Ausgabe 
18.11.1914
 
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letzte Hauch von Mann und Roß soll aufgeboten werden, um den Usurpator und sein Heer für immer zugrunde zu richten.

Und der zweiundsiebzigjährige Held, seines leidenden Zustandes nicht achtend, läßt es sich nicht nehmen, selber die Verfolgung weiter zu führen. Sv geht es, drei Schwadronen der Braudenburgischen Ulanen an der Spitze, hinein in die Nacht. Auf der breiten Chaussee dem geschlagenen Heere nach.

(Fortsetzung folgt.)

Die Bekämpfung der ..Nanonentaubheit".

In einer Beziehung sind die eigenen Geschütze, besonders die schwersten Kaliber, gefährlicher als die des Feindes: der gewaltige Knall der Entladung wirkt schädigend aus die Gehörtverkzeuge der Kanoniere. Es ist nicht ganz einfach, Ohrverschlüsse oder ähnliche Hilfsmittel herzustellen, die gegen die Schädigung durch Kanonen­donner sichern. Schädigung des Gehörs durch den Knall der Ge­schützentladung, die sogenannteKanonentcrubheit", ist, wie ein Mitarbeiter desMedical Record" angibt, gar nicht selten,' die Entladung eines einzigen Geschützes kann nach diesem amerikani­schen Arzte Kanonentaubheit bei einer ganzen Reihe von Mann­schaften gleichzeitig Hervorrufen, und bei einenr heftigen, andauern­den Artilleriezwcikampfe lwie ihn der gegenwärtige Krieg täglich bringt), ist es geradezu ein Wunder, wenn keine Fälle von Ka­nonentaubheit Vorkommen. Im russisch-japanischen Kriege wurden unter 1791 verwundeten Ueberlebenden einer Seeschlacht 116 Fälle von Schädigung des Gehörs durch den Kanonendonner gezählt.

Bei der Schifssbesatzung ist die Frage, wie die Kanonen- taubheit zu bekämpfen sei, viel schwieriger zu beantworten, als bei der Artillerie an Land, denn diese kann sich in gewisser, sicherer Entfernung von den feuernden Geschützen ausstellen, während den Schiffskanonieren dies unmöglich ist. Die Erfahrung gibt den Ar­tilleristen sehr rasch ein ganz einfaches Schutzmittel gegen den Kanonendonner in die Hand: während das Geschütz gelöst Ivird, machen sie den Mund weit aus. Die Folge davon ist, daß die Luft- erschütterung die empfindlichen Teile des Ohres von außen, durch den Gehörgang, und von innen, durch den Mund und die eustachi- sche Röhre, gleichzeitig erreicht, wodurch die schädigende Wirkung bedeutend abgeschwächt wird. Von der Wirksamkeit dieses ein­fachen Knisss kann man sich leicht überzeugen, ohne gerade neben einer feuernden Kanone stehen zu müssen, denn er ist ebenso wirk­sam wie bei anderen starken Geräuschen, wie sie etwa in technischen Betrieben Vorkommen. Amerikanische Seeleute sollen, um nicht bewußt an das Ocffnen des Mundes denken zu müssen, während des Feuerns ihrer Geschütze Kaugummi oder irgend etwas anderes im Munde kauen, was zum häufigen Oessnen des Mundes Ver­anlassung .gibt.

In der' japanischen Marine suchten während des russisch­javanischen Krieges die Aerzte den Ohrschädigungen durch Geschütz­donner dadurch vorzubeugen, daß sie vor der Schlacht Watte unter die Mannschaften verteilten und Befehl gaben, die Ohren seien mit Watte zu verstopfen. Die Maßregel hatte nicht den gewünschten Erfolg: es kamen doch eine ganze Reihe von Schädi­gungen des Gehörs oder vollständiger Ertaubung vor, wobei es wirklich noch nicht feststand, ob die Maßregel an sich unwirksam war oder ob es an ungenügender Anwendung lag.

Bor drei Jahren hat die britische Admiralität ein Gemisch von Baumwolle, Wolle und einer wachsartigen Masse als Ohr­verschluß empfohlen, das jedoch auch nicht allen Anforderungen entspricht, die man stellen muß: der Ohrvcrschluß soll die Stärke des Schalles vermindern, aber natürlich die Hörsähigkeit während des Dienstes nicht wesentlich beeinflussen: er muß leicht an- zubrin^en und zu entfernen sein, er darf das Ohr nicht reizen, er muß billig fein, damit derselbe Ohrverschluß nicht zu lange ge­braucht werden muß, und schließlich muß er antiscptisch sein. Watie hat die geforderten Eigenschasten nicht: besonders verschmutzt sie leicht. Ohrverschlüssc aus Hartgummi oder Zelluloid sind un­zweckmäßig, weil sie sich nicht genau genug dem Gehöraange anschmieaen. Ter ideale Ohrverschluß müßte aus einer Masse be­stehen, die etwas plastisch ist, doch nach dem Anbringen und beim Hcrausziehen ihre Form nicht wesentlich verändert. Der Ameri­kaner meint, Juwelierwachs hätte ungefähr die richtige Plastizität. Im Anschlüsse hieran sei erwähnt, daß der Italiener Mariotti vor vier Jahren einen Ohrschutz für Artilleristen angegeben hat, der nach der Beschreibung ziemlich zweckmäßig zu sein scheint. Er besteht aus Glas und hat die Form zweier verschieden großer, zum Teil ineinander gedrückter Kugeln. Er wird mit der kleinen Kugel voran ins Ohr geschoben, das dann völlig abgeschlossen ist. Mn der größeren Glaskugel ist ein trompetenartiger Ansatz an­gebracht, vor dem sich eine dünne Platte befindet, und durch den ganzen .Apparat läuft ein enger Kairal, senkrecht zu diesem, nach außen zu, ein zweiter, der mit der äußeren Lust in Verbindung steht. In diesem Kanal erzeugt das Lösen eines Geschützes in der Nähe einen Luftstrom, der nach bekannten physikalischen Gesetzen saugend auf die Lust in dem anderen Kanal wirkt: also arbeitet per Ohrschutz ähnlich wie die Blumenspritze mit dein T-Rohr. Durch die Saugwirkung wird die Lust im Innern des Rohres verdünnt, und diese Lustverdünnung ist ein Hindernis für den

starken Schall. Der Kanonendonner dringt also nicht ins Innere des Ohres, während die schwachen Laute der Sprache nicht so stark aus den Ohrschützer wirken, daß die Hörfähigkeit in nennenswerter Weise vermindert wird. _

Der moderne Aegypter.

Kann man von einemmodernen Aegypter" überhaupt sprechen? Setzt sich dock) die Bevölkerung des Nillandes, in dem sich ja von altersher die verschiedenartigsten Rassen begegnet sind, aus sehr mannigfaltigen Elementen zusammen. Ta ist d« Fel­lache, die Nrschicht der Bevölkerung, dessen Stammbaum bis in Aegyptens älteste Geschichte zurückreicht, in dessen Zügen die Gestalten aus 'Altägyptens To'tenkammern noch erkennbar sind und der heute wie damals den Boden des Landes bearbeitet. Ta gibt es noch alten Araberadel, der sich das ganze Hochgefühl der Erobererrasse bewahrt hat, und da gibt es endlich das türkisch« Beamtentum, das svieder eine besondere Schicht bildet. Zweier­lei ist es aber, was diese bunt zusammengesetzte Bevölkerung den­noch, zu einer nationalen Einheit zusammenschweißt: das ist das Bekenittnis zum Islam und der Haß, gegen die Engländer. Dieser Hax kst nkcht nur politischer, sondern auch gestlftchaftlkcher Natur. Die Engländer haben es in keiner Weise vermocht, mit der Be­völkerung 'Aegyptens Fühlung zu gewinnen. Vielleicht haben sie es auch nicht einmal gewollt. Der britisch« Osiizier und dev ägyptische Offizier, die beide in demselben Heere angestcllt sind, sind durch eine unüberbrückbare Kluft von einander geschieden. In Khartum gibt eS einen englischen Klub und einen ägyptisckien Klub für die Offiziere. Der englische Beamte und der ägyptische Beamte verkehren wohl dienstlich- miteinander, nicht aber gesell­schaftlich, und wenn der britischeAgent", wie der Drahtzieher der .Geschichte des Landes schamhaft genannt wird, Gesellschaften gibt, so lädt er zur einen die 'Engländer, ziir andern die Aegypter ein. UndAegypter" heißt für den britischen Herrenmenschen der Fellab, wie der Türke und der 'Araber kurz alles, was ägyptisch, das heißt, den ägyptischen 'Dialekt des Arabisckien spricht.

Zur Verschärfung des gesellschaftlichen Gegensatzes trägt die Frauenfrage" bei. Die Frau des Moslems darf bekanntlich nicht in stemder Männergesellschast erscheinen, die ägyptischen Frauen scheiden mithin aus dem gesellschaftlichen Verkehre aus, und damit ist eine weitere Mauer zwischen beiden Klassen gezogen. Der bri­tische Osiizier gibt sich auch, seinenr ganzen liebenswerten Tem­perament nach, nicht die geringste Mühe, seine Mißachtung des ägyptischen Offiziers und des ägyptischen Beamten zu verbergen, unv so ist in diesen Kreisen ein bitterer Haß, gegen den fremden Herrn erwachsen, der um so heißer ist, je sorgfältiger er sich ver­bergen muß. Auch der ägyptische Soldat hat für die Engländer wenig steundliche Gefühle. Der Engländer zieht dem einheimi­schen Aegypetr den schwarzen Sudanesen vor, den er für den besseren Soldaten hält, der aber von dm Aegyptern verachtet und gehaßt wird. Schließlich aber ist es vor allem die Religion, die die verschiedenen BevölkerungSklassen zu einer Einheit zu­sammenkittet. Gerade in Aegyptm, das ja durch seine mohamme­danische Universität in Kairo einen großen Einfluß aus die moham­medanische Welt ausübt, ist das religiöse Lehm des Islams außer­ordentlich rege, und es gehört nicht gar viel dazu, um hier die mohammedanische 'Bevölkerung gegen die Fremden zu entflammen, in dmen sie nun einmal, obgleich das Land ihnm wirtschaftlich die größtm Fortschritte verdankt, nur die Bedrücker und die Ty­rannen sieht. 1

Tie Führer dieses modernen Aegyptertums sind diejenigen Männer, die in Europa, zum Teil in Frankreich, »um Teil auch in Oesterreich oder der Schweiz, moderne Bildung in sich ausge­nommen haben. Es sind zumeist Städter, die gewöhnlich nicht einer einzellten Rasse angehören, sondem aus der Mischung ver­schiedener Rassen hervorgegangm sind. Die körperliche Erschei­nung dieser modernm Aegypter ist nicht ohne Feinhert: zumeist habm sie eine lichte Haut, schlanke Gestalten, schmale Köpfe und kleine Hände. Viele von ihnm haben Rechtswissenschaft studrert, da die Advokatur derjenige Berus ist, der ihnm in Aegyptm di« günstigsten Aussichten bietet. Das sind die Führer des nrodemm Aegyptertums; das sind die Männer, die dm brittschm Hochmut ain tiefften empfinden, die immer neue Zeitungen gründen, durch die Hie revolutionären Idem in der bilderreichm Sprache b» Orients durch die ganz« Bevölkerung verbreitet werden. Es hak Zeiten gegebm, wo das Türkmtum zu dem einhermffchen Aegyp- tertume in einem gewissm Gegensätze stand. Die sind längs vor­über. Schon während des Balkan- und des Tripollskrieges zeigt« es sich, daß das moderne Aegyptertnm mtt aller Kraft dm An­schluß an die Türkei suchte. Tie Begeisterung für die Türket war unter den Aegyptern zu den Zeitm dieser Kriege groß und ursprünglich. Tas mohammedanische Aegyptm entdeckt« seine nef« Sympathie für das mohammedanische Stammland. So hat der Hast gegen die Fremden, das Gefühl, von'khnm gesellschaftlich verachtet iu sein, und schließlich das Bekmnllkis zu Mohammckd dmi Propheten em movcwnes' Aegypteötum geschähen, däs eine gewaltige Macht, eine Axt von organisierter Camvrra im Lande der Pharaonen bildet.