Ausgabe 
7.12.1914
 
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tnfmer fester. Seine Feinde traten immer zuversichtlicher a uf. und immer herausfordernder wurde das Rasseln ihrer Säbel.

Dole Austria! So hallte es in allen Gassen und Win­keln Belgrads.

Und dennoch gab es Leute genug in Serbien, die vom Kriege mit dem übermächtigen Nachbar nichts wissen wollten. Die nichts gaben auf die Freundschaftsbezeugungen der Mächte, und noch weniger als nichts auf die Worte der ser­bischen Patrioten. Leute, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Wirklichkeit standen und nun mit nackten, kahlen Zahlen rechneten: die Kaufleute und die Gewerbetreibenden.

Ehe er noch begonnen, hatte der Krieg in Serbien allen allen Handel lahmgelegt. Die Banken gaben keinen Kredit mehr; die Geschäftsleute, die zumeist auf österreichische Fa­brikation angewiesen waren, erhielten keine Waren mehr ge­liefert; immer größer ivurde die Zahl der Kauflente, die ihre Wechsel zurückgehen ließen und auch sonst ihren Berpflichst tungen nicht mehr Nachkommen konnten, so daß schließlich die Skupschtina, das serbische Parlament, ein zweimonatiges Moratorium bewilligen mußte. Ganz offen und ohne Zu­rückhaltung sprachen ernste und erfahrene Männer sich gegen den Krieg ans, warnten vor der ungeheuren Gefahr, die er für Serbien mit sich bringe.

König Peter selbst war einer von denen, die vom Kriege abrieten. Er war ein alter, kränkelnder Mann, der alle Illu­sionen hinter sich geworfen hatte und sich mit dem begnügen wollte, was seine Hand umschloß. Den größten Teil seines Daseins hatte er fern von der Heimat als armer Mann im Exil verbringen müssen. Grau und alt war er geworden, ehe es ihm gelungen lo'ar, das Ziel seines Lebens, die Künigs-- krone Serbiens zu erreichen. Er hatte für seine Sache sein Leben gewagt, im Jahre 1878 in den Reihen der bosnischen Insurgenten gegen die Ocsterreicher gekämpft. Verschloörung und Mord waren seiner Thronbesteigung vorausgegangen, und als er den serbischen Krönungsmantel endlich anlegen durfte, da zitterte Europa vor Aufregung über die blutigen Ereignisse dieser Zeit.

Nun sollte das alles umsonst gewesen sein! Umsonst in der Verbannung gedarbt, umsonst sich den Geschossen der österreichischen Gewehre ausgcsetzt, umsonst den Zorn der Welt auf sich geladen haben! Denn er wußte ganz genau, mit wie wenig Sympathien das serbische Volk ihn und seine Dynastie ansah, und er war keinen Moment im Zweifel dar­über, daß die erste Niederlage ihn rettungslos vom Throne fegen würde. Und ebenso genau wußte er, daß diese Nieder­lage unausbleiblich war, denn er kannte aus eigener An­schauung den Soldaten Oesterreich-Ungarns.

Vergebens versuchte er 'seinen Sohn Georg im Guten wie im Bösen zum Einlenken in die Bahnen der Vernunft zu bewegen.

Der Krieg kostet uns Land und Dhron," sagte er ihm.

Und wenn wir ihn nicht führen, so empört sich das Volk auch wider uns. Es erwartet von uns die große Tat," entgegnete der Sohn.

Und Ivenn sie nicht gelingt?"

So fragt kein Mann uud kein Serbe!"

Dieser Sprache gegenüber fand der Vater nicht den rech­ten Mut. Oft standen sic einander gegenüber wie zwei Feinde, der König mit einem kümmerlichen Versuch, seine Autorität zu wahren, der Kronprinz bis oben gefüllt mit unbändiger, explosiver Tatenlust. Da war es oft, daß der Sohn den Vater bedrohte, ihin brutal seine Wut ins Gesicht schrie, weil der König trotz allem Straßenlärm noch immer für den Frieden «intrat.

Wenn Kronprinz Georg nach solchen Szenen den Konak verließ, dann eilte er zu der schönen Rlussirtz die immer die richtigen Worte fand, um seinen Zorn noch mehr zu schüren.

Er ist ein alter Mann, Ihr Vater, mein Prinz," sagte sie ihm mit ihrer süßen, weichen Stimme.Was kümmert ihn der Rühm, die Unsterblichkeit! Sie müssen sich freiinachen von ihm!"

Freimachen, wie könnt' ich das! Ich kann doch keine Revolution gegen meinen eigencn Vater anzettcln!" rief der Kronprinz. i

Gott behüte!" sprach die Verführerin mit heuchlerischen» Augenuiederschlag.Das wäre eine Sünde. Wie wäre es aber, wen» man ihn aus friedlichem Wege zur Abdankung! brächte? Dan» wären Sie Herr von Serbien, und der Weg über die Drina ist frei für Sie und Ihren Ruhm!"

Ihre Stiinme klang so süß, ihre Augen lockten so be­zaubernd! Und eS umwehte sie so ein ganz leiser, ganz feiner

Duft, der dem jungen Prinzen ins Hirn stieg, ihn umnebelte, ihn mit wilder Gier nach Ruhm, nach Liebe erfüllte, sein« Nerven bis aufs äußerste zium Schwingen brachte. Mit keuchendem Munde bohrte er seine Aiugen in die ihrigen, wild griff er nach dem schönen Leibe aber lächelnd, ge­schmeidig entglitt sie seinen Händen . . .

In Sarajevo," flüsterte sie,in Sarajevo!"

Von dieser Zeit a» begannen in Belgrad Stimmen laut zu werden, die dem König manche unruhige Stunde berei­teten. Zuerst brachte eine Zeitung ganz versteckt die Nach­richt, daß König Peter zugunsten des Kronprinzen abdankeir wollte. Das eine oder andere Journal hakte sich an diese Meldung fest und koinmentierte sie in einer für de» Herr-i scher nicht gerade günstigen Weise. Tie Chauvinisten unter den Abgeordneten rollten die Frage der Abdankung auf. Im Bolle wurde darüber diskutiert. Und als wieder einmal ein großer Temonstrationszug an den Fenster» des Konaks vor­beizog, erscholl hundertstimmig der Ruf:Hoch König Georg!"

Ter Pater warf dem Sohn geradezu ins Gesicht, er habe diesc^Abdaukungsgerüchte ausgestreut. Der Sohn schrie zurück:So dank doch ab. Tu bist doch ein Hindernis auf der Bahn des serbischen Volkes!"

Der König verhängte über den ungebärdigen Prinzeg Zimmerarrest. Aber was half das! Das Volk stand mir seinen Sympathien ganz auf der Seite Georgs, in dem es immer mehr seinen Nationalhelden sah.

Derweilen schrie es mrr noch:Hoch König Georg!" Wenn sie aber erst schrien:Nieder mit König ,Peter!^ Was dann?

Er erinnerte sich daran, daß »och wenige Herrscher Ser­biens eines natürlichen Todes gestorben waren.

lind da kamen Stunden über den unglücklichen alten Mann, in denen er daran dachte, ob es nicht am besten sei, sich vor seinen Untertanen in den Schutz des großen Vater- tandseindes Oesterreich zu flüchten . . .

Das aber stand Gewehr bei Fuß und sah der Eutwicb- lung der Dinge ruhig zu. Me serbischen, russischen undj englischen Blätter ivußten allerdings von ungeheuren Trup- pensendnngen an die Grenze zu melden. An der Drina wim- melte es nur so von österreichischen Soldaten. An der Do­nau, Belgrad gegenüber, zögen sich drei, vier Korps zusam­men. Bei Werschetz, bei Neusatz marschierten sie auf, bereit, das schwache aber todesmutige Serbien zu überfallen. In Semlin, dem kroatischen Städtchen, das nur durch die Mün- dung der Save in die Donau von der serbischen Hauptstadt getrennt liegt, seien zwei Brigaden eingetroffen und Ar- tillerie uud Kavallerie, wußte eines Tages ein besonders!

g iantasiereiches Blatt zu berichten. Augenscheinlich bereite esterreich-llnaarn einen .Handstreich vor. TiePolitika" meldete sogar schon von einem großen Gefecht an der Drina. Natürlich waren die Oesterreicher geschlagen worden.

Alle diese Alarmmeldungen brachten die Stimmung in Oesterreich zu einem Hochdruck, der sich irgendwie entladen mußte. Eine wahnsinnige Aufregung fuhr in das Volk und peitschte es auf die Straßen. Man riß die Schilder der öster­reichische» Firmen herunter und warf sie in die Save. Man schrie nach Waffen. Man inüssc den Feinden zuvorkoniMen und sie selber in Semlin übersallen.

Dole Austria Dole Austria!" Gellend erklang's auf der Tcrasia, ans der Fürst-Michael-Straße, vor dem Konak, vor dem Palais des Kronprinzen uud vor dem Kriegsmini­sterium. Der Kriegsminister mußte eine Rede halten Aus seinem berufenen Mund wollte es das Volk hören, daß seine Soldaten sich bis auf den letzten Man» ivic Helden schlagen würden.

Die Soldaten tvurden umarmt, die Offiziere von jun­gen Leuten auf die Schultern gehoben. IN einem Taumel der Begeisterung durchraste das Volk die Stadt.

Wenn jetzt ein Stein gegen ein Fenster der österreichisch- ungarischen Gesaudtschaft oder gegen das Konsulat klirrte, von der Hand eines Buben, eines ganz Unverantwortliche»! geschleudert dann war der Krieg da.

In einem wahnsinnigen Hinauf und Hinab >vürde die Stimmung >des Volke» hin uud her gerissen, »ud daun schrill­ten eines Abends die Signalhörner durch die Stadt, »ich die Troinmeln rüttelte» die Einwohner auf. Kavallerie und Artillerie jaglen im Galopp durch die Straßen, die Infan­terie kau» im Laufschritt daher.

Nachtübung der Garnison, sagten die Ossiziere, wenn mau sic ängstlich fragte.