Ausgabe 
3.12.1914
 
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Wie wäre es," sprach er langsam und jedes Wort be­tonend,wenn ich der Wett erzählen würde, wie man Witwe wird?"

Nicht eine Miene zuckte in ihrem schönen Gesicht, als die Gräftn darans antwortete:

Sie können ja Ähre Märchen anstischen, wem Sie wollen. Ich glaube, es ist kaum zweifelhaft, wem man mehr Glaube» schenken wird, mir oder Ihnen, der Sie ein noto­rischer Schurke sind!"

Ray schnellte in ;bie Höhe, wie eine giftgeschwollene Schlange.

Hüten Sie sich," zischte er.Auch meine Geduld hat ihre Grenzen! Ich sage Ihnen, ich will Sie besitzen und werde Sie besitzen!"

Me!" rief sie.Eher töte ich mich!"

Sie war so schön in, diesen! Augenblick, daß der Fürst, von seiner Gier übernimmt, auf sie zusprang und sic an sich reißen wollte. Ein kurzer Moment des Ringens, dann stieß sie ihn zurück, daß er taumelte und gefallen wäre, hätte er sich nicht am Klavier rechtzeitig gehalten.

Ohne ein Wort weiter zu verlieren, drückte sie ans die Klingel. Ein Diener erschien.

Seine Durchlaucht wünscht seinen Mantel und seinen Hut!" befahl sie kurz.

Dann verschwand sie, ohne dem Gedemütigten einen Blick zn schenken, in ihr Toilcttezimmcr.

4. Kapitel.

Hier erinnerte sic sich des Besuches, den sie nöch zu erwarten hatte und oer damit verbundenen Aufgabe. Sie lächelte.

Sie war im Grunde eine jener kalten Franennatnrcn, die Leidenschaft erwecken, aber nur in den seltensten Fällen selbst empfinden. Bon all den Männern, den jungen und alten, den reichen und armen, den gebildeten und rohen, die ihr zn Füßen gelegen, hatte keiner ihre Pulse schneller schlagen gemacht. Im Gegenteil, so etwas wie Verachtung empfand sie ftir sie, die alle wie Bettler zu ihr kamen,> Ehre und Mannesstolz ihr als Opfer vor die Füße warfen. Selbst so ein Herrenmensch >vie Ray wurde klein vor ihr und lotnselte um ihre Gnade. Denn was war sein Drohen anderes als ein kläglich Winseln?

Auch für den jungen, österreichischen Reiterosfizicr hatte sie nicht mehr übrig als für die anderen. Seine gesunde,, markige Art gefiel ihr >vohl, seine wienerische Liebens­würdigkeit sagte ihr mehr zu als die überzuckerte Höflichi- keit der französischen oder die derb-brutale Vertraulichkeit: der russischen Kavaliere, aber das war auch alles. Wenn sie an ihn dachte, geriet sie nicht in Aufregung, und wenn sie ihn nicht sah, verging sie absolut nicht vor Sehnsucht.

Sie war ihres Sieges über ihn ganz sicher. Mein Gott, Prinzen hatte sie vor sich, aus den Knien liegen sehen und dieser unbedeutende Offizier! Aber sie rüstete sich doch auf seinen Besuch. Die elegante rauschende Gesellschasts- toilette legte sie ab und schlüpfte in ein einfaches Haus­kleid, dessen ivcicher, dünner Stofs sich schmeichelnd um ihre Formen legte, deren wollüstige Linien mehr enthüllend als verbergend. In den tiefen Ausschnitt steckte sie eine volle La-France-Rose, die das blendende Weiß ihrer Büste noch mehr hervorhob.

Zufrieden lächelnd nickte sie ihrem Spiegelbild zu.

Ich glaube," sprach sie,ich werde nach Sarajevo komme»!"

Ein Diener kam und meldete:

Frau Gräfin, Herr Baron Lohnsperg wünscht seine Aufwartung zu machen."

Als sic vor Franz hintrat und den Eindruck sah, den ihre Erscheinung auf ihn machte, huschte ein triumphieren­des Lächeln über ihre Zütze. Sie schämte sich fast ihrer Auf­gabe, so leicht schien sie ihr.

Der junge Offizier >oar einfach geblendet. Als er das schöne Weib vor sich, stehen sah, bezaubernd, lächelnd, ivie die Verheißung eines nahen Glücks, verwirrten sich seine Sinne. So hatte sie sich ihm nie gezeigt! Bis jetzt war! sie ihm immer als Königin gegenubcrgetreten, die seine bescheidenen Huldigungen in Gnaden aufnahm; jetzt blühte die Rose an ihrer Brust ihm entgegen wie ein Versprechen. Trunken irrte sein Blick über ihre herrliche Gestalt. . .

Sie sind schön, Frau Gräftn!" stammelte er endlich, ohne selbst recht zu wissen, was er sagte.

,/Lst das alles, was Tie mir mitzuteilen staben?"

lächelte sie.Warum haben Sie mich so lange warten lassen?"

Ich - ich war auf unserer Gesandtschaft und da da. . ."

Und beim Wein haben Sic einfach mich vergessen,

nicht wahr?"

Franz von Lohnsperg, Oberleutnant in Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich altberühniten Pappenheim- Tragonerregiment, hatte ein Befühl, als drehe sich die Erde um ihn herum, erst von links nach rechts, dann von rechts nach links, schließlich von unten nach oben und um­gekehrt.

So hatte sie auch nie mit ihm gesprochen. Es war etlvaö unbeschreiblich Lockendes, Verführendes in ihrer Stimme, etwas, das ihm seine» klaren Verstand rauben ivollte. Et­was, das sich um seinen Willen schlang und ihn fesselte, lähmte.

Ich will Ihnen verzeihen!" sprach sie lvcitcr.Kommen Sie, wir,wollen uns in eine gemütliche Ecke setzen und bei einer Tasse Tee ein bißchen plaudern. Sie haben doch Zeit? Oder müssen Sie gleich wieder auf die Gesandtschaft?"

Rein ich habe Zeit!" wiederholte er fast automalisch.

Sie legte ihre kleine Hand auf seinen Arm und zog ihn in ihr Boudoir. Wie ini Traum folgte er ihr und ließ sich von ihr in eine lauschige Ecke drücken. Noch immer im Bann, sah er ihr daun zn, wie sic die Rouleanx herabließ, das elek­trische Licht andrehtc, den Somawor entzündete »nd den Tee bereitete.

Kein Wort ivard dabei zwischen ihnen gesprochen, aber von Zeit zu Zcil lachten ihre Augen zu ihni hinüber, der regungslos in seinem Fauteuil saß und mit brennenden Blicken den lautlosen Bewegungen dieses schlanken, geschmei­digen Fraucnleibs folgie. So still war's in dem kleinen Raum, so ivcltverloren. Dazu durchwehte ihn ein leiser Duft

von Maiglöckchen----- Franz saß da und dachte an jene

glühenden Märchen derTausendundeine Nacht", in denen himmlisch schöne Peris verirrte Prinzen i» ihr Fccnschloß und ihre Liebe ausnehmen. Mar dieses Weib da vor ihm am Ende solch eine Fee?

Der Tee war fertig. Lächelnd stielt sic ihm die Tasse hin. Gehorsam nahm er sie, trank sie fast aus einen Zug leer und stellte sie wieder weg. Hafte sie ihm befohlen, den ganzen Samowar anszutrinken, er hätte das auch getan.

Plötzlich zuckle er, er ivußle selbst nicht ivie, in seinem Ge­hirn der Gedanke auf sie will etivas von dir. Die War­nung seines Freundes Ghisn blitzte ihm durch den Kops, sie ioill etwas von dir. Sie will etivas von dir, hämmerte es in seinen Schläfen.

Mühselig rang er mit sich selbst um Fassung. Er zwang sich, sie nicht anzusehen, die vor ihm aus einer kleinen Otloi- mane in halb liegender Stellung saß. Zn weichen Falten schmiegte sich der verräterische Stoss ihres Kleides um ihre Glieder; die Rose an ihrem Busen duftete und glühte... Und als sie sich mm zn ihm herübcrbcugte, ihre Hand auf diq seine legend, mit den Augen die seinen suchend, da brach des armen Franz Widerstandskraft vollkommen zusanimen.

Woran denken Sie?" fragte sie ihn leise und zärtlich.

Durch die breite Brust des jungen Mannes slog ein Zittern. Mit heiserem Ruf sprang er auf und ivarf sich vor ihr hin.

Mach' mich nicht wahnsinnig!" stöhnte er.Du ivillst etwas von mir. Zch fnhl's ja d» willst mich zu irgend etwas verführen! Sag's gleich, gleich wenn's sein muß, tu' ich ja alles, aber bring' mich nicht völlig um den Verstand!"

lind seiner selbst nicht mehr mächtig, wühlte er sein heißes Gesicht in die Falten ihres Kleides.

lind sie lächelte. . . lächelte, ein taltes verächtliches Lächeln des Triumphs! Auch dieser Mann da war bereit, um ihretwillen seine eigene Seligkeit zn verkaufen.

iFortstbuiig folgt.)

Unteroffizier Noltebohm.

Von Martin P r o s k a » e r.

Es ist prachtvoll, ivie sich unsere Lciiic da draußen schlagen, die alten Landwehrleut« ivie die Jiingeii. Kurz bevor ich da« Lech mit dem Arm hatte, bekam ich noch eine Schivaürou Freiwilliger als Nachschub, die ivaren noch größere Draufgänger."

Ter Sprecher, ein großer hagerer Husarenmajor, rückte den verwundete» Arm in der Binde zurecht.

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