Ausgabe 
30.11.1914
 
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Du hättest das nicht verlangen sollen," sagte er, indem jb sich langsam, mit schlaff herabhängenbem Arm, dem Heim- stieg> zmoandte.Du hast mir damit den .Abschied so unsag­bar bitter gemacht!"

Desidcr, Geliebter, Einziger . ^ .!" Und ehe er es noch Verhindern konnte, hatte sie sich <m feinte Brust gezwängt! -nd streßte ihre glühenden Lippe» auf die seinen.Geh' licht so von mir!" schluchzte sie.Nicht so! Sonst schwör' ch es dir, überleb' ich diese Stunde nicht. Ich! liebe dich ja o, mehr als ich es sagen kann. Ich weiß es ja, es war chlecht von mir, von dir zu verlange^ du sollst ei» Verräter Verden, aber cs wär meine letzte Hoffnung, meine letzte!"

Noch einmal küßte er sie, noch einmal, dann führte er ie Zitternde, Aufgelöste zurück in die Stadt. An der Ecke er Straße, in der sie wohnte> blieb er stehen ujnd ergriff Ihre Hand:

Leb' wohl!" sprach er.Ich swöre dir, nach dir werd' ich keine mehr lieben, keine! Viclleichj: sehen wir uns ans der Erde noch einmal wieder. Wenn nicht, dann drüben, Helene! Leb' wohl, leb' wvhl... du ... mein Leben!"

Tie Stimme versagte ihm. Tann sah er ihr »ach, tvie sie mit müden, matte» Schritten ihrem Hanse zuging. Noch einmal sach sie sich um. Noch einmal umfaßte er die geliebte gestalt mit heißem Blick... dann fiel das Gitter ihres

S artens zu ... Und von der Fürst-Michael-Straße trug der tind den Ruf der Menge herüberi

Dole Austria!"Rat Austria!"Nieder mit Oester­reich!"Krieg gegen Oesterreich!"

(Fortsetzung folgt.)

Die hundert Tage.

kkoman aus dem Jahre 1815 von M. von Mitten. (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

In trübe» Gedanken verloren fuhr Erdmuthe nach ihrem Ouartier zurück. Sic zergrübelte sich den Kopf, wie cs noch Möglich sein könnte, hier zu Helsen. Ihr edles, mütterliches Herz wollte sich noch nicht darin findest, daß diese beiden Menschen, die der unerbittliche Tod verschont hatte, durch das Leben auseinander gerissen werden sollten.

Der Fiaker hielt. Sic zahlte, stieg ans.

In gramvoliem Sinnen stieg sie Pie Treppen hinan,

t hrill den langen düster» Korridor entlang nnd betrat, von er einfallendcn Sonne geblendet, ihr Zimmer.

Erdmuthe! Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen! Verzeihen Sie nur, daß ich mir erlaubte, Sie in Ihren» Zimmer zu erwarten. Aber es ließ mir keine Ruh. Ich wollte keine Minute verlieren"

Tiefer in das einfache Zimmer tretend, dessen getünchte Wände ein paar alte Kupferstiche schmückten, sah sic Otto von Jäger vor sich stehen, diesen schlanken, hochgewackisenen Mann, dessen vorteilhafte Erscheinung durch die Uniform noch gehoben wurde. In Gedanken stellte sie sofort Toska an seine Seite. Ihr Herz zog sich von neuem zusammen: Maren diese beiden nicht wie füreinander geschaffen?!

Was gibt es denn?" fragte sie trübe.

Erdmuthe, wo tvaren Sic so lang? Sie sind erschöpft. Ketze» Sie sich! Ruhen Lie sich aus! Tie Worte schossen ihm nur so Von den Lippen. Dabei drückte er sie in einen der beiden braunen Rips-Fauteuils nieder, die rechts und links vom Sofa, um einen ovalen Tisch standen.

Tenken Sie sich doch nur!" Er' holte tief Atem.Gras Dnboit hat sich verlobt." .

Erdmuthe hatte, ganz in ihr schmerzliches Nachdenken Versunken, nur halb hingehört.

Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie abwesend. Aber verstehen Sie denn nicht?" ries er ungeduldig. Dieser Ueberläuscr hat sich verlobt -- verlobt mit der Toch­ter des Generals Bourmont, der kurz vor der Schlacht von Lignp mit ihm gemeinsam zu den Bourbonen übergegangen! Dieser Schurke! Zornbebend ballte er die Rechte zur Faust. Er hat mich also doch belogen! Toska muß ihn abgewiesen haben!"

Da ging in Erdmuthens Herzen ein helleuchtendes Ver­stehen und ein frohes heimliches Lachen auf. Aeußerlich aber vlieb sie tiefernst!: ja sie brachte es fertig, ihr Gesicht in menge Falten zu legen.

Warum erzählen Sie mir das?" entgegncie sie mit ge­machter Kälte.Habe ich etwa je an Toska gezweifelt?"!

Betreten stand- er vor ihr, an einer Spitze seines Schnurrbart? nagend. In Erdnmtbc aber wuchs der geheime Jubel.

Es kann mit einer Liebe wahrhaftig nicht weit her sein, die äußerlicher, zufälliger Beweise bedarf, um glauben zu können."

Q mein Gott! Wenn Sie wüßten, wie ich gelitten, Sie richteten nicht so streng!" murmelte er mit zuckendem Munde.

Aber im übrigen ist das ja jetzt alles einerlei," fuhr sie unbeirrt mit einer gewissen kalten Strenge fort, wie ein Arzt, der gezwungen ist, Schmerzen zu bereiten, um zu heilen. Dabei verwandte sie aber, mit feinster Aufiuerksani- keit spürend und auslauschend, kein Auge von seinem alle seine Seelenregungen widcrspiegelnden Gesicht.

Hören Sie mich! Ich komme von Toska---"

Bo» Toska?" unterbrach er sie zusammeuzuckend.

Ja. Von Toska. Sie hat gestern ihren Vater in die Erde gesenkt."

Ich hörte davon." Sein Blick irrte von ihr weg alt den Wänden des Zimmers entlang. Und dann kam es leise zögernd:Trägt sie schwer an dem Verlust?"

Wohl trägt sic schivcr daran," entgcgnetc Erdmuthe in einem Tone, als wäge sie jedes Wort.Aber weit schwerer trägt sie an dem Unrecht, das Sie ihr angetan."

Ich?"

Ja, Sie!" nickte Erdmuthe in seine weitaufgerissenen Augen hinein.Sie fühlt sich durch jenen Verdacht, den Sie sie durch Ihr Verhalten in Genappe nur allzudeutlich fühlen ließen, aufs äußerste entwürdigt und beschimpft."

Das das hat sie Ihnen selbst gesagt?" Entsetzt starrte er sic an. i

Das hat sie inir selbst gesagt!"

Das kan», das darf nicht sein! Erdmuthe, beschimpfen wollte ich sie nicht! O mein Gott! Was hätte inir ferner

gelegen! Aber sic hat recht. Wenn sie unschuldig ist-->

dann . . .!" Fassungslos preßte er die Hände gegen die Schläfen.Ah! Ich muß zu ihr muß sie um Vergebung bitten!" t

Wenn Sie nur vorgelassen tverden"

Sie m u ß mich annehmen! Ich werde mich zu ihr drän­gen! Ehrensache ist das jetzt für mich, ihr Abbitte zu leisten!

Gott! wie das wohltnt, ivieder glauben zu können! So, ihr reines Bild im Herzen, werde ich die Trennung eher er­tragen." Er war außer sich und ohne sich dessen bewußt zu werden, hatte er sein Herz von neuem der stumm aufhorchen­den Frau seines toten Freundes erschlossen. Jäh und stür­misch ergriff er ihre Hand und zog sic an die Lippen.Ich reite sofort zu ihr. Auch die tleinste Verzögerung wäre von Uebel."

Er stürmte davon.

Erdinuthe blieb allein.

Ein feuchter seliger Glanz schimmerte in ihren Augen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen das wehe und doch so wundervolle Lächeln eines Menschen, der entsagend, im Glück der anderen sich ein neues Leben ansbaut.--

Eine Stunde später sprang Otto vor dem eisernen Tore, das zu Toskas Behausung sührte, vom Pferd. Er hatte, ohne sich's selber einzugcstehen, ganz besonders sorgsältig Toilette gemacht. Ter Tschako mit den langherabhängenden schwarz- weißen Federn, das blaue bis zu den Hüften reichende Kollet mit den Goldknöpfen und den, kurzen Schößchen, der rote Kragen, die tuchenen Diensthosen saßen ihm vortrefflich. Ja sogar eine Schärpe die )eine war ihm verloren gegangen

hatte der Schlverenöter aufzutreiben gewußt.

Als der Portier öffnete und seine Frage, ob Madame zu Halls sei, bejahte, warf er dem ohne viel Federlesens die Zügel seines Rosses zil und eilte an ihm vorüber hinein in den Garten. Wie Heimathauch nmsingss ihn hier. Er sah sich plötzlich wieder, wie er, vor mehr als Jahresfrist, Frau von Eure am Arni, Toska zu ihrer Rechten schreitend, Mut­ter und Tochter hierher in ihr Heim zurückgebracht hattte, Ter Tust und Zauber dieser jungen Liebe mit all ihrer keu­schen Süße stieg wieder in seinenr Herzen herauf. Tiefer und tiefer sank die Qual der letzten Monde darin unter:

Im Vestibül begegnete er einer Jungfer.

Er wolle Madame sprechen. Sie solle ihn melden, sagte er ihr. Seine Worte trugen mehr den Ton eines Befehls als den einer Bitte.