— fl <0 —
Und wieder schmolzen ihre Seebrn in einem langen Kusse ineinander über.
„Siehst im," sagte sie dann, „ich Hab' Mcff noch ein- inal sehen, noch einmal sprechen müssen. Seit jenem Abend damals, weißt dn, Hab' ich keine Ruhe mehr in mir gehabt. Ach Hab' dir ja damals so weh getan!"
„Sprich nicht davon," flüsterte er zärtlich.
„Ach dir Guter, du hast es mir verliehen; du Hast ja gewußt, daß. ich es nur tat, weil ich dich nicht verlieren wollte. Ach Gott, wenn du! wüßtest, was ich gelitten habe in der Zeit — Tesider, Geliebter . . . .!"
Sie barg den Kopf an seiner Schulter und weinte lange, lange. Auch ihm rollte Träne um Träne die Wangen hinab, aber er hielt sich doch zusammen, damit sie sich nicht beidse verloren.
„Ich komme heute, um Abschied zu nehmen," sprach sie, während das Schluchze» ihre Stimnre noch halb erstickte. „Ich gehe morgen fort von Belgrad."
„Fort von Belgrad? Wohin?"
„Versteh' mich nicht falsch, Geliebter. Aber ich halte es einfach nicht mehr aus. Mir rst alles zu eng, zu bedrückend geworden, seit ich dich nicht mehr küssen darf, das Haus, die Stadt. Ileberall laufen mir die Erinnerungen nach. Ich kann nicht, ich kann nicht. Ich bin doch ein junges Weib und
S ab' dich doch so wahnsinnig lieb. Wenn ich in Belgrad leibe, werde ich noch verrückt. Ich gehe mit meinem Bruder an die Drina."
„An die Drina?"
„Er ist einer Bande beigctreten, die dorthin bestimmt ist, und ich gehe mit als Samariterin, als Krankenpflegerin, als was weiß ich. Nein, nein," rief sie, als sie sah, dsaß er sprechen wollte, „sag' mir nichts, gar nichts. Mein Entschluß ist unabänderlich. Ich schwäre es dir, wenn dn mich nicht gehen läßt, so spring' ich in die Save."
Da zog er das aufgeregte, zitternde Mädchen an seine Brust.
„Ich sage nichts, mein Lieb," sprach er uitto liebkoste ihren dunklen Scheitel. „Ich sollte mich ja beinahe freuen darüber. Geh' ich doch selber von hier an oie Drina. Ich bin «um Kommandanten eines Streifkorps ernannt worden, in Racovac."
„In Racovac!" schrie sie auf. ,/), großer Gott!"
„Was hast du?" fragte er besorgt.
„Unsere Bande ist nach Llubovizja bestimmt, das Ra- covac gerade gegenüberliegt!"
Wie wenn der Blitz vor prallte er zurück.
„Auch das noch," stammelte er. „Wenn wir eines Tages werden schießen müssen, werde ich bei jeder Kugel zittern und beben, daß, sie dich nicht trifft!"
„Daran sollst du nicht denken," sprach das Mädchen mit
B aden Augen, und ihre schlanke Gestalt richtete sich ch auf. „Das wird Gott sicher nicht wollen. Er hat ini teil nicht gewollt, daß wir getrennt werden. Melleicht gönnt er uns eines Tages, daß wir zusammen sterbe». Vielleicht diirsen wir Seite an Seite ini Gdabe schlafen. Eine Stimme wird in mir laut, die mir dieses Glück weissagt."!
Ihre Augen waren weit geöffnet, und in überirdischem Glanze brach ihre reine Liebe daraus hervor.
„Nun bin ich nicht mehr traurig," fuhr sie fort. „Weiß ich doch, daß wir eines Tages flir immer vereinigt sein werden."
Lange hielten sie sich dann umschlungen.
Ehe sie ausbrach, gab er ihr den Brief, den er ihr geschrieben.
„Er soll mein Talisman sein," sagte sie Und steckte ihn in ihren Busen.
Vorsichtig huschte sie dann hinab. Gr folgte ihr nach ein paar Minuten, und solange sie in der Stadt waren, ging er unauffällig hinter ihr drein, da er sich als Offizier nicht gut neuen einem serbischen Bauernjungen zeigen konnte. Kam» aber waren sie in der dunklen Allee, die zum Bahnhof hinführt, war er schon an ihrer Sette, und eng aneinander geschmiegt gingen sie diesen letzten Weg zusammen. Als die Lichter ver Station durch die Bäume schimmerten, hiirg sie sich noch einmal an seine Brust.
„Leb' wohl," flüsterte er unter heißem KUß.
Sie aber' gab ihm den Küß zurück und sagte, „Aus Wiedersehen! Nicht lebe loohl! Aus Wiedersehen, Schatz, aus Wiedersehen >"
D ann schlüpfte sie in ptn Pah-uhos Er ging ltzugsau,
vor ihm eingeschlagen hätte, so
nach, und da sie nun nicht inehr miteinander sprechen konnten, küßten st« sich imit den Augen. Der Zug fuhr eich, Helene stieg ein und setzte sich ans Fenster. Wie von ungefähr schleuderte er daran vorbei, hob die Hand und winn«. Sie nickte langsain, ganz langsam . . . Ein Pfiff' Pustend riß die Lokomotive an, ächzend fetzten sich die schweren^ plumpen Wagen in Bewegung und glitten hinaus in dis schweigende Nacht.
Desider sah dem Zuge nach, der ihm sein Liebstes entführte, bis das rote Licht am letzten Wagen entschwunden war. Dann wandte er sich.
Müde, gebrochen von dem Schmerz des Abschiedes^ schritt er durch die finstere Allee dahin.
Und leise, wie ein verschollen Lied, trug der kühle Wind aus der Kaserne die Klänge der Retraite herüber, dieses so wehmütige „Gute Nacht" des österreichischen Soldaten.
7. K a p i t e l.
An der Drina.
Der Winter, der hier unten ein gestrenger Herr ist, hat bereits seine schivere Hano anfs Land gelegt, hat es begraben unter »rächtigen Schneemasken und Über den Fluß eine starre Eisdecke geworseu. Wohin das Auge schweift, alles weiß — weiß. Weiße Berge, weiße Häuser, weiße Bäume. Tausend und abertausend Diamanten funkeln da und blenden den! Blick, wenn die Sonne ihre Strahlen darauf schickt.
Aber sie ist kalt, die Sonne, sie ivärmt nicht. Es ifa als wäre sie selbst erstarkt in dieser eisigen Luft. Und gaatz wenn der Wind oie Ufer des Flusses eutlangläust, wenn er den hartgefrorenen nadelscharfen Schnee von den Bäumen schilttclt und Bart und Haar des Wanderers in Eiszapfen verwandelt. Oder wenn der Schneesturm, sein loildercr Bruder, durch das Tal rast und die schweren grauen Schneewolken gegeneinander peitscht, daß sie bersten und ihre schier unendlichen Massen auf die Erde hcrabsenden. Dann ist's ungemütlich an der Drina!
Tief vergraben unter den« Schnee liegen die Hütte» von Racovac. Wenn nicht blauer Rauch ans ihren Schornsteinen sich in die Luft kräuselte, würde man glauben, daß alles Leben in ihrein Innern in tiefem Winterfchlafe liege. Kein Hund bellt, kein Hahn kräht: Mensch tvic Tier haben sich an di» wärmsten Stellen verkrochen... Nur drei große, mächtige Raben zanken sich um einen alten Knochen auf der Torsstraße ... ihr heiseres Krächzen ist der einzige Laut in der ganzen weiten Runde.
Da plötzlich tauchen am Ufer inehrere Reitee aus. Schlvcrsäilig stapfen ihre Pferde im Schnee daher, mit dampfenden Nüstern und Weichen. Die Klappen über Obren und Kinn gezogen, den Karabiner in der Faust, sitzen oie Dragoner im- Sattel und wärmen sich die Nasenspitzen mit dem Rauch ihrer Pfeifen. Vom Patrouillenritt kehren sie heim.
Jetzt biegen sic in die Dorfstraße. Ein, zwei Pferde, die Nähe des Stalles ivitternd, wiehern, und an den kleinen, halb erblindeten Fenstern erscheinen die Gesichter von Soldaten. Bauern und Kindern.
Vor dem Hause des Serdars, dem größten des Ories, macht die Patrouille halt. Der Korporal steigt ab, reckt die erstarrten Glieder und geht hinein.
Drinnen in der Stube fitzen zivei Ossiziere, Franz von Lohnsperg und Desider Gronah. Sie sind gerade int Begriff, ihr kärgliches Mittagsbrol, Einbrennsuppe und Hammelfleisch, zu verzehren, als der Patrouillenkomniandant cin- tritt.
„Melde gchorsamst, Herr Oberleutnant," spricht er im vorgefchriebenen Tone, „Patrouille wieder eingerückt."
„Na, Weiher," sagt Franz, „wie geht's dem geehrten Feind?"
„Sitzt drüben in seinem Nest und traut sich nicht heraus. Einmal sahen wir ani andern User so einen Kerl mit einem Gewehr, tote wir aber näher gekommen sind, ist er davon." t
„Das ist alles?"
„Leider, Herr Oberleutnant."
„So. Na, Weher, dann gehen S' nach Haus mit Ihren Leuten und lassen sich das Essen gut schmecken. Wer hak Nachmittag Patrouille?"
„Zugführer Toma und Korporal Herlinger."
„Zugführer Toma un „'s ist gut. Servus!"
Der Unteroffizier haute die Stiesel zusammen, daß di« Sporen klirrten, und verschwand.
Delider sah ans die Uhr.
„Mein« Leute müßt»» auch schon da sein," sagt« ««.


