Ausgabe 
28.11.1914
 
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Un den iäfcrn der Drins.

Roman aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Die Kossuwa, der Herbsrsturm, heult durch die Straßen der serbischen Hauptstadt, peitscht den Menschen nadelscharfc Regentropfen ins Gesicht nno fährt wild in die Viesen Fah­nen an den Häusern, daß sie laut knattern und zusammen- schlagen. Sonntag ist's, und die Geschäfte sind geschlossen.

Aber trotzdem lassen sich ivenige Leute auf der Straße sehen. Wenn die Kossawa u>n Belgrad tanzt, sitzt e? sich viel dessen zu Hause am warmen Ofen, selbst wenn das Vaterland rusr wie beute. Es ist wieder ein großes Protest­meeting angesagt, mit obligaten Reden und darauffvlgen- pein Teinonstrationsunizug Dieses falsch«, übermütige Oesterreich Ungarn svU beute wieder einmal vernichtet werden.

Besorgt jedoch blicken die Patrioten auf die unwirt­liche Straße, prüfen den wvlkenbebangenen Himmel, horchen auf das Toben der Kossawa und schütteln die Köpfe Wenn das Wetter so cmhätt, braucht Oesterreich heute nicht zu zittern. Der serbische Patriot fürchtet nwhl nicht seine Ka­nonen, aber dem Schnuvfen geht er doch lieber aus dem Weg. Kalte Füße vertragt auch der glühendste 'Patriotis­mus nicht . ..

Ich bin neugierig, ob sie heute wieder demonstrieren werden," sagte der junge Baron Gudenberg und rückte sich behaglich in seinem Klubsessel zurecht.

Bon mir aus können sie macheic, was sie wollen," brummte der Legationssekretär Ghisa und zündete sich eine nene Zigarette cmAus dir Dauer wird die Geschichte fad. Wenn sie wenigstens bei euch im Konsulat oder bei nns in der Gesandtschaft ein paar Fensterscheiben einschlagen woll­ten. damit man endlich einmal mit den Herren serbischen Ministern aufdrehen könrrte. Aber sie wollen nns halt ibre Kultur beweisen "

Die beiden Herren saßen im Rauchzimmer der öster­reichisch ungarischen Gesandtschaft. In dem kleinen Kamin knisterte lustig ein trauliches Feuer, und so bedrohlich die Weltlage anssah, von hier ans ließ sie sich weniger unge­mütlich an.

Weißt du, Gudenberg," nahm Ghisa nach einiger Zeit wieder' das Gespräch auf,gestern bin ich dem alten Fuchs, dem Pas chic, auf der Fürsr-Mtchael-Straße begegnet. Ich sag' dir, von einer Liebenswürdigkeit war er, von einer Liebenswürdigkeit! Ich bin überzeugt, da brauen sie wieder so eine heimtückische Sache zusammen. I« liebenswltrdiger so ein serbischer Minister ist, desto mehr muß man sich, in acht nehmen. Es ist auch zu dumm, daß st» den Forgach g'rad jetzt auf Urlaub gehen lassen."

Girdenberg lachte.

Lieber Freund, ich finde das sehr schlau von den Herren am Ballplatz in Wien. Der Forgach als k. und k. österreichisch-nngariscber Gesandter hätte ein verdammt schweres Dasein hier. Was machen tvir, wenn er irgendwie insultiert wird, nicht wahr? Man will eben einem Kon­flikt aus dem Wege gehen."

Danke für die Belehrung!" knurrte Ghisa grimmig Du hast leicht reden! Du bist Bizekonsul, gehst um neun ins Bureau und verschwindest wieder uni zwölf Wenn du in der Zwischenzeit drei Pässe unterschrieben hast, beklagst dn dich ivegen Ueberanstrengnim Ich aber sitze da, so wie ein Prellbock Ach, e? ist zum Teufel hole». Und da »nuß man immer höflich fein nno zuvorkommend. Herrgott, wenn man doch schon endlich einmal die Fäuste gebrauchen könnte!"

Hast recht, Ghisa!" sagte eine frische Männerstimme von der Dur her.

Da standen zwei junge Männer, denen man auf den ersten Mick die Offiziere in Zivil ansah Der eine, mittel­groß, mit breiten Schultern und männlichem, gebräuntem Gesicht, war Franz von Lohnsperg, Oberleutnant bet der in Semltn stationierte» Eskadron der Pappenheiurdragv- ner, der andere, groß, schlank, mit iveichen, schwarzen Haa­ren und metancholischeii Träumeraugen. Desider Gronay, -Oberleutnant bei den Semliner Honveds.

Hast recht, Ghisa!" wiederholte Lohnsperg

Servus, Kinder!"

Die beiden jungen Diplomaten sprangen freudig auf und begrüßten die Offiziere.

Daß ihr euch noch herübertraut!" lachte Gudenberg und schob ihnen vie Schachtel ,mt den Zigaretten hin.

..Man zieht sich so schäbig wie möglich an." antwortet« der Dragoner,dann fällt man im neben Belgrad nicht auf. Ra, und ivenn die Pflicht ruft! Was Deji?"

Sein Kamerad nickte lächelnd

Ihr seid mir ein paar liebe Vogel," nceinte der über­anstrengte Herr Bizelonsul,Wir hier in Belgrad halten Wache am Rande des Vulkans, opfern uns aus für da? Wobt des Vaterlandes und ihr führt das Leben pflichtvergessener Wüstlinge I"

Mutig zieht der Soldat aus dem Arm der Gelrebten in den Tod!" deklamierte Lohnsperg frei nach irgendeinem DichterDas ist ja nur der Neid, der au? euch spricht!"

Weißt du," sagte Ghisa, indem er kunstvolle Rauch­ringel in die Luft blies,beinahe könntest du recht haben. Wie lang bin ich schon in Belgrad? Mir scheint, zwei Jahre. Na, mir ist es noch nicht gelungen, hier ein weibliches Wesen aufzutreiben, für das ich mich hätte begeistern können. Und in der letzten Zeit haben sie sich nicht nur mit Tugend, sondern auch noch mit Patriotismus gepanzert, so daß einem rechtschaffenen Oesterreicher das Leben hier verdammt sauer gemacht wird. Und ihr ungehobelten Kriegskneckte, die ihr nur Gastrollen hier gebt, habt euch jeder ein innig, minntg, süßes Lieb eingescmaen."