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in die Geländemnllxe stihrt der Kaiser seine Garden. Dort Überträgt er Ney das Kommando.
Gewehr im Arm rückt die Phalanx vor.
Der Sturmmarsch heult. Die Höhe ist erklommen unter dem Hagel der Geschütze — bis hinein in die englische Mitte dringt der gewaltige Stoß. Das wankend« Zentrum ist durchbrochen! Aber schon wirst WeMngton seine Garden den französischen Eindringlingen entgegen. Die Kavallerie des linken Flügels wird in die Mitte gezogen — denn die Preußen, Zieten mit seinem Korps, sind auf dem linken Flügel eingetrosfen! Ihre Reservekavallerie wird die englischen Reiter ersetzen. Mit Jubelruf werden die Ulänen von einem Regiment schottischer Infanterie, neben das sie zu stehen kommen, empfangen. Wie Erlöser begrüßt. Aber schon wendet sich jedes Auge wieder mit tiefem Ernst dem furchtbaren Ringen zu. Zwei Batterien der Preußen nehmen die Pachthöfe La Haye und Papelohte unter Feuer — die preußische Infanterie soll sie zurückerobern.
Im Zentrum aber steht die Schlacht auf Messers Schneide. Da! — Der französische Anprall stockt — von allen Seiten hat der Herzog seine Truppen auf die Ueberkühnens geworfen — er kann es, darf es tun: die Preußen sind da! Und jetzt stürzen die französischen Garden wie niedergemäht, ihre Stabsoffiziere sinken sterbend zu Boden. Ney wird das fünfte Pferd unter dem Leibe erschossen. Er sucht den Tod. Er findet ihn nicht. Die „Unbesiegbaren" fluten besiegt den Hang hinab.
Und im gleichen Augenblick dringen die Preußen in La Haye und Papelotte ein. Die Pachthöfe sind im Sturm genommen. General Durette, dein sie entrissen, wird auf das eigne Heer zurückgeworfen. Und nun brechen die Ulanen mit den anderen Regimentern der Zietenschen Reservekavallerie vor.
Eine Panik entsteht. Nicht GivouchY ist's, es sind die Preußen!
„Verrat! Verrat! Wir sind verraten!" zuckt's wie ein Lausfeuer von Mund zü Münd — durch die endlosen Reihen der Franzosen.
Das stolze Heer, das eben noch! bereit war, für seinen Kaiser zu siegen und zu sterben, es weicht in kopfloser Flucht zurück.
Da läßt auch Wellington das langgczogene Signal „Avancieren!" ertönen.
Die ganze englische Linie rückt vor — den Weichenden nach.--
Bei Belle-Alliance steht der Kaiser. Mit aschfahlem Gesicht. Sein starrer Blick umschließt sein auseinanderwogendes Heer, das noch .eben sein Stolz und seine Hoffnung! gewesen.
Dränen schießen ihm in die Augen. Die Stimme versagt ihm den Dienst. Jählings jedoch — mit wildem Entschluß — spornt er sein Pferd. Er wirft sich den zuriickweichenden Massen entgegen, wirft sich mitten unter fte.
„Meine Kinder! Wir haben in zahllvfen Schlachten gesiegt! Folgt mir! Rettet Frankreich! Ich führe euch auch heute zum Siege!"
Aber seine Macht ist gebrochen. Er hat die Gewalt über die Gemüter verloren. Von dem zurückflutenden Meere wird er mit fortgerissen — widerstandslos.
Ms nach Belle-Alliance. Da stehen noch ein paar Bataillone der Alten Garde. Völlig intakt. Wie Felsen im brandenden Meere. 'Das ist Rettung! Rettung! Napoleon wirst sich auf sie, — läßt die lodspeienden Geschosse ihrer Batterien auf die Massen der Verfolger richten.
Fast scheint es, als wolle in das flüchtende Heer ein Aufatmen, der Schimmer eines Besinnens kommen — da! Ein neuer furchtbarer Schrecken! ,
Kartätschenfeuer im Rücken!
Die Preußen haben Plancenoit erobert.
„8auvo qui peut! Sauve qui peut!“ ©in wahnsinniger Schrei gellte es aus tausend und abertausend Franzosen- kehlen. Alle Disziplin ist im Nu gelockert, die Flucht artet in chaotische Auflösung aus.
Wie in den rettenden Hasen flüchten Generäle und Fahnenträger zu den paar Bataillonen der Alten Garde, bei der Napoleon noch immer hält — betäubt, gelähmt vom Zusammenbruche seines Glückes, an das er noch vor wenigen Sekunden geglaubt. Aber wie Blei im Feuer schmelzen die Glieder der Unbesiegten vor dem dreiseitigen Ansturm ihrer Feinde zusammen. In kalter Verzweiflung will sich Napoleon in eines der Vierecke zwängen, um mit seiner Garde zu
sterben. Da fühlt er sein Roß zurückgerissen. Aufblickcnd sicht er in Philipp von Eures todblasses Antlitz.
„Sire! Wie danke ich Gott, daß ich Sie endlich gefunden!" ruft er mit fliegendem Atem. Seine schönen braunen Augen umfassen mit tiefer Trauer Napoleons in sich zusammengesunkene Gestalt. „Sie dürfen nicht sterben! Wollen Sie dem Feinde noch diesen Triumph gönnen?! Schmachvoller Tod oder schimpfliche Gefangenschaft — das wäre Ihr Los! Sire, solange Sie leben ist nichts verloren!"
Mit beschwörendem Flehen hat er auf den Kaiser cin- gcsprochen. Bei den letzten Worten geht es wie eine Hoffnung über Napoleons aschfahles Gesicht. Nein! Solange er lebt ist noch nichts verloren. Tausend Möglichkeiten birgt der koirr- mende Tag in seinem Schoße! Tausend Glücksmöglichkeiten.
„General Cambronne wird mit dem letzten Rest der Garde Ihren Rückzug decken", drängt Philipp von Neuem. „Denken Sie an (Ttm, an Ihre märchenhafte Wiederkehr, Sire! Retten Sie sich! Folgen Sie mir!"
Schon wendet Napoleon den schönen weißen Perserhengst. „Wohin?"
„Nach Gcnappe. In das Haus meines Bruders. Es steht abseits vom Wehe. Da sind Sie und Ihr Stab für diese Nacht geborgen."
*
Fahlblau ist der Himmel. Mit Sternen übersäet. Feierlich still die Nacht. Ihre blauen Schleier decken milde das grausige Elend des Tages zu. Selbst das brennende Schloß von Hougomonl und die flammenumlodcrteu Höfe weiß sie in Schönheit zu verklären.
Droben aus der Höhe, aus der noch vor kurzem Napoleon gestanden, halten Blücher und Wellington sich in tiefer Ergriffenheit umsangen. Und von irgendwoher wehen heilige Klänge über die Wahlstatt hin. Sind's Klänge aus Gcis'"r- mund? Von Menschenlippen? Mit einem Male schwellen die Klänge an zum brausenden Meere — die schlachtenmüden Krieger singen, alle Kapellen fallen ein:
„Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen!"
Das deutsche Dankgebet steigt, getragen von heiligster Begeisterung, zu Gott hinan. Der Himmel wird zum Tom, die Sterne zu Kerzen — die blutige Wahlstatt zum Altar — Gott ist nah. Er ist in den Herzen der Sieger. Sic fühlen seines Odems Wehen. Heut sind all die unzähligen Tränen, heute ist all das vergossene Blut, aller Jammer, alle Schmach der letzten zehn Jahre gesühnt!
Europa ist frei!
Gott hat den Tyrannen gerichtet! —
Und noch einmal reichen sich Blücher und Wellington die Hände.
„Sie haben den Dämon besiegt", sagt Blücher in edler Bescheidenheit.
„Nicht ich! Nicht ich!" wehrt Wellington ab. „Ich müßte mein besseres Gefühl verleugnen, wenn ich nicht offen eiir- gestehen wollte, dieser herrliche Sieg ist nur der rechtzeitigen Hilfe des Marschall Vorwärts und seiner Preußen zu danken!"
„Wie der beispiellosen Standhaftigkeit des eisernen Herzogs und seiner Heere!" entgegnet der greise Held. Tränen glänzen in seinen Augen.
Da'klingt eine neue Weise den Hügel herauf.
„Heil dir, im Siegerkranz", braust es in anschwellenden Akkorden über das Schlachtfeld hin. Nicht nur die Preußen siuaen's, nicht nur die Hannoveraner und Braunschwciger und Nassauer, die den Briten verbündet — die englisch-schottischen Kameraden selber, denen die liebe schöne Melodie Heimatklang ist, sie fallen jubelnd ein. Und wie der inbrünstigste Choral, aus aller Munde gesungen, so strebt auch dieses Lied zum Himmel hinan.
Deutsche und Briten sühlen's im tiefsten Herzen: Dieser? Tag — er hat sie zu Brüdern gemacht.
Eine der folgenreichsten Schlachten der Weltgeschichte ist geschlagen.
Aber der Tyrann soll nicht nur geschlagen, er soll auch vernichtet werden!
Während Wellington seine Truppen sammeln und ruhen heißt und selber in sein Hauptquartier nach Waterloo zurückkehrt, geben Blücher und Gneiseuaus feurige Seele», von der Notwendigkeit einer endlichen Vernichtung Napoleons erfüllt, nicht Ruhe.
Blücher versammelt seine höhere» Offiziere um sich. Der


