wußte auch, daß die russische Regierung nach dem japanischen Krieg bei den Revolten im Kaukasus am »leisten mit den Grusinern zu tun hatte, ihren erbittertsten und tapfersten Feinden im Kaukasus. Die Grusiner besaßen auch von jeher einen gewissen Respekt vor den Deutschen, worüber ich vielerlei persönliche Er­fahrungen machen konnte während meiner unterschisdlichen Reisen im Kaukasus. Wer von dem Wunsch jenes Fürsten war ich doch einigermaßen überrascht. Daß er es mit seiner Absicht nur ernst meinen konnte, war mir sofort klar. Ich hätte ja nur ein Wort über seinen Wunsch zu äußern! brauchen, und der Mann baumelte am nächsten Äalaeil, wir befanden uns ja in einem russischen Gefängnislokalh wo so leicht niemand zu mehr oder wenigen guten Scherzen aufgelegt ist. Da ich nicht sofort eine Antwort auf seine! Frage hatte, wurde der Fürst dringlicher und erklärte mir, er und einige seiner Freunde seien bereit, mit 40 000 Gru­sinern den Deutschen zu Hilfe zu kommen, wenn sie nur wüßten, welches der beste Weg sei, zu ihnen zu stoßen. Und da sollte ich eben als ein gelehrter Mann mit meinen geo­graphischen Kenntnissen zu Hilfe kommen. Leider mußte ich dem Fürsten klar machen, daß ich trotz meiner geoarriphischeil Kenntnisse keine Möglichkeit sähe, wie sie ihren Wunsch er­füllen könnten. Schließlich zog der Fürst betrübt ab, ver­sicherte aber nochmals, daß er und die Seinen jederzeit den Deutschen gegen die Russen zur Verfügung ständen. Ich weiß, das ist ernst gemeint: wie dieser eine denken sehr viele Grusiner, namentlich die Emeritiner. Und deshalb sollte man, wo sich unter den russischen Gefangenen Grusiner finden, diese mit möglichster Schonung und Humanitär be­handeln. Wo sich besonders große, schöne, schwarzbärtige, schwarzhaarige Männer unter den russischen Gefangenen befinden, sollte man sie fragen, ob sie Grusiner sind, und demnach behandeln. Im Kaukasus gärt es ge­waltig. Neben den christlichen Grusinern stehen alle Mohammedaner zu den Deutschen. Das war schon so längst vor der türkischen Kriegserklärung. Sowohl bei den Persern wie bei den Türken im Kaukasus. Nach­dem wir Deutfche drei Wochen eingesperrt waren, ohne dt« Möglichkeit zu haben, uns Mch mir einmal gründlich , waschen, revoltierten wir und verlangten, da sogar die rns

S jen Zuchthäusler das Recht besitzen, von Zeit zu Zeit ei, ad zu erhalte», auch unsererseits wenigstens einmal in vier Wochen baden zu dürfe». Endlich wurden wir zwei und zwei unter polizeilicher Bedeckung in die öffentlichen Bäder geschickt, deren gesamtes Personal ans Persern besteht. Bon Liefen Persern wurden nur ausgenommen wie Brüder und behandelt wie die besten Kameraden. Sie trösteten uns in rührender Weise und erklärten, sie zögen alle ge^en Ruß­land, fo wie die Stunde gekommen! sei, und die stunde sei nahe. Das große Rußland könne unmöglich an Gott glau­ben, da es über ein so lleines Land wie Deutschland herfalle. Es gärt im Kaukasus. Dafür noch ein letztes Beispiel. Ein alter russischer General war dazu ansersehen, alle Ränber- völker des Kaukasus zu sammeln, um! sie gegen die Deut­schen zu führen. Er war ein großer Bramarbas und renom­mierte mir gegenüber, er habe schon 60 000 Mann bereit. Dazu wurde eigens ein Großfürst aus Awskau in den Kau­kasus bemüht, um die Heerschau über diele Armee abzuhal­ten. Wer fiehe da, aus den 60000 waren inzwischen 6000

*) Dieser interessant« Aufsatz entstaimnl der Feder «ine? dcut-

E cii Reisenden, der sich bei AuSbruch des Weltkriege? zu wisscn- asllichen Zwecken im Kaukasus aufl^ieH, mit anderen Deutschen 8 Gefängnis geworfen, dann nach Sibirien transportiert wurde und soeben über Schweden nach Deutschland zuriickgekehrt ist.