Ausgabe 
19.11.1914
 
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Die hundert Tage.

Roman cmS dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Wie ein großer Schiffbruch sieht die Straße aus. Mit unzähligen Geschützen, mit Pulverwagen, Fahrzeugen, Ge­wehren, Trümmern aller Art wie besäet. Gespenstig gleitet das Licht des Mondes darüber. Doch hängt der im nacht­klaren Aether. Und da taucht auch schon die dunkle regellose Masse des flüchtenden Feindes auf Vor den Ulanen wälzt sie sich her in kleineren und größeren Trupps, ohne jede Führung, Soldaten aller Gattungen zusammengedrängt. Eine entsetzliche Panik greift beim Anblick der Preußen unter den Geschlagenen um sich: wie aufgescheuchles Wild vor dem Jäger, sucht ein jeder, widerstandslos, sein Heil in toller Flucht.

Die elfte Stunde schlägt's vom nahen Glockenturme. Eben ist Napoleon mit ein paar Herren seines Stabes, Philipp von Eure an seiner Seite, in Geuappe eingeritten. Das Tor wird geschlossen, mit Wagen und Geschütz verbarri­kadiert. Dumps dröhnen die Stöße und Hammerschläge durch die Nacht.

Langsam, wie erleichtert aufatmend, reitet Napoleon mit Philipp von Eure voran; an der Wagenreihe entlang, die, sein Kriegsgepäck bergend, in der schmalen Straße aufgesah- ren ist.

Das Auge des Kaisers hat etlvas von seiner starren Ber- »weislung verloren. Es ist, als spömien hinter seiner Stirn schon wieder tausend aufbaueirde Gedanken.

Aber Philipp von Eure ist todbleich. Sein Gesicht ist ver­fallen. Mit größter Anstrengunig nur hält er sich ausrecht. Eine Kugel sitzt ihm im Leid. Eir stählt, wie seine KrästL schwinden. Aber noch muß er leben, er muß! Um seinen Abgott zu retten.

Jetzt halten die beiden Reiter an Napoleons weitbauchi- gem Reiseivaaen. Mit sechs kostbaren Hengsten ist der be­spannt. Napoleon schwingt sich vom Pferde >md wirft einem bereitstehenden Soldaten die Zügel zu. Dann tritt er zum Wagen. Er achtet es nicht, welch« unsägliche Mühe es dem General kostet, aus dem Sattel zu komnien.

Wie lange ist's noch bis zum Hause Ihres Bruders?" fragt er, ohne sich umzublicken, während die Ordonnanz ihm die Wagentür öfsnet.

Zehn Minuten, Sire, die Querstraße entlang gen Westen."

Nun wohlan!" Napoleon steigt ein. Er fällt in die Polster. Eine inüdc Handbewegung.Setzen Die sich zu mir. Rasch! Rasch! Ich habe keine Ruhe!

Mit einer Ohnmacht kämpseno taumelt Philipp von Eure in den Wagen. Die Dür schließt sich. Me Pferde ziehen an, fahren zu

Da! Welch ein höllischer Lärm? Schüsse krachen, Kar­tätschen donnern gegen das Stadttor

Napoleon sährt empor der Hut fällt ihm vom Kopfe

Die verdammten Preußen! Fort! Fort!"

Sire! Lassen Sie mich ihnen nicht in die Hände fallen! Nehmen Sie mich mit." In wilder Angst, vom Lieber ge­schüttelt. umtlammert Philipp von Eure seines Kaisers Arm.

Der stößt ihn von sich mit eiskaltem, bitterbösem Blick.

Was fällt Ihnen ein?" Dann ist er aus dem Wagen.

Philipp von Eure will ihm nach, greift mit den Hände» in die leere Luft und fällt zu Boden,

Wo ist mein Pferd?! Mein Pferd!" dringt Napoleon- angstvolle Stimme noch an sein Ohr in fern sterbende- Bewußtsein hinein.

*

Draußen vor dem verrammelten Tore hält Ulrich Erlen mit seiner Schwadron. Er hat sich vom Pferde geschwungen

die halbe Sck)wadron steht abgesessen. Da sprengt auch schon Gneisenau mit einigen anderen Stabsoffizieren und mit General Zielen heran.

Was gibt's hier?" rust Gneisenau atemlos.

Das Tor ist verbarrikadiert, Exzellenz. Aber ohne jede Bewachung," entgegnet Ulrich.Die Franzosen müssen im Orte sein Hören Euer Exzellenz das Lärmen und Hastend'

Rasch! Rasch! Wir müssen hinein!"

Zu Befehl! Ich hatte eben schon begonnen, die Hinder­nisse aus dem Weg« räumen zu lassen."

Mit fliegenden Händen geht es weiter ans Werk. Der Tumult, der aus dem Städtchen über die Mauer schallt, wird von dem Poltern und Krachen draußen übertönt. Bald sind alle aufgetürmten Hindernisse beseitigt das Tor erbrochen

der Weg in die schmale lange Hauptstraße frei. Wie ausgestorbcn liegt sie im Licht des Mondes da. Kein Mensch mehr zu sehen. Nur die lange Wagenreihe zieht sich, wie ein dunkler Faden, die Straße entlang.

Vorsichtig, das wachsame Auge überall, windet sich Ulrich an der Spitze seiner Schwadron die enge Passage zwi­schen Wagen und Häuserreihe entlang. Dicht hinter ihm Gottfried Schneider. Und zwischen die ersten Ulanen, die ihnen folgen, zwängt sich Otto von Jäger. Wild tobt das Mut in ihm. Die widersprechendsten Gesichle gären und quirlen in seiner Brust. Leidenschaftlich ist sie erfüllt von heiligem Feuer kriegerischen Dranges. Seine Seel« brennt vor Begierde, mitzuhelsen, seinen Todfeind in alle Ewigkeit unschädlich zu machen. Und doch schleichen sich auf diesem kurzen, erzwungen langsamen Ritt, so wie versunkene Glocken aus Meerestiesen klängen, traumhaft süße, traum­haft schmerzliche Gedanken an seine Seel« heran. Genappel Was bedeutet Geuappe seinem Herzen seiner toten Liebe? Nichts! Nichts!

Und doch! Hier in Geuappe hatte Toska geweilt, ehe er sie, die schon verloren Geglaubte, in Andenne wiedersah, hier in Genappe hatte sie nach dem Tode der Mutter bet dem