Ausgabe 
3.12.1914
 
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Und was für Kerle drunter sind," fuhr er nachdenklich fort, «ba sah ich einen Reiter ich denke, das Gesicht kenne ich doch frage ihn, da ist es Wengstei», der große Heldentenor mit der noch größeren Gage! Läuit hin »ich wird freiwilliger Reiter. Außerdem waren noch zwei Privatdozenten und Über 50 Studenten da alles freiwillig!"

Bei meiner Kompagnie ist ein ganz berühmter Schriftsteller als Sanitäter," benierkte ein Hauptmann.

Ein Oberleutnant mit dem Eisernen Kreuz, der bisher schwei­gend in der Ecke gesessen hatte, lachte auf.

Den komischsten Kerl, glaube ich, Herr Major, hatten wir doch in unserem Regiment. Bei uns dient nämlich der Unteroffizier Milli Nottebohm."

Wer ist denn das?" fragten die andern Offiziere.

Der Oberleutnant lachte:So heißt er nur in seinen Papieren, sonst nennt er sich derursidele Nottebohm"!"

Was? Der? Der bekannte Barietdkomiker? Der mit dem dicken Gesicht?" . . .

Genau derselbe. Und ist Unteroffizier der Reserve in der »weiten Kompagnie unseres Regiments. Erst wußten wir das heißt die Ossiziere gar nichts von seiner Anwesenheit. Aber eines Tages gehe ich durch das Ouartier in einem belgischen Torfe, da sehe ich einen dicken Hausen Soldaten und höre brüllendes Ge­lächter. Ich trete näher, man macht mir Platz, da sitzt ein dicker Unteroffizier aus einer Tonne und singt ein blödsinniges Lied auf die Engländer, aber so koniisch, mit so eineni drolligen Gesicht, daß ich auch lachen muß. Das war meine erste persönliche Be­kanntschaft mit Herrn Willi Nottebohm. Jetzt siel er mir öfter auf, aber nicht iminer angenehm. Zuerst ging es ja. Bei den Gewaltmärschen, die wir machen mußten, war er immer vornean, immer fidel, wenn ihm auch der Schweiß über sein dickes Gesicht lief und machte seine Mätzchen. So heiterte er wenigstens die Leute aus. Besonders eine» Singsang hatte er, da bogen sich die Leute vor Lachen. Als Refrain ging es immer:

Kinder, kommt, die Reise hat Uns ja nischt gekostet,

Kinder-haut den Englischmann,

Bis sem Rostbces rostet!"

Sehr geistvoll war cs nicht, aber sein Gesicht glänzte >vie lauter Buttersuppe: und die Kerle wollten sich totlachen. 'Allmählich wurde cs aber zu viel Herr Notlebohni schien die kaiserlich deutsche Armee für sein Publikuin zu halten, und sein Mundlverk stand nie still, auch bei Nachtmärschen, wen» er besser das Maul halten stillte. Ich habe ihn auch gehörig angepsjssen, aber dann machte er «in so zerknittertes Gesicht, die blanken Aeuglein versanken in lauter kummervollen Speckigsten, daß man sich umdrehen mußte, uni nicht laut zu lachen.

Ich machte den Feldwebel aus den Unteroffizier Nottebohm aufmerksam, da sagte er:Zu Befehl, Herr Oberleutnant, ich weiß schon. Aber wenn ich den Kops wcgdrehe, dann macht er meine Stimme nach, daß ich denken könnte, ich bin's selber!"

Also der ursidele Nottebohm spielte weiter. Einmal kam ich von hinten an die Marschkolonne heran, da hörte ich das Lied:

,, . . . Kinder, haut den Englischmann,

- Bis sein Rostbces rostet!", aber mit meiner eigenen Stimme, einfach täuschend nachgeinachl. Bon wem? Natürlich von Herrn Nottebohm. Ich war wütend und lief gleich zum Major. Ter sagte zu mir:Sic sind nicht ernst genug!", und ließ sich den iidelen Notlebohni kommen.

Ein Jammcrbüuvcl erschien, den Speck in Traucrfallcn gelegt, das linke Auge betrübt, das rechte vergnügt. Er knallte vor dem Major die Absätze zusamnicn, daß er schwappte.Ob er den Unsinn nicht lassen könnte?"Zu Befehl, Herr Major, es ist an­geboren, ich kann nichts dafür," sagt« Nottcbohin mit Jauimcr- stimme, da« nian vor Bergnüge» hätte aufkreischen können,ich sehe so aus!"

Aber Sie können sich doch zusamniennehmen, Unteroffizier!" mahnte der Major.

Zu Bet'ehl, aber cs geht nicht, Herr Major," tagte Nottebohm treuherzig und iah ihn so reckt mit der strahlenden Breitseite au. Wie ich heiratet, tvollie und meiner Frau einen Antrag machte, sing sie an zu lachen und schrie, so ginge cs nicht, cs wäre tzu komisch. Ich sollte es säiriftlich machen!"

Dabei brachte er die ganze Geschichte mit des Majors eigener heiserer Stimme, aber in so jämmerlicheni Ton heraus, als ob et «in Malheur gegeben hätte!"

Tie anderen Offiziere lachten.

Na, und weiter?"

Der Oberleutnant fuhr fort:

Na, der Major drehte sich schwubs um und sagte: Es ist gut. Sie können abtrcten!" Dabei zuckten seine Schultern vor verhaltmein Lachen, 'Am Abend daraus ka,nen tvir in die Front. Eine Nacht und einen Tag in Reservestellung über uns Platzten die ersten Granaten, da wurdeti die Kerls still, Nottebohm auch. Am nächsten Morgen kamen wir in die Schützen­linie». Spaten raus Gräben ausheben Unterstände bauen na. Sie kennen das ja zur Genüge setbsti Bor uns stand französische Infanterie und hauptsächlich mgliiche Artillerie, dt« aber nierkwürdig still tvar. So lagctt wir in den Schützengraben. Es regnete, die Feldküche kam nnregelmäßia, kurzum, das rechte Elend dm Untätigkeit mit stetem anf-dem Posten sein ging uns

am Virt einem Male sing der Feind an loszuknallen. Tie Brü­der hattm wohl erst Reserven nachgezogm, jedenfalls war es sin mächtiger Angriff auf der ganzen Front. Unsere Linie tvar ziemlrch dünn, neblig war es auch, und gerade als die feindliche Artillerie sich so recht eingeschossen hatte und die Granate» unsere schönen Ilnterstände zerschmissen, verloren wir den 'Anschluß nach links wir warm rechte Flügelspitze und lagen nun schön da. Es war ekelhaft, meine Herren. Keine 30 Schritt weit Sicht im Nebel, dazu der Feind, dm uns so richtig eingegabelr hatte, es sah scheußlich bei uns aus. Ich denke gerade, ob uns die Engländer vielleicht umgehen wollen, da platzt ein Schrapnell über dem Bataillonsstab der Major und zwei Hauptleute hin!

So ein Pech und dabei auf exponiertem Posten! Im ersten Augenblick waren wir alle still, die Lmte spürten instinktiv die Unsicherheit. Die nächsten hörtm zu schießen aus und schielten nach den totm Offizieren. Man fühlte deutlich die stumme Frage: Sollen mir nicht zurück? Ich sah mich nach dem andern Haupt- mann um, der hatte aber auch gerade seinen Schuß beko>nmen und.wollte einen Entschluß fassen. Da höre ich links von mir etwas krähen, heiser, die Stimme des Majors:

Pflanzt das Bajonett aus! Zum Sturm, marsch, marsch, hurrah!" Ich sehe den ursidelcn Nottebohm, das Bajonett in den Fäusten, 'raus aus dem Graben springen. Ti« andern Kerle auch, .ich ziehe den Degen, spüre einen Schlag gegen dm 'Arm, sehe gar nicht hin und los marsch, marsch, hurrah!

W.r alle rein in den Nebel. Na, also kurz! Kaum 200 Meter nach vom ist der Feind, englische Tcrritorials im Schützen­graben, Hopps rein und mit dem Bajonett leergefegt! Weiler! Ta ein Geschütz zwei eine Batterie, französische leichte 75- Millimeter weg mit der Mannschaft. Plötzlich sind keine Feinde niehr da. Gleichzeitig kommt ein Windstoß, per Nebel hebt sich, und wir sehen, daß, links von uns unsere ganze Front inr Sturm vorgeht, wir am weitesten vorn, und dm Feind laust aber wie!"

Ter Oberlmtnant Machte eine Pause.,

Am Abend hörten wir dann aus dem Brigadebesthl, daß das erste Bataillon also wir den Umgehungsversuch des Feindes rechtzeitig bemerkt und durch Stumrangriff glänzend ab- aewiescn hätten. Gleichzeitig wurde ich anfgefordert, Mannschastm kür das Eiserne Kreuz zu benmnm. Ich suchte etwa 12 Mann aus, daruntm Nottebohm. Leider konnte ich nicht als Grund für ihn, wie ich gern gewollt hätte, angeben: West er im kri­tischen Moment die Stimme seines gefallenen Majors nach- rnachtc!" . . .

Neue amerikanische Erinnerungen an Kaiser Wilhelm und seine Familie.

In New Bork ist jüngst unter dem TitelErinnerungen an den kaiserlichen Hos" ein Buch erschienen, dessen Bersasserin, 'Anna Topham, erzählt, was sie vor etwa 13 Jahrm am Berliner Hofe als Lehrerin der Prinzessin Viktoria Luise erlebt hat. Hieraus teilt eine New Borker Zeitschrift einige Abschnitte mit. Den ersten Eindruck, den Kaism Wilhelm aus die Versasserin machte, schildctt sie folgendermaßen:Seine blauen Slugcn sehen mich mit dem bezeichnenden, durchdringenden, munteren, beinahe spöttischen Blicke an. Sie bilden einen säst zu starken Gegeirsatz zu seinem sonnver­brannten Gesicht. Meine Hand wird umfaßt und herzlich, beinahe ichnierzhast gedrückt, und ein paar kurze, scharfe Frage» werden mir vorgelegt." Bon der Kaiserin erfährt man den ersten Eindruck solgendermaßen:Die Kaiserin sitzt aus einem Sosa und empfängt mich mit einem ircundlichen, gewinnenden Lächeln und einem Blick, der verrät, daß sie selber eine geringe Verlegenheit empsindet. Bald aber finde ich niich im gemütlichen Geplauder in einem Stuhl sitzend und spreche ganz gemütlich mit einer Mutter über ihre kleine Tochter. ?llles geht ganz einfach und gerade zu." Hierzu fügt 'Anna Tovham außerhalb des Zusammenhanges hinzu:Ihre Houvterholung ist das Reiten. Jeden Tag macht sie, wenn es mög­lich ist, einen flotten Galopv. Ihre Lektsire besteht hauplsäcklich in historischen Menioirentverlen." Hieraus kommt Prinzessin Vik­toria Luise,ein Wildsang", an die Reihe:Plötzlich taucht der schlichte Blondkovi eines Mädchens von etwa 9 Jahren aus, das ein einfaches, steifes, gestärktes Matrosenkleid mit blauem Kragen und einen Slrohhui trägt. Ihr Tageslaus beginnt um V«8 mit dem Frühstück. Um 8 Uhr sängt der Unterricht an. Bis znm 17. Le­bensjahr hat sie ein Taschengeld von 5 Mark im Monat.....

Seine ldes Kaisers) Tochter unterhält sich zuweilen mir dent Schul­jungenstreich sic ist ziemlich jungenhast inst Mund und Backen das Knallen eines Champagnerkorkens und das glucksende Ein­sließen des Weines nachzuahmen.Bon wem hast du denn das ge­lernt? Das ist gar nicht ladplike."Bon Pava. Er kann es ausgezeichnet."

Es folgt ein Bild von Kaiser Wilhelm, das auch zum Teil wiedergegeben sein niag, obwohl es neben gewiß richtigen Beobach­tungen manches Schiefgesehene und Falsche enthält. Als wesentlicher Zug wird dieübersttömende Lebenskraft" hingestellt: der Kaiser ist körperlich wie geistig immer in solchen! Grade munter und kräftig, daß er in gewissem Grade zuweilen seine Umgebung er müder.Männer ändern sich oft, zum Besseren oder Schlechtere», wenn sie dem 'Ange der Ocsfentlichkeit entzogen sind, aber der