MittwoL». den 2S. November
M4 -- Nr. m
Die hundert Tage.
Roman auS dem Jahre 1815 von M. von Wittan.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Eine Antlvort, wie wir sie uns nicht besser wünschen konnten," rief er triumphierend. „Der Herr Preuße wirb die Scheidungsklage einreiche» —"
Ein dumpfer Laut, ToSkas Hand fuhr zum Herzen — sobald der Krieg beendet ist! Und Madame, in wenigen Tagen wird er beendet sein! Schon stehen die Preußen vor den Mauern von Paris — jeden Augenblick kann der Frieden proklamiert werden! Mein König Ludwig XVIII. bereitet slch schon zur Rückkehr in seine Hauptstadt vor! — Run, Madame, bringe ich nicht gute ? dachrichten die Fülle?! Wie werde ich dafiir belohnt?!" Er ergriff ungestüm, in eitlem Siegerbctvußtsein, ihre Rechte, führte sie an sein Herz und ' uwlltc, seinen linken Arm um ihre Schultern schlingend, sie an sich ziehen.
Jäh stieß sie ihn von sich. Ihr Atem keuchte.
„Zurück! Roch bin ich Otto von Jägers Weib!"
„Warum so spröde? Bald wird die Scheidung ausgesprochen sein —I" Bon neuem haschte er nach ihrer Hand.
Da richtete sich Toska zurückweichen? zu ihrer ganzen Höhe auf. Wie eine Königin stand sie nun >vor ihm
„Mein Herr, auch »ach der Scheidung iverde ich keinem andern Manne angehören! Am allerwenigsten aber einem, der seinem Kaiser, dein er Treue geschworen, die Treue brach."
Sei» Besicht verzerrte sich.
„Ist das der Dank. Madame?" Seine Zähne knirschten, seine Augen spien Gift. „Wer lfat denn von g«ns beiden den größeren Perrat geübt? Ick), der ich im.Kampf der Meinungen um die wahre Thronberechtigung den Tyrannen verließ, um dem rechtmäßigen, angestammten Bönig Frankreichs meine Dienste anzubicten, oder Sie — Sie, die sich dein Feinde Ihres Vaterlandes in die Arme geworfen?!"
Toska hielt seinen Blicken stand. Sie senkte das Haupt nicht.
„Ihr Spott trifft mick, nicht mehr, mein Herr!,Die Preußen sind die Feind« Napoleons. Sie «nutzten es sein! — Doch nicht die Feinde Frankreichs!"^
„Hahaha!" lachte der Graf. Es >oar ein böses Lachen. „Wen wollen Sie mit dieser Sophisterei an der Nase herumführen ?"
ToSka neigte mit kaUein Gruß das Haupt „Leben Sie wohl!" Aufrechten Ganges schritt sie davon.
Da rief er ihr nach!
„Madame! Sie lieben Ihren Preuße« noch! Viel Glück zu de»« Verrat!"
Run zuckte sie doch zusanunen. Aber solange sie isich noch seinen Blicken sichtbar wußte, schritt sie init demselben ^»«nessenen Schritt dahin. Sobald aber die zusammenkreten-
den Taxusbüsche sie seinen Blicken entzogen, lief sie,tvie gejagt den Kiestveg entlang, an den Roseubeeten, an (beit Sphinxen vorüber und ins Haus, warf Hut und Schal auf den Wandhaken und stürzte in das Kl-ankenzirniner des Vaters hinein.
An seinem Lager brach sie aufstöhnend nieder.
Endlich löste ein leises, schluchzendes Weinen den Aufruhr in ihrer Brust. j
Mit einem Male fühlte sie, wie seine Hand Mit «vnnder- barer Zartheit über ihr blondes Haar strich. Sie erschauert« bis iuS Innerste. O diese stumme, alles verstehende, tief- beredte Hand! Still, ganz still hielt Toska unter ihrer Liebkosung. Langsainer flössen ihre Tränen.
„Kind, Kind," kam es nun wie ein Hauch von des Paters Lippe». „Traure nicht zu tief daruur, daß rch sterbe — von den zusammenbrecheuden Trüininern dieses Kolosses erschlagen. Ich sterbe gern, — der Stern au.meinen« Lebenshimmel ist erloschen. Aber du >—! Du >«>ußt.««och leben. Und das sollft du noch wissen, eh« ich geh«. Wenn du —> den Preußen lieb hast, ich fluche dir nicht Mehr."
„Vater!" schrie sie auf. „Das sagst du — l— —?"
„Ist es nicht würdiger, einen Irrtum euiz»gestehen, als ihn mit ins Grab zu nehmen?" i
„ —i — Jetzt! Jetzt, wo es zu spät ist!"
„Was «väre «vohl fitr die Liebe zu spät?" sagte er sanft und in seine» «veiche», warmen Augen schimmerte ein tiber- irdisckier Glanz.
„Vater — er verachtet mich!"
Er richtete inühfain das Haupt ein n>e>iig auf.
„Dich — dich — verachten?"
„Weil ich ihn verlassen! Ihn, den« ich Treire geick^vo- re»! Ich hätt' es »ickit tun dürfen! Ick« hält' es nicht tun dürfen!" schrie sie noch einmal.
„Kind — richte dich ntcht zu streng. Pflichten stritte» mit Pflichten."
„Sein war das größere Recht! — Vater, und wenn «c mir diesen Irrtum vielleicht auch noch vergeben könnte, diesen Irrtum, der ein großer und heiliger >vür — so kann ich doch nie — nie zu ihm zurück tz'sAutzcr sich, grub sie ihr Gesicht in seine Hand, die sie ergriffen hatte
„Toska?" Eine abgrundtiefe, bange Frage tlang tn diesein Wort.
Sie versta«id ihn Frei und stolz hob sie daS Hanpt und blickte ihin offen ins Auge.
„Vater — sonst trage ick, keine Schuld. Aber — ich fiihl's — heut, in dieser Stunde ist mir.meine Ahnung zur Gewißheit genwrdcn er glaubt mich in kleinliche Schuld verstrickt — wähnt, daß ich ihn ans niedriger Liebelei mit einem andern verlchsrn!"
„Und dieser andere?"
„Gras Duboit —
„Ach der!" Ei» verächtliches Zucken zog die feinen Mundwinkel unter de», immer noch kräftigen Schnurrbart
herab. „Dieser Ueberläuser!" Die Finger der Linken, die auf


