Die hundert Tage.
kstoman aus dem Jahre 181.5 von M. von Witten.
(Nachdruck verbalen.)
(Fortsetzung.)
Droben auf der Höhe über dem Schlößchen Frischermont hält noch immer Blücher mit seinem Stabe. Die Stunden qualvollsten Harrens dehnren sich ihnen zu martervollen Ewigkeiten. Endlich, endlich, es ist viereinhalb Uhr, sind die beiden vordersten Brigaden Bülows dicht aufgeschlossen zu beiden Seilen des Waldweges verdeckt aufmarschiert. Die Reservckavallerie hinler dem Walde. Denn die beiden andern Jnsanlerie-Brigaden sind noch weit zurück.
So geht es aus dem langgestreckten Höhenrücken aus das Dorf Plancenoit zu. Die grünen Husaren voran. Der Feldmarschall an der Spitze. Otto dicht neben ihm. Eine kleine feindliche Reiterabteilung, die herangevlänkclt, wird geworfen. Aber da preschen schon stärkere Reitermassen heran. Sie zwingen den Feldmarschall, sich bis hinter das Fußvolk zurückzuziehen. Kaum, daß dieser Angriff zurück-- gewiesen, iversen sich auch schon französische Schützen dem Vorwärtsstreben der Preußen in den Weg. Aber jetzt — fast daß die Brigade Hillcr das Dorf Plancenoit schon erreicht hat, — jetzt rücken starke französische Kolonnen gegen die Preußen heran. Die stürzen sich dem Feinde entgegen. Ein wilder Kamps entbrennt um das Dorf und die anliegenden Höhen. Noch sind die Preußen zu schwach Die letzte Infanteriebrigade fehlt »och immer! Und das Korps Pirch ist noch weit zurück.
Plancenoit aber muß genonimen werden!
Drüben bei La Haye Saint scheinen die Verbündeten zu unterkicgen! Eine französische Batterie fährt dort neben dem heiß umstrittenen Gehöfte ans.
Und daran voriiber wogen die unzähligen Reitcrgeschwa- der Neys von neuem die Höhe von Mont-St.-Jean hinan!
Blücher entsendet Otto von Jäger an General Zielen, der mit seinem Korps den etwas nördlicheren Weg über Ohein cingeschlagcn. Er soll sosort sich nach Plancenoit heranziehen.
Mer als Otto den General! Zieten erreicht, ist eben auch der General von Müffling, der preußische Bevollmächtigte beim Stabe Wellingtons, bei ihm eingetrofsen. Die Not bei den Verbündeten ist groß.
Nicht nur La Hape Saint, auch Papelotte und La Haye sind ihnen entrissen. Die Brigade Ompteda nahezu vernichtet, die von Alten und Kielmannsegge aufs äußerste geschwächt — das Zentrum des Herzogs beginnt zu wanken. Und dabei biausen immer von neuem die wilden Kavalleriemassen Neys in ivutendem Anprall gegen die heldenmütigen Verteidiger von Mont-St.-Jean heran.
Wie lange vermögen sie noch stand zu halten?
Müsfling beschwört Zieten, dem linken Flügel des Herzogs zu Hilfe zu eilen.
Und Zielen? — — 1 —
Bei Belle-Alliance aber steht der Kaiser.
Mit düsterm Blick starrt er über das Schlachtfeld.
Neys letzter verzweifelter Reiterangriss ist von neuem zurückgewiesen. an den Menschenmauern dort drüben wie an Felsen zerschellt. Und doch! Er sühlt's. In ihren Grund- festen sind sic erschüttert. Noch ein, zwei gewaltige Stöße, — sie niüssen zusammenbrechen!
Aber im Osten drohen die Preußen. Die vor zwei Tagen geschlagenen Preußen, die Marschall Grouchy verfolgen und völlig aufreiben sollte! Sie müssen dem Marschall entwischt sein — diese verdammten Prussiens! Sollen die ihm etwa doch noch den Untergang bereiten? Schon hat er acht Bataillone seiner jungen Garde dem General Loban nach Plan- cenoil zur Unterstützung senden müssen! Und jetzt — letzt —I Die Franzosen räumen das Dorf, das den Rücken des französischen Heeres deckt!
General Morand mit vier Bataillonen der Alten Garde vor! Plancenoit d a r f n i ch t verloren gehen!
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Schon senkt sich der Abend über das Feld blutigsten
Ringens.
Soll sich der Kaiser mit dem festen Kern seiner Garden, die ihm geblieben, zurückziehen? Soll er die Schlacht abbrechen?
Dann steht er morgen den vereinten Heeren Blüchers und Wellingtons gegenüber. Nein! Nein! Es bleibt ihm nur eins! Er muß das Glück zwingen! Er muß es heute
zwingen! Seine Garde, die Alte Garde muß ihn retten!
Er wirst sich aufs Pferd.
Er reitet zu seinen Garden, zu ihnen, die in unzähligen Schlachten seinen Ruhm begründet. In Angriffskolonnen stehen sie formiert. Gewehr bei Fuß. Mit zärtlichem Stolz, ruht Napoleons Auge auf ihnen.
„Meine Kinder! Rettet das Vaterland!"
Ein brausender Jubel antwortet ihm.
General von Eure, der vor der Front seiner Division! hält, zieht seinen Degen und lenkt sein Pferd an Napoleon Bonaparte heran.
„Mein Kaiser! Führe uns! Wir werden siegen!"
Erneuter Beifallssturm — ein tausendfaches Echo:
„Führe uns! Wir werden siegen!"
Und an der Spitze seiner Unbesiegten steigt Napoleon in die Ebene hinaub. Das Herz von Stolz geschtvellt.
In hell aufslammendem Enthusiasmus schließen sich all« kampsfähigen Truppen in breiten Kolonnen ihm an.
Was ist das?
Vom Nordvste» her — Kanonendonner?
Der Kaiser erbleicht. Im nächsten Augenblick sprengen Adjutanten die ganze Linie hinab — hinaus.
'Der Marschall Grouchy ist cs! Der jüngste Märschall Frankreichs, der die Preußen verfolgen sollte! Er naht jetzt zur Unterstützung! So verkünden sre den Garden. Und ut jauchzender Siegesgewißheit geht es in die Schlacht. Bis.


