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„Na, bei mir war das grab keine Kunst", erwiderte der K Dragoner. „Ich habe einfach alte Beziehungen wieder an- > geknüpft."
„Hallo, das klingt ja interessant!"Und Ghisa pfiff leise durch die Zähne. „Aus Wien wohl. Na, ich will nicht indiskret sein und nicht weiter nachforschen. Und wie ist's bei dir, Gronah?"
„Ich bin verlobt", antwortete der Offizier ernst.
„Uff, also eine tiefe Herzensafsäre. Eine Serbin?"
Der Ungar nickte.
„Ja, eine Serbin. Ein reizendes, liebes Mädchen aber Kinder, tut mir den 'Gefallen, sprechen wir von was anderem. Sagt lieber, was gibt's neues vom Diplomaten-, schauplatz?"
„Nichts von Bedeutung", gab Ghisa achselzuckeud zur Antwort. „Wir wissen nicht viel mehr als ihr. Da mühte ihr schon in Petersburg, oder in London ansragen. Dort ivird die Suppe gekocht, die Oesterreich auslösfcln soll. Hier sind nur die Drahtpuppen, die von Jswolsky und Greh gezogen werden. Und daraus, wie die tanzen, müssen wir uns konrbi- nicren, was die Hintermänner eigentlich ivollen. I» den letzten Tagen sind sie merkwürdig ruhig und freundlich, immer ein Zeichen, daß sie wieder was Neues aushecken. Der Teufel) soll sie alle miteinander Hosen!"
„Aber nicht bevor wir ihnen tüchtig das Fell gegerbt haben!" rief Lohnsperg dazwischen.
„So seit drei, vier Wochen rudert hier ein merkwürdiges Frauenzimmer herum", fuhr der auf einmal redselig ivcr- dende Legationssekretär fort. „So ein Mittelding zwischen Aristokratin und Hochstaplerin, die russische Gräfin Grckow — Was hast du denn, Lohnsperg?"
Der junge Offizier war bei diesem Namen unmerklich zusammengezuckt, aber dem scharfen Auge des Diplomaten war cs nicht entgangen. Scherzhaft drohte er deni andern mit dem Finger.
„Du, Lohnsperg, wenn du die Grekoiv kennst," sagte er, „geh' ihr lieber nicht in die Nähe. Sie soll ein ganz gefährliches Frauenzimmer sein. Was ich von ihr weiß, empfiehlt sie nicht gerade als Freundin eines österreichischen Offiziers."
„Nanu, du wirst ja ordentlich dramatisch", lachte der Angeredete, jedoch das Lachen klang etwas gezwungen. „Am Ende ist sie gar eine Spionin?"
„Ja, so was Aehuliches. Vor zwei, drei Jahren ist sie in Wien aufgetaucht und ließ sich dort in die Gesellschaft einführen; der Polizei aber fiel es auf, daß sie hauptsächlich Bekanntschaften mit Offizieren suchte, vor allem mit Generalstäblern — man forschte ihr so in aller Ehrbarkeit nach, und die Folge davon ickar, daß sie bei Nacht und Nebel verschwinden mußte."
„Na, mir wird sie nicht gefährlich werden!" warf Lohn- sperg gleichmütig hin. „lind was könnte ich schon für Staatsgeheimnisse verraten?"
„Ich weiß nicht. Sic ist ein blendend schönes Weib und darum doppelt gefährlich. Ich habe den Auftrag von Wien, sie ganz besonders scharf zu beobachten!"
i,Do?" Ganz kühl und gelassen kam das Wörtchen über die Lippen des jungen Offiziers, aber er lehnte sich weit in seinen Klubsessel zurück, damit die andern nicht sehen könnten, wie ihm jäh eine heiße Röte ins Gesicht stieg.
Er war daher inehr als froh, als gerade in diesem Moment zwei neue Ankömmlinge das Zimmer betraten, Major Bussen, der österreichische, und Baron Leegerst, der deutsche Militärattache, beide noch jüngere Männer mit energischen, klugen Gesichtern.
„Meine Herren, eine Neuigkeit," sagte der österreichische Attache, als alle Begrüßungen ansgetauscht und alle Hände geschüttelt waren, „eine welterschütternde Neuigkeit! Heute
S achinittag Punkt zwei Uhr großes Protestmeeting auf dem ürst-Michael-Platz! Fremde Gäste herzlich willkommen!" „Heute^bei dem Wetter?" fragte Gudenberg zweifelnd. „Der Sturm läßt nach, der Himmel beginnt sich aust- iuheiter». Ich weiß cs ganz positiv, daß der famose nationale Berteidigunasausschuß eben Sitzung hält, um daS Pro-
« ramn, festzustellen. Ich kenne sogar schon daS Programm« stgend w ein Univcrsitätsprofefsor wird eine Rede reden. 6ann wird ein Italiener im Namen seiner hier lebenden landsleute den Serben schwören, Oesterreich zu vernichten, rin echter Garrball inner im roten Hemd wird auch dabei «IN Attraktionsnummer allerersten Ranges, bitte! Dann »ierlicher Umzug mit Fahnenschwenken und Gebrüll. Rede
des Naiionalhelden Nummer eins, Sr. königlichen Hoheit des Kronprinzen. Hieraus Antwort des Nationalheldcn Nummer zwei, des Präsidenten des nationalen Verteidigungsausschust> ses, des Herrn Nuschic, ehemaligen Theaterdirektors in Neusatz. Endlich Demonstration zu Ehren des englischen Gesandten. Und das ist die Hauptsache! Nämlich die Million Pfund, die England vor fünf Wochen so unter der Hano hergeschickt hat, ist alle. Und ein paar serbische Patrioten! haben nichts davon abbelommen, man denke sich! England soll also nur Moneten gusladen, damit alle Patrioten belohnt werden können!"
„Tas Traurige an diesem Possenspicl," sagte Baron Leegerst mit seiner scharfen preußischen Ossiziersstimine, „ist das, daß diese oberfaulen Kerle mit ihrem Humbug die ganze Welt zum Narren halten. Ihr Oesterreicher habt eine wahre Engelsgeduld mit der Gesellschaft. Mal 'n paar Regimenter her, und die Herren Paschte, Nuschic und lvie die icc alle heißen, sind nicht mehr zu sehen und zu hören. Ich wette, wenn Sie, Herr Kamerad, mit Ihrem Zug Pappcnheimdragoner mal so '« bißchen durch Belgrad spazierenreiten, rennt die ganze Stadt davon."
„Na, Herr Major, ganz so arg ist die Sache nicht," entgegnete Lohnsperg lachend. „Feig sind die Serben nicht. Sic haben sich gegen die Türken ganz gut geschlagen."
„Tas mag sein. Ter serbische Soldat ist gewiß nicht schlechter als andere, aber er hat nischt anzuziehen, nischt zu schießen und nischt zu fressen — nee, meine Herren, dal ist ooch nischt mit der Tapferkeit!"
„Tas Volt hat einen ganz guten Kern," mischte sich Ghisa ins Gespräch, „aber die sogenannte Gesellschaft ift> wie Sic sagen, Herr Major, oberfaul. Alles korrumpiert durch und durch, wie immer in einem Lande, in dem Politik der oberste Beruf ist. Und der einträglichste."
„Ja, du hast ganz recht," ries da Grouay, der sich bis dahin ganz still verhalten hatte, und eine leise Erregung zitterte durch seine Stimme. „Tas Volk verdient gewiß nicht, über die Achseln angesehen zu werden. Es ist fleißig, genügsam und intelligent. Aber seine Führer sind es, die das Land zugrunde richten. Und wir dürfen doch eines nicht vergesst». Ob mit Reckst oder Unrecht, der Hofsnungs- traum der Serben war ja nun einmal die Bereinigung mit Bosnien, die Gründung eines großscrbischen Reichs. Und diese Hoffnung haben mir ihnen jetzt aus immer zerstört. Ich glaube nicht, daß diese anfflammende Bcgeiste- rnng Schwindel ist. Die sogenannten Patrioten sind vielleicht Schwindler -- "
„Nicht nur vielleicht, sondern ganz bestimmt!" warf Ghisa ein.
„Gut, zugegeben," fuhr der junge Offizier, immer eif- riger werdend, fort. „Aber das Volk ist wirklich in allen! seinen Schichten erregt. Ich bin lein Politiker und kein Diplomat »nd will mir daher über die Verhältnisse kein Urteil erlaube», ich meine aber, wenn das Keine Serbiens den Kampf mlt dem große» Oesterreich aufnehnien wilF so zeugt das nur für einen Heroismus) der doch gewitz nicht lächerlich ist,"
„Sie haben ja merkwürdig viel Sympathien für die Herrn Serben, Kamerad," sagte Leegerst mit nachsichtigem Lächeln.
Gronah hob stolz den schönen Kopf.
„Ich will nicht leugnen," entgegnete er, „daß ich serbisches Blut in meinen Adern habe. Meine Mutter war eine Serbin aus Essegg. Vielleicht kommt es daher, daß ich den Serben gegenüber gerechter bin als alle meine Kanieradcn. j Ich kenne sie nämlich, .Herr Major. Herr Major Bussen n»b ! mein Freund Lohnsperg werden es Ihne» bestätigen, daß, viele Serben in unserer Armee als Offiziere und Soldaten ! dienen, und sie sind nicht die schlechtesten. Ich kann das ruhig sagen, denn ich selbst fühle ganz und gar nicht serbisch. Mein Vater war ein Stockmaghare, ich bin ungarisch - erzogen, habe ungarisch denken und fühlen gelernt seit meiner frühesten Jugend auf. Ich bin Ungar mit Leib untz, Seele. GS ist nur die menschliche Gerechtigkeit, die nrich so sprechen läßt, Herr Major."
Die Anwesenden schwiegen, ganz betroffen, so ernst hat«! seine Stimuie geklungen. Major Leegerst aber erhob sich nach einer kleinen Weil« und trat mir auSgestreckter Hanaus den jüngeren Karneraden zu.
„Herr Oberleutnant," sagte er voll Wärme, ,,gvv» Sprache macht Ihnen all« Ehre. Ob Serbe oder Unmrr oder Deutscher, ich glaube, daS kommt in der östevreichisch-unga-


