636
griesgrämigen Oheim eine zweite Heimat gefunden, bis sie
Erdmuthens Einladung nach Scheugen folgte--.
Es schüttelt ihn wie im Fieber. Damals! Damals und heut!
Da weckt ihn ein Lachen.
„Das Donnerwetter! Sicherlich das kaiserliche Gepäck!" Ulanen rnfen's. „Daß man Habt machen könnte! Man würde zum reichen Mann!"
„Das gibt's jetzt nicht!" hört er Ulrichs ruhig befehlende Stimme. „Vorwärts heißt es! Wie's der Feldmarschall besohlen. Hier ist sogar ein Reisewagen. Gewiß der von Napoleon! — Leute, gebt's von Mund zu Münd zurück, damit es der General von Gneisenau erfahre!"
Und ein Murmeln, ein Lachen und Frohlocken läuft die Ulanen entlang —
Der Reisewagen Napoleons! Wahrhaftig!
Jetzt hält auch Otto dicht neben der hochrädrigen, weitbauchigen Kutsche. Wenn Napoleon selber darinnen wäre! Sterbend — oder tot?
Otto ist vom Pferde, ehe er den tollen Gedanken zu Ende gedacht. Mit der Linken die Zügel seines Hengstes haliend, reißt er mit der Rechten die Wagentür aus.
Sein Herzschlag setzt aus —
Da! Da liegt ein Menschenkörper am Boden. Die Uniform beschinutzt — blutverkrustet. Er läßt die Zügel seines Rosses fahren, schwingt sich aufs Trittbrett und in den Wagen
— richtet den bleischweren Körper halb auf —
Voll fällt nun das Mondlicht auf das geisterblciche Gesicht. Napoleon nicht —! Aber —!
Otto läßt das dunkle Haupt fahren, als habe ihn eine Schlange gestochen. Unsanft taumelt es gegen die jenseitige Wagentür. Da öffnet es die Augen —I die wirre», schmerz- durchbebien, und doch so schönen Augen.
„Nicht in die Hände der Preußen! Zu meinem Bruder!
— Laß mich in Toskas Armen sterben", flehen die halb vertrockneten Lippen. Und noch ein herzzerwühlender Blick aus diesen Augen, in denen der Tod steht, aus diesen Augen, die — die an Toska erinnern.
„Nun, Freund, was haben S i e denn für einen Fund getan?" rust eine Stimme. Gneisenau ist's.
Da schießt Otto empor. Aus dem Wagen heraus. Er kann nicht anders. Er muß. Wie ein Fieber hat's ihn gepackt.
„Da ist ein Sterbender, Herr General. Er stand mir nahe. Früher einmal. Er verlangt nach — den Seinen. Darf ich ihm diese letzte Bitte erfüllen? Das Haus seines Bruders muß etwa zehn Minuten von hier liegen."
Gneisenaus Auge ruht durchdringend auf dem in heißem Flehen zu ihm erhobenen Antlitz Otto von Jägers, das der Mond beleuchtet.
„Wer ist's?"
„Philipp von Eure. Ein Oberst oder General der Garde."
Gneisenau ist abgestiegen. Er wirft einen Blick in den Wagen und aus den Halbtoten.
„Unmenschen wollen wir nicht sein. Wenn Ihnen daran liegt — erfüllen Sie seine Bitte."
Wenige Minuten später ritt Otto in Begleitung zweier Ulanen, die auf einer rasch zusammengestellten Bahre den französischen Offizier trugen, die Fortsetzung der Querstraße entlang, die nördlich der Dyle gen Westen sührte.
Mit eigentümlicher Klarheit war die Schilderung Toskas, die sie einst in Schengen von der Lage und dem Besitztum ihres Oheims gegeben, in Otto wieder lebendig geworden. Es war ihm beinahe, als sei er selber schon dort gewesen, so klar stand das Bild vor seiner Seele.
Je weiter man kam, umso stiller ward es. Alle Verwüstung des Krieges hörte auf. Der Landweg zog sich jetzt »wischen hohen Getreidefeldern dahin, die in einem sanften Winde leise wogten und rauschten.
Vom Turme von Genappe schlug es die zwölfte Stunde.
Otto sah und hörte nichts davon.
Sein Herz schlug wild. Umso wilder, je näher er dem «nwesen kam, dessen Schieferdach, vom Mondlichl beglänzt, schon am Ende des Weges aufleuchiere.
Philipp von Eure hatte nach Toska verlangt — sollte «r sie dort wiedersinden?
Nur das nicht! Nur ihr nicht noch einmal unter dis Augen treten! Nur diese Qual nicht noch einmal durchr- machen! Am liebsten wäre er zurückgeblieben — hätte die Ulanen «Nein mit ihrer Bürde forlgeschickt.
Und doch ritt er weiter. Ja, er spornte sein Pferd sogai
zu einer rascheren Gangart an.
Sic kann ja nicht dort sein! redete er sich vor. Heut« mittag war sie in Frischermont. Heule mittag! Ewigkeiten schien's ihm her.
Und w-»cmm kann sie nicht dort sein? hohnlachte sein wacher Verstanv. Der direkte Weg von Belle-Alliance bis Genapp beträgt sechs Kilometer. Und wenn sie selbst einen weilen Bogen gemacht haben würde, um an den Truppen und binter dem französischen Heere sortzukoinmen, so würde ihr Rückweg vielleicht das doppelte, vielleicht auch das dreifache betragen. Aber selbst dann! Selbst dann war es nicht ausgeschlossen, daß er sie im Hause ihres Onkels finden könnte.
Schweiß brach ihm aus allen Poren. Der Atem ging ihm keuchend vom Munde. Er lüstet den Tschako, biß die Zähne aufeinander: Tor, der er war! Was sollte sie dort in dem einsamen Hause?! Sie hatte ja auskundschaflen wollen. Spionieren — verraten! Da muß man sich hinein ins wil- deste Getümmel stürzen. Gewiß! Wie der Vater stand sie irgendwie mit Napoleon in Verbindung — entfloh vielleicht in einer seiner Equipagen. Oder — oder — hatte sie nur für jenen Grafen, für ihren Galan spioniert, um rechtzeitig genug zu erfahren, wen« von beiden, Napoleon oder. Ludwig XVIII., ihrer beider Anhängerschaft sich zuzuwenden habe? Wiußle Gras Duboit vielleicht gar, daß er sie in Ge- nappe finden würde?
Ein gallebitterer Geschmack trat Otto auf die Zunge. Ein Sporendruck — das Pferd sauste mit ihm davon. Jetzt hielt er vor dem behäbigen Gehöft. Eine lange, festgefügte Mauer, in deren Mitte eine eiserne Flügeltür in den Angeln hing, schützte es gegen die Straße. Hinter der Türe führte ein kurzer Baumgang durch einen Blumengarten geradewegs aus das altvaterische, einstöckige Gutshaus zu, in dessen Rücken rechts und links ein paar Wirtschaftsgebäude lagen.
Otto erfaßte das alles mit einem Mick. Wie war das alles genau so, wie er es sich nach Toskas Beschreibung vorgestellt hatte!
Totenstille herrschte in Haus und Hof und Garte».
Gewiß! Sie war nicht hier! Er atmete aus — und doch war seine Seele plötzlich von einer tiefen Traurigkeit befallen.
Er zog die Klingel. Der blecherne Klang verwehte in der Stille der Nacht. Da regte es sich im Baumgang. Als ob ein Schatte» sich erhöbe. Eine Stimme fragte:
„Wer ist da?"
Otto durchfuhr's wie ein Dolchstoß. Diese Stimme! Diese weiche, süße, verführerische Stimme, die aus dem Himmel stammen mußte und doch in die Hölle führte! Da war sie nun doch — — !
Er biß die Zähne ineinander — kniff die Augenlider kramvshaft zusammen —
Und noch einmal fragte es:
„Wer ist da?"
Er riß sich zusammen.
„Ich bin es! Oefsne!" Hart wie klingender Stahl spran- gcnd die Worte. Ich bringe deinen Barer. Sterbend."
Ein leiser, klagender Schrei — ein Huschen über den kiesbestreuten Weg — ein Schlüssel knarrte — die Torflügel slogen aus: Mann und Weib blickten einander sekundenlang ties in die Augen.
„Du — ? Du — ?" brachte sie endlich stammelnd heraus. Weiter kam sie nicht.
„Ja — ich! Mich hättest du hier wohl zu allerletzt erwartet!" hohnlachte er. „Aber auch ich dürfte vielleicht erstaunt sein, dich hier wiederzusinden. Heut mittag als Landmädchen in Frischermont — heul nacht in Genappe als vornehme Dame?! Alle Achtung vor solcher Verwandlungsfähigkeit." .... ‘
Sein Ton überschüttete sie ivie mit giftiger Lauge.
Da waren die Ulanen heran.
Toska rührte sich nicht von der Stelle. In ihrem lanM- herabsließenden Gewände stand sie wie versteint. Mit den großen jammerstarren Augen einer Niobe.
Ein Wink von Otto. Ein kurzer Befehl:
„Tragt den Herrn General hinein in das Haus. Madame wird mit euch gehen, um euch anzuweisen, wo ihr ihn hinbetten sollt."
[Qortfctuna folgt.)


