Ausgabe 
7.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

An den Akern der Drins.

^ Boman aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.

(Nachdruck verboten.) j (Fortsetzung.)

Am Nachmittag erschien der Fürst im Salon der Gräfin in Begleitung eines hoch aufgeschossene» Menschen, der in scheuer Verlegenheit seinen weichen Fitzhut von einer Hand in die andere drehte und vor der schönen Frau errötete wie ein Schulknabe.

Das ist Herr Stojan Stojanowiksch," stellte der Fürst vor,RechtsHörer an der Belgrader Universität Sein Vater ist der berühmte Historiker. Herr Stojan Stojano-- witsch will sich nrit allen seinen Kräften seinem Baterlande widmen Er wird sich einer der Banden anschließen, dis den Kampf an der Trina eröffnen werden."

Solch ein Denken lob' ich mir!" sagte die Gräfin und streckte dem Studenten mit ihrem verführerischsten Lächeln oie Hand hin.

Der künftige Vaterlandsverteidiger wußte nicht recht, Iva« er mit diesem feinen,, zarten Wunderwerk göttlicher Schöpfungskunst anfangen sollte. Er fürchtete es in seinen Fingern zu zerbrechen und ergriff es ganz leise, lvie ein zer­brechlich Porzellanfiligran, um es an die Lippen zu führen. Mt einem tiefen Seutzer entledigte er sich dieser Huldigung.

Rah, der hinter chm stand, ivarf der Gräfin einen be­zeichnenden Blick zu.

Er hatte recht: oie Aufgabe war nicht schwer. Stojan Stojauowitsch war nach den ersten drei Minuten bis über beide Ohren in die Gräfin verliebt. Verliebt? Rein, war betört, bezaubert, sich selbst entrissen. Hatte er doch noch nie in seinem Leben ein, so schönes Weib gesehen. Seine Schwester .Helen«, die als das schönste Mädchen Bel­grad« galt, verschwand wie im Schatten neben dieser Strah­lensonne.

Und sie war so liebenswürdig zu ihm! Ließ ihn neben sich sitzen! Der Fürst mußte sich selbst bedienen; ihm reichte sie den Tee. Sie sprach nur mit ihm. Erkundigte sich nach allen seinen Verhältnissen. Er mußte ihr versprechen, sie mit seiner Schwester betannt zu machen. Für seinen Vater bekundete sie die tiefste Verehrung. Rach einer Stund« mar der arme Stojan so weit, daß er sich hätte bereit finden lassen, deni lieben Gott die schönsten Sterne vom Himmel herunterzustehlen.

Ray konnte also beruhigt nach Cettinje reisen. Seinem Geschick gelang es wirklich, den Fürsten, der seineni Schwie­gersöhne, dem König Peter von Serbien, die Bombenassäre nicht verzeihen konnte, dazu zu bringen, daß er in dieser der Gefahr ffir die Sache Serbiens seinen Groll in einen Kasten sperrte, um ihn eventuell ffir spätere Gelegenheiten aufzuhebcn und sich für jetzt einverstanden erklärte, mit dem serbischen Brudervolke ein Schutz- und Trutzbündnis gegen ven gemeinsamen Feind zu schließen.

Sein Vertranter, der General Janko, wurde also von ihm als Spezialgesandter nach Belgrad geschickt, und da Ray in der montenegrinischen Hauptstadt nichts mehr zu tun hatte, schloß er sich dem General an. Aus Vorsicht aber verkleidete er sich als dessen Diener, da er bemerkt hatte, das? ihm die österreichische Polizei schon auf seiner Hinfahrt ein reges Interesse geschenkt hatte.

Ganz bescheiden und so unauffällig wie möglich saß er in der zweiten Klasse, aber dennoch entging er seinem Schick­sal nicht. Schon in Agram siel es ihm aus, daß mehrere Poli­zeibeamte den Zug betraten und ihn sowie den General zur Legitimation veranlaßten. Man war höflich, entschuldigte sich, stellte aber doch alle möglichen Fragen.

Und in Semlin staud der dortige Polizeichef auf dem Perron, als der Zug einfuhr. Dieses Mal ging man schon schärfer ins Zeug. Den General selbst ließ man zwar ungehin­dert nach Belgrad weitcrfahren, aber seinenDiener" behielt man mit dem Gepäck zurück, um beide zu untersuchen. Rah wußte nicht recht, ob man ihn erkannt hatte oder nicht und wunderte sich auch, daß er alle seine Papiere zurückerhielt, die er in einem Geheimfach seines Koffers verborgen gehabt.

Die Oesterreicher sind wirklich dumni!" lachte er, als er am Abend dann in den Zug stieg, der ihn nach Belgrad führen sollte.

Aber der schlaue Fürst Ray wußte nicht, daß die dum­men Oesterreicher das bewußte Geheinifach nach sünf Minu­ten gefunden hatten. Allerlei erbauliche Papiere steckten dar-« innen, so der sorgfältig ausgearbeitete Plan zu dem bos­nischen Ausstande, sowie eine genaue Ausstellung der Route, die die Gräfin Grekow eiuschlagen sollte, um nach Sarajewo zu gelangen. Man machte sich in aller GeniütSrnhe Abschrif­ten von den Dokumenten und tat sie an denselben Platz zurück, an dem man sie gefunden hatte. Und so kam es, daß der! kleinste Geudarineriewachuneister in Bosnien aus den Emp­fang der Spionin gerüstet war, ehe diese noch Belgrad ver­lassen hatte.

Hier ging die Begeisterung für den König in immer höhere Wogen. Die martialische Erscheinung des montene­grinischen Bruders, dessen farbenprächtige llnisorm die Herzen aller Patrioten höher schlagen ließ, trug nich^ wenig dazu bei. Vergessen war die Feindschaft zwischen Serbien und Montenegro, vergessen die Freundestat Serbiens, das Montenegro mit Bomben überschwemmte; vergessen die Taktlosigkeit der Montenegriner, die so gemein waren, in einem seierlichen .Hochverratsprozeß diese ganze saubere Ge­schichte vor aller Welt aufzudecken vergessen war alles, alles. Man schloß das Bündnis, begoß es mit Champagner und trank ans die Befreiung der unglücklichen bosnischen Brüder. Reden wurden gehalten, Demonstrationen veranstal­tet, und vor den Fenstern des Hotels Moskwa, in dem der Montenegriner abgestiegeu war, schrie sich die Menge heiser, uni ihm die Liebe des serbischen Volkes zu bekunden.

So schloß sich der Ring um Oesterreich augenscheinlich