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sich eins mit seiner Dynastie in diesem Moment der Gefahr, und ich sage euch, nichts wünsche ich sehnlicher herbei alA den Moment, da ich an die Spitze der Legion des Todes treten kann, um sie gegen den Feind zu führen. Wir werden siegen oder sterben! Eine andere Wahl kenne ich nicht! Darum ziehe niemand mit mir, der nicht für sein Vaterland fein Letztes hinzngeben bereit ist! Wer leben will, der sols sterben, iver aber sterben will, der verdient zu leben!*) Hoch lebe das serbische Volk, das für seine heilige Sache zu sterben bereit ist!"
In wildem Chor brausten die „Zivios" zu dem schmächtigen Jüngling hinauf, aus dessen dunkeln Augen Desider; die erste echte Begeisterung blitzen sah. Unter allen diesen schreienden, tobenden Menschen war Kronprinz Georg vielleicht der einzige, der es ernst mit seinen Worten meinte. Er war ein Schwärmer, ein Träumer, aber es lag etwas Fortreißendes in seinen Worten, als er sie trotzig hinausschrie.
Dann sprach der famose Nuschic. Drosch Phrasen und troff nur so von Blut, Patriotismus und Heldentum. Der Prinz hörte seine Reche mit zusammengebissenen Lippen an und verneigte sich dankend, mit ernstem. Gesicht, als die „Zivios" schier unaufhörlich zu ihin hinaüfgcllten. Jetzt war wirklich so etwas wie Rausch in der Masse.
Desider gelang es, sich in eine Hanstüre zu schieben. Dort hielt er sich versteckt, bis die Demonstranten zur engs- lischen Gesandtschaft abgezogen waren, dann trat er hinaus und wollte zu dem Platz eilen, >vo seine Geliebte auf ihi^ wartete. Aber... da sah er sich zu seinem Erstaunen mehre!- ren Studenten gegenüber, die ihm den. Weg verstellten.
_ „Was wünschen Sie, meine Herren?" fragte Desider ruhig und gelassen in serbischer Sprache.
„Wir müssen Sie ersuchen, sich zu legitimieren", antwortete der Aelteste, der den Wortführer machte.
„Darf ich fragen, mit welchem Recht Sie dieses Ersuchen an mich stellen?"
„Wir sind Mitglieder des Ausschusses für nationale Verteidigung."
„Als solche haben Sie kein Recht, mich anzuhalten."
„Oho! Da irren Sie! Wir haben Sie während der Rede des Kronprinzen genau beobachtet. Sie sind einOesterreicher."
„Ja, der bin ich. lind was weiter?"
„Ein österreichischer Offizier ist er!" schrie jemand aus der Menge, die sich von Sekunde zu Sekunde vergrößerte.
„Ich kenne ihn, er steht bei den Honvcds in Semlin."
„Ein österreichischer Spion!" krächzte eine branntwein- heisere Stimme.
„Schlagt ihn nieder, de» Spion!" brüllten mehrere gleichzeitig.
Fäuste wurden erhoben, Stöcke wurden geschwungen; immer bedrohlicher wurde die Situation für den jungen Offizier. Aber der blickte so kühn und frei auf seine Gegner, daß diese sich unwillkürlich nicht näher an ihn hcranwagten.
„Sie sehen," sprach der Wortführer der Studenten ivic- dcr, „wie aufgeregt die Leute find. Was haben Sie in Belgrad zu tun?"
i,Jch heiße Desider Gronap und bin in Semlin stationiert. Ich kam herüber, um eine mir befreundete Familie zu besuchen."
„Wieso kamen Sic denn in den Demonstrationszug? Sic wollten sich ivohl über uns lustig machen?"
Desider hätte ja sagen können, daß er selbst der Sohn einer Serbin sei, aber das schien ihm in diesem Moment als eine Feigheit. Er antwortete also:
„Auf dem Wege eben zu dieser Familie geriet ich in Ihren Zug und wurde mitgerissen. Da haben Sic die Erklärung."
„Nun, dann haben Sie wenigstens gehört, daß wir Serben uns vor euch Ocsterreichern nicht fürchten", sagte der Student.
„Ja, das habe ich gehört. Wollen Sic mich nun endlich geheii^ lassen?"
Sein kaltblütiges Benehmen verfehlte seinen Eindruck nicht. Die Studenten traten zurück und. auch die Menge Machte Platz. Langsam schritt Desider hindurch, keine Miene »Nckke in seinenc braunen Gesicht, als er durch das Kieuz- sener feindseliger Blicke und Worte ging.
„Kommt nur her mit euren Militärkapellen!" schrie IHM einer nach.
*) Wörtlich, so sprach Kronprinz Georg bei einer seiner tze- rühmten Fenßerreben.
Er: achtete nicht darauf, sondern lief jetzt inehr als «r
« ing der Toptschider Allee tzu. Er hatte durch den Aufenk- alt eine ganze Stunde verloren.
Dort, wo die Häuser der Stadt zurllcktratcn und di« Save durch die hohen, mächtigen Bäume der Allee schimmerte, stand ein junges Mädchen, das mit besorgtem Mick die Straße hinaufsah. Ms sie Desider erblickte, lief sie ihm mit leisem Frendenrus entgegen.
„Da bist du endlich!"
„eBrzeih', Helene," entaegnete er und zog sie von der Straße an das stille, von dichten, Gebüsch umgebene Saveufer hinunter. „Ich kam in den Demonstrationszng uird wurde dadurch aufgehalieu."
Bon seiner Affäre erzählte er ihr nichts, um sic nicht zu ängstigen.
„Ich ivar so besorgt, Desider," sprach sie. „Es gibt gewiß eine Menge Menschen in Belgrad, die dich kennen; wenn dich einer von ihnen jetzt sehen würde!"
„Würde mir auch niemand den Kopf Herunterreißen," erividertc er mit einem schwachen Versuch zu scherzen. Llbcr der mißlang. War ihnc doch das Herz ebenso schiver wie ihr. „Tn hast ivieder geweint," sagte er nach einer kleinen Pause, während der sie stumm nebeneinander am Flusse hinge- schrittc» waren.
Das Mädchen schaute zct ihm auf und ihre schönen Augen füllten sich mit Träne».
„Ich muß immerzu weinen," sagte sie mit rührender Schlichtheit.
Desider riß sie au seine Brust und küßte sie, die ihre kveichcn Arme um seinen Hals schlang und ihm seine Küsse glühend zurückgab.
„Es ist ans, hofsnungslos ans," sprach sie dann unter Schluchzen. „So lieb mein Vater uiich Yak, als ich ihn gestern nur so — so im Scherz, weißt du —- fragte, ob er: mir nicht erlauben würde, einen Oesterreicher zu heiraten. Desider, da hättest du ihn sehen sollen! Nur daß er inich nicht geschlagen hat! lind ich ... ich tat doch nur, als ob ich einen Scherz machte!"
„Wie eng ist doch der Horizont des Menschen!" mur- melkc Desider finster. „Tein Vater ist ein Professor, ist ein Gelehrter und selbst ihm schließen so ein paar Grenzpfähle die Welt ein! lind deshalb soll man fein Liebstes auf der Welt hergeben! Ich kann's nicht, Helene! Ich kann's nicht! Wenn ich drüben in Semlin an dich) denke, glaub' ich, ich inuß wahnsinnig werden! Ich Hab' dich ja so lieb, so lieb!"
Er schrie die Worte säst heraus und sie stammelte, überwältigt von ihrem Glück und ihrem Schmerz:
„Mir gehk's ja nicht anders!"
Wieder lag sie au seiner Brust, ivieder küßten sie sich. Langsam schlich der Abend übers Land, vom Flusse stiegen iveißc gespenstige Wassernebel auf und der Wind fuhr raschelnd durch das dürre Herbstlaub, Trüben,-am anderen User, sang int Schilf ein Regenpfeifer feilt trübseliges Abendlied.
„Was nun?" fragte er dumpf und tonlos, als sic ihm aus dem Arm geglitten ivar.
Sie stand vor ihin, hielt seine Hände umfaßt nndf schaute ihm in die Augen, »nd da sah er, lvie in ihnen deutlich, immer deutlicher eine heiße Bitte heraufstieg. Nicht mißzuvcrstehen ivar dieses stumme Flehen der dunkelblauen Augensterne.
„Nein, Helene," schrie er ans, „das kannst du nicht von mir verlangen! Wenn du willst, geh' ich mit dir sterben, aber das nicht!"
„Warum nicht, Liebster, warum nicht? Wo es doch der einzige Weg ist, der uns zusammenführt!" Ihre Stimme klang süß und weich wie nie zuvor; ihr schlanker Leib preßte sich an den seinen.
„Komm zu uns!" flüsterte sie, während sie ihn näher an sich zog. „Zu mir komnt! Bist doch ein halber Serbe. Laß diesen stolzen Kaiser in seinem glänzenden Wien! Was ist er dir? Ein Begriff, weiter nichts, lind ich ... ich! Sagst du nicht immer, ich bin dein alles, dein Leben?"
Er stand in furchtbarem Kämpfe. Sein Atem keuchte, seine 'Nasenflügel bebten, aber nur eine kurze Minute. Dann ritz er sich fast rauh von ihr los und trat zurück.
„Wir wollen gehen!" sagte er mit einer Ruhe, die ihr unheimlich klang. „Es ist spät!"
„Desider!" schrie sie auf und wollte ihn noch eiikmqL umklaimnern. >
Er aber schüttelte den Kopf.


