Mittwoch, (xn 9. Dezember
An drn Äkrrn der Lrina.
8oman aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
' 6. Kapitel.
Wenige Tage nach deni Schreckensabend in Belgrad trat Franz von Lohnsperg in Begleitung seines getreuen „Barry" tn das Zimmer seines Freundes Desider.
„Hallo, mein Junge," rief er, „tvas ist denn mit dir los? Dich bekommt inan ja gar nicht mehr zu Gesicht!"
,Lich treffe meine Vorbereitungen zur Abreise," ant- tvortetc Desider zögernd.
„Nanu, du willst doch nicht desertieren?"
„Im Gegenteil. Ich habe mich zu den bosnischen Slreif- korps gemeldet, und vor zwei Tagen habe ich die Bewilligung erhalten. Ich bin zum Kommandanten der Abteilung in Ra- covac ernannt."
Der Dragoner machte einen Luftsprung, um den ihm ein Partcrreakrobat hatte beneiden können.
„Hurra, Desi," rief er, „das ist gescheit. Ich geh' mit Meinem Zuge nächste Woche auch nach dem Nest ab."
In den Augen des Ungarn leuchtete es freudig auf.
„Ist das wahr?" fragte er.
„So wahr, wie ich schon gern über die Serben hcr- möchte. Wann fährst du?"
„Uebermorgen melde ich mich beim Bataillon ab. Ich denke, dann noch am selben Abend zu fahren. O, Franz, ich kann dir ja nicht sagen, wie ich mich freue, von hier weg-- zukommen, von hier, wo ich immer hinüberschauen muh."
„Nach Belgrad hinüber?"
„Ja, nach Belgrad. Wenn man bedenkt, zehn Minuten Eisenbahnfahrt, und man kann sein Glück im Arm halten — zehn Minuten! lind doch durch eine Welt getrennt!"
„Herrgott, Desi, werde doch nicht tiefsinnig!" rief Franz umvillig. „Jst's »och immer die Serbin?"
Desider nickte und wandte sich zum Fenster, damit de» andere nicht sähe, tote ihm der Schmerz in die Augen stieg.
Eine Zeitlang war's still zwischen den beiden. Franz drehte sich mechanisch eine Zigarette, zündete sie an, warf sie aber nach ein, zwei Zügen in die Aschenschale.
Energisch träger auf den Freund zu und drehte ihn zu sich herum, so daß er ihm ins Gesicht blicken mußte.
-„Schau, Desi, das hat keinen Zweck", sagte er. „Einem Ding, das unmöglich ist, soll man nicht nachweinen. Weiß der Teufel, unsereins nur allettvenigsten. Wir haben das Glück, baß sie uns so nahe an den Feind stellen — was glaubst du, tvie uns die andern beneiden? Der Dienst, auf den wir in Friedenszeit mit allösterreichischer Ergebenheit immer schimpfen, jetzt wird er uns da unie» eine Wohltat sein, dir und inir."
»Dir und mir? Hast du auch etwa» zu vergessen?"
„Ja. 's sitzt bei mir vielleicht nicht so tief wie bei dir, aber immerhin — das Weib war verdammt schön... Herrgott im Himmel, Desi... schön ... ah was .. ich seh' dich doch vor deiner Abreise?"
„Natürlich. Ich komm' morgen ins Kaffeehaus, uin mich von den anderen zu verabschieden."
„Also Servus derweil!"
Er psifs seinem Bernhardiner und ging.
Desider aber rückte den Tisch ans Fenster, um bei dem scheidenden Tageslicht noch einen Brief zu schreiben. Den Ab- schiedsbrief an Helene.
Nur wenige Zeilen. Aber das Herz war ihm so voll; er mußte ihr noch einnral sagen, daß er sie nicht vergessen konnte, daß er ihr süßes, geliebtes Bild im Schrein seiner Seele mitnähme in den kommenden Kampf. Daß er sie lieben werde bis in den Tod.
Und er schrieb und schrieb und bemerkte nicht, daß sich Seite um Seite füllte, daß er all den Kummer, die Sehnsucht, die ihn in den letzten Wochen gequält, sich vom Herzen schrieb...
Es läutete draußen. Er hörte es nicht. Erst beim zweitenmal fuhr er auf. Seinen Burschen batte er .weg- geschickt, also mußte er selbst gehen, um zu öffnen.
Acrgerlich tat er es. Vor der Tür stand ein junger serbischer Bauer, dessen Züge er in der Dunkelheit nicht zu erkennen vermochte.
„Was willst du?" fragte er umvirsch.
„Gospodiu Leutnant," erwiderte der junge Mensch mit merkwürdig verschleierter Stimme, „ich habe Ihnen was zu sagen von der Gospodjica Helena."
In dieser Stimme war etwas, was mit liebvcrtrautem Klang an sein Ohr schlug, was sein Herzblut zum Stocken brachte.
„Helene!" schrie er auf und ließ die fremde Gestalt zu sich herein.
lind da lag sie schon an seiner Brust und weinte und lachte in einem Atem. Und er hielt sie fest umschlungen und
küßte ihr weiches, süßes Gesicht.
Er war der erste, der zur Besinnung kam. Er verriegelte die Türe, so daß sie vor jeder Störung sicher waren und ündete mit zitternden Händen die Lampe an. Dann zog er ie auf das Sofa.
„Schatz, geliebter," sagte er. „ich könnte dir ja auf den Knien danken, daß du gekommen bist, aber be.denke um Gottes willen, wenn man dich gesehen hätte..."
In ihrem Glück, seinen Arm wieder um ihren Leib zu spüren, wurde sie fast übermütig.
„Ich Hab' mich gut verkleidet. Dann bin ich in der dritten Klasse herübergefahren. Wer sollte mich erkennen! Wenn ich nur rechtzeitig zu Hause, bin, ehe der Vater und der Brrcoer aus ihrer Sitzung kommen. Schilt mich nicht, Desider! Ich Hab' dich noch einmal sehen müssen."
„Ach, du — but"


